Henning Mankell: Tiefe

Wieder mal ein Roman, der nicht unbedingt entspannend zu lesen ist. Er erinnert mich ein wenig an „Der Schnee war schmutzig“ von Georges Simonen, das ich vor kurzem gelesen habe. Auch hier eine ziemlich unsympathische und unzugängliche Hauptfigur. Den ganzen Roman durchweht eine düstere Stimmung. Die Hauptperson bleibt bis zum Ende fremd und unverständlich.

Es geht um Lars Tobiasson-Svartman, einem schwedischen Seevermesser zur Zeit des ersten Weltkrieges. Auf einem Einsatz vor der schwedischen Küste lernt er auf einer einsamen Insel eine Frau kennen und fühlt sich von ihr angezogen. Das Problem ist, dass er schon verheiratet ist. Langsam verstrickt er sich immer mehr in Lügen, um die Beziehung zu beiden Frauen aufrecht erhalten zu können. Seine Ehefrau bekommt eine Tochter und die Geliebte hat die Hoffnung, dass Lars sie von ihrer einsamen Insel weg bringt. Aber der Mann spielt einfach weiter sein Doppelspiel und weicht der Wahrheit aus.

Die Hauptfigur und ihre Gefühle bleiben ein Rätsel. Er ist sich selbst ein Rätsel und auch dem Leser. Er hat keinen Zugang zu seinem Innersten und wird im Lauf der Geschichte immer tiefer in die „Tiefe“ gezogen, ohne je den Grund zu erreichen. In der äußeren Welt kann er alle Abstände genau vermessen und aufzeichnen, für seine innere Tiefe fehlt im das Instrumentarium.

Ein Zitat, in welchem das deutlich wird: „‚Wer bist du eigentlich?‚ fuhr sie fort. ‚Ich versuch zu verstehen, aber es gelingt mir nicht. Ich kann dich einfach nicht zusammenfügen, das Bild bekommt Risse, du bist nur ein ungreifbares Wesen, das sich vom Betrug ernährt.'“ (S. 339) So geht es einem als Leser auch: der Seevermesser bleibt ein Rätsel. Es wird nicht deutlich, was ihn eigentlich antreibt, was er sucht. Für mich blieb auch rätselhaft, was er bei der einsamen Frau auf der Insel eigentlich sucht. Warum macht er sein ganzes Leben kaputt, für etwas, das man nicht einmal Liebe nennen kann?

Wahrscheinlich ist dieses Rätseln über die Untiefen und Abgründe eines Menschen genau das, was der Autor versucht darzustellen. Das ist ihm gelungen. Angenehm zu lesen ist das nicht, aber herausfordernd.

Exodus 32, 15-24 Eine fantasievolle Ausrede

Ha! Wenn’s nicht so traurig wäre, dann müsste man bei diesem Abschnitt lauthals heraus lachen. Unglaublich, wie sich hier Aaron aus der Sache mit dem goldenen Kalb versucht heraus zu reden. Das ist nicht nur peinlich, das ist lächerlich. Zunächst einmal betont er sein Einverständnis mit Mose in der Beurteilung des Volkes: „Du weißt, dass dieses Volk böse ist.“ (V.22) Dann beschreibt er, wie er das goldene Stierbild gemacht hat. Er hat Gold eingesammelt und dann: „Ich warf es ins Feuert; daraus ist das Kalb geworden.“ (V.24) Oh, Wunder! Ich wollte das eigentlich gar nicht. Ich hab nur das Gold ins Feuer geworfen und das Götzenbild ist ganz von selbst entstanden, ich hab eigentlich gar nichts damit zu tun!

Tja, nachher will’s wieder keiner gewesen sein. Im Erfinden von Ausreden sind wir Menschen immer sehr fantasievoll. Nicht immer ist die Lüge und Verdrehung so offensichtlich, wie hier bei Aaron. Aber ich darf da nicht mit dem Finger auf andere zeigen – ich muss da zuerst mal auf mich selbst schauen. Wo versuch ich mich vor Gott und vor anderen heraus zu reden, wenn ich einfach nur Müll gebaut habe?

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Exodus 10 Gekränkter Egoismus

Irgendwie kann ich den Pharao auch ein Stück weit verstehen. Mose hat ihm von Anfang an eine Lüge aufgetischt: Er hat gesagt sie wollen in der Wüste ein Opferfest feiern – dabei hatten sie vor mit Sack und Pack aus Ägypten zu fliehen. Der Pharao war zurecht von Anfang an misstrauisch. In diesem Kapitel stellt sich nun heraus, dass sein Misstrauen zu Recht bestand.

Es wird deutlich, dass nicht nur die Männer in die Wüste wollen, um dort zu opfern, sondern dass auch die Frauen und Kinder mitkommen sollen. Im ganzen Alten Orient war das Opfern aber eine Angelegenheit der Männer (vgl. z.B. 2.Mo.23,17). Und Mose will auch nicht nur ein paar einzelne Opfertiere mitnehmen, sondern den gesamten Viehbestand (V.26). Ein Schelm, wer Böses dabei denkt? Der Pharao hat den Braten ganz richtig gerochen, er wollte sich nicht so einfach überlisten lassen. Wobei im Nachhinein gesehen das Nachgeben wohl schlauer gewesen wäre. Er hat die Wahrheit erahnt, er hat auch eine Ahnung von der Macht Gottes gehabt, aber er hat dann aus gekränktem Egoismus heraus die falschen Schlüsse gezogen.

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Exodus 3, 16-22 Warum nicht eine elegantere Lösung?

Zwei Dinge sind mir aufgefallen an dem Text: Das erste ist, dass Gott den Mose beauftragt, dem Pharao eine Halbwahrheit zu sagen. Die Absicht Gottes mit seinem Volk wird ja klar in dem Text: Er will Israel aus Ägypten befreien. Dem Pharao soll man aber sagen, dass das Volk in die Wüste gehen will, um dort ihrem Gott zu opfern (V.18). Das ist nun nicht direkt eine Lüge, aber zumindest soll Mose nicht die ganze Wahrheit sagen. Interessant, dass auch Gott selbst so pragmatisch mit der Wahrheit umgeht!

Das zweite was mir aufgefallen ist und was ich am ganzen Buch Exodus befremdlich finde, ist folgendes: Von Anfang an ist klar, dass der Pharao das Volk Israel nicht gehen lassen will (V.19). Warum dann trotzdem die Verhandlungen mit dem Pharao, warum dieses ganze hin und her, warum die ganzen Plagen, warum nicht von Anfang an einfach fliehen? Hätte Gott da nicht eine elegantere Lösung finden können? Ich weiß, es ist müßig sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Die Geschichte ist nun mal so gelaufen und wir können Gottes Motivation nicht durchschauen. Aber es ist schon seltsam, dass Gott dem Mose den Auftrag gibt, dem Pharao etwas zu sagen, auf das dieser dann sowieso nicht hören will und wird.

| Bibeltext |

Exodus 1 Auf dem Weg in die Freiheit

Was für ein Volk! Schon der Stammvater Abraham war auf der Wanderschaft in das verheißene Land. Seine Nachkommen mussten nach Ägypten fliehen. Und schon damals war es so, dass sie nirgends richtig erwünscht waren. In Ägypten ging es ihnen anfangs gut, aber mit der Zeit dachten die Ägypter schon damals: Die Hebräer müssen wir irgendwie los werden. Im Lauf der Jahrhunderte und bis heute haben sich das schon manche gedacht: Die Hebräer, die müssen wir irgendwie los werden – und keiner hat es geschafft. Das Buch Exodus macht etwas deutlich von der besonderen Beziehung Gottes zu diesem Volk.

Gott führt sein Volk aus der Fremde und der Knechtschaft in die Freiheit. Das brauchen wir bis heute: Dass Gott uns aus allen falschen Bindungen befreit. Auch wenn es kein leichter Weg ist, so ist es der Weg in die Freiheit. Manchmal scheint es einfacher, sich mit den Gegebenheiten abzufinden, als allein auf Gott zu vertrauen. Mit dem Buch Exodus möchte ich mich mit auf den Weg machen und lernen, was auf dem Weg in die Freiheit wichtig ist.

Was mir in diesem Kapitel besonders gefallen hat, ist der Mut und die Schlauheit der Hebammen. Es wird aus dem Text nicht deutlich, ob es sich um Hebammen aus dem hebräischen Volk handelte oder um Andere, die eben für die hebräischen Frauen zuständig waren. Auf jeden Fall haben sie Mut bewiesen!

Der Text macht deutlich, dass es zwar eindeutige Gebote gibt (Du sollst nicht lügen!), dass es aber im konkreten Leben oft ein Abwägen gibt zwischen verschiedenen konkreten Geboten. In diesem Fall wiegt das Gebot „Du sollst nicht töten“ schwerer als das Gebot „Du sollst nicht lügen“.

| Bibeltext |

Jeremia 9, 1-10 Gewöhnung

Sie haben sich daran gewöhnt, dass einer den anderen betrügt.“ (V.4) Sünde betrifft uns alle. Auch diejenigen, die schon lange Christen sind. Wir fallen immer wieder – aber wir dürfen auch immer wieder aufstehen. Tragisch ist es jedoch, wenn man sich an die Sünde gewöhnt, wenn man sie gar nicht mehr realisiert, wenn man gar nicht mehr anders kann und vor allem: nicht mehr anders handeln will. Die Gute Nachricht übersetzt an dieser Stelle: „Sie sind Meister im Lügen und so ins Böse verstrickt, dass sie sich nicht mehr daraus lösen können.“

Tragisch ist es, wenn die Lüge normal wird, wenn ein Leben nicht mehr auf der Wahrheit (auch sich selbst gegenüber) basiert, sondern auf der Lüge und der Täuschung. Tragisch ist es, wenn sich ein Leben immer tiefer in der Lüge verstrickt und man irgendwann auch mit allergrößter Kraftanstrengung nicht mehr heraus kommt.

Ich möchte es gern anders herum versuchen: Ich will mich nicht an die Sünde, die Lüge und die Täuschung gewöhnen, sondern an die Wahrheit, das Leben und die Liebe. Ich möchte mich immer mehr an das Leben mit Gott gewöhnen, so dass es mir irgendwann gar nicht mehr auffällt und ganz von selbst geschieht…
Bibeltext