Römer 9,30 – 10,4: Das Ziel des Gesetzes

„Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.“ (Röm. 10,4) Das ist im Grunde eine Kurzzusammenfassung des gesamten Römerbriefes. Wobei zu beachten ist, dass das Wort, welches Luther mit „Ende“ übersetzt (griech.: telos), auch mit Ziel übersetzt werden kann. Als Weg zur Gerechtigkeit ist das Gesetz zu Ende, insofern hat Luther recht. Aber zugleich betont ja Paulus, dass das Gesetz nach wie vor heilig, gerecht und gut ist (Röm. 7,12). Insofern ist es treffender in Christus das Ziel des Gesetzes zu sehen. In ihm kommt zum Ziel, was das Gesetz selbst mit frommen Eifer auf Seiten der Menschen nicht erreichen kann.

| Bibeltext |

Römer 4, 1-12: Wer hat Recht – Paulus oder Jakobus?

Paulus begründet seine Sicht der Rechtfertigung aus Glauben mit dem Hinweis auf den Urvater des Glaubens: Abraham. Für Paulus folgt aus Gen. 15,6 eindeutig, dass Abraham aus Glauben und nicht wegen seiner Werke vor Gott gerecht wurde. Diese Aussage wird über Abraham schon vor seiner Beschneidung (Gen. 17,10-27) und auch vor seiner schweren Glaubensprüfung, als er Isaak opfern soll (Gen. 22), gemacht. D.h. schon vor allen Werken wurde Abraham durch Glauben gerecht.

Soweit so gut. Das ist logisch nachvollziehbar. Schwierig wird es jetzt nur, wenn wir diesen Text mit dem Jakobusbrief vergleichen. Dort spricht Jakobus auch über Abraham und schaut sich genau denselben Text an (Gen.15,6) – kommt aber genau zu der gegenteiligen Erkenntnis: „Ist nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerecht geworden?“ (Jak.2,21) Hier wird in der Bibel ein biblischer Text von zwei biblischen Autoren unterschiedlich ausgelegt. Wer hat nur Recht? Wie gehen wir damit um?

Man kann natürlich versuchen zu harmonisieren. Viele die sich bibeltreu nennen, meinen der Bibel gegenüber besonders treu zu sein, wenn sie solche Spannungen auf Biegen und Brechen harmonisieren. Das ist an dieser Stelle nicht einfach, aber kann man durchaus versuchen. Eine andere Möglichkeit ist, Luther zu folgen: Er hat sich hier ganz klar auf die Seite des Paulus positioniert. Für ihn war es ein klarer Widerspruch. Er sah die Meinung des Paulus sehr viel näher an Jesu Lehre als die Meinung des Jakobus (deswegen nannte er den Jakobusbrief auch eine „stroherne Epistel“ und setzte ihn ganz an das Ende des neutestamentlichen Kanons).

Ich tendiere zu einer dritten Möglichkeit: Es gibt für viele biblische Stellen nicht die eine allein richtige Auslegung, die unabhängig von Zusammenhang, Fragestellung, zeitgeschichtlichem Hintergrund, kulturellem Hintergrund und persönlicher Perspektive gültig ist. Man kann denselben Bibeltext durchaus unterschiedlich auslegen – so wie es hier Paulus und Jakobus getan haben. Damit meine ich nicht, dass man Bibeltexte beliebig auslegen kann. Es ist bei jedem Lesen wichtig zu fragen, was denn der Text ursprünglich sagen will. Aber im einzelnen kann man dann durchaus zu verschiedenen Ergebnissen kommen – das schmälert die Autorität der Bibel nicht, sondern bereichert sie.

An dieser Stelle finde ich die Auslegung des Paulus die grundsätzlichere und wichtigere. Hier kann man durchaus mit Luther argumentieren, dass hier besser deutlich wird, „was Christus treibet“, d.h. was im Sinne Christi ist. Jakobus hat Abraham von einem anderen Zusammenhang her betrachtet, aus einer speziellen Perspektive. Er hatte es wohl mit Christen zu tun, die es sich all zu bequem in ihrer Glaubensgerechtigkeit eingerichtet haben und denen Werke wohl völlig egal waren. Von diesem Hintergrund her betont er, dass bei Abraham neben dem Glauben auch die Werke wichtig waren. Aber wie gesagt: wir sollten die Spannung zwischen Paulus und Jakobus nicht all zu schnell glatt bügeln. Unterschiedliche (aber nicht beliebige!) Verstehensweisen desselben Textes gehören schon in der Bibel ganz selbstverständlich dazu.

| Bibeltext |

Römer 3, 27-31: sola fide?

Für Martin Luther war V.28 eine zentrale Stelle von der aus er seine berühmte Zusammenfassung des Evangeliums begründet hat: „sola fide“ – der Mensch kann vor Gott nur gerecht werden „allein durch Glaube“. Allerdings findet sich im griechischen Urtext dieses „allein“ nicht. Hat Luther damit den Sinn des Textes verfälscht? Ich denke, es handelt sich um eine berechtigte Zuspitzung. Denn Paulus stellt hier ja die Gerechtigkeit durch Gesetzeswerke der Gerechtigkeit durch Glaube gegenüber. Der Sinn ist dann gerade nicht, dass beides ein bisschen zutrifft, sondern es ist ein entweder – oder. Gerecht werden wir nicht durch das Gesetz, sondern durch den Glauben. Sinngemäß ist das ergänzende „allein“ also angebracht.

Inhaltlich bleibt – egal wie man die Stelle übersetzt – ein gewisses innerbiblisches Spannungsfeld. V.a. gegenüber dem Jakobusbrief der scheinbar das genaue Gegenteil behauptet: „So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.“ (Hier steht übrigens das „allein“ auch im griech. Text; es scheint so, als ob schon Jakobus Paulus im Sinne Luthers verstanden hätte). Wie ist das nun? Wer hat Recht? Paulus oder Jakobus?

Zunächst muss man feststellen, dass es kein totaler Gegensatz ist, denn Jakobus lehnt natürlich den Glauben nicht ab, sondern betont, dass die Werke dazu kommen müssen. Auch für ihn ist der Glaube eine unaufgebliche Voraussetzung, um vor Gott gerecht zu sein. Der entscheidende Unterschied ist wirklich, ob Glaube „allein“ ausreicht, oder ob zum Glauben doch noch irgendwie die Werke dazu kommen müssen.

Ich denke auch hier liegen Paulus und Jakobus nicht völlig auseinander. Die Frage ist ja, was mit Glaube gemeint ist. Wenn man unter Glaube nur versteht, dass ich mich auf Jesu Tat am Kreuz verlasse, um gerettet zu werden und dann trotzdem ein Leben führe, das Gott nicht gefällt, dann kann mit diesem Glauben nicht alles richtig sein. Genau dieses Missverständnis lehnt Jakobus so betont ab. Glaube muss Auswirkungen auf die Werke haben, sonst ist es kein echter Glaube. Paulus würde das nicht so pointiert sagen, aber von der Sache her formuliert er ähnlich in Galater 5,6: „Denn in Christus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ Echter biblischer Glaube ist auch für Paulus ein Glaube, der sich im Leben auswirkt, der Werke nach sich zieht, der in der Liebe tätig wird.

Trotzdem bleibt zwischen Paulus und Jakobus eine gewisse Spannung. Paulus betont mehr die Gerechtigkeit allein aus Glauben und Jakobus mehr die Notwendigkeit, dass zum echten Glauben auch die Werke gehören. Das finde ich schön an der Bibel: hier werden nicht alle Spannungen völlig aufgelöst, es wird nicht alles zu einem festen theologischen System glatt gebügelt. Die Bibel ist Gottes lebendiges Wort gerade in und mit ihren Spannungen.

| Bibeltext |

Römer 1, 16-17: Kraftvoll glauben

Diese zwei Verse sind so etwas wie die thematischer Überschrift über den Römerbrief. Hier sagt Paulus in Kurzform, was ihm wichtig ist. Ein Schlüsselbegriff ist die „Gerechtigkeit Gottes“. Für uns Westeuropäer, die wir immer noch stark von der griechisch-römischen Kultur und Denkweise geprägt sind, ist dieser Begriff gar nicht so einfach zu verstehen. Paulus versteht ihn von seinem jüdischen Hintergrund her anders, als wir das tun.

Für uns ist Gerechtigkeit Gottes eher eine Eigenschaft Gottes und wir verstehen unter Gerechtigkeit eher eine neutrale und ausgleichende Gerechtigkeit. Vom Alten Testament her ist damit aber mehr gemeint. Gottes Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass er quasi wie justitia mit verbundenen Augen alleine die Taten eines Menschen beurteilt und dann straft oder belohnt. Gerechtigkeit im alttestamentlichen Sinn ist eher ein Beziehungsbegriff. Gerecht verhält sich jemand, der den Ansprüchen einer Beziehung gegenüber gerecht wird. Manche Ausleger übersetzen den Begriff darum auch mit Gemeinschaftstreue. Wenn Gott gerecht ist, dann heisst das, dass er uns Menschen gegenüber treu bleibt. Insofern hat Luther recht, wenn er sagt, dass Gerechtigkeit Gottes nicht zuerst eine Forderung an uns ist, diese Gerechtigkeit zu erfüllen, sondern eine Zusage Gottes, dass er uns gerecht macht.

Diese Gemeinschaftstreue Gottes erlangen wir nicht durch unser gerechtes Handeln, sondern durch Glauben, oder anders übersetzt durch Vertrauen. Wenn wir auf Gott vertrauen, dann bleiben wir in seiner Gemeinschaftstreue. Dabei ist Glaube nicht als Voraussetzung zu verstehen, sondern einfach nur die Art und Weise, wie wir in Gemeinschaft mit Gott leben.

Ein anderer Begriff, der mich in diesem Abschnitt besonders anspricht ist das Stichwort „Kraft“. Im Griechischen steht hier das Wort „dynamis“ – da kommt unser deutsches Wort Dynamit her. Das Evangelium ist für Paulus nicht nur eine theologisch-philosophische Denkübung, sondern eine lebensverändernde Kraft. Und zwar eine gewaltige Kraft – Dynamit bewirkt mehr als einen leisen Knall, es hat die Kraft, einiges weg zu sprengen.  Ich frage mich so manches mal, wo diese Kraft Gottes in unserem heutigen Christentum bleibt. Da scheint vieles so sanft, bequem und lustlos geworden zu sein. Da schliesse ich mich ausdrücklich an erster Stelle mit ein. Ein bisschen mehr „Dynamit“ würde mir ganz gut tun.

| Bibeltext |

Hebräer 12, 1-11 Glaube als bleibende Herausforderung

Ich kann verstehen, dass Luther so seine Probleme mit dem Hebräerbrief hatte. In diesem Abschnitt scheint manches unbekümmert nebeneinander zu stehen, was Luther in seiner Rechtfertigungstheologie fein säuberlich getrennt hat. Jesus Christus erscheint hier zum einen als Vorbild des Glaubens, er steht sozusagen als krönender Abschluss dieser langen Reihe der Glaubensvorbilder in Kap. 11. Zugleich ist deutlich, dass Jesus sehr viel mehr ist als ein Beispiel für Glaubensstärke – er ist der Anfänger und Vollender des Glaubens, auch unseres Glaubens.

Luther hat hier sehr genau unterschieden zwischen Jesus Christus als exemplum (Beispiel) und sacramentum (Sakrament). Als Beispiel ist er uns ein Vorbild. Aber viel wichtiger ist, dass er für uns zum Sakrament, zum Heilsmittel wurde. Er gibt nicht nur ein Beispiel des Glaubens, sondern ermöglicht unseren Glauben überhaupt erst und schenkt uns das Heil.

Ähnlich unbekümmert spricht der Hebräerbrief davon, dass wir unsere Sünden ablegen sollen (V.1). Dabei ist doch auch dem Hebräerbrief klar, dass wir das nicht so einfach tun können, sondern das der Hohepriester Christus selbst für uns Versöhnung erwirken musste, damit unsere Sünden gesühnt werden. Für Luther war das gerade der große, existentielle Kampf, dass er selbst versucht hatte, seine Sünde abzulegen, um vor Gott gerecht zu werden. Seine befreiende Erkenntnis war, dass uns die Gerechtigkeit von Gott geschenkt wird. Nicht weil wir unsere Sünden ablegen, sondern weil Jesus Christus für unsere Sünde gestorben ist.

Trotzdem steht auch der Hebräerbrief im neutestamentlichen Kanon. Auch darin spricht Gott zu uns. Für mich bildet der Hebräerbrief ein Gegengewicht zu einer zu starken Trennung von Rechtfertigung und Heiligung. Diese Unterscheidungen Luthers sind wichtig und richtig. Aber die Rechtfertigung darf nicht völlig von der Heiligung abgekoppelt werden. Gerade weil Christus für mein Heil gestorben ist, möchte ich ein Leben führen, das diesem Heil entspricht. Der Hebräerbrief betont zurecht, dass mit der Rechtfertigung nicht alles schon vorbei ist. Der Glaube bleibt ein Kampf, eine Herausforderung. Christus ist nicht nur eine Lebensversicherung für meine Seele, sondern auch ein Vorbild und Begleiter in meinem geistlichen Leben.

| Bibeltext |

Exodus 32, 7-14 Mit Gott gegen Gott

Martin Luther hat einmal davon gesprochen, dass es Situationen geben kann, in denen man zu Gott gegen Gott fliehen muss („ad deum contra deum confugere“, WA 5, 204, 26f). Damit ist gemeint, dass eine Gotteserfahrung gegen eine andere spricht. Dann kann es sein, dass man mit Gott gegen Gott kämpfen muss.

Diese Stelle bei Mose ist ein gutes Beispiel für solch eine Situation. Weil sich das Volk so schnell von ihm abgewendet hat, will Gott es vernichten (V.10). Aber Mose „überredet“ Gott, anders zu handeln. Er ringt mit Gott und hält Gott seine eigene Aussagen vor Augen. Er argumentiert einerseits mit der Außenwirkung: da befreit Gott sein Volk aus Ägypten und wenig später lässt er sie alle in der Wüste umkommen? Was gibt denn das für ein Bild von Gott ab? (V.12) Zum anderen hält er Gott seine eigene Verheißung vor Augen, dass er Abrahams Nachkommen zu einem großen Volk machen will (V.13).

Mose flieht vor dem Zorn Gottes zum gnädigen Gott, wie er sich in der Geschichte und in seinen Verheißungen offenbart hat. Er argumentiert mit Gott gegen Gott. Auch heute noch machen wir manchmal unterschiedliche Gotteserfahrungen, die wir nicht unter einen Hut bringen. Dann dürfen wir fliehen zum gnädigen Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat. Wir dürfen Gott (und uns selbst) an Gottes Verheißungen erinnern.

| Bibeltext |

Epheser 2, 8-10 Vergesst die Werke nicht!

Das war die große Wiederentdeckung der Reformation: „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.“ (V.8-9) Hier tauchen die bedeutenden Stichwörter der Reformation auf: sola gratia (allein aus Gnade) und sola fide (allein aus Glauben). Ebenso betont wird hier die Verneinung einer Werkgerechtigkeit.

Aber in der überschwänglichen Begeisterung über die wiedergewonnene Erkenntnis hat man vergessen weiter zu lesen: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“ (V.10) Natürlich stimmt es nicht, dass die Reformatoren „vergessen“ haben weiter zu lesen. Luther hat sehr wohl betont, dass eine Ablehnung der Werkgerechtigkeit nicht bedeutet, dass man gar keine Werke mehr tun soll. Er war genauso wie Paulus überzeugt, dass wir in Christus geschaffen sind zu guten Werken.

Aber in der Praxis hat man in der reformatorischen Tradition sehr stark und grundsätzlich die Ablehnung der Werke betont, um die Rechtfertigung allein aus Gnaden noch größer heraus zu stellen. Allerdings wird das Bild dann schief: Zu einem Leben als Christ gehören nun mal die guten Werke, auch wenn sie nicht unser Verdienst sind. Gott hat uns dazu bestimmt. Paulus drückt es so aus, dass Gott diese Werke schon für uns geschaffen hat und wir nur noch darin wandeln brauchen. Sie sind also auch Gnade und Geschenk. Aber trotzdem sind wir gefordert diese guten Werke auf unserem Weg auch zu finden und dann zu tun!

| Bibeltext |

Bonhoeffer: Nachfolge (2) Die teure Gnade

Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade.“ (S.29) Zack! Das sitzt! In einem kurzen Satz sagt Bohoeffer pointiert das Wichtigste! In der damaligen Situation hätte man sich ja auch andere Sätze vorstellen können. Z.B.: „Der Nationalsozialismus ist der Todfeind unserer Kirche.“ Oder: „Wetterwenderische Kirchenführer sind der Todfeind unserer Kirche.“ Aber nein: die billige Gnade ist der Todfeind. Ich denke das ist bis heute so.

Schön finde ich, dass Bonhoeffer nicht gegen die billige Gnade kämpfen will, sondern dass sein Kampf um die teure Gnade geht. Gegen etwas zu kämpfen ist relativ leicht. Bis heute finden sich jede Menge Leute, die gegen etwas sind. Menschen, die für etwas kämpfen sind seltener. Etwas nieder zu machen und platt zu walzen ist einfacher und bequemer, als etwas besseres aufzubauen. Das beobachte ich an mir selbst und an anderen Christen leider viel zu oft: Das Kritisieren ist leicht und wird ausgiebig praktiziert, aber eine Situation durch eigenen positiven Einsatz zu verändern, das tun nicht viele.

In diesem Kapitel beschreibt Bonhoeffer den Unterschied zwischen billiger und teurer Gnade. „Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System“ (S.29) „teure Gnade ist das Evangelium“ (S.31), das in die gelebte Nachfolge ruft und diese Nachfolge ist teuer, „weil sie dem Menschen das Leben kostet“ (S.31). Der Unterschied ist der, dass billige Gnade als theologisches Prinzip, unabhängig vom Leben gilt, sie setzt von vornherein vor alles menschliche Handeln ein positives Vorzeichen: Gott ist ja gnädig, er vergibt alles. Teure Gnade ist dagegen das Ergebnis von ernsthafter Nachfolge. Jeder der ernsthaft nach Gottes Willen leben will, wird daran scheitern und dann als Resultat dieses Scheiterns die Gnade Gottes erleben.

Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.“ (S.30)

In einem kurzen Durchgang durch die Kirchengeschichte entfaltet Bonhoeffer diesen Unterschied. Petrus hat die teure Gnade empfangen, weil für ihn Gnade und Nachfolge unauflöslich zusammen gehören. Als die Kirche zur Staatskirche wurde, „ging die Erkenntnis der teuren Gnade allmählich verloren“ (S.32). Nur im Mönchtum versuchte man noch ernsthaft, den Gebote Jesu zu folgen, allerdings wurde dann gerade durch das Mönchtum die Nachfolge auch zu einer verdienstlichen Sonderleistung Einzelner und zu einer billigen Rechtfertigung der christlichen Massen, da ja offensichtlich nicht jeder solch ein radikales Leben wie die Mönche führen konnte.

Erst Martin Luther holte die Nachfolge aus dem Kloster zurück in den Alltag der Welt. Luther scheiterte als Mönch an dem Versuch, ein frommes Leben zu führen und erst dann ergriff er die Gnade. Erst nachdem er alles gegeben hatte merkte er, dass das nicht genug ist, dass er vor Gott nichts leisten kann. Und so hat er sein frommes Ich im Kloster zurück gelassen und sich allein von der Gnade Gottes abhängig gemacht. Diese völlige Abhängigkeit von der Gnade soll nicht in der Abgeschiedenheit des Klosters gelebt werden, sondern mitten in der Welt. „Der vollkommene Gehorsam gegen das Gebot Jesus mußte im täglichen Berufsleben geleistet werden.“ (S.35)

Doch schon die Schüler Luthers verdrehten seine Lehre wieder: „Aus der Rechtfertigung des Sünders in der Welt wurde die Rechtfertigung der Sünde in der Welt.“ (S.36) Für Luther war Gnade noch das Ergebnis, der Endpunkt der Nachfolge. In der lutherischen Orthodoxie wurde Gnade zur Voraussetzung und Anfangspunkt von allem, sie galt als Prinzip und zugespitzt ganz unabhängig von der konkreten Nachfolge. „Ist aber Gnade prinzipielle Voraussetzung meines christlichen Lebens, so habe ich damit im voraus die Rechtfertigung meiner Sünden, die ich im Leben in der Welt tue. Ich kann nun auf diese Gnade hin sündigen, die Welt ist ja im Prinzip durch Gnade gerechtfertigt. Ich bleibe daher in meiner bürgerlich-weltlichen Existenz wie bisher, es bleibt alles beim alten.“ (S.37)

Den Unterschied zwischen Gnade als Voraussetzung und Gnade als Resultat verdeutlicht Bonhoeffer auch durch folgenden Vergleich: „Wenn Faust am Ende seines Lebens sagt: Ich sehe, daß wir nichts wissen können, so ist das Resultat, und etwas durchaus anderes, als wenn dieser Satz von einem Studenten im ersten Semester übernommen wird, um damit seine Faulheit zu rechtfertigen.“ (S.38) Die Konsequenz für Bonhoeffer: Es „muß der Versuch gemacht werden, Gnade und Nachfolge wieder in ihrem rechten Verhältnis zueinander zu verstehen.“ (S.42)

Ich merke, dass ich sehr viel zitiere. Das liegt daran, dass Bonhoeffer schon so knapp und prägnant formuliert, dass man es eigentlich kaum sinnvoll zusammenfassen kann, ohne Wesentliches auszulassen. Von der billigen Gnade habe ich bis jetzt immer nur stichwortartig gehört oder gelesen. Es ist wirklich hilfreich, den Zusammenhang kennen zu lernen. Erstaunlich ist für mich auch, wie aktuell die Analysen Bonhoeffers sind. Wenn es um die zentralen Fragen des Glaubens geht, dann haben wir seit Jahrhunderten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen.

1. Petrus 2,21-25 – exemplum und sacramentum

So, heute wird’s mal ein bisschen theologischer – wobei: Wer Bibel liest betreibt ja immer Theologie, jeder muss über das Gelesene nachdenken, es in sein Glaubensverständnis einordnen und herausfinden, was das nun für ihn zu bedeuten hat. Jeder Bibelleser ist immer auch Theologe, nur merken das manche gar nicht…

Seit Augustinus gibt es bei der Betrachtung von Jesu Tod die Unterscheidung von exemplum (Beispiel) und sacramentum (Sakrament). Hier im Text von 1. Petr. tauchen beide Dimensionen auf.  Wir sollen Jesu Leiden als ein Beispiel, als ein Vorbild nehmen, um unser eigenes Leben daran auszurichten (V.21). Jesus litt für andere und wenn wir ihm nachfolgen, dann kann und wird das auch so sein, dass wir um der Liebe willen für andere leiden. Davon zu unterscheiden ist jedoch Jesu Tod als sacramentum für uns. Damit ist gemeint, dass Jesu Tod für uns geschah, dass er dadurch Erlösung von den Sünden bewirkte: Er hat unsere Sünde hinaufgetragen an das Holz, durch seine Wunden sind wir heil geworden (V.24). Diese Dimension von Jesu Tod können und brauchen wir nicht nachahmen. Wenn wir um des Glaubens willen leiden, dann brauchen wir dadurch weder für uns, noch für andere Erlösung von den Sünden erwirken. Das hat Jesus ein für alle mal getan.

Diese Unterscheidung ist wichtig, damit klar bleibt wer uns von den Sünden erlöst: Jesus, durch seinen Tod am Kreuz. Wir brauchen uns in der Hinsicht Jesus nicht als Vorbild nehmen, wir brauchen niemand durch unser Leiden erlösen. Aber wir können uns trotzdem Jesu Leiden als Vorbild nehmen und selbst bereit sein zum Leiden um den Glaubens und der Liebe willen. Für Martin Luther war sehr wichtig, dass Jesu Tod als sacramentum vorgeordnet und übergeordnet ist. Wer nicht weiß, dass Jesus für ihn gestorben ist und ihn erlöst hat, dem bringt es auch wenig, wenn er sich Jesus als Vorbild und Beispiel nimmt. Wenn wir Jesus nur als Vorbild sehen, dann wird die Sache schief…Bibeltext

1. Petrus 1, 3-12 – Vorfreude

Nach dem (schon sehr gehaltvollen) Briefeingang folgt zuerst einmal ein großer Lobpreis. Vor allem anderen steht das Lob Gottes für alles, was er uns schenkt. Was mich in diesem Abschnitt besonders angesprochen hat war V.8b:  „Ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude.“ Für mich ist das eine tolle Um- und Beschreibung des Himmels: Unaussprechliche und herrliche Freude. Wir können uns nicht genau vorstellen, wie das sein wird. Wir können uns mit unseren irdischen Erfahrungen und Bildern nicht ausmalen, wie das wirklich sein wird in Gottes unmittelbaren Gegenwart – aber es wird auf jeden Fall eine unbeschreiblich schöne und gigantische Freude sein!

Interessant ist, dass dieser Vers unterschiedlich übersetzt wird. Luther hat in im Futur übersetzt – andere übersetzen in der Gegenwart: „schon jetzt seid ihr erfüllt von herrlicher, unaussprechlicher Freude.“ (Neues Leben) Auch die recht wörtlich übersetzende Elberfelder Bibel hat hier den Präsens. Und tatsächlich! Im Urtext steht hier das Verb auch im Präsens. Ich weiß nicht aus welchem Grund Luther hier anders übersetzt. Entweder weil es manche Handschriften gibt, die hier das Verb in der Gegenwart haben oder weil er inhaltlich betonen möchte, dass die völlige Freude erst in der Zukunft liegt.

Ich find’s toll, dass hier eigentlich ein Präsens steht, dass wir jetzt schon mit dieser gigantischen Freude jubeln dürfen. Natürlich ist klar, dass die völlige Freude erst im Himmel da sein wird, aber jetzt schon fängt im Glauben der Himmel an. Es geht im Zusammenhang ja auch um den Trost in mancherlei Anfechtung. Petrus will über diese Anfechtung nicht hinwegtrösten indem er sagt: Irgendwann in der Zukunft werdet ihr auch wieder freuen, sondern er sagt: Jetzt schon – mitten drin in der Anfechtung – dürft ihr euch freuen. Und erst recht, wenn ihr mal das Ziel eures Glaubens erreicht habt.

Die Neue Genfer Übersetzung formuliert hier sehr schön differenziert: „Daher erfüllt euch ´schon jetzt` eine überwältigende, jubelnde Freude, eine Freude, die die künftige Herrlichkeit widerspiegelt.“ Der Grund der Freude liegt in der Zukunft, erst in Gottes himmlischer Welt wird einmal alles in Ordnung sein und alles leuchtende Herrlichkeit sein. Aber diese Aussicht kann uns schon jetzt mit Freude erfüllen. Auch die Vorfreude ist eine echte, überwältigende und jubelnde Freude.
Bibeltext