Römer 9, 1-5: Keine fromme Nabelschau

Nach diesem inhaltlichen Höhepunkt am Ende von Kapitel 8 setzt Paulus nun zu einem neuen Thema an. Er beschäftigt sich jetzt ausführlich mit der Frage nach Israels Errettung. Nirgends im NT wird diese  Frage so intensiv behandelt, wie hier. Inhaltlich passt es an diese Stelle, weil es auch vorher um Erwählung und Errettung gegangen ist und auch darum, dass uns nichts von der Liebe Gottes trennen kann. Trotzdem ist es erstaunlich, dass Paulus sich so viel Zeit für dieses Thema nimmt. Es scheint ihm selbst sehr am Herzen  zu liegen und vielleicht ist es auch für die römische Gemeinde ein wichtiges Thema.

Gleich zu Beginn macht Paulus zwei Dinge deutlich: Seine persönliche Verbundenheit mit Israel und Gottes grundsätzliche Stellung zu Israel. Paulus selbst würde zugunsten seiner Brüder und Schwestern alles geben und Gott hat Israel in eine besondere Stellung auserwählt. Gerade deswegen ist es für Paulus so schmerzlich, dass die große Mehrheit seines Volkes, Jesus nicht als den Messias anerkennen will.

Das schätze ich bei Paulus: dass er sein Leben und Denken nicht an seinem Ego ausrichtet, sondern dass es ihm wirklich um das Beste für Andere geht. Er war sicher auch nicht perfekt, aber er hat sich wirklich mit allem ganz in den Dienst für andere hinein gegeben. Ich merke bei mir selbst, wie ich mich auch in meinem Glauben sehr oft um mich selbst drehe und mit meinen Problemen und Sorgen beschäftigt bin. Es ist tragisch, dass wir in einem Land, in dem es uns materiell ziemlich gut geht und in dem wir unseren Glauben in Freiheit leben dürfen, viel zu oft mit frommer Nabelschau beschäftigt sind und uns auch als Gemeinden viel zu oft mit unseren eigenen Problemchen beschäftigen. Ich weiß dass das nur menschlich ist – aber es wäre schön, wenn wir ab und zu einen Blickwechsel vornehmen könnten.

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Römer 8, 31-39: Gott schenkt uns alles?

Das klingt zunächst einmal nach einer sehr triumphalen Theologie und auch ein bisschen nach Wohlstandsevangelium: Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein? Wer kann uns noch widerstehen? Gott schenkt uns in Christus alles – nicht nur ein wenig Trost, sondern alles! Das schließt dann doch auch materielle Dinge und leibliche Wohlergehen mit ein, oder?

Aber der weitere Text macht dann doch deutlich, dass es nach wie vor viele Dinge gibt, die gegen uns sein können und die uns bedrängen können: Trübsal, Angst, Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr, Schwert (V.35). Das klingt nicht gerade nach einem bequemen Wohlstandsevangelium. Denn Paulus sagt ja nicht, dass diese Dinge uns nicht mehr treffen können, sondern sein entscheidender Punkt ist, dass sie uns nicht mehr scheiden können von der Liebe Christi. Das heißt im Klartext: Sie werden kommen, sie werden wider uns sein, aber sie werden uns nicht von der Liebe Christi trennen können.

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Sacharja 11, 4-17 Zerbrochene Hirtenstäbe

Nach den Verheißungen in Kap. 10 folgen unvermittelt massive Droh- und Gerichtsworte. Für uns als Leser heute ist es schwer nachzuvollziehen, warum sich der Inhalt und der Ton so plötzlich verändert. Wir kennen die konkreten Hintergründe nicht mehr, in welche der Prophet die jeweiligen Worte hinein sprach. Gott macht hier seinem Volk und den Hirten des Volkes den Vorwurf, dass sie ihn nicht mehr wollen (V.8). Die Konsequenz ist, dass Sacharja symbolisch die zwei Hirtenstäbe Gottes, welche Huld und Eintracht genannt werden, zerbricht.

Was auch immer die genauen Hintergründe sind, es wird deutlich, dass es Folgen hat, wenn wir Menschen uns von Gott abwenden. Wenn wir Gott, seine Verheißungen und sein Segen nicht wollen, dann bekommen wir ihn auch nicht. Wenn wir unser Glück woanders suchen, dann lässt das zu. Zugleich merkt man diesem Text an, dass es Gott nicht egal ist, er ringt um sein Volk. Er will sie wachrütteln. Insofern sind auch diese Gerichtsworte ein Ausdruck seiner Liebe.

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1.Johannes 4, 11-16 Wie lebe ich richtig?

Das ist christliche Ethik im Kurzformat: „Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.“ (V.11) Das ist das Wichtigste und Grundlegendste, was es zu christlicher Moral zu sagen gibt. Gott liebt uns und er hat uns diese Liebe in Jesus Christus gezeigt. Er liebt nicht nur dich unendlich, sondern jeden Menschen dem du begegnest. Die einzig logische und richtige Konsequenz ist, dass wir selbst versuchen, uns untereinander so zu lieben, wie Gott uns geliebt hat.

Christliches Handeln geschieht nicht aus Angst vor einem zornigen Gott, der uns irgendwann nicht durch die Himmelstür hindurch lässt. Christliches Handeln ist kein blinder Buchstabengehorsam gegenüber einem für alle Zeiten festgelegten Regelwerk. Christliches Handeln ist aber auch keine Gleichgültigkeit, die den Anderen seine Freiheit lässt, auch wenn er auf den Abgrund zu läuft. Christliches Handeln ist ein Leben, das sich an der Liebe Gottes orientiert.

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1. Johannes 4, 7-10 Gott ist die Liebe

Zu diesem Text ist mir eine Liedzeile vom wunderbaren Jens Böttcher eingefallen: „Es ist klingt so flach und ist so tief.“ Diese Zeile ist aus seinem Lied „Nur die Liebe“ (zu hören auf boettchercom.de unter dem Album „Reisefieber“). In diesem Lied geht es darum, dass uns nur die Liebe retten und Leben schenken kann. Wie Jens richtig sagt, klingt das so abgedroschen und flach – und trotzdem ist es eine der tiefsten Wahrheiten, die es für uns Menschen gibt.

„Gott ist die Liebe“ (V.8). Wenn wir auch nur eine kleine Ahnung von dieser tiefen Wahrheit bekommen, dann ist das alles andere als flach und abgedroschen. Dann kommen wir Gottes Wesen und Herzen ganz nahe.

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Rainer Buck: Aljoscha

Eine vermessene wie zugleich auch faszinierende Idee steckt hinter Rainer Bucks erstem Roman: Wie würde sich die Figur Aljoscha aus Dostojewskis letztem Roman „Die Brüder Karamasow“ weiterentwickeln? Natürlich ist Buck schlau genug, diesen Versuch nicht direkt zu unternehmen, sondern er schreibt über einen naiven Sonderling, der genau das zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat: den großen Roman von Dostojewski und insbesondere die Figur des Aljoschas fortzuschreiben. Und natürlich tauchen bei Bucks Hauptperson, Karel Puto, gewisse Ähnlichkeiten zur Person des Aljoschas auf. Auch er besitzt eine Art heilige Einfalt und will sich ganz auf die Liebe Gottes ausrichten.

Das Buch beschreibt die Suche von Karel Puto nach realen Vorbildern für seine Romanfigur. Dabei öffnet der eigenbrötlerische Einzelgänger sich immer mehr der Welt und den Menschen um ihn herum. Er wird dabei in verschiedene Milieus verwickelt – unter anderem in die von Sarkasmus geprägte Welt eines Literaturkritikers, in das Rotlichtmilieu und in die Welt der Obdachlosen. Und natürlich taucht auch in Form von Nadja eine Frau in seinem Leben auf, von der er selbst aber in seiner Naivität erst spät erkennt, dass er sie liebt. Durch diese Öffnung für die Welt wird Puto selbst verändert, aber er verändert auch die Menschen um ihn herum. Er verändert die Welt nicht durch beredete Überzeugungskunst oder durch Heldentaten, sondern durch seine schlichte Liebe, Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft. Dabei wird nicht nur er selbst innerlich und äußerlich im Durcheinander unserer Welt verletzt, sondern er merkt auch, wie er selbst gerade in seiner kindlichen Naivität durch unüberlegtes Handeln andere verletzt.

Am Ende seiner Suche nach Aljoscha stellt er fest, dass es den idealen Heiligen in der wirklichen Welt nicht gibt. Aber er stellt auch fest, dass ein wenig von Aljoscha in vielen verschiedenen Personen aufleuchtet – auch in ihm selbst. Den perfekten Heiligen gibt es nicht, und doch taucht in vielen Menschen die bewusst oder auch unbewusst mit Gott unterwegs sind, auch etwas von Gottes Liebe auf. Gerade in seinem einfältigen Vertrauen auf Gott ist Karel Puto so etwas wie die indirekte Fortführung der Romanfigur Aljoscha.

Das Buch ist offensichtlich eine Hommage an den großen russischen Schriftsteller Dostojewski. Zugleich wird in der Romanfigur des Privatgelehrten Hiller auch Karl May geehrt. May wird ja oft leichtfertig in die Kinderbuchabteilung abgeschoben, aber Buck macht in seinem Roman deutlich, dass Karl May auf einer anderen Ebene als der unmittelbaren Handlung durchaus etwas zu sagen hat. Beide, Dostojewski und May, wollen etwas von ihrem christlichen Glauben weitergeben. Aber nicht auf plumpe und direkte Art, sondern eingebettet und vermittelt durch ihre Geschichten. Darum geht es auch Rainer Buck. Er möchte etwas von seien christlichen Überzeugungen weitergeben, ohne den Leser als „Evangelisationsobjekt“ zu behandeln.

Mir hat der Roman sehr gut gefallen, ich hab ihn gerne gelesen. Vor allem die differenzierte Art vom christlichen Glauben zu reden, hat mir zugesagt. Es wird deutlich, dass mit Jesus nicht einfach alles ohne Probleme läuft. Auch im Leben der Glaubenden tun sich so manche Abgründe auf, auch sie sind nicht perfekt. Es wird aber auch deutlich, dass das Fragen nach Gott und die Suche nach Liebe (welche mehr ist als ein Produkt des menschlichen Hormonhaushaltes) zu einem sinnvollen Leben dazu gehört. Aljoscha hat mir auch besser gefallen als Bucks zweiter Roman „44 Tage mit Paul“. Auch dort geht es um einen naiven und einfältigen Heiligen, der ganz selbstverständlich Gottes Liebe in die Welt trägt. Allerdings orientiert sich Buck dort mehr an einem anderen Lieblingsschriftsteller von ihm: Nick Hornby. Und zugleich geht er dort das Wagnis ein, aus der Perspektive einer weiblichen Hauptperson zu erzählen. Ich finde, die neutrale Erzählerperspektive aus Aljoscha und die Orientierung an Dostojewski liegt ihm mehr…

Stilistisch ist das Buch gut geschrieben. Spannungsbögen werden aufgebaut und das Interesse des Lesers an den Verwicklungen, in welche Karel Puto hinein gerät, wird wachgehalten. An manchen Stellen gerät der Autor aber zu sehr ins Dozieren und Erklären, eine Schwäche die er im Roman auch (mit einem Augenzwinkern?) seinen Figuren Puto und Hiller mitgegeben hat. Etwas verwirrend für mich als Leser war auch von der Handlung her der Bruch zwischen dem ersten und dem zweiten Teil. Das fand ich zu hart und unvorbereitet. Im ersten Teil ging es um die Beschreibung der aufkeimenden Liebe zwischen Karel und Nadja, welche dann im zweiten Teil durch Karels „Ausstieg“ aus der bürgerlichen Welt jäh unterbrochen wird und erst gegen Ende wieder aufgenommen wird.

Auf jeden Fall ein Buch, das zum Nachdenken anregen will und das auch tut. Ein Buch, das mehr bieten möchte als seichte Unterhaltung und das trotzdem unterhaltend zu lesen ist. Ein Buch, das zur eigenen Suche nach Gott anregen möchte, ohne fertige und platte Antworten auf dem Silbertablett zu servieren. Sehr schön!

(Amazon-Link: Rainer Buck: Aljoscha)

Rob Bell: Love wins – Das letzte Wort hat die Liebe

An dieses Buch bin ich mit sehr gemischten Gefühlen heran gegangen. Einerseits finde ich, dass Rob Bell ein faszinierender Prediger und Autor ist. Auf wundervoll poetische Weise entfaltet er biblische Texte und haucht ihnen neues Leben ein. Er schafft es, den scheinbar altbekannten Jesus Christus wieder neu zum Leuchten zu bringen. Mit seiner Art von Gott zu erzählen, schafft er es, in unserer postmodernen Welt Menschenherzen ganz tief zu berühren – so wie kaum ein zweiter. Andererseits wird ihm aus dem evangelikalen Lager unbiblische Lehre und Verwässerung des Evangeliums vorgeworfen. Und das ganz besonders bei diesem Buch. Auch aus meiner Sicht klingt der Titel und Untertitel des amerikanischen Originalbuches ziemlich platt nach einer bequemen Allversöhnungslehre: „Love wins – A Book About Heaven, Hell, and the Fate of Every Person Who Ever Lived“ (Die Liebe gewinnt – Ein Buch über Himmel, Hölle und das Schicksal eines jeden Menschen, der je gelebt hat).

Ich habe die britische Ausgabe des Buches gelesen und da klingt der Untertitel nicht so plakativ: „At the heart of life’s big questions“ (Am Herzen der großen Lebensfragen). Das trifft meines Erachtens die Intention des Buches besser. Denn in seiner typischen Art stellt Bell in diesem Buch viele Fragen. Er möchte vor allem eine selbstsichere, selbstgerechte und scheinbar selbstverständliche christliche Ansicht von Himmel und Hölle in Frage stellen.

Das Buch ist kein dogmatisches Lehrbuch. Rob Bell betreibt Theologie nicht im gewohnten systematisch-theologischen Stil, bei dem Argumente möglichst neutral dargestellt, abgewogen und dann dogmatische Lehrsätze daraus gezogen werden. Sein Stil erinnert mich mehr an die theologischen Auseinandersetzungen in den Evangelien. Weder die Pharisäer, noch die Sadduzäer, noch Jesus selbst präsentieren ein abgeschlossenes dogmatisches Lehrsystem, bei welchem aus These und Antithese die logische Synthese gezogen wird. Nein, es werden Fragen gestellt, es wird diskutiert, es wird gestritten. Es werden Geschichten erzählt und in diesen Geschichten werden theologische Inhalte transportiert. Wir Christen heute in der westlichen Welt sind mehr von der griechisch-philosophischen Logik geprägt. Jesus selbst ist in einem jüdisch-rabbinischen Umfeld zu Hause. Da wird Theologie nicht mit dogmatischen Lehrsätzen betrieben, sondern im Gespräch, als Frage- und Antwort-Spiel, als Diskussion.

Bells Buch ist ein Diskussionsbeitrag (hinter dem durchaus eine theologische Position steckt), es ist keine ausgewogene systematisch-theologische Darlegung. Auf diese Weise muss man es lesen und einordnen. Das macht den Reichtum, aber auch die Schwierigkeit des Buches aus. Es gibt durchaus einiges in dem Buch, das mir nicht gefällt, das ich anders sehe. Aber es gibt auch wundervolle und goldrichtige Passagen. Sehr schön deutlich macht Bell z.B., dass Himmel und Hölle nicht erst nach dem Tod beginnen, sondern dass sie schon jetzt in unserem Leben gegenwärtig sein können – je nachdem, an was wir unser Leben ausrichten.

Was mich stört, ist der polemische Ton, mit dem er die traditionelle Sicht von Himmel und Hölle darstellt. Durch suggestive Fragen stellt er sie als völlig lächerlich dar. Er nimmt die Gegenposition gar nicht ernst, sondern kämpft gegen eine platte und vereinfacht dargestellte Sichtweise. So wie er es darstellt, muss man natürlich gegen solche Vorstellungen von Himmel und Hölle sein. Überhaupt spielt er oft mit den Gefühlen seiner Leser. Er bringt viele Geschichten und praktische Beispiele, welche betroffen machen und welche seine eigene Position unterstützen. Das ist sein gutes Recht und das macht auch die Lebensnähe des Buches aus – aber es wirkt bei diesem strittigen Thema doch auch manipulativ. Natürlich führt Bell in seinem Buch auch nur Stellen an, welche die übergroße Liebe Gottes und seinen Heilswillen für alle Menschen unterstreichen. Differenzierte Auseinandersetzungen mit Stellen über Gottes Heiligkeit und Zorn sucht man vergebens. Auch seine Auslegungsmethode scheint zuweilen etwas willkürlich. Bibelstellen die seiner Meinung widersprechen, beschreibt er als metaphorische Übertreibungen. Andere Stellen (wie z.B. Mt. 10,15: Sodom und Gomorra wird es am Tag des Gerichts erträglicher ergehen, als den Zeitgenossen Jesu) nimmt er ganz schlicht wörtlich (weil das wörtliche Verständnis in diesem Fall besser in sein Konzept passt).

Der entscheidende Vorwurf gegen Rob Bell ist nun aber nicht so einfach zu beurteilen: Lehrt er nun eine Allversöhnung oder nicht? Ja und Nein! Einerseits läuft die ganze Richtung des Buches darauf zu. Andererseits betont er aber auch ausdrücklich, dass wir die Frage, ob alle gerettet werden, nicht beantworten können (in meiner Ausgabe: S. 115). Was auf jeden Fall deutlich ist: er schließt eine Allversöhnung nicht aus. Er rechnet mit der Möglichkeit, dass auch nach dem irdischen Tod Menschen noch die Möglichkeit haben, zu Gott zu finden.

Auf jeden Fall ein Buch das zum Nachdenken und diskutieren einlädt. Und zwar nachdenken und diskutieren über wichtige Fragen. Rob Bell warnt uns vor vorschnellen und scheinbar einfachen Lösungen. Er macht die Liebe Gottes groß und öffnet auch für fragende Menschen einen großen Raum vor Gott. Er hinterfragt all zu platte Vorstellungen von Himmel und Hölle. Er warnt uns vor der Hybris, dass wir Menschen genau eine Trennlinie ziehen können, zwischen denen die gerettet sind und denen die leider draußen bleiben müssen. Aber auf jeden Fall auch ein Buch, das selbst kritisiert und hinterfragt werden muss.

(Amazon-Link zur dt. Ausgabe: Rob Bell: Das letzte Wort hat die Liebe)

Hesekiel 16 Der verlassene Liebhaber

Was für ein Kapitel! Da spricht ein verlassener Liebhaber. Er ist enttäuscht, zornig,eifernd und doch immer noch voller Liebe. Jerusalem wird als Frau geschildert, die von Gott aus der Gosse gerettet wurde. Er hat sie liebevoll großgezogen und sie schließlich zu seiner Frau genommen. Unter seiner Fürsorge ist sie zu einer Schönheit herangewachsen und durch die Verbindung mit ihm zu Ansehen gelangt. Und trotzdem hat sie ihren Mann einfach sitzen gelassen und hat sich mit anderen Männern vergnügt. Ausführlich werden die Verirrungen auf religiösem und politischen Gebiet geschildert.

Das erstaunlichste aber ist das Ende des Kapitels. Obwohl die Frau bewusst, willentlich und wiederholt den Bund gebrochen hat, verspricht dieser betrogene Ehemann sich weiter an seinen Bund zu halten – ja, er will sogar einen ewigen Bund aufrichten (V.60). Trotz allem was geschehen ist, will er vergeben (V.63). Obwohl der zornige und enttäuschte Liebhaber davon spricht, sein Frau zu richten und sie zu bestrafen, wie man Ehebrecherinnen bestraft (V.38), siegt am Ende doch seine Liebe und sein Erbarmen. Was für ein Wunder ist diese Liebe Gottes!

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Hesekiel 11 Das letzte Wort hat die Liebe

Immer wieder taucht bei Hesekiel zwischen Gerichtsankündigungen die Formulierung auf: „… ihr sollt erfahren, dass ich der Herr bin.“ (V.10.12) Das ist Hesekiel offensichtlich wichtig: Zielpunkt des Gerichts ist nicht die Vernichtung des Menschen, sondern die Erkenntnis Gottes! Interessant auch, dass schon in Kap. 11 Hesekiel eine Erneuerung von Gott her ankündigt (schon vor der Zerstörung des Tempels): „Und ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben…“ (V.19). Auch hier wird deutlich, was Gottes Ziel mit seinem Volk ist: die Erneuerung (wobei diese Verse ausdrücklich an die Exilanten in Babylon gerichtet sind und nicht an die zurückgebliebene Führungsschicht in Jerusalem – diese soll Gottes Gericht treffen; V.9).

Zur Zeit wird ja in den USA und auch in Deutschland heftig über das neue Buch von Rob Bell diskutiert („Love wins“ / dt. Titel: „Das letzte Wort hat die Liebe“). In dem Buch stellt er zumindest in Frage, ob es eine ewige Verlorenheit und ewige Höllenqualen gibt. Der Titel gibt die Tendenz des Buches an: Rob Bell geht davon aus, dass am Ende die Liebe gewinnen wird. Ich hab das Buch nicht gelesen und kann dazu kein qualifiziertes Urteil abgeben. Hesekiel 11 hat mich an die Diskussion um dieses Buch erinnert. Auch hier schimmert durch alles Gericht hindurch der Heilswille Gottes auf. Insofern finde ich die Anfragen von Rob Bell durchaus berechtigt. Sollte Gott in seiner unendlichen Liebe, in der er sich sogar selbst für uns geopfert hat, nicht einen Weg finden, um am Ende doch noch mit einem jeden Geschöpf seiner Schöpfung zum Ziel zu kommen?

ABER: Biblisch gesehen kann ich aus dieser Anfrage keine prinzipielle Lehre machen! Für mich persönlich bleibt es eine Hoffnung, die in der Bibel durchaus ihre Anhaltspunkte findet. Ich weiß Gott ist die Liebe in Person. Ich weiß er will das Heil aller Menschen. Ich weiß, dass Gott im Alten Testament sein Volk immer wieder durch das Gericht hindurch zu neuem Leben geführt hat. Aber das letzte Wort über das persönliche Schicksal jedes Einzelnen muss ich Gott überlassen. Ja, das letzte Wort hat die Liebe – aber gerade im Vertrauen darauf darf ich Gott dieses letzte Wort überlassen und die Ernsthaftigkeit der biblischen Gerichtsankündigungen nicht von vornherein abschwächen.

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Exodus 34, 11-28 Ein eifersüchtiger Gott

Schon erstaunlich, wie „menschlich“ an manchen Stellen von Gott gesprochen wird. Mir ist heute V. 14 aufgefallen: „Der Herr heißt ein Eiferer; ein eifernder Gott ist er.“ Die Elberfelder Bibel übersetzt wörtlicher und schärfer: „Der HERR, dessen Name «Eifersüchtig» ist, ist ein eifersüchtiger Gott.“ Nicht nur ein eifernder Gott, sondern ein eifersüchtiger. Eifersucht nicht nur als eine Eigenschaft, sondern sogar als sein Name! Ist Eifersucht nicht ein zutiefst menschliches Gefühl? Hat Gott so was überhaupt nötig? Steht er nicht weit über solchen Gefühlen?

Offensichtlich nicht. Die Gute-Nachricht-Bibel überträgt diese Stelle folgendermaßen: „Ich, der HERR, bin ein leidenschaftlich liebender Gott und erwarte auch von euch ungeteilte Liebe.“ Hinter der Eifersucht Gottes steht die leidenschaftliche Liebe Gottes zu uns Menschen. Natürlich kann er ohne uns auskommen, natürlich braucht er uns nicht – aber er will uns, er liebt uns so sehr, dass es ihn schmerzt, wenn wir uns von ihm abwenden. Er wendet sich uns mit leidenschaftlicher, ungeteilter Liebe zu – und er erwartet dasselbe auch von uns.

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