2. Korinther 8 – Sie wollen nur das eine

Jetzt geht’s ans Eingemachte! An den Geldbeutel! So manche kritische Leute würden sagen: „Hab ich doch gleich gewusst! In der Kirche geht’s doch letztendlich auch nur um mein Geld. Früher oder später wollen sie doch alle nur das eine: meine Knete!“ Das war offensichtlich damals bei Paulus schon so. Aber wenn wir die Paulusbriefe lesen, dann stellen wir fest: Das ist nur ein Thema von vielen. Es geht nicht dauernd und nicht voranging ums Geld. Aber es geht eben auch ums Geld. Denn Glaube ist eine ganzheitliche Sache. Das hört beim Geldbeutel nicht auf, sondern schließt ihn mit ein.

Paulus möchte, dass die Korinther Geld spenden für die verarmte Gemeinde in Jerusalem. Ich finde es erstaunlich, wie fordernd er dieses Anliegen vorbringt: Zweimal bringt er das Geldgeben direkt mit der Liebe zusammen (V.8, V.24). Je mehr die Korinther geben, desto mehr beweisen sie ihre Liebe. Das ist ja schon Erpressung: Wenn ihr wirklich Christen seid und andere liebt, dann müsst ihr auch was geben. Außerdem stellt er die Gemeinden aus Mazedonien als Vorbild hin, die „über ihre Kräfte“ (V.2) gegeben haben. Wir sind da heute sehr viel vorsichtiger… Aber zugleich betont Paulus auch, dass es nicht darum geht so viel zu geben, dass man selbst Not leidet. Es geht um einen Ausgleich (V.13-14). Der Überfluss der einen soll dem Mangel der anderen helfen.

1. Korinther 13 – Seltsam kalt

Eigentlich sollte ich ja begeistert sein über dieses wundervolle Hohelied der Liebe – aber es lässt mich seltsam kalt. Ich weiß, dass das eine zentrale Stelle für Paulus ist und dass ihm die Liebe wichtiger als alles andere ist, wichtiger als alle noch so tollen Gnadengaben. Vielleicht ist mein Problem, dass dieser Begriff „Liebe“ schon so abgedroschen und abgenutzt ist. Ständig wird über die Liebe, geschrieben, gesungen und in Film und Fernsehen geschauspielert. Die Liebe, die Liebe, die Liebe – der Begriff wird so inflationär und seicht verwendet, dass er seine Tiefe verliert. Die Liebe – diese Wort ist keine frisch sprudelnde Quelle mehr, sondern ein riesiges Schwimmbecken voll mit abgestandenem Zuckerwasser. Die Liebe – um diesen Begriff haben sich so viele Lagen von Kitsch und Oberflächlichkeit gelegt, dass man den Kern gar nicht mehr sehen kann. Die Liebe ist nicht mehr blutrot, sondern zartrosa…


(Foto: © trent59 / PIXELIO)

1. Korinther 10, 23 – 11, 1 – Freie Diener

Als Abschluss der ganzen Diskussion um das Essen von Götzenopferfleisch fasst Paulus noch einmal seine Meinung zusammen: Uns Christen ist alles erlaubt (ein Slogan, den manche Korinther für sich in Anspruch genommen haben und den Pauls grundsätzlich unterstütz), aber nicht alles ist gut für uns und für andere. Wenn ich mit meinem Verhalten einen Anstoß für das Gewissen eines Mitchristen gebe, dann sollte ich aus Liebe zu ihm darauf verzichten. Anstoß geben meint dabei mehr als nur, dass dem anderen irgendwie meine Nase nicht passt, sondern es meint, dass ich durch mein Verhalten den Glauben des anderen grundsätzlich ins Wanken bringe.

In dem Abschnitt wird im Grunde das deutlich, was Martin Luther in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ folgendermaßen zusammengefasst hat:

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.
Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Wir sind durch Christus absolut frei geworden. Er hat uns von allen Bindungen befreit. Aber zugleich stellt uns Christus in den Dienst der Liebe. Aus Liebe schränken wir freiwillig unsere Freiheit ein, machen uns sogar zu Knechten, um anderen Gutes zu tun. Eigentlich ist dieses Paradoxon gar nicht zu leben: Wie sollen wir unsere Freiheit leben, wenn wir dauernd für andere knechten müssen? Ich finde es aber wichtig, dass es beide Seiten gibt: Wir bleiben in dieser Spannung und müssen immer wieder darauf achten, dass wir nicht die eine Seite zu Gunsten der anderen aufgeben.

1. Korinther 8, 4-13 – Die Tyrannei der Schwachen

Das was Paulus in den vorigen Versen grundsätzlich ausgesagt hat (nämlich dass die Liebe wichtiger ist als alle Erkenntnis), das exerziert er jetzt an der konkreten Anfrage der Korinther durch: Dürfen Christen Fleisch essen, welches bei heidnischen Kulten anderen Göttern geopfert wurde? Anscheinend gab es damals Fleisch auf dem Markt zu kaufen, das erst durch irgendwelche religiösen Handlungen den Göttern geweiht wurde und das erst dann verkauft wurde. Von der Erkenntnis her ist die Sache für Paulus klar: Es gibt nur einen Gott. Und selbst wenn sich die Menschen eigene Götter machen, so wissen wir Christen doch dass diese Götter keine wirklich Macht haben. Götzenopferfleisch kann uns darum nicht schaden.

Aber: Es gibt für den Christen nicht nur den Blickwinkel der Erkenntnis, sondern auch den Blickwinkel der Liebe. Wenn ich nach meiner Erkenntnis mit gutem Gewissen etwas tun kann, aber ein Bruder oder eine Schwestern hat diese Freiheit noch nicht – dann sollte ich auch auf meine Freiheit verzichten. Allerdings gilt das nicht prinzipiell, sondern dann wenn meine Freiheit für den anderen zum Anstoß wird. D.h. wenn er dadurch zu etwas verleitet wird, was er eigentlich mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann.

Das ist jetzt interessant für die Definition von Sünde: An für sich ist das Essen von Götzenopferfleisch keine Sünde. Aber wenn jemand meint es sei eine Sünde und es dann trotzdem tut (weil er sich dem Druck der Masse beugt), dann ist es Sünde. Die Frage von Sünde ist demnach nicht so sehr eine Frage von Geboten und Gesetzen, sondern eine Frage meiner Beziehung zu Gott. Wenn ich dabei mit Gott im Reinen bin, kann ich im Grund tun und lassen was ich will. Cool, oder? Dabei ist natürlich klar: Wenn ich wirklich mit Gott im Reinen sein will, dann will ich auch gar nichts tun, was seinem Willen nicht entspricht und ich halte mich von selbst an seine Gebote und Weisungen. Der Punkt im Zusammenhang ist für Paulus: Wenn es unterschiedliche Auslegungen und Interpretationen von Gottes Willen gibt, dann zählt mein Gewissen. Und dann soll man die vorsichtigen Christen nicht dazu zwingen, etwas gegen ihren Willen zu tun. Dann lieber freiwillig auf die eigene Freiheit verzichten.

Allerdings kann das Ganze auch zu einer Tyrannei der Schwachen führen. Wenn die vorsichtigen und ängstlichen Christen vor jeglicher Freiheit im Glauben Angst haben und sich an Gesetzlichkeit und Konvention klammern, dann kann das auch gefährlich werden. Dann kann man auch um des lieben Friedens willen jegliche Erkenntnis der Freiheit eines Christenmenschen leugnen und alle anderen in das Korsett der Gesetzlichkeit zwingen. Wenn z.B. einige Traditionelle in der Gemeinde Anstoß an neuen Liedern nehmen, dann können sie unter Umständen mit ihrer „Schwachheit“ eine ganze Gemeinde tyrannisieren. „Man muss ja Rücksicht nehmen und darf ihnen keinen Anstoß geben – auch wenn wir eigentlich alle wissen, dass wir nur mit alten Liedern keine neuen Leute begeistern werden.“ Das ist ganz bestimmt nicht im Sinne des Paulus, oder?!

1. Korinther 8, 1-3 – Überhebliche Erkenntnis

Bevor Paulus sich mit einer weiteren Anfrage der Korinther beschäftigt (nämlich mit der Frage, ob Christen Fleisch essen dürfen, das bei heidnischen Kulten geopfert wurde), macht er eine grundsätzliche Aussage zum Umgang mit geistlicher Erkenntnis: „Die Erkenntnis bläht auf; aber die Liebe baut auf.“ (1.Kor. 8,1) Die Erkenntnis (griechisch: gnosis) stand bei manchen Korinthern wohl zusammen mit der „Weisheit“ hoch im Kurs. Allerdings ging es nicht nur um eine rein verstandesmäßige Erkenntnis, sondern darüber hinaus über eine geistgewirkte Erkenntnis. Als ein tieferes Verstehen Gottes durch den Heiligen Geist.

Nun hat Paulus nicht grundsätzlich etwas gegen geistliche Erkenntnis, aber er sagt: „Erkenntnis allein macht überheblich. Nur Liebe baut die Gemeinde auf“ (so übersetzt die Gute Nachricht Bibel). Wie wahr! Das erleben wir bis heute: Menschen die einen tiefen Glauben haben, die viele geistliche Wahrheiten erkannt haben, die großartige spirituelle Erlebnisse haben und von denen doch eine seltsame Kälte ausgeht – weil sie ihre Erkenntnis nicht mit Liebe verbinden. Und da kann eine Aussage tausendmal richtig sein – ohne die Liebe ist sie wertlos. Habe heute von Christina Brudereck gelesen: „Denn Wissen, so merken wir, ist noch lange nicht Weisheit.“ (Faix/Weißenborn: ZeitGeist. Kultur und Evangelium in der Postmoderne, S. 26).

Das sagt sich so leicht, und das kann man vor allem diesen eingebildeten, aufgeblasenen und überheblichen Schlaumeierchristen schön vorwerfen, aber wenn wir ehrlich sind, dann ist das für jeden von uns unendlich schwer umzusetzen. Denn wenn ich überzeugt bin, die richtige Erkenntnis zu haben, dann ist es doch ganz logisch, dass ich den anderen davon überzeugen will. Und wenn der andere einfach nicht kapieren will, dann muss man deutlicher werden – das ist doch nur zu seinem Besten. Wie schwer ist es, zugunsten der Liebe die eigene und richtige Erkenntnis zurück zu stellen! Das können nur wenige.