Josua 14 Göttliche Inkonsequenz

Gott behandelt alle gleich: das eroberte Land wird durch Los verteilt. Da wird nicht auf menschliche Weise darüber diskutiert, wer wo hin möchte, wer der Stärkste ist, wer welche Vorlieben hat. Da wird nicht um das beste Stück Land geschachert und machtpolitische Spielchen gespielt. Nein, es wird ganz einfach ausgelost, wer welches Landstück bekommt.

Gott behandelt nicht alle gleich: Kaleb spielte bei der ersten Erkundung des Landes eine besondere Rolle und hatte schon dort seine besondere Treue zu Gott gezeigt. Das wird nun dadurch belohnt, dass er die Stadt Hebron erhält. Gott sieht den Einzelnen, er sieht welches Herz ihm besonders treu ist und er gibt dafür seine besondere Anerkennung.

Ich mag diese göttliche „Inkonsequenz“. Grundsätzlich werden alle gleich behandelt. Aber Grundsätze sind nicht dazu da, um auf gesetzliche und alle Unterschiede einebnende Weise umgesetzt zu werden. Gott sieht uns nicht als unpersönliche Nummern, sondern als einzigartige Individuen. Er liebt uns alle in gleicher Weise, wir sind alle gleich viel Wert bei ihm – aber er sieht auch unsere Persönlichkeit, er sieht unser Herz an, er behandelt uns ganz individuell.

| Bibeltext |

Jeremia 34 Nichts dazu gelernt

Ja gibt’s denn so was?! Da kann man doch nur mit dem Kopf schütteln! Endlich ringen sich die Israeliten mal dazu durch, Gott zu gehorchen und lassen ihre Sklaven frei – und dann vermasseln sie kurz darauf wieder alles. Der Hintergrund: Seit der Befreiung aus Ägypten gab es eigentlich eine Abmachung (einen Bund) zwischen Gott und seinem Volk, dass die Israeliten in jedem siebten Jahr ihre Sklaven aus dem eigenen Volk freilassen sollten. Leider haben sich die Israeliten nicht lange daran gehalten.

Angesichts der konkreten Bedrohung durch die Babylonier kam wohl einigen die Idee, dass es vielleicht ganz gut wäre, diese alten Abmachungen wieder einzuhalten – sozusagen um Gott milde zu stimmen. Feierlich wurde dieser Bund im Tempel neu geschlossen und die Sklaven freigelassen. Und – oh Wunder! – der „Trick“ schien tatsächlich „funktioniert“ zu haben: Das Heer des Feindes war abgezogen. Aber anstatt Gott zu danken und ihm auch auf anderen Gebieten wieder neu gehorsam zu sein, ist das erste was die Israeliten tun, dass sie ihre freigelassenen Sklaven wieder einsammeln und sie erneut versklaven! Nichts dazu gelernt! (Der Abzug der Babylonier war dann übrigens nur ein zeitweiliger. Sie kamen mit einem neuen Heer zurück und machten Jerusalem platt.)

Ich fürchte, dass auch wir Heutigen nicht so viel dazu gelernt haben. Auch wir versuchen oft – bewusst oder unbewusst – Gott aus zu tricksen und ihn zu manipulieren. Auch wir meinen viel zu oft uns durch gute Taten Gottes Belohnung erarbeiten zu können („Wenn ich genug Bibel lese und bete, wenn ich genug Geld spende, wenn ich nett genug zu meinem Nächsten bin, wenn mein Leben missionarische Ausstrahlung hat… dann wird Gott mich doch dafür segnen, oder nicht?!“). Das ist natürlich nicht immer so offensichtlich, wie in diesem Fall bei den Israeliten. Aber ähnliches Verhalten und Denken (nur subtiler und unterm frommen Deckmäntelchen) entdecke ich viel zu oft bei mir selbst und anderen. Die Kunst ist, Gott zu gehorchen, auch dann wenn es mir scheinbar nichts einbringt!
Bibeltext

Psalm 37 – Glücklich ohne Gott

Tja, das war schon damals ärgerlich und unverständlich: Warum geht es manchen Gottlosen so gut? Warum sind sie so glücklich, auch ohne Gott? Geht das überhaupt? Müsste Gott nicht diejenigen, die ihm vertrauen, die an ihn glauben auch entsprechend belohnen? Müsste es nicht normalerweise dem Glaubenden besser gehen als dem Gottlosen? Offensichtlich erlebten die Menschen schon damals was anderes. Viele Gottlosen ging es schon damals gut und sie waren glücklich. Und bis heute hört man ja dieses Argument: Ich kann auch (und viele sagen: gerade) ohne Gott sehr gut leben und bin glücklich dabei!

Was soll man dazu sagen? Nüchtern betrachtet, können wir dazu überhaupt nicht viel sagen. Wir können niemand sein Glück absprechen, es bringt nichts, wenn wir uns als große Spielverderber aufspielen und den Gottlosen ihr Glück ausreden wollen. Und letztendlich hat auch der Psalmbeter nur ein schwaches Argument. Er sagt: Abwarten! Irgendwann wird jeder das bekommen, was er verdient. Irgendwann wird es von Gott her ausgleichende Gerechtigkeit geben. Irgendwann wird sich das Vertrauen auf Gott richtig lohnen.

Ich fürchte, dass das wenig überzeugend ist. Wenn ich selbst nicht an Gott glauben würde und dabei auch noch glücklich wäre, könnte mich dieses Argument auf jeden Fall nicht überzeugen. Aber es geht in diesem Psalm auch gar nicht darum, Ungläubige zu überzeugen, sondern darum, als Gläubiger selbst Trost zu finden. Und da bin auch ich überzeugt: Auch wenn ich manches heute noch nicht sehen und erkennen kann – Gott wird’s gut machen.
Bibeltext

Matthäus 25, 14-30 – MEIN Heil

Hab erst vor kurzem den Paralleltext bei Lukas gelesen. Der ist in den Einzelheiten etwas anders, aber von der Aussage her genau gleich: Wir sollen die Gaben, die Gott uns schenkt, auch für ihn einsetzen. Ein sehr guten Satz zu diesem Gleichnis und dem unnützen Knecht steht in der Stuttgarter Erklärungsbibel: „Obwohl ein solcher Mensch weder verbrecherisch noch leichtfertig handelt, ist er nur auf sein eigenes Heil ausgerichtet, nicht auf die Sache seines Herrn.“

Ja, wenn wir als Christen denken: „Hauptsache ich bin gerettet, alles andere ist mir egal“, dann läuft was schief. Wenn wir egoistisch nur auf unser Heil, auf unser Glück, auf unsere Zufriedenheit, auf unsere nette, harmonische Gemeinschaft, auf unser christliches Wohlfühlprogramm, … achten, dann verlieren wir letztendlich alles. Denn dann geht es uns nur um uns und nicht um Gott.

Lukas 19, 11-26 – Was ist am Nichtstun schlimm?

Wieder einmal gibt Klaus Douglass eine sehr gute Auslegung zum Bibeltext und auch gute Gedanken zum Thema Jüngstes Gericht. In dem Gleichnis vertraut ein König drei Knechten jeweils einen Geldbetrag an und fordert sie auch damit zu handeln, bis er von einer Reise zurück kommt. Die ersten beiden erzielen Gewinn, der dritte hat mit dem Geld gar nichts gemacht und sagt er habe aus Angst vor dem König nicht damit gehandelt. Im Gleichnis werden die beiden ersten Knechte belohnt, der dritte bestraft.

Nach unseren Moralvorstellungen klingt das irgendwie ungerecht: Warum wird man für’s Nichtstun bestraft? Zumindest hat der dritte Knecht doch das Geld wieder ordentlich zurück gegeben und es nicht für eigene Zwecke verprasst. Douglass arbeitet sehr schön heraus, dass nicht in erster Linie um gelungenes oder mißlungenes Handeln geht, sondern um die Haltung, in der wir etwas tun. Hinter dem Nichthandeln des dritten Knechtes wird deutlich, dass ihm der Auftrag des Königs egal ist. Wenn er wirklich Angst vor dem König gehabt hätte, dann hätte er das Geld zumindest auf die Bank gebracht. „Was Gott so sauer macht, ist weniger, dass ein Mensch etwas falsch gemacht hat, als vilemehr, dass er es nicht zugibt, sondern er sich rechtfertigt und letzten Endes auch noch Gott die Schuld gibt.“ (S. 368 ).

Ähnlich wird es im Jüngsten Gericht auch nicht in erster Linie um unsere gelungenen oder mißlungenen Taten gehen, sondern um die Haltung, die dahinter steht. „Ich stelle mir das Jüngste Gericht weniger als ein Strafgericht, sondern eher wie ein Schiedsgericht vor: Es wird offenbar werden, was wirklich hinter unseren Taten steckt und worauf diese Taten letztlich zielten. Es wird offenbar werden, was der ‚rote Faden‘ in unserem Leben war: die Sehnsucht nach Gott oder der Wunsch, dass dieser ’nicht über uns herrsche‘. Das, was wir im Tiefsten gewollt haben, werden wir bekommen: so oder so.“ (S. 370)

Matthäus 20, 1-16 – Ist Gott Kommunist?

Was ist Gerechtigkeit? Wie sieht gerechter Lohn für die Arbeit aus? Jesus erzählt ein Gleichnis von einigen Arbeitern im Weinberg: Diejenigen die nur wenige Stunden gearbeitet haben bekommen vom Weinbergbesitzer den gleichen Lohn wie diejenigen, die den ganzen Tag gearbeitet haben. Das heißt dann wohl für Gottes Vorstellung von einem gerechten Lohn: Jeder bekommt das was er braucht – unabhängig davon wie lange er gearbeitet hat. Gerechtigkeit bemisst sich dann also mehr an den Bedürfnissen, als an der Leistung.

Betrifft das jetzt nur geistliche Zusammenhänge, oder kann man das auch auf unsere moderne „Leistungsgesellschaft“ übetragen? Gerechter Lohn heißt nicht, dass man nach Leistung bezahlt wird, sondern dass jeder das Gleiche bekommt? Das klingt irgendwie sehr nach Kommunismus – und das ging ja gründlich schief… Aber es gibt auch andere Modelle, die in diese Richtung gehen: Z.B. ein bedingungsloses Grundeinkommen, das vom Staat finanziert wird. Warum eigentlich nicht? Damit wären wir sehr viel näher an den Gerechtigkeitsvorstellungen dieses komischen Weinbergbesitzers dran…

Matthäus 19, 27-30 – Krieg ich auch was dafür?

Darf man das? Darf man Jesus nach einer Belohnung für die eigene Leistung fragen? Sollen wir unseren Glauben nicht selbstlos leben? Sollen wir nicht Gott und andere um ihrer selbst willen lieben? Petrus fragt hier ganz offen: „Hey Meister, wir bringen hier ganz schön viel Einsatz! Bekommen wir dafür auch was?“

Man hätte vermuten können, dass Jesus die Jünger jetzt erst mal rund macht. Als es um die Frage ging, wer der Größte im Himmelreich sei (Mt.18,1-9), da hat er ihnen ein Kind als Vorbild hingestellt. Sie sollen nicht nach Größe hecheln, sondern sich selbst erniedrigen. Interessant, dass Jesus jetzt auf eine Frage, die in eine ähnliche Richtung geht, auf ganz andere Weise antwortet. Er fordert Petrus nicht zur Demut auf. Er sagt nicht: Lass dir an Gottes Gnade genügen. Sondern er sagt: „Ja klar werdet ihr Lohn bekommen und zwar dicke!“ Die Jünger werden in der zukünftigen Welt auf zwölf Thronen sitzen und über Israel richten (so ganz nebenbei: Vielleicht ist die Vorstellung der kath. Kirche, dass die Heiligen eines Tages ein gutes Wort für uns einlegen könnten gar nicht soooo abwegig…?). Und die Jünger werden für das, was sie alles aufgegeben haben hundertfach entschädigt werden.

Es ist also okay, nach dem Lohn zu fragen. Es ist legitim zu fragen, ob mir der Glaube was bringt. Jesus weist diese Frage nicht als unangemessen ab, sondern verspricht eine klasse Rendite.

Spannend finde ich noch den Vergleich mit dem gleichen Text bei Markus. Markus legt sehr viel mehr Wert darauf, dass sich die Nachfolge schon jetzt, hier in dieser Welt auf ganz irdische Weise erfüllt. Matthäus legt mehr das Gewicht auf die zukünftige Welt. Markus lässt das mit den Thronen und dem Richten über andere weg und betont ausdrücklich, dass es die hunderfache Entschädigung schon „jetzt in dieser Zeit“ gibt. Schon damals gab es also unterschiedliche Ansichten, ob der Glaube eher ein Wohlstandsevangelium ist (die Belohnung gibts auch jetzt schon) oder ob er mehr eine Jenseitshoffnung ist (der eigentliche Lohn wird erst in der Zukunft ausgezahlt).