Römer 11, 33-36: Ein unbegreiflicher Gott

Wenn ich Gottes Wege nicht immer begreifen kann, dann habe ich zwei Möglichkeiten: Ich kann entweder daran verzweifeln oder ich kann über die Größe und Unerforschlichkeit Gottes staunen. Ich kann mir entweder wünschen, dass Gott kleiner wird und für mich und meine menschliche Logik besser verstehbar wird. Oder ich kann gerade dafür dankbar sein, dass Gott größer ist als meine menschliche Vorstellungskraft und ihn dafür rühmen. Paulus entscheidet sich hier für das zweite.

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1. Johannes 3, 3-12 Lebe, was du bist!

Das scheint durchaus verwirrend, was Johannes in seinem Brief zur Sünde schreibt. Auf der einen Seite betont er, dass keiner ohne Sünde ist (1.Joh.1,8: „Wenn wir sagen wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst“). Er rechnet realistisch mit der Möglichkeit, dass auch die christlichen Leser des Briefes sündigen können (1.Joh.2,1: „Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater“). Jetzt in Kap.3 schreibt er aber: „Wer aus Gott geboren ist, der tut keine Sünde; denn Gottes Kinder bleiben in ihm und können nicht sündigen; denn sie sind von Gott geboren.“ (V.9) D.h. ein Christ kann gar nicht mehr sündigen!

Ja was denn nun? Das ist doch unlogisch!? Zunächst einmal muss man feststellen, dass wir modernen, westlichen Menschen eine andere Auffassung von Logik haben als ein antiker Hebräer. Wir haben ein stringentes und eindimensionales Verständnis von Logik. Egal von welchem Blickwinkel her betrachtet, muss eine Argumentation in sich schlüssig und einheitlich sein. Die hebräische Logik ist eher mehrdimensional. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln kann man durchaus zu unterschiedlichen Aussagen kommen, die aber trotzdem alle zutreffen. Schwierig für uns ist auch, dass Johannes sich mit Irrlehrern und ihrem Sündenverständnis auseinandersetzt und wir diese Gegenposition nicht genau kennen.

Ich glaube sein Anliegen ist folgendes: Wir sollen das, was wir sind, auch leben. Wir sind Gottes Kinder und als solche haben wir nicht nur Vergebung, sondern als Gottes Kinder können wir eigentlich gar nicht mehr sündigen. In Jesus Christus sind wir sündlos und darum sollen wir auch dementsprechend leben. Aber das ist keine automatisch eingepflanzte Eigenschaft, sondern etwas um das wir uns laufend bemühen müssen. Wenn wir versuchen in Gott zu bleiben, dann bedeutet das, dass wir zugleich auch versuchen, nicht zu sündigen. Darum liegt der Ton in Kap. 3 auch auf dem Sünde „tun“ – damit ist ein bewusstes Tun und Verharren in der Sünde gemeint. Als Kind Gottes geht das nicht. Ich kann als Christ nicht einfach munter drauflos sündigen, weil mir ja sowieso alles vergeben ist oder weil ich sage (so haben es wahrscheinlich die Irrlehrer gesehen): Ich gehöre ja zu Gott und darum ist alles was ich tue automatisch richtig.

Also ein differenziertes und gerade dadurch realistisches Verständnis von Sünde: Einerseits sind wir in Christus frei davon. Als Kind Gottes können wir keine Sünde tun wollen. Andererseits sind wir immer noch ein Teil unserer irdischen und vergänglichen Welt und stehen in der Gefahr zu sündigen.

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Philipper 2, 12-13 Unlogische Weisheit

Das ist definit eine meiner Lieblingsstellen in der Bibel. So herrlich unlogisch (nach den Maßstäben unserer menschlichen Logik) und doch so voller göttlicher Weisheit und Leben. Paulus sagt hier auf der einen Seite: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.“ (V.12) Und das ist kein Übersetzungsfehler oder missverständlich. Vom Griechischen her kann man sogar noch extremer übersetzen: „Bewirkt euer Heil.“ Wenn hier nur dieser Satz stehen würde, dann müssten wir daran verzweifeln. Paulus sagt aber nun weiter: „Denn Gott ist’s der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ (V.13) Damit macht er klar: Wir können unser Heil nur bewirken, weil es uns von Gott geschenkt wird.

Eigentlich geht das gar nicht: Entweder wir müssen uns unser Heil selbst verdienen, oder es wird uns von Gott geschenkt. Beides zugleich ist unlogisch, das geht nicht. Wir können hier auch nicht anfangen zu rechnen und sagen: Gott kommt uns 99 Schritte entgegen, aber den einen Schritt, den müssen wir selbst gehen (wenn wir so rechnen, dann landen wir wieder bei der Werkgerechtigkeit). Nein, es gilt beides: Gott kommt uns 100 Schritte entgegen und trotzdem müssen wir mit „Furcht und Zittern“ (d.h. im Wissen um die völlige Abhängigkeit von Gott) auch ihm 100 Schritte entgegen gehen.Aber nicht weil wir das aus eigener Kraft könnten, sondern weil Gott uns die Kraft und Fähigkeit dazu schenkt.

Das ist göttliche Weisheit, die sich aber genau mit meiner Glaubenserfahrung deckt: Gott schenkt uns alles, wirklich alles! Aber er verlangt auch unseren ganzen Einsatz, unser ganzes Herz. Wir sollen Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all unseren Kräften lieben (Mk.12,30). Dass uns Gott alles schenkt und dass er zugleich all unseren Einsatz verlangt, ist nur ein logisch-gedanklicher Widerspruch, in der Wirklichkeit des Glaubens ist es kein Gegensatz, sondern es ist gelebte Gnade.
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Psalm 31 – Logik des Glaubens

„Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest! Denn du bist mein Fels und meine Burg.“ (V.3-4) Rein logisch betrachtet sind diese Aussagen ziemlich bescheuert. Der Beter bittet Gott, dass er für ihn ein Fels und eine Burg sein soll und gleichzeitig sagt er, dass Gott das schon längst ist. Ja was denn nun? Ist Gott es nicht und muss darum um Hilfe gebeten werden? Oder ist er es schon längst, dann müsste der Beter doch eigentlich nicht darum beten?

Für mich ist das die Logik des Glaubens, oder die Logik des Gebets. Die richtet sich nicht unbedingt nach dem Verstand, sondern diese Logik richtet sich nach dem Herz. Auch wenn wir wissen, dass Gott da ist, dass er in unser Leben eingreift und uns hilft, dürfen und sollen wir darum beten, dass er da ist und eingreift.  Solche Gebete sind nicht überflüssig, sondern sie helfen uns, damit unser Vertrauen in Gott wieder neu gestärkt wird und wir uns wieder neu bewusst werden, was Gott tut. Und manchmal ist es ja vielleicht auch so, dass wir mit dem Verstand wissen, dass Gott da ist und eingreift, aber unser Herz das nicht spürt. Und dann können wir mit unserem Verstand sagen: Gott ist mein Fels und meine Burg. Und mit dem Herzen schreien wir: „Herr, zeig mir das neu, dass du mein Fels und meine Burg bist!“
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