Römer 8, 26-30: Himmlisches Seufzen

Ich finde es bezeichnend, dass der Geist Gottes uns nicht beim Jubeln hilft, sondern dass er uns mit himmlischem Seufzen hilft. Es gibt viel Schönes in dieser Welt, über das wir uns freuen können und über das wir vor Gott jubeln können. Aber es gibt auch vieles, bei dem wir nur Seufzen können – auch als erlöste Christen.

Vor diesem Hintergrund kann ich auch den herausfordernden V.28 besser einordnen: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Das ist nicht leichtfertig dahingesagt, so als ob uns die Schmerzen dieser Welt gar nicht mehr berühren könnten. Das ist kein triumphales Bekenntnis, dass wir stärker sind als alle Anfechtungen dieser Welt. Nein, das ist ein Festklammern unter Seufzen, dass Gott es am Ende gut machen wird.

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Römer 5, 1-5: Kein Schönwetterglaube

Auf den ersten Blick ist es kaum nachvollziehbar, warum wir uns der Bedrängnisse rühmen sollen. Das klingt so negativ. Aber Rechtfertigung ist doch etwas Positives. Gott will uns doch befreien, er will und Frieden und Hoffnung schenken. Er will doch nicht, dass wir unter Bedrängnissen leiden! Offensichtlich geht Paulus aber davon aus – und hat es oft genug am eigenen Leib erlebt – dass gerade Christen in Bedrängnis geraten. Nicht trotz ihres Glaubens, sondern oft genug wegen ihres Glaubens. Für Paulus bricht damit der Glaube nicht zusammen, sondern im Gegenteil: er hat die Chance zu wachsen.

Paulus Antwort auf Bedrängnis ist nicht die schnelle Aufgabe, sondern die geduldige Ausdauer. Es geht ihm um ein ausdauerndes Dranbleiben am Glauben. Um ein Festhalten trotz Widerständen. Wenn wir in Not geraten, dann haben wir zwei Möglichkeiten: Die Not kann uns weg von Christus treiben, oder sie kann uns um so näher zu Christus hin treiben. Schönwetterglaube ist relativ einfach. Tiefer und fester wird der Glaube aber vor allem in Krisenzeiten. Wer in solchen Zeiten an Gott festhält und dann auch erfährt, dass er gehalten wird, der erfährt auf einer ganz anderen Ebene, dass sich Glaube bewährt. Der kann ganz neu auf Christus hoffen und vertrauen.

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Johannes 18, 1-11 Keine menschliche Tragödie

Beim Lesen musste ich vor allem an die Parallelberichte in den anderen Evangelien denken. Und da fällt sofort auf, wie anders Johannes diese Szene schildert. Er betont in seiner Darstellung die Hoheit Jesu und dass es sein längst gefasster Entschluss ist, ans Kreuz zu gehen. Kein Wort von einem Gebetskampf unter Blut und Tränen, sondern ein gelassener Jesu, der „alles wusste, was ihm begegnen sollte“ (V.4). Kein verräterischer Kuss durch Judas, sondern ein selbstbewusstes „Ich bin’s“ (V.5) von Jesus. Die Soldaten die ihn verhaften sollen fallen angesichts solch einer Hoheit sogar vor Ehrfurcht auf den Boden (V.6). Nur in V.11 findet sich noch eine kleine Anspielung auf das Ringen Jesu, ob er diesen Kelch trinken soll oder nicht. Aber hier sehen wir nur das Ergebnis – Jesus geht bei Johannes ganz selbstverständlich und bewusst den Weg ins Leiden.

Ist das nun eine Verzerrung der historischen Wahrheit, die damals geschehen ist? Nein, denn eine absolut neutrale Geschichtsschreibung gibt es nicht. Jeder erzählt seine Wahrnehmung aus einem bestimmten Blickwinkel. Jeder hat seine weltanschauliche Brille auf, durch die er die Welt und was in ihr ist, wahrnimmt. Johannes will durch seine bewusst andere Darstellung etwas in dem Geschehen herausarbeiten, das in dem Geschehen auch drin steckt. Er will nichts erfinden oder beschönigen, sondern eine verborgenen Wahrheit des Getsemanegeschehens offenbaren. Für Johannes ist Jesu Weg ans Kreuz ein Weg der Erhöhung zum wahren König Israels. Was auf den ersten Augenblick aussieht wie eine menschliche Tragödie ist in Wahrheit ein göttlicher Triumph über Sünde und Tod.

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Johannes 5, 1-9 So ist Gott

Wieder einmal wird deutlich, wie sorgfältig Johannes die Ereignisse für sein Evangelium ausgesucht und angeordnet hat. Nach der Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten, folgt eine weitere Heilung – allerdings am anderen Ende der Gesellschaft. Zuerst jemand der mit den römischen Besetzern zusammen arbeitet, dann jemand, der wegen seiner langjährigen Krankheit aus der Gesellschaft ausgeschlossen ist. Zuerst jemand, der von sich aus auf Jesus zukommt und um Heilung bittet, dann jemand, der von Jesus angesprochen wird. Johannes macht damit deutlich: Jesus wendet sich allen zu. Es gibt für ihn keine gesellschaftlichen oder politischen Schranken.

Mich berührt die Leidensgeschichte dieses kranken Mannes. 38 Jahre lang ist er schon krank und er scheint die Hoffnung aufgegeben zu haben. Andere sind immer schneller als er. Als Jesus ihn fragt, ob er gesund werden will, antwortet er darauf gar nicht, sondern erklärt nur, warum er darauf keine Hoffnung hat. Trotzdem wendet Jesus sich ihm zu – ungefragt und ungebeten. Aus reiner Barmherzigkeit. Auch das ist ein Zeichen. Ein Zeichen an dem Gottes Wesen deutlich wird.

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Johannes 1, 29-34 Lamm Gottes

Gleich zu Beginn des Evangeliums wird deutlich gemacht, wer dieser Jesus von Nazareth ist: er ist „Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“ (V.29) und er ist „Gottes Sohn“. Im Lauf des ersten Kapitels folgen noch andere Hoheitstitel: „Messias“ (V.41), „König von Israel“ (V.49) und „Menschensohn“ (V.51). Gottes Lamm ist sicher eine Anspielung auf den Gottesknecht aus Jesaja, der „um unserer Sünde willen zerschlagen“ (Jes.53,5) wird und der ist „wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird“ (Jes.53,7). Zugleich ist es eine Anspielung auf das Passalamm, das jedes Jahr zur Erinnerung an die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten geschlachtet wird. Jesus wird später genau am Passafest als das Lamm Gottes sterben.

Nach dem fulminanten Auftakt des Evangeliums (V.1-14), in welchem Jesus als Schöpfungsmittler, als Licht der ganzen Welt und als Sohn Gottes vorgestellt wird, in dem die Herrlichkeit Gottes aufstrahlt, ist der Titel „Lamm Gottes“ doch eher bescheiden. Was kann ein Lamm schon ausrichten? Ein Lamm ist ein kleines schutzloses Wesen, das auf die Schlachtbank geführt wird. Was ändert sich, wenn ein undschuldiges Lamm den ganzen Dreck, den ganzen Hass, die ganze Bosheit dieser Welt trägt? Mir kommt Jesus auch heute noch oft so vor wie ein kleines Lamm, das nichts anderes tun kann, als an der Bosheit dieser Welt zu leiden. So manches mal wünsche ich mir, dass ich Jesus nicht nur als Lamm, sondern auch als Löwe erlebe.

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Hebräer 4, 14 – 5, 10 Thron der Gnade

Der Hebräerbrief hat ein ganz eigenes Bild vom Wirken Jesu Christi: er bezeichnet ihn als den wahren Hohepriester. Kein anderes Buch des Neuen Testament sagt dies über Jesus aus. In diesem Abschnitt sieht der Hebräerbrief zwei Gemeinsamkeiten zwischen einem Hohepriester im Tempel in Jerusalem und Jesus Christus. Beide können mit den Menschen, die mit ihren Sünden vor Gott kommen, mitfühlen. Der Hohepriester im Tempel, weil er selbst ein Mensch mit Sünden ist. Jesus Christus ist dagegen ohne Sünde, aber er hat in seinem irdischen Leben gelitten (V.7) und kann deshalb unsere Schwachheit verstehen (V.15). Außerdem sind beide von Gott berufen – sie ernennen sich nicht selbst, sondern werden von Gott auserwählt.

Mich hat an dem Abschnitt vor allem angesprochen, dass wir nicht voller Furcht zum Thron Jesu Christi kommen müssen, sondern dass wir Zuversicht haben dürfen (V.16). Es ist kein Thron des Gerichts und der Verdammnis, sondern der Gnade und Barmherzigkeit. Derjenige der auf dem Thron sitzt kennt unsere Leiden und unsere Schwachheit. Er hat selbst gelitten und kann uns nur zu gut verstehen. Das heißt allerdings auch, dass ich vor mir selbst und vor Jesus meine Schwäche auch zugeben muss. Wenn ich meine Schwäche gar nicht wahrhaben will, dann brauche ich nicht zum Thron der Gnade kommen.

Kolosser 1, 24-29 Ich freue mich der Leiden

„Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide.“ (V.24) Was für eine Aussage! Das sind völlig andere Gedanken, als wir verwöhnten westlichen Mittelstandchristen normalerweise denken. Leiden an sich ist ja schon etwas, was in unserer Gesellschaft unter allen Umständen vermieden werden muss. Und dann auch noch für andere leiden?! Das geht gar nicht!

Wir jammern lieber über unsere Leiden. Wir beklagen uns über unsere Gemeinden und andere Christen, die uns einfach nicht verstehen und die sich so unmöglich aufführen. Es sind natürlich immer die Anderen, die alles falsch machen. Und für diese Anderen zu leiden und sich auch noch darüber freuen?! Wie soll das gehen?! Da habe ich noch viel zu lernen…

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Lukas 22, 47-53 Das letzte Wort

Beim Lesen des Abschnittes bin ich vor allem am letzten Satz hängen geblieben. Jesus sagt zu den jüdischen Oberen: „Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis.“ (V.53b) Jesus wird gefangen genommen und dann getötet. Ich hab mich gefragt: Wer ist eigentlich Schuld an diesem Geschehen? Jesus spricht hier einerseits davon, dass es die Stunde der jüdischen Oberen ist: sie wollen Jesus beseitigen und sind somit schuld. Aber zugleich hat die Macht der Finsternis ihre Finger mit ihm Spiel: Auch der Satan ist schuld am Tod Jesu.

Wenn wir dann noch den vorigen Abschnitt dazu nehmen, wird die Verwirrung komplett: Jesus bitte darum, dass der Kelch an ihm vorübergeht (d.h. dass er den Kelch des Gerichts nicht trinken muss und nicht sterben muss), aber er stimmt letztendlich in den Willen Gottes ein. Das heißt: Gott will dieses Geschehen! Ist also auch Gott selbst schuld? Wir merken: Es gibt keine einfache und eindimensionaler Erklärung für das Kreuz. Natürlich tragen Menschen dafür die Verantwortung (auch Judas der Verräter). Aber zugleich wirkt hier auch die Macht des Bösen. Und noch viel wichtiger: all dies kann nicht geschehen, ohne dass Gott selbst es zulässt.

Das halte ich auch für mich selbst fest: Das letzte Wort haben nicht Menschen oder der Satan. Das letzte Wort hat Gott selbst.

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Lukas 9, 18-27 Jesu Kreuz und unser Kreuz

Über die Parallelstelle in Markus habe ich vor einigen Wochen gepredigt. Bei der Vorbereitung dazu ist mir vor allem die Verbindung von Jesu Kreuz und unserem Kreuz aufgefallen. Jesus kündigt seinen Leidensweg an, also seinen Weg ans Kreuz. Gleich darauf kündigt er an, dass auch seine Nachfolger ihr Kreuz auf sich nehmen müssen. Wie auch immer man das am Ende auslegt – es wird deutlich, dass unser Weg als Christen nicht immer nur einfach und bequem ist.

Interessant im Vergleich zum Text bei Markus ist, dass schon Lukas versucht zu deuten, was Jesus mit dem Kreuz tragen gemeint hat. Bei Markus heißt es, dass die Nachfolger sich selbst verleugnen sollen und ihr Kreuz auf sich nehmen sollen. Lukas ergänzt das und schreibt, dass wir unser Kreuz „täglich“ auf uns nehmen sollen. Das Kreuz als Todesinstrument ist ja eigentlich ein einmaliges Geschehen. So z.B. wenn ein christlicher Märtyrer bereit ist, für seinen Glauben zu sterben. Das tägliche Kreuz muss aber mehr sein, sonst könnten wir es nicht täglich und immer wieder neu auf uns nehmen.

Ich find es spannend, wie schon in der Bibel selbst deutlich wird, dass Jesu Worte offen sind für verschiedene Deutungen. Es gibt nicht die eine immer klare und selbstverständlich richtige Auslegung der Worte Jesu. Schon Lukas legt sie ein klein wenig anders aus als Markus. So muss es auch bei uns sein: die entscheidende Frage ist nicht, was Jesus damals wortwörtlich gesagt hat, sondern was Jesus mir heute sagen will. Wobei ich gegen einen historischen Relativismus bin: die Evangelisten wollen auch erzählen, was damals geschehen ist und stimmen in ihren grundlegenden Überlieferung weitgehend miteinander überein. Die Deutung von Lukas ist nicht völlig gegensätzlich zum Bericht bei Markus. Er legt andere Schwerpunkte.

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Hermann Hesse: Unterm Rad

Hermann Hesses zweiter Roman „Unterm Rad“ erzählt die Geschichte des begabten Jungen Hans Giebenrath der unter das Rad einer ehrgeizigen Erziehung gerät. Hans wächst in einem „kleinen Schwarzwaldnest“ als einziges Kind des verwitweten Vaters auf. Vorbild für den Ort ist offensichtlich Hesses Heimatstadt (und meine Geburtsstadt 😉 ) Calw. Die Begabung des Jungen wird von seinem nicht besonders einfühlsamen Vater, vom Schulmeister, vom liberalen Stadtpfarrer und von pietistischen Stundenbruder Flaig gefördert. Und tatsächlich wird Hans als einziger aus seinem Heimatort für das Landesexamen der angehenden Theologiestudenten des Maulbronner Stifts auserwählt. In den Genuss dieses Stipendiums, an das sich eine lebenslange Versorgung als Pfarrer anschließt, kommen nur die besten Schüler. Hermann Hesse: Unterm Rad weiterlesen