Thomas Glavinic: Das größere Wunder

Glavinic: Das größere WunderEndlich mal wieder ein Roman, der mich gefesselt hat und den ich regelrecht verschlungen habe. Nicht alles fand ich gelungen und so manche Fragen bleiben offen, aber wie sagt schon ein Protagonist des Buches: „Antworten werden überschätzt.“

Die Hauptperson des Buches ist Jonas. Er hat zu Beginn eine deprimierenden Kindheit. Seine alleinerziehende Mutter ist alkoholabhängig, hat ständig wechselnde Freunde und kümmert sich kaum um Jonas und seinen behinderten Zwillingsbruder Mike. Doch auf märchenhafte Weise ändert sich das Leben der beiden schlagartig. Sie werden gewissermaßen adoptiert von Picco, einem unermesslich reichen älteren Mann, der mafiöse Züge zeigt, aber als Pate fortan über die Jonas und seinen Bruder wacht. Bei Picco wachsen die beiden zusammen mit Werner, dem Enkel von Picco auf. Thomas Glavinic: Das größere Wunder weiterlesen

Römer 15, 7-13: Eine unmögliche Möglichkeit

Paulus kommt hier zum Abschluss seiner Gedanken zu den Starken und Schwachen im Glauben. Er spricht hier von Juden(christen) und Heiden(christen), was darauf hindeuten könnte, dass die Spannungen zwischen Starken und Schwachen ihren Ursprung im Miteinander von Heidenchristen und Judenchristen hatten. Zugleich verweist Paulus damit an den Beginn seines Briefes in 1,16: Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, welche Juden und Griechen (= Heiden) selig macht.

Diese grundsätzliche Aussage ist auch heute noch eine große Herausforderung für uns: Einander so annehmen, wie Christus uns angenommen hat. Andererseits ist sie eigentlich selbstverständlich. Wie könnte jemand, der die Annahme Christi und die Kraft des Evangeliums selbst erlebt und erfahren hat, den Bruder oder die Schwester, die dasselbe erleben durften, nicht annehmen? Wie sollte jemand, der die Liebe Christi erfahren hat, sich weigern in dieser Liebe auch anderen zu begegnen? Eigentlich eine unmögliche Möglichkeit – und doch geschieht gerade das viel zu oft…

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Römer 14, 13-23: Alles ist rein

Nun nimmt Paulus doch noch eindeutig zu den inhaltlichen Fragen der Meinungsverschiedenheiten in Rom. Er positioniert sich ganz klar auf der Seite derer, für die es keine Unterscheidung mehr gibt in reine und unreine Speisen. Aber noch immer betont er, dass es in dieser Sache nicht in erster Linie um Recht haben geht, sondern darum, in Liebe miteinander umzugehen. Unterschiedliche Meinungen in nicht so zentralen Glaubensfragen dürfen nicht dazu führen, Gottes Wirken unter uns – Gerechtigkeit, Friede, Freude – zu beschädigen. Selbst wenn ich mich von der Sache her im Recht fühle, ist es wichtiger mich um das zu bemühen, was dem Frieden dient und dem anderen hilft.

Sehr spannend finde ich in diesem Abschnitt, dass Paulus Sünde hier nicht durch eine klare inhaltliche Grenzziehung definiert, sondern dass er Sünde individuell vom Gewissen des Einzelnen abhängig macht. Sündig wird nicht der, der eine von Gott festgesetzte und unverrückbare Grenze übertritt, sondern sündig wird der, der etwas mit schlechtem Gewissen gegenüber Gott tut. Das ist ein gewaltiger Schritt! Sünde wird damit relativ! Was für den einen kein Problem ist, kann für den anderen schon Sünde sein. Das klingt fast schon postmodern. Soll doch jeder tun, was er will, solange er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Alles ist rein, solange ich es mit gutem Gewissen vor Gott verantworten kann.

Aber wie gesagt: Wichtiger als diese inhaltliche Stellungnahme des Paulus ist es, so zu handeln und leben, dass wir einander erbauen und dass mein Handeln der Liebe dient. Gerade wer unsere Freiheit in Christus erkannt hat, muss bereit sein, seine Freiheit um der Liebe willen auch einzuschränken.

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Römer 13, 8-14: So einfach und doch so schwierig

Christliche Ethik ist so einfach. Es geht eigentlich nur um eine einzige Sache: Liebe! Wer seinen Nächsten liebt, wie sich selbst, erfüllt Gottes Gebote. Dafür braucht es keine große Gelehrsamkeit. Dafür braucht man keine theologischen Abhandlungen. Den Nächsten zu lieben, ist das Zentrum von Gottes Willen für uns. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Aber gerade dieses einfache Gebot ist in der Praxis so schwierig. Zunächst ist bei Paulus klar, dass es nicht um eine beliebige Wohlfühl- und Zuckergussliebe geht, sondern um eine Liebe, die sich in konkreten Taten äußert. Er entfaltet dieses einfache Gebot ja in seinen Briefen in vielen konkreten Ermahnungen. Und auch der Bezug zu den Geboten des Alten Testaments bleibt bestehen, weil die Liebe die Erfüllung dieser Gebote sein soll. Es geht um mehr als ein schönes Gefühl.

Das ist gerade die große Schwierigkeit: diese Liebe auch konkret zu leben. Ich sehe so oft, wie ich selbst und andere Christen an diesem einfachen Gebot scheitern. Da kann ich jahrzehntelang Christ sein und dennoch versage ich gerade an diesem grundlegenden Gebot immer wieder. Das bleibt tatsächlich eine Sache, in der wir ein Leben lang anderen etwas schuldig bleiben (V.8). Außerdem gehört zu diesem Gebot ja auch dazu, dass ich mich selbst lieben und akzeptieren kann. Ich fürchte viel Lieblosigkeit – auch unter Christen – hat gerade hier ihren Ursprung: Dass wir uns selbst nicht wirklich akzeptieren und lieben können. Wenn wir mit uns selbst im Krieg liegen, dann macht das unser Herz bitter, auch gegenüber unserem Nächsten und gegenüber Gott. Wer mit sich selbst im Reinen ist – auch mit seinen Schwächen und Fehlern – der kann auch mit den Schwächen und Fehlern anderer gelassener umgehen.

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Römer 12, 9-21: Überforderung

Ich möchte den Christen und die Gemeinde sehen, die es wirklich schafft, all diese Ermahnungen auch wirklich zu befolgen. Geht Paulus wirklich davon aus, dass wir all das erfüllen können? Das fängt ja schon mit der ersten Ermahnung an: „Die Liebe sei ohne Falsch.“ (V.9) Ich denke schon, dass es Christen gibt, denen man eine besondere Liebe abspürt. Das war für mich ein Grund, um mich überhaupt ernsthaft mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen: Ich habe Christen kennengelernt, die anders waren, als die meisten anderen Menschen. Sie hatten eine besondere Ausstrahlung, eine besondere Liebe.

Aber eine „Liebe ohne Falsch“? Das erscheint mir übermenschlich. Das hatten diese Christen sicher auch nicht. Wenn wir Christen auch nur annähernd all diese Ermahnungen und Forderungen umsetzen würden, dann würden uns die Massen am Sonntag die Türen einrennen, dann wären wir solch eine attraktive Gemeinschaft, dass wir uns vor dem Ansturm kaum retten könnten. Aber so ist es offensichtlich nicht.

Ich muss ehrlich sagen, mich überfordern solche Ermahnungen eher, als dass sie mich motivieren. Ja, das sind tolle Zielvorstellungen, aber wenn ich mir meine Realität und die Realität unserer Gemeinden anschaue, dann bleibt das alles Utopia. Dann verzweifle ich entweder an solchen Forderungen oder ich versuche mir zumindest einen dünnen christlichen Anstrich zu verpassen, so dass es im ersten Augenblick schön aussieht. Und genau das geschieht ja in den meisten Gemeinden. Die einen sind desillusioniert und enttäuscht. Sie geben sich mit einem netten Vereinsleben zufrieden und denken, dass sie auch nicht anders und besser sind als andere Menschen. Und  andere Gemeinden verpassen sich einen mehr oder minder dicken christlichen Anstrich, um nach außen schön fromm auszusehen. Aber unter der Oberfläche sieht es häufig ganz anders aus.

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Römer 2, 1-16: Wie geschieht echte Umkehr?

Nach dem ersten Kapitel könnte man denken: Recht so, dass Paulus den Sünder sagt, was Sache ist! Aber genau gegen solch eine Haltung mit ausgestrecktem Zeigefinger auf andere, wendet sich Paulus jetzt scharf. Wenn wir über andere richten, verdammen wir uns selbst! (V.1) Das ist bis heute ein brandaktuelles Thema. Wie schnell sind wir dabei, die Fehler anderer aufzudecken, um von unseren eigenen Schwächen abzulenken.

Am eindrucksvollsten in diesem Abschnitt ist für mich die Aussage: „Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“ (V.4b) Nicht Gerichtsandrohung oder Gottes Zorn über die Sünde soll uns zur Umkehr bewegen, sondern Gottes Güte und Gnade! Allein dieser Satz kann so manches in unserem Gottesbild, aber auch in unserem Menschenbild durcheinander wirbeln.

Für Gott bedeutet dieser Satz: Er will unserer Gottlosigkeit und Sünde nicht mit Zorn und Verurteilung begegnen, sondern mit Güte. Das was ihn im Innersten antreibt, ist nicht ein heiliger Zorn, sondern eine brennende Liebe. Für Gottes Sicht von uns Menschen bedeutet das: Echte Umkehr und Veränderung schafft nicht die Angst vor Strafe, sondern das Erkennen von Gottes Güte. Ein Mensch, der die Tiefe von Gottes Liebe erahnt, verändert sich radikaler als ein Mensch, der sich vor Gottes Zorn fürchtet.

Im konkreten Leben von Christen und Gemeinden scheint das leider oft anders zu sein. Da geschieht an vielen Stellen mehr Veränderung durch Zwang, Angst und Druck, als durch echte innere Einsicht und Umkehr. Es ist klar, dass im konkreten Glaubensalltag so manches nur mit innerem oder äußerem Druck läuft. Aber das bleibt für mich dennoch das Ideal: Dass Menschen Gottes Güte erkennen und aus Dankbarkeit heraus, weil sie gar nicht anders können, Veränderung und Erneuerung geschieht.

Dabei darf die Rede von Gottes Liebe, Güte und Gnade nicht zu einer „billigen Gnade“ führen. Das wird bei Paulus in diesem Abschnitt ganz deutlich. Es kann nicht das Ziel sein, von vornherein mit Gottes Güte zu rechnen und sich nur bequem darin auszuruhen. Nach dem Motto: Ich kann ja tun und lassen, was ich will – Gott vergibt mir ja sowieso. Nein, wenn man so denkt, hat man Gottes Güte nicht wirklich verstanden. Das Ziel von Gottes Güte ist nicht das Schönreden der Sünde, sondern die Umkehr und die Erneuerung.

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Johannes 21, 15-19 Liebst du mich?

Liebst du Jesus? Ja, ich liebe ihn. Ich weiß, dass Leben nur mit ihm sinnvoll ist, dass nur er mich zum Ziel führen kann, dass ich auf seine Gnade, Liebe und Treue angewiesen bin. Liebst du Jesus? Nein, nicht in dem Maße und mit der Hingabe, wie er es verdient hätte. Meine Liebe ist bruchstückhaft und unvollendet, sie ist schwankend und zweifelnd. Meine kleine Liebe ist dem großen Gegenüber nicht angemessen.

Jesus kennt unsere Herzen. Ihm kann ich mein unvollkommenes und oft widerspenstiges Herz nur immer wieder neu hinlegen. Er versteht besser als ich selbst, was in diesem Herzen vorgeht. Ich bete darum, dass er es fest hält. Ich kann nicht mit der Größe meiner Liebe prallen. Ich kann nicht für die Stärke meiner Hingabe garantieren. Ich kann mich nicht auf meine eigene Liebeskraft verlassen. Ich kann mich nur auf Jesus verlassen, der mich sehr viel mehr liebt, als ich jemals lieben kann.

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Johannes 15, 9-17 Solch eine große Liebe

Rechnet Jesus wirklich damit, dass wir das können? Dass wir einander lieben können, so wie Jesus uns geliebt hat (V.12)? V.13 macht deutlich, wie groß und tief diese Liebe ist: „Niemand hat größere Liebe, als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ Können wir solch eine gr0ße und selbstlose Liebe haben, wie sie Jesus am Kreuz gezeigt hat? Für Jesus scheint solch eine Liebe die Voraussetzung zu sein, um sein Freund zu sein (V.14). Meint er das wirklich ernst? Oder will er uns einfach nur unsere Unfähigkeit vor Augen führen?

Vielleicht beides ein bisschen: Dieser Text zeigt uns unser Unvermögen. Solch eine Liebe können wir nicht aus uns selbst heraus produzieren. Die muss uns geschenkt werden. Zugleich rechnet Jesus damit, dass Gott uns solch eine Liebe auch wirklich schenken kann. Nicht wir können diese Frucht hervorbringen, sondern Jesus hat uns dazu erwählt und bestimmt, dass wir Frucht bringen. Voraussetzung und Startpunkt ist die Liebe Jesu (V.9) und seine Erwählung. Anders geht es nicht.

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Johannes 13, 31-38 Das neue Gebot

Da ist sie wieder, diese Überforderung, vor die Jesus seine Jünger stellt. Er gibt ihnen eine „neues“ Gebot: sie sollen einander lieben, so wie er sie geliebt hat. Das neue an diesem Gebot ist nicht, dass wir andere lieben sollen (das sagt auch schon das Alte Testament), das Neue ist der Maßstab: „so wie ich euch geliebt habe“. Und gerade das ist die große Herausforderung und ich denke auch Überforderung des christlichen Glaubens. So zu lieben, wie Jesus geliebt hat, das schafft kein Mensch!

Wenn der christliche Glaube alleine eine menschliche Religion wäre, dann müsste man an diesem Anspruch verzweifeln. Wir sollen alle solche eine perfekte und göttliche Liebe haben, wie sie uns Gott selbst in seinem Sohn vorlebt – unmöglich! Das ist nur möglich, wenn nicht wir selbst versuchen, göttlich zu werden, sondern wenn wir versuchen möglichst durchlässig und offen für Gottes Liebe zu werden. Wir können Gottes Licht nicht imitieren, aber wir können möglichst transparent für Gottes Licht werden. Gerade dieses neue Gebot zeigt mir nicht, dass ich mich mehr anstrengen muss, um Jesus ähnlicher zu werden, sondern es zeigt mir meine Angewiesenheit auf Jesus Christus: Ohne dass er seine Liebe in mir und durch mich wirken lässt, funktioniert das alles nicht.

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Johannes 9, 8-23 …und niemand freut sich

Eine seltsame Heilsungsgeschichte. Anstatt dass sich die Menschen freuen, dass ein Blinder wieder sehend wurde und Gott dafür loben, wird der Geheilte ausgefragt wie ein Verbrecher. Wie ist das geschehen? Wer hat das getan? Als dann noch heraus kommt, dass die Heilung an einem Sabbat geschah, rückt nicht nur Jesus selbst, sondern auch der Geheilte und seine ganze Familie noch mehr ins Zwielicht.

In der Art wie diese Begebenheit erzählt wird, spiegelt sich sicher auch die Situation zwischen der christlichen Gemeinde und der jüdischen Gemeinde zur Zeit der ersten Leser wieder. In dem Abschnitt hier taucht Jesus selbst nicht auf, es ist nur ein Gespräch zwischen einem von Jesus Geheilten und seinem Umfeld. Viele sind misstrauisch und wollen genau wissen, was geschehen ist. Die Eltern des Geheilten haben Angst davor, mit Jesus in Verbindung gebracht zu werden. Zur Zeit der Abfassung des Johannesevangeliums gab es wohl solche Spannungen zwischen jüdischer und christlicher Gemeinde. Zu dieser Zeit wurden auch Christen aus der Synagoge ausgestoßen (V.22). Immerhin wird in dem Abschnitt auch deutlich, dass sich die Pharisäer untereinander nicht einig waren (V.16). Manche sahen in Jesus durchaus jemand, der von Gott kam, andere lehnten ihn ganz ab.

Auf jeden Fall ist es traurig, wenn ein solch positives Ereignis wie eine Heilung durch verschiedene theologische oder glaubenspolitische Standpunkte zerredet wird. So geht es, wenn Theologie und Dogma wichtiger werden als Gottes Liebe zu den Menschen. Das heißt nicht, dass Theologie und Dogma unnötig sind, aber dass sie im richtigen Verhältnis eingeordnet werden müssen.

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