Psalm 126 – Das langsame Wachsen der Freude

Bei diesem Psalm ist die Luther-Übersetzung nicht so besonders geglückt. Die ersten drei Verse sind wohl besser in der Vergangenheit zu übersetzen und in V.4 ist es angemessener statt „bringe zurück unsere Gefangenen“ zu übersetzten: „wende unser Geschick“. Richtig übersetzt erinnern sich die Beter an Gottes große Befreiungstat (die Befreiung aus dem babylonischen Exil) und bitten Gott in ihrer jetzigen Situation auf ähnliche Weise einzugreifen.

Das ist bis heute eine gute Art und Weise zu beten: Wenn’s einem dreckig geht und man sich nach Gottes Eingreifen sehnt, dann sollte man sich zurück erinnern an Erfahrungen, wo Gott geholfen hat. Oft verblassen diese Erfahrungen und es ist einem gar nicht mehr bewusst, dass unser Mund einmal voll Lachen war und unsere Zunge voll Rühmens. Oft sieht man nur die gegenwärtigen Tränen und rechnet gar nicht damit, dass man irgendwann auch wieder mit Freuden ernten darf (Der Freitod von Robert Enke, der gerade in den Medien aufgebauscht und genüsslich ausgeschlachtet wird, zeigt uns wie verzweifelt man in den gegenwärtigen Tränen gefangen sein kann…).

Wobei ich bei diesem Bild sehr den Realismus schätze: Denn zwischen dem tränenvollen säen und dem Ernten liegt eine lange Zeit des Wachsens. Es dauert. Es braucht Zeit. Echte, tiefe Freude ist keine schnell angerührte Instant-Freude, sondern eine langsam wachsende Frucht. Auch Gottes Eingreifen kann dauern und sich hinziehen.

Psalm 124 – Das Netz ist zerrissen

Eigentlich muss man die ersten fünf Verse dieses Psalms in der Vergangenheit übersetzen. Ein Beter berichtet, wie Gott das Volk aus einer Notlage befreit hat. Luther übersetzt aber in der Gegenwart. Warum? Wahrscheinlich will er betonen, dass das nicht nur vergangene Erfahrungen sind, sondern dass Gott auch heute noch in unser Leben eingreift und hilft.

Normalerweise mag ich Luther ja, aber an dieser Stelle fände ich die wörtliche Übersetzung in der Vergangenheit besser. Denn so macht Luther daraus eine grundsätzliche, verallgemeinerbare Aussage. Aber es ist ein Unterschied, ob ich sage, dass Gott mir geholfen hat oder ob ich sage, dass Gott immer rettend eingreift. Diese Erfahrung hat Israel ja oft genug gemacht: dass Gott nicht immer automatisch den Sieg schenkt, dass der Feind manchmal auch stärker ist und dass eben nicht für alle immer jede Notsituation gut aus geht.

Toll find ich dagegen die Übersetzung von V.7: „Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen und wir sind frei.“ Ja, so soll es sein: das Netz, das uns einengen will, dass uns fesseln will, das uns gefangen nimmt ist zerrissen – und wir sind frei! Ich wünsch mir dieses frei sein von so manchen Dingen, die mich innerlich fesseln. So manches mal fühlt sich meine Seele an, als ob sie wie ein Vogel im Netz gefangen ist. Und je mehr sie flattert und strampelt, um so enger legt sich das Netz um sie. Wäre doch der Herr bei mir und zerrisse immer wieder neu dieses Netz!
Bibeltext

Psalm 120 – Es wird meiner Seele lang

„Es wird meiner Seele lang, zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen.“ (V.6) Was für eine geniale Formulierung! Es scheint bei mir ja immer wieder durch, dass ich die Luther-Übersetzung mag – auch wenn sie manchmal etwas schwerer verständlich ist. Aber hier wird mal wieder deutlich wie viel mehr Kraft und Poesie in dieser Übersetzung steckt, als in vielen modernen Übersetzungen (Neues Leben: „Schon zu lange wohne ich bei denen, die den Frieden hassen.“ Gute Nachricht: „Schon viel zu lange wohne ich hier, unter Menschen, die den Frieden hassen!“). Da steckt bei Luther viel mehr Ausdruck und Tiefe drin: „Es wird meiner Seele lang.“

Inhaltlich kann ich den Beter gut verstehen: Es entzieht dem Leben und der Seele die Kraft, wenn man selbst im Frieden mit anderen zu leben versucht, es aber nicht gelingt, weil die anderen es gar nicht wollen. Immer wieder interessant, dass die Menschen vor tausenden von Jahren genau die gleichen Probleme hatten wie wir heute. Wie wenig sich doch der Mensch ändert!
Bibeltext

Psalm 118 – Die Freundlichkeit Gottes

Zwei Gedanken zu diesem Psalm. Das eine betrifft die Luther-Übersetzung von V.1: „Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“ Das ist einfach toll übersetzt. Besonders gefällt mir das „freundlich“. Im Hebr. steht hier „tob“, was man eigentlich am einfachsten mit „gut“ übersetzt. Ich kann nicht genau sagen warum, aber mir gefällt Luthers Übersetzung hier richtig gut. Es klingt besser. Und irgendwie mag ich die Vorstellung von der Freundlichkeit Gottes. Ich denke da automatisch an ein freundlich lächelndes Gesicht, das mich liebevoll anblickt…

Das andere was mich an diesem Psalm besonders angesprochen hat, waren die Verse 24-25: „Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. O Herr, hilf! O Herr, lass wohlgelingen!“ Faszinierend finde ich hier das Ineinander von Freude und klagender Bitte. Die Freude in Gott schließt den Blick auf so manches Beklagenswertes nicht aus! Im Gegenteil: Wer „fröhlich an ihm“ ist, wird um so intensiver Gott bitten in das Leid dieser Welt einzugreifen. Und andererseits muss mich aber das Leid dieser Welt nicht davon abhalten, mich über Gottes Güte und Freundlichkeit zu freuen.
Bibeltext

Psalm 100 – Schön, schön

Schafe
Neugierige Schafe - entdeckt bei unserem Englang Urlaub 2009

windhauch ist bei Psalm 100! Zwei Drittel geschafft! (Und alle so: yeah! 😉 ).

Ein schöner Psalm. Sogar einer meiner Lieblingspsalmen. Ja, ich weiß: Auch dieser Psalm steckt voller vorgeprägter Wendungen (ein etwas freundlicherer Begriff als Lobpreisfloskeln… 😉 ), die halt damals üblich waren, um Gott zu loben. Und trotzdem berührt mich dieser Psalm immer wieder neu. Auch heute!

Das Bild, dass wir Schafe auf Gottes Weide sind, gefällt mir besonders. Das strahlt für mich Frieden, Geborgenheit, Sicherheit aus. Und oft genug komm ich mir auch wie so ein kleines, dummes, blöckendes Schaf vor, das keine große Ahnung hat und einfach froh ist, wenn es genug zu futtern hat… ;). Auch einige Formulierungen in diesem Psalm find ich echt klasse: Mit Freuden dienen; vor Gottes Angesicht mit Frohlocken kommen; der Herr ist freundlich. Und Luther hat den Psalm vom Sprachrhythmus her und der Sprachmelodie her genial übersetzt. Einfach gut, dieser Psalm 🙂 :D.
Bibeltext

1. Korinther 7, 29-31 – Ein Apfelbäumchen

ApfelbäumchenMhm… bei diesem Text beschleichen mich ähnliche Gefühle, wie das letzte mal, als ich ihn gelesen habe (1. Korinther 7,17-40 – Der weltfremde Paulus). Haben als hätte man nicht, freuen als freute man sich nicht,… Das bekomme ich letztendlich gedanklich und gefühlsmäßig nicht auf die Reihe. Auch wenn Douglass wie immer auch hier scharf beobachtet und gut erklärt – ich finde auch bei ihm bleibt es letztendlich eine unaufgelöste Spannung.

Die Spannung besteht in dem Gegenüber von einem verantwortungsvollen und gelingendem Leben im hier und jetzt auf der einen Seite und auf der anderen Seite ein Leben mit einer gewissen Distanz und Gelassenheit gegenüber dieser vergänglichen Welt, weil wir wissen, dass das Beste noch kommt. In gewisser Weise wird für mich diese Spannung in dem berühmten Luther Zitat deutlich: „Auch wenn ich wüßte, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Auch wenn wir wissen, dass das Jetzige vergeht, sollen wir trotzdem das Jetzt intensiv leben und gestalten.

Problematisch bei Paulus finde ich, dass seine Worte diese Spannung eher in Richtung Zukunft auflösen wollen. Das Jetzige scheint kaum zu zählen, kaum wichtig zu sein, wir sollen so leben, als ob das Jetzt keine große Rolle mehr spielt. Wer ein Apfelbäumchen hat, der soll so leben, als hätte er keins. Aber dann kann ich’s ja auch gleich bleiben lassen: Warum soll ich ein Apfelbäumchen pflanzen, wenn ich sowieso so leben soll, als hätte ich keins? Da ist mir dann doch Luther lieber, da bleibt zwar die Spannung bestehen, aber so bekommt wenigstens sowohl das Jetzt wie auch das Morgen sein Gewicht.

Oder versteh ich Paulus da falsch?

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Foto: Wolfgang Jürgens / pixelio.de

Matthäus 6, 9-13 – Von der Freiheit des Bittens

Gäähn, das Vaterunser… So oft gehört und gebetet, dass man es auch ohne Nachdenken und im Halbschlaf hoch- und runterbeten kann. Vielleicht ist gerade das unser Problem und Missverständnis bei diesem Gebet. Klaus Douglass beobachtet sehr gut, dass Lukas uns eine etwas andere Version des Vaterunsers überliefert und er zieht daraus folgenden Schluss: „Die ersten Christen haben im Vaterunser offensichtlich nicht so sehr ein fertig formuliertes Gebet, sondern eine Anleitung zum eigenen Beten bzw. Bitten gesehen. ‚So sollt ihr beten‘ sagt Jesus – das heißt: auf diese Weise, in diese Richtung. Es heißt nicht unbedingt: mit diesen Worten.“ (S.237)

Sehr interessant dann auch der Hinweis auf Martin Luther, der das Vaterunser mehrmals täglich betete und sich manchmal dafür sehr lange Zeit nahm. Das heißt, dass er nicht einfach die Worte runtergebetet hat, sondern dass er auf Grundlage und durch Anregung des Vaterunsers mit eigenen Worten gebetet hat und seine eigenen Anliegen passend dazu formuliert hat.

Diese Gedanken gefallen mir sehr. Vielleicht ist es auch in anderen Bereichen so, dass wir biblische Aufforderungen zu engstirnig und ängstlich lesen. Um ja nichts falsch zu machen und um Jesus wörtlichen Gehorsam zu leisten, binden wir uns an den genauen Wortlaut des Vaterunsers, anstatt uns von ihm in die Freiheit des Bittens vor Gott führen zu lassen…

Exodus 20, 1-17 – Gebote der Freiheit

Die 10 Gebote können kein moralisches Verhalten herstellen. Das behaupte Klaus Douglass. Er sagt, dass zur echten Moral gehört, dass ich etwas Gutes um seiner selbst willen tue und nicht weil es mir befohlen wird. „Gebote regeln immer nur äußere Verhaltensweisen. Das menschliche Herz lässt sich aber nicht von außen steuern.“ (S.116) Das heißt dann auch, dass das Halten der 10 Gebote uns noch lange nicht zu einem moralischen Menschen, geschweige denn zu einem Christen machen.

Um dann deutlich zu machen, wozu die 10 Gebote da sind, orientiert sich Douglass an Martin Luther. Er hat die Aufgabe der Gebote wie folgt beschrieben: Sie dienen als Riegel, Spiegel und Richtschnur.

Als Riegel schützen die 10 Gebote unsere äußere Freiheit. Sehr schön von Douglass beschrieben: „Für die Frage meiner Moralität ist es nicht entscheidend, ob ich faktisch oder nur in meinem Herzen ein Mörder, Ehebrecher oder Dieb bin. Aber für mienen Mitmenschen macht es sehr wohl einen Unterschied!“ (S.117) So gesehen sind die 10 Gebote da, um die Würde und Freiheit aller Menschen zu schützen. Sie sind so etwas wie „eine Art Naturgesetz oder sittliche Grammatik“ (S.118), das uns beim Zusammenleben hilft.

Die zweite Funktion der Gebote ist, dass sie uns den Spiegel vorhalten: Sie zeigen uns unsere innere Unfreiheit. So schreibt es auch Paulus in Röm. 3,20: „Durch das Gesetz kommt die Erkenntnis der Sünde.“ So führen mich die Gebote immer auch zur Umkehr. Weil ich erkenne, dass ich Gottes Anforderungen nicht gerecht werde. Vor allem dann, wenn man die Gebote nicht nur als Verbote sieht, die das schlimmste verhindern sollen, sondern wenn man die Sinnabsicht dahinter sieht. Jesus betont das ja auch in der Bergpredigt. Der Mord fängt ja schon beim bösen Gedanken über meinen Mitmenschen an. Schon in meinen Gedanken fängt das Halten der 10 Gebote an.

Schließlich geben uns die Gebote eine Richtschnur wie wir zu liebenden und liebenswerten Menschen werden können. Es geht nicht um das gesetzliche Einhalten von Regeln, sondern die Erfüllung des Gesetzes ist die Liebe. Gut gefallen hat mir hier der Vergleich von Douglass, bei dem er die 10 Gebote mit einem Kompass vergleicht. Der Kompass gibt die Richtung vor. Aber es ist nicht immer ratsam, nur stur genau der Richtung der Kompassnadel zu folgen. Einem Schiff im Ozean gibt der Kompass die Richtung vor, aber wenn z.B. ein Eisberg im Weg liegt, dann ist es wohl besser, den direktesten Weg zu verlassen. So wollen auch die Gebote keinen sturen Gesetzesgehorsam, sondern ein Gehorsam der sich von den Geboten die Richtung zeigen lässt und im Extrem- und Ausnahmefall liebevolle Umwege geht.

Matthäus 9, 35-38 – Tröstliches Gejammer

Eine Stelle, die mich berührt. Besonders in der Luther-Übersetzung. Jesus sieht die Menschenmenge und er sieht ihre Verlorenheit. Sie waren wie eine Schafherde ohne Hirte. Luther übersetzt: „Es jammerte ihn.“ Auch wenn das eine Formulierung ist, die heute nicht mehr gebräuchlich ist und ich selbst nie so reden würde, wird da doch viel kraftvoller deutlich, was Jesus in diesem Moment bewegt. Bei modernen Übersetzungen heißt es einfach lapidar: Er hatte großes (oder tiefes) Mitleid mit den Menschen. Aber Mitleid kann relativ harmlos sein. Jesus jammerte es. Das Herz drehte sich ihm im Leibe um, sein Herz blutete innerlich, als er die Menschen sah. So sieht uns Jesus auch heute noch an.

Matthäus 7, 1-6 – Mangelnde Lutherkenntnis bei Jesus

Bei Luther haben wir gelernt, fein säuberlich zu trennen: Ein moralisch gutes Leben hat nichts mit meiner Errettung zu tun. Gerettet werde ich allein durch Glaube und allein durch Gnade. Erst vor kurzen habe ich erlebt, wie entsetzt wir reagieren (auch ich selbst) wenn dieses „allein durch Glaube“ irgendwie eingeschränkt wird. Da hat ein Bruder betont, dass im Gericht auch zählt, ob man seine Sünden bekannt hat und Buße dafür getan hat. Wenn nicht, dann wird man auch nicht gerettet. Wir anderen haben uns alle mit Händen und Füßen gegen diese Meinung gewehrt: Im Gericht zählt allein der Glauben, allein das Vertrauen auf Jesus – selbst wenn es da noch Sünden gibt, für die ich noch nicht bewusst Buße getan habe. Ich würde heute noch genau so reagieren.

So weit – so gut. Aber was macht Jesus hier? „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Da wird mein moralisches Handeln verknüpft mit dem Gericht Gottes über mich. Aber hoppla, Jesus! Kennst du denn keinen Luther? Allein aus Gnade! Im Gericht zählt allein der Glaube und nicht meine Werke! Oder haben wir da was falsch verstanden? Diffidieren wir da in unserem theologischen Denken künstlich etwas auseinander, was eigentlich untrennbar zusammenhängt?