Thomas Glavinic: Das größere Wunder

Glavinic: Das größere WunderEndlich mal wieder ein Roman, der mich gefesselt hat und den ich regelrecht verschlungen habe. Nicht alles fand ich gelungen und so manche Fragen bleiben offen, aber wie sagt schon ein Protagonist des Buches: „Antworten werden überschätzt.“

Die Hauptperson des Buches ist Jonas. Er hat zu Beginn eine deprimierenden Kindheit. Seine alleinerziehende Mutter ist alkoholabhängig, hat ständig wechselnde Freunde und kümmert sich kaum um Jonas und seinen behinderten Zwillingsbruder Mike. Doch auf märchenhafte Weise ändert sich das Leben der beiden schlagartig. Sie werden gewissermaßen adoptiert von Picco, einem unermesslich reichen älteren Mann, der mafiöse Züge zeigt, aber als Pate fortan über die Jonas und seinen Bruder wacht. Bei Picco wachsen die beiden zusammen mit Werner, dem Enkel von Picco auf. Thomas Glavinic: Das größere Wunder weiterlesen

John Williams: Stoner

Williams: StonerIst dieser Roman jetzt deprimierend oder faszinierend? Einerseits ist diese Lebensgeschichte eines Literaturprofessors eine Geschichte voller Enttäuschungen und unerfüllter Träume. Nichts läuft in diesem Leben so richtig gut. Man leidet als Leser mit dieser tragischen Hauptperson. Andererseits hat dieser nüchterne Bericht auch eine eigenartige Faszination. Die Hauptperson lässt sich nicht kleinkriegen und man ist als Leser beeindruckt von seiner Stärke. Auch wenn in dem Roman nichts außergewöhnliches geschieht, versteht es der Autor so zu schreiben, dass man als Leser dran bleiben möchte.

Der Roman ist schon älter, er wurde 1965 von dem amerikanischen Literaturprofessor John Williams veröffentlicht. Allein schon der Beruf verät, dass in dem Buch wohl auch manch autobiographische Erlebnisse verarbeitet wurden. Es liegt eine gewisse passende Tragik darin, dass der Roman zunächst nicht groß beachtet wurde und erst Jahre nach dem Tod von Williams (1994) wieder entdeckt wurde und inzwischen zu einem Welterfolg wurde. Es gibt inzwischen zahllose begeisterte Rezensionen zu diesem Buch. Nur hat der Autor nichts mehr von dieser späten Anerkennung… John Williams: Stoner weiterlesen

Apostelgeschichte 22, 1-21 Persönliche Erfahrung und biblische Grundlage

Paulus hebt in seiner Verteidungsrede besonders seinen jüdischen Eifer und seine persönliche Erfahrung hervor. Er kennt durch seine Ausbildung das alttestamentliche Gesetz sehr genau. Er sieht sich als Eiferer für Gott. Er spricht vor seinen jüdischen Zuhörern vom „Gott unserer Väter“ (V.14). Auffällig ist, dass in seiner ganzen Rede der Name Jesus nur einmal fällt (V.8). Diese Rede macht deutlich: Paulus sieht sich nach wie vor als Jude. Aber er sieht eben in Jesus von Nazareth „den Gerechten“ (V.14), also den Messias.

Paulus versucht hier nicht durch theologische Argumente zu überzeugen, sondern durch seine eigene Lebensgeschichte. Das ist das, was bis heute andere am meisten von Jesus Christus überzeugt: Was haben wir mit ihm erlebt? Wie hat er unser Leben verändert? Allerdings war für Paulus auch seine theologische Ausbildung wichtig, um diese Erfahrungen einordnen und richtig deuten zu können. Wenn die biblische Grundlage fehlt, dann bleiben nur noch religiöse Gefühle. Und die können ziemlich beliebig sein.

| Bibeltext |

Irvin D. Yalom: Das Spinoza-Problem

Yalom: Das Spinoza-ProblemDer amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Yalom hat mit seinen unterhaltsamen Romanen über große Denker der Philosophie erstaunlichen Erfolg. Er stellt das Denken berühmter Philosophen in mehr oder weniger fiktiven Lebensgeschichten dar. Das ist gar nicht so einfach. Mit seinen Romanen will er spannend und anschaulich erzählen, er bringt sein psychologisches Fachwissen in die Darstellung der Personen mit ein und will dennoch auch den philosophischen Grundgedanken seiner Hauptpersonen gerecht werden.

In diesem Buch wagt er sich an den großen und kühnen Denker des 17. Jh. heran: Spinoza. Das Problem bei Spinoza ist, dass man kaum etwas über sein Leben weiß. Er stammt aus dem Judentum, wurde aber wegen seiner religionskritischen Denkweise aus der Gemeinde verbannt. In seinen überlieferten Schriften findet sich wenig persönliches, denn Spinoza war fasziniert von der logischen Vernunft. Er argumentierte nicht mit Erfahrungen oder persönlichen Erlebnissen, sondern mit kühler und oft auch sehr abstrakter Vernunft.  Irvin D. Yalom: Das Spinoza-Problem weiterlesen

Uwe Timm: Rot

 „Ich schwebe. Von hier oben habe ich einen guten Überblick, kann die ganze Kreuzung sehen, die Straße, die Bürgersteige. Unten liege ich.“ Ein genialer Beginn dieses Romans. Das hat mich in der Buchhandlung gleich so gefesselt, dass ich mir das Buch gekauft habe, obwohl ich von dem Autor bisher noch nicht gekannt habe. Man ist gleich mitten drin in der Geschichte. Offensichtlich endet die Geschichte mit dem Tod des Erzählers und alles was folgt ist im Rückblick erzählt.

Auch mit seiner Hauptfigur hat mich der Autor sofort gehabt: Der Alt-68er Thomas Linde ist Jazzkritiker und Beerdigungsredner. Eine interessante Kombination. Für mich als Pastor, der ja auch auf Beerdigungen zu reden hat, war es spannend zu lesen, wie Thomas Linde diese Aufgabe angeht. Jemand der Trauerreden hält muss sich ernsthaft mit dem Thema Tod auseinander setzen. Wie sieht das bei jemand aus, der ohne den Horizont des christlichen Glaubens über den Tod spricht? Uwe Timm: Rot weiterlesen

Renate Wind: Dem Rad in die Speichen fallen

Wind: Dem Rad in die Speichen fallenEine kompakte, informative und gut lesbare Biographie über Dietrich Bonhoeffer. Mir hat diese Biographie sehr gut gefallen. Sie umfasst Bonhoeffers ganzes Leben und beschränkt sich in der Kürze auf die wichtigsten Informationen und Stationen. Trotzdem ist das Buch gut lesbar und spannend. Für einen ersten Einblick und Überblick über Bonhoeffers Leben ist das Buch sehr gut geeignet.

Während der Theologe Bonhoeffer nicht so ausführlich dargestellt wird, kommt der Mensch stärker zur Geltung. Gerade die innere Zerrissenheit und Entwicklung aus dem bürgerlichen Milieu hin zu einem Widerstandskämpfer gegen den Staat und die Nazis fand ich eindrücklich hervor gearbeitet. Es ist ja alles andere als selbstverständlich, dass aus einem pflichtbewussten und privilegierten Staatsbürger ein Umstürzler wird.

Neu deutlich wurde mir auch die Vielschichtigkeit der Bekennenden Kirche. Es gab gegenüber dem zunehmend nationalsozialistischen Staat und der Reichskirche keinen einheitlichen Kurs, sondern durchaus verschiedene Meinungen wie stark man sich abgrenzen soll und welche Kompromisse man eingehen kann. Bonhoeffer gehörte auch unter der Bekennenden Kirche zu den Radikalen und ging in seinem Widerstand viel weiter als manch andere Vertreter der Bekennenden Kirche.

Bonhoeffer ist und bleibt – gerade in seiner inneren Zerrissenheit und Vielschichtigkeit – eine beeindruckende Persönlichkeit.

(Amazon-Link: Renate Wind: Dem Rad in die Speichen fallen: Die Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer)

Irene Nemirovsky: Herr der Seelen

Irene Nemirovsky ist eine große Erzählerin und Schriftstellerin. Sie wurde 1903 in der Ukraine geboren. 1919 floh ihre Familie nach Paris, wo sie Literaturwissenschaft studierte. Ihren ersten großen Erfolg hatte sie 1929 mit dem Roman „David Golder“. Als Jüdin wurde sie verhaftet und starb noch im selben Jahr in Auschwitz.

In dem Roman „Herr der Seelen“ geht es auch um einen Einwanderer, der versucht in Frankreich Fuß zu fassen. Die Hauptperson ist der Arzt Dario Asfar. Dario ist Zeit seines Lebens ein Getriebener, er steckt ständig in Geldsorgen und kämpft um Anerkennung und Respekt. Er kommt mit seiner Frau nach Frankreich und die beiden bekommen einen Sohn.

Nach anfänglicher Erfolglosigkeit (die vor allem mit seinem Status als sichtbar fremdländischer Einwanderer zu tun hat), scheint sich sein Glück zu wenden. Er findet reiche bürgerliche Patienten, die sich lieber auf seelischer Ebene behandeln lassen wollen, anstatt konkret ihr Leben zu ändern. Dario wird zum Herr der Seelen, einem Scharlatan, der seine Patienten durch lange psychoanalytische Therapien an sich bindet. Allerdings wird er seine Geldsorgen nie los, da seine Ansprüche steigen und er nach außen den Schein eines reichen, erfolgreichen Arztes wahren muss, um seine Patienten zu behalten. Auch im Erfolg bleibt er ein gehetztes, hungriges Tier.

Widersprüchlich ist die Liebe zu seiner Frau. Auf der einen Seite liebt er sie von Herzen – aber eher als eine Kameradin, die ihn in seinem Kampf durch’s Leben unterstützt. Andererseits hat er zahlreiche kostspielige Affären mit jungen Frauen und verliebt sich auf platonischer Ebene in die engelhafte Frau eines Patienten. An ihr liebt er vor allem die moralische Integrität, die nicht zuerst auf Geld und Erfolg aus ist, sondern die sich an inneren Werten orientiert. Gerade das, was er selbst nicht hat.

Dramatisch zugespitzt wird diese Lebensgeschichte durch den Sohn des Arztes, der nach und nach hinter den verschlagenen Charakter seines Vaters kommt. Eigentlich wollte Dario mit seinen manchmal auch unmoralischen Bemühungen um Erfolg dafür sorgen, dass sein Sohn einmal ein besseres und sorgenfreieres Leben führen kann als er. Doch am Ende muss er feststellen, dass er mit Geld die Liebe und den Respekt seines Sohnes nicht erkaufen kann.

Ein vielschichtiger Roman, der gut erzählt ist (wobei Nemirovsky manches mal, zu etwas platten Überzeichnungen neigt). Die Beziehungsgeflechte und Personen werden recht neutral dargestellt, so dass man oft schwankt: Soll man diesen Dario nun hassen oder bemitleiden? Gut gelungen ist in meinen Augen auch die Doppelzüngigkeit von Geld und Erfolg. Auf der einen Seite muss Dario an Geld kommen, damit er selbst und seine Familie überhaupt überleben können. Als erfolgloser Arzt wäre er dem Untergang geweiht. Andererseits erliegt er auch der Macht und Faszination des Mammons. Er verstrickt sich in der endlosen Sucht nach mehr und verliert dabei das, was er bei seinen Patienten angeblich heilen will: seine Seele.

Zitate

  • „Nie wird mir warm genug sein! Ne werde ich mich sicher genug, geachtet genug, geliebt genug fühlen, Clara. Nichts ist entsetzlicher, als kein Geld zu haben. Nichts ist abscheulicher, schändlicher, heilloser als die Armut!“ (S.201)
  • „‚Ich trage in mir ein Licht, das nichts täuscht‘, sagte sie sanft. ‚Sprechen sie von Gott? Ich weiß, daß Sie gläubig sind. Ah, ihr seid Kinder des Lichts! Ihr habt nur edle Leidenschaften, ihr seid unendlich schön… Ich aber, ich bin aus Finsternis, aus dem Schlamm der Erde.“ (S.209)

Ishmael Beah: A long way gone

[dt.:Ishmael Beah: Rückkehr ins Leben]

Kein Buch zum Entspannen, sondern ein Buch zum verzweifeln, schreien, weinen,… Ishmael Beah beschreibt in dem Buch seine eigene Geschichte als Kindersoldat in Sierra Leone. 1991 brach in dem afrikanischen Land ein Bürgerkrieg aus, bei dem Ishmaels Familie getötet wurde. Zunächst war er lange Zeit auf der Flucht vor dem Krieg, teilweise alleine und teilweise zusammen mit anderen Kindern. Mit 13 Jahren wurde er dann zusammen mit anderen von der Nationalarmee als Kindersoldat rekrutiert. Die Kinder hatten gar keine andere Wahl: Entweder sie kämpften mit der Nationalarmee, oder sie wurden den Rebellen ausgeliefert, die schon ihre Eltern umgebracht hatten.

Fast drei Jahre kämpfte Ishmael in dem unmenschlichen Bürgerkrieg. Seine traumatischen Erlebnisse und die regelmäßige Einnahme von Drogen machten aus ihm eine kaltblütige Kampfmaschine. Seine einzige richtige Bindung war seine Kompanie. Seine Kameraden waren seine Geschwister und der Anführer wurde zum „Vaterersatz“. Der Hass auf die feindlichen Rebellen wurde von den Anführern immer wieder ganz gezielt durch beschwörendes Einreden gefördert. In der Nacht schauten sich die Kinder Kriegsfilme (u.a. „Rambo“ an, um sich für den Kampf noch mehr aufzuputschen).

Durch die UNICEF wurde er dann aus seiner Situation befreit und er kam in ein Rehabilitationscamp für ehemalige Kindersoldaten. Erst nach einem langen und schmerzhaften Prozess der Rehabilitierung war er wieder in der Lage, mit sich selbst und dem Leben klar zu kommen. Als der Krieg sich dann auf die Hauptstadt ausdehnte (in welcher sich das Camp befand), floh er in die USA.

Vieles von dem was er in seinem Buch schreibt ist wirklich erschütternd. Das geht los mit den Grausamkeiten, die er als Kind und unbeteiligter Zivilist sehen und erleiden muss. Er war noch ein Kind und ist plötzlich ohne Familie, er sieht wie Menschen grausam gequält und getötet werden, er ist plötzlich nur noch auf der Flucht und kämpft jeden Tag um’s Überleben.

Das Schreckliche nicht nur an diesem Krieg ist die Entmenschlichung aller Beteiligten. Selbst Kinder werden grausam und unbarmherzig. So wie Ishmael erleben viele, dass sie niemand mehr trauen können. Jeder ist ein potentieller Feind, keinem kann ich wirklich vertrauen. Und selbst wenn alles vorbei ist, bleiben doch tiefe Wunden und Narben in solch einer Kinderseele. Es dauerte lange, bis Ishmael den Mut fand, sich anderen Menschen wieder zu öffnen und ihnen zu vertrauen.

Ishmael Beah hat dieses Buch klar, ehrlich und schonungslos erzählt. Es gelingt ihm, dem Leser Erlebnisse zu beschreiben, für die es eigentlich keine Worte gibt. Trotz allem Schrecklichen ist es aber auch ein hoffnungsvolles Buch. Denn Beah macht mit seiner Lebensgeschichte deutlich, dass es auch für einen Kindersoldaten wie ihn noch Hoffnung auf ein neues Leben gibt. Für uns Wohlstandeuropäer ist es ein Buch, das die Augen dafür öffnet wie gesegnet wir eigentlich sind und wie gut es uns geht.

Feridun Zaimoglu: Leyla

Noch ein interessantes Buch, das ich im Urlaub lesen konnte: Leyla von Feridun Zaimoglu. Hat mich jetzt nicht unbedingt gefesselt, war aber doch ein interessantes und gutes Buch. Der Autor beschreibt die Geschichte einer anatolischen Familie in den fünfziger Jahren. Hauptperson ist die jüngste Tochter Leyla, zu der man in ihrem etwas naiven aber sehr standhaften Wesen schnell Sympathien entwickelt.

Die Stärken des Buches sind seine kraftvolle und poetische Sprache und der manchmal bis ins Mark gehende Realismus, mit dem das harte Leben damals geschildert wird. Immer wieder erschrickt man über die Brutalität dieser patriarchalischen Kultur. Der Autor ist selbst in diesem Umfeld aufgewachsen und man nimmt ihm ab, dass er weiß wovon er schreibt. Ich wurde beim Lesen immer wieder neu dankbar dafür, dass ich nicht unter solchen Umständen leben muss… Schön ist, dass inmitten all dem Schrecklichen auch Leyla immer wieder gute Erfahrungen von Freundschaft und Zusammenhalt machen darf.

Das Buch ist gut zu lesen und der Autor beschreibt auch fesselnd das Lebensgefühl der dargestellten Personen. Aber es ist natürlich auch kein Thriller mit durchdachtem Plot, der von Höhepunkt zu Höhepunkt eilt. Es ist eher die Fahrt eines langsamen Dampfers über die Wellen der damaligen Welt: Man hat viel Zeit um das Panorama einer fremden Welt und Kultur zu überblicken. Ich hatte am Ende nicht das Gefühl, dass Leyla endlich ein Ziel erreicht hat und man nun erleichtert aufatmen kann. Mir ging es eher so, dass ich sie ein Stück auf ihren Leiden und Freuden begleiten konnte und ich am Ende für sie hoffte, dass es besser für sie weitergeht…