Bonhoeffer: Nachfolge (21) – Die sichtbare Gemeinde

„Der Leib Christi nimmt Raum ein auf Erden.“ (S.241) Dieser erste Satz in dem Kapitel hört sich reichlich seltsam und ungewohnt an. Was meint Bonhoeffer damit? Zuerst einmal ist deutlich, dass dieses Kapitel an das vorherige anschließt: „Der Leib Christi“. Es geht also darum, wie dieser Leib Christi heute in der Gemeinde sichtbar wird. Mit dem „Raum einnehmen“ meint Bonhoeffer offensichtlich, dass Nachfolge und Gemeinde keine leiblose und nichtmaterielle Idee ist, sondern dass Gemeinde ihren sichtbaren und wahrnehmbaren Platz und Raum in dieser irdischen Welt braucht: „Eine Wahrheit, eine Lehre, eine Religion braucht keinen eigenen Raum. Sie ist leiblos.“ (S. 241) Aber der Leib Christi muss sichtbar sein – nicht nur damals beim irdischen Leib Christi, sondern auch heute bei der Gemeinde als Leib Christi.

Bonhoeffer spricht nun verschiedene Punkte an, auf welche Weise die Gemeinde sichtbar wird. Der erste Punkt ist der Gottesdienst und hier speziell die Predigt und die Sakramente. Die Predigt soll apostolische Predigt sein, sie soll nichts anderes sein als „der gegenwärtige Christus im Heiligen Geist. Christus in seiner Gemeinde, das ist die ‚Lehre der Apostel‘, die apostolische Predigt.“ (S.244) Auch in Taufe und Abendmahl begegnet uns Christus selbst: „In beiden begegnet er uns leibhaftig und macht uns der Gemeinschaft seines Leibes teilhaftig.“ (S. 244) Wie so oft geht es bei Bonhoeffer um Jesus Christus selbst. Die sichtbare Gemeinde ist sein Leib und er wird selbst leibhaftig sichtbar in der Gemeinde.

Ein weiterer Punkt der sichtbaren Gemeinde ist die Gemeindeordnung. Darunter versteht Bonhoeffer die Ämter der Gemeinde. Sie sind keine Herrschaftsämter, sondern Dienste. Es gibt für ihn keine feste Liste von Ämtern oder die eine Gemeindeordnung der christlichen Kirche, sondern es muss „in verschiedenen Gemeinden verschiedenen Ämter […] geben. (S. 246) Die Gewähr für die rechte Ordnung einer Gemeinde muss die „gesunde heilsame Lehre“ (S. 246) sein. Bonhoeffer gibt zu, dass die Trennung zwischen erlaubter Schulmeinung und Irrlehre nicht immer leicht ist, aber er betont auch, dass da wo Irrlehre offenbar ist, dann auch eine sichtbare Trennung geschehen muss.

Ein dritter Punkt der sichtbaren Gemeinde ist der „Lebensraum“. Das klingt für heutige Ohren sehr seltsam und erinnert mich an die nationalsozialistische Ideologie, welche für Deutschland „Lebensraum“ im Osten gefordert hatte. Ich weiß nicht, ob dieser Begriff schon zur Entstehungszeit des Buches im Umlauf war und ob das eine bewusste Anspielung Bonhoeffers darauf ist. Er meint damit natürlich etwas völlig anderes als die Nazis. Es geht ihm darum, dass der Lebensraum der Gemeinde, der Raum in welchem die Nachfolge sichtbar wird, nicht abgetrennt ist von der restlichen Welt. Unser Lebensraum ist mitten drin in der vergänglichen Welt – wir sollen uns nicht abtrennen von dieser Welt und auf eine Insel der Seligen zurück ziehen, sondern wir sollen unseren Glauben mitten in der Welt leben.

Glaube betrifft das ganze Leben der Christen, es gibt hier kein Lebensbereich der ausgeklammert werden kann. Nachfolge spielt sich nicht nur am Sonntag im Gottesdienst ab, sondern auch an den restlichen Tagen der Woche. Das betrifft auch Miteinander in der Gemeinde. Hier setzt Bonhoeffer eine Spitze gegen Naziideologie: das gemeinschaftliche Leben der Glieder des Leibes Christi ist unabhängig von der Stimme des Blutes, der Natur, der Sympathien oder Antipathien. (S. 250) „So greift die Gemeinde mitten hinein in das Leben der Welt und erobert Raum für Christus.“ (S. 253)

Schließlich kommt Bonhoeffer noch explizit auf die Beziehung zur Obrigkeit zu sprechen. Er bezieht sich dabei auf Röm. 13,1ff. Dabei betont er, dass dieser Text nicht der Obrigkeit gilt, sondern den Christen. „Keine Obrigkeit kann diesen Worten eine göttliche Rechtfertigung ihrer Existenz entnehmen.“ (S. 257) Bonhoeffer fasst das Anliegen von Paulus so zusammen: „Nicht über die Aufgaben der Obrigkeit will er die Christenheit belehren, sondern von den Aufgaben der Christenheit gegenüber der Obrigkeit allein spricht er.“ (S. 258) Die Aufgabe der Christen ist es, unabhängig von guter oder bösen Obrigkeit, das Böse mit Gutem zu überwinden (S. 259) Den Christen soll es nicht um das Reich dieser Welt gehen, sondern um Gottes Reich.

Nun hat aber das Leben in der Welt und unter der weltlichen Obrigkeit auch seine Grenzen: „Wo der vom Leib Christi in dieser Welt beanspruchte Raum des Gottesdienstes, der kirchlichen Ämter und des bürgerlichen Lebens mit dem Raumanspruch der Welt kollidiert, dort ist die Grenze erreicht.“ (S. 261) Man könnte hier anstatt von Raumanspruch auch von Machtanspruch sprechen: Wenn Machtansprüche des Glaubens und der Welt in Konflikt geraten, dann ist es keine Frage, welcher Anspruch für Christen mehr zählt.

Insgesamt ist also die Beziehung der sichtbaren Gemeinde zur Welt eine dialektische: „So greift zwar der Leib Christi tief hinein in die weltlichen Lebensbereiche, und doch bleibt an anderer Stelle die völlige Trennung sichtbar, und sie muß immer sichtbar werden.“ In der Welt aber nicht von der Welt.

Mir sind die Begriffe mit denen Bonhoeffer hier argumentiert teilweise ziemlich fremd, ich kann damit oft nichts konkretes verbinden. Aber von der Sache her finde ich seine Argumentation gut. Besonders gefällt mir seine Dialektik: er versucht in diesem Kapitel nicht schwierige Sachverhalte in die eine oder andere Richtung aufzulösen, sondern er belässt sie in einer Spannung. Eine Spannung, die bleiben wird, solange wir als Christen in dieser vergänglichen Welt leben.

2. Petrus 3, 10-13 – Der geerdete Himmel

Petrus schreibt von Jesu Wiederkunft und vom neuen Himmel und der neuen Erde. Bin heute vor allem an der „neuen Erde“ hängen geblieben. Petrus bezieht sich damit wohl auf Verheißungen aus Jes. 65,17 und Jes. 66,22. Wenn es um unsere Zukunft am Ende der Welt geht, dann denken wir ja normalerweise eher an eine himmlische Welt. Wir werden dann doch bei Jesus im Himmel sein! Wieso dann neue Erde?!?

Hab keine Ahnung wie sich Petrus das vorstellt und wie diese neue Erde aussehen soll. Aber es ist interessant zu sehen, wie geerdet die Zukunftsvorstellungen der Bibel sind. Natürlich grenzt sich Petrus hier auch ab von den Gnostikern, deren Zukunftshoffnung so aussah, dass der göttliche Seelenfunken irgendwann in Gottes übernatürliche Welt aufgenommen wird. Für sie die die Vorstellung einer „neuen Erde“ geradezu lächerlich, denn für sie ist alles irdische vergänglich und Gott ist ewig und geistlich. Er ist allem materiellen enthoben und nur die Seele kann Kontakt mit ihm haben. Alles irdische und körperliche ist für sie vergänglich und damit bedeutungslos.

In der Bibel wird dagegen von der neuen Erde gesprochen und von einem neuen geistlichen Leib (1. Kor. 15,44). Da drückt sich eine sehr viel höhere Wertschätzung des Irdischen und Leiblichen aus. Die Erde und der Leib sind nicht an sich schlecht, aber sie bedürfen einer Erneuerung und Neuschöpfung. Wie diese Neuschöpfung aussehen wird, darüber können wir nur spekulieren und das bringt nicht viel. Aber diese grundlegende Wertschätzung von Leib und Erde kann jetzt schon mein Verhalten gegenüber der Schöpfung und meinem Körper beeinflussen.
Bibeltext

2. Petrus 2, 1-22 – Zu viel Geistliches

Das ganze Kapitel ist eine ziemlich heftige und polemische Breitseite gegen damalige Irrlehrer. Ich hab mich beim Lesen gefragt, ob die Abgrenzung gegenüber einer anderen Lehre so heftig und hart sein muss. Das könnt man doch auch ein bisschen diplomatischer ausdrücken. Aber mir wurde dann klar, dass Petrus nicht vom Hass gegen Irrlehrer getrieben ist, sondern dass seine heftigen Emotionen eher daher kommen, dass er die Gemeinde schützen möchte. Es geht ihm nicht zuerst darum, andere fertig zu machen, sondern er hat Angst, dass diese Irrlehren auch andere Christen vom Glauben abbringen.

Wahrscheinlich sind die genannten Irrlehrer Vertreter der Gnosis. Ein wichtiger Punkt in der Gnosis ist die Geringschätzung des Geschöpflichen. Wichtig ist vor allem alles Geistliche und alles, was unserer irdischen Welt enthoben ist. Wahre Einheit mit Gott finden wir nur außerhalb der Grenzen unserer irdischen Welt. Alles, was mit gegenständlicher Materie zu tun hat, spielt für den Glauben keine Rolle. Da zählt nur die absolut geistliche Dimension. Das führt interessanterweise zu zwei völlig unterschiedlichen Haltungen gegenüber unserer Geschöpflichkeit. Die eine Richtung geht in die völlige Askese. Alles Körperliche ist absolut böse und wir müssen alle leiblichen Lüste so gut wie möglich ablegen und vermeiden: Kein Fressen, kein Saufen, kein Sex, … Das andere Extrem ist das Gegenteil: Weil der Körper nichts mit Gott zu tun hat, kann ich mit ihm machen was ich will – das hat ja dann für den Glauben keine Auswirkung: Ich kann fressen, saufen, ungezügelten Sex mit jedem haben,… das alles betrifft ja nur den Körper und nicht meine geistliche Beziehung zu Gott.

Petrus scheint hier eher mit der zweiten Position zu tun zu haben (vgl. v.a. V.13f). Er wendet sich scharf gegen solch ein Verständnis des Glaubens. Er sagt, dass die Irrlehrer zwar Freiheit versprechen (Freiheit vom allem irdischen), dass sie sich aber selbst zu Knechten machen (V.19). Eine falsch verstandene Überbewertung des Geistlichen kann also für unseren Glauben ganz schön gefährlich sein. Gott hat uns nicht nur ein geistliches Verlangen geschenkt, sondern er hat uns auch Leib und Seele geschenkt.
Bibeltext