J.M.G. Le Clézio: Fisch aus Gold

Seltsam, wie einen manchmal ein Roman oder eine Geschichte berührt, fesselt und bewegt – und manchmal eben nicht. Ich kann gar nicht mal genau sagen, woran es gelegen hat, aber dieser Roman hat mich nicht berührt. Obwohl es eigentlich eine bewegende Geschichte ist, die von einem guten Schriftsteller erzählt wird. Ich habe schon andere Bücher von Le Clézio gelesen und die haben mich mehr gefesselt und angesprochen.

Es geht um das Schicksal eines afrikanischen Mädchens, das in jungen Jahren aus ihrer Familie geraubt wird und als Dienstmädchen verkauft wird. Dieses traumatische Ereignis zieht sich durch die ganze Geschichte hindurch, denn das heranwachsende Mädchen weiß nicht, wer sie ist und wo ihr Platz ist. So irrt sie durch das Leben: immer auf der Suche und immer in der Gefahr von anderen ausgenutzt zu werden. Zunächst lebt sie an verschiedenen Orten in Afrika, dann gelingt ihr die Flucht nach Frankreich und schließlich landet sie in Amerika.

So ziellos wie dieses Mädchen erscheint mir auch der ganze Roman. Die Geschichte plätschert so vor sich hin, ohne richtigen Spannungsbogen. Pausenlos treten irgendwelche neuen Personen auf, die nach wenigen Seiten wieder verschwinden. Auch der Charakter des Mädchens erscheint sehr wechselhaft: mal scheint sie durch Lernen und Eigenstudium heraus kommen zu wollen aus dem unsteten Leben und dann versinkt sie wieder völlig in der Ziellosigkeit und treibt sich stehlend und trinkend in der Gosse herum. Das ist sicher so vom Autor beabsichtigt, aber mir als Leser bleibt dieses Mädchen, bzw. am Ende eine junge Frau, bis zum Schluss hin seltsam fremd. Sie macht viel Schlimmes durch, aber durch dieses ziellose dahinplätschern des Romans, spricht es zumindest mich auf der emotionalen Ebene nicht an. Schade!

Trotzdem finden sich dazwischen drin immer wieder schön formulierte Gedanken, die zum Nachdenken anregen. Hier einige Zitate:

  • „Er schwieg lange, damit ich ihn fragen konnte: ‚Was ist das Wichtigste, El Hadsch?‘ ‚Das selbst der unbedeutendste Mensch in Gottes Augen ein Kleinod ist.“ (S. 138)
  •  „Ich weiß nicht, warum, aber ich erzählte ihr etwas, was ich noch nie jemandem anvertraut hatte, […] nämlich dass ich nicht wisse, wer ich sei, und auch nicht wisse, wo ich herkomme.“ (S. 146) Wer kann diese Fragen denn eigentlich wirklich beantworten? In gewissem Sinn, sind wir alle auf der Suche nach den Antworten auf diese Fragen.
  •  „Ich hatte begriffen, dass nicht Martial oder Abel oder Zohra oder Monsieur Delahaye wirklich gefährlich sind, sondern ihre Opfer, weil sie mit ihrer Opferrolle einverstanden sind.“ (S. 191) Da ist sicher was wahres dran, aber ich denke es ist auch gefährlich, das alleine so stehen zu lassen.
  • „Das machte mich fast wahnsinnig. Nirgendwo auf der Welt ließ sich Frieden finden. Wenn man einen abgelegenen Ort, einen Felsvorsprung, eine Grotte oder ein vermeintlich unberührtes Plätzchen gefunden hatte, stieß man immer auf ein obszönes Zeichen, einen Scheißhaufen oder einen Voyeur.“ (S. 203)
  • „Und da dachte ich, dass es nirgendwo auf der Welt einen Ort gab, an dem ich mich wirklich zu Hause fühlen konnte, und dass man, wo immer ich auch hinging, zu mir sagen würde, ich sei hier nicht zu Hause und müsse mich darauf gefasst machen, woanders hinzugehen. (S. 213)

(Amazon-Link: Le Clézio: Fisch aus Gold)

J.M.G. Le Clézio: Der Goldsucher

Auf der Buchrückseite steht etwas von „wilden Abenteuern“ – die wird man in dem Buch vergeblich suchen. Es ist kein wildes Buch, mit viel Action und wilden Kampfgeschehen. Und auch unter einem „Abenteuerroman“ stellt man sich etwas anderes vor. Es ist ein ruhiges, gemächliches Buch mit vielen genauen und ausufernden Naturbeschreibungen. Es geschieht rein äußerlich gesehen, seitenweise gar nicht viel. Und es geht letztendlich auch gar nicht um eine Suche nach richtigem „Gold“.

Erzählt wird die Geschichte von Alexis. Er wächst auf der Insel Mauritius auf und träumt nach dem frühen Tod seines Vaters davon, einen legendären Piratenschatz zu finden, den sein Vater auf einer Insel im indischen Ozean vermutete. Es wird seine Familiengeschichte beschrieben, seine Reise zu der Insel, seine Suche nach dem Schatz (den er letztendlich nicht findet), seine Liebe zu einer schönen Eingeborenen (die letztendlich auch keine Erfüllung findet) und eine etwas deplatziert wirkende Zwischenepisode als Soldat im ersten Weltkrieg.

Es geht Le Clézio nicht um das Abenteuer oder das Gold, es geht nicht um einen spannenden und fesselnden Abenteuerroman, sondern es geht um die Suche (nach sich selbst, nach Erfüllung, nach der Verwirklichung seiner Träume oder dem Enttarnen seiner Träume…). Es geht ihm um die Auseinandersetzung zwischen europäischer Zivilisation und ursprünglicher Naturverbundenheit. Immer wieder klingt das Motiv des „edlen Wilden“ an, der den wahren Wert und Sinn des Lebens viel besser erkannt hat, als der auf Macht und Reichtum fixierte Europäer. Letztendlich ist die Geschichte des Helden eine Entwicklungsgeschichte, in der er lernt, dass der Goldschatz gar nicht so wichtig ist.

Was findet er am Ende? Eigentlich nur das, was er schon von Kindheit an gehört hat und was sein Herz höher schlagen ließ: Das Rauschen des Meeres.

Kein Buch von dem ich ganz unmittelbar begeistert und gefesselt bin. Es hat seine Längen, man muss sich durchkämpfen, der Schreibstil ist teilweise etwas ausufernd und kompliziert. Aber trotzdem hat der Stil und auch die Geschichte eine gewisse Magie, die einen bezaubert, die einen hinein nimmt in eine fremde Welt. Wer gerne auch mal etwas anspruchsvolleres liest und es dabei schätzt, dass trotzdem noch einen Geschichte erzählt wird (wenn auch auf etwas schleppende Weise) und der sich auch von manchmal etwas langen Natur- und Seefahrerbeschreibungen abschrecken lässt, für den ist es das richtige Buch.

Ich hab es nach dem Lesen erst einmal etwas unzufrieden (auch über den Schluss) aus der Hand gelegt. Aber nachdem sich das Buch gesetzt hat und ich ein bisschen darüber nachgedacht habe, finde ich den Roman gar nicht so schlecht: er hat seinen Zauber, seinen Reiz, er regt zum Nachdenken über die eigenen Kindheitsträume und Sehnsüchte an.

Zitate:

„Bedürfen sie [die Seevögel] des Goldes, der Reichtümer? Ihnen genügen der Wind, der Morgenhimmel, das Meer, das von Fischen strotzt, und die Felsen, die aus ihm emporragen, ihrem einzigen Schutz vor den Unwettern.“ (S.221)

„Das Gold ist nichts wert, man muß keine Angst vor ihm haben, es ist wie die Skorpione, die nur den stechen, der Angst hat.“ (S.273)

„Mir scheint, mit dem Tod meines Vaters habe ich begonnen, rückwärts zu schreiten, einem Vergessen entgegen, das ich nicht akzeptieren kann, das mich für immer von dem entfernt, was meine Kraft war, meine Jugend. Die Schätze sind unerreichbar, unwirklich. Sie sind das ‚Narrengold‘, das die schwarzen Goldsucher mir bei meiner Ankunft in Port Mathurin gezeigt haben.“ (S.365)

Le Clezio: Wüste

Die zwei letzten Bücher, die ich gelesen habe (Barbal: Wie ein Stein im Geröll und Le Clezio: Wüste) sind in gewisser Weise sehr ähnlich. Beides mal geht es um das Lebensschicksal einer einfachen Frau. Beides mal sind es keine leichten Wege und beide Frauen finden so manches kleine Glück in ihrem harten Alltag. Doch wie diese Geschichten erzählt werden ist total unterschiedlich. Barbal beschränkt sich auf eine ganz einfach Sprache und erzählt auf unter 160 Seiten das ganze Leben der Hauptperson. Sie braucht ganz wenige Worte, um sehr viel zu beschreiben. Le Clezio ist genau das Gegenteil: Er beschreibt mit ganz vielen Worten relativ wenig (aber das macht er sehr gut!). Er erzählt auf über 400 Seiten nur einen Ausschnitt von wenigen Jahren aus dem Leben der Hauptperson.

Zum Inhalt: Das Buch hat zwei Erzählstränge, die einander ohne direkte Verknüpfung abwechseln. Zum einen geht es um den Nomadenjungen Nour. Er ist Anfang des 20. Jh. mit seinem Clan auf der Flucht vor den Franzosen, die in Afrika ihre Kolonien aufbauen wollen. Der andere Erzählstrang ist intensiver. Es geht um Lalla, die an der marokkanischen Küste in einem Elendsviertel bei ihrer Tante aufwächst. Sie liebt das Meer, die Wüste und die Einsamkeit. Mit 17 soll sie mit einem Mann verheiratet werden, aber sie will nicht und flieht in die Großstadt Marseille. Dort arbeitet sie in einem heruntergekommenen Hotel als Putzfrau. Sie wird dann einem Fotografen entdeckt und kommt als Fotomodell groß raus. Allerdings macht sie sich nichts aus Geld und Ruhm. Sie kehrt wieder in die Wüste zurück und bringt dort ihr Kind zur Welt, welches vor ihrer Flucht nach Marseille mit einem einfachen Hirtenjungen gezeugt wurde.

Ich hab das Buch gerne gelesen. Le Clezio schreibt gut. Er hat eine poetische Sprache. Er vermittelt die karge Schönheit und Faszination der Wüste mit wunderschönen Bildern. Er nimmt einen mit hinein in ein fremde Welt. Trotzdem sind es nicht nur schöne Dinge, die er beschreibt. Im Gegenteil: Hinter der schönen Sprache wird viel Elend und Leid sichtbar. Vor allem bei der Flucht der Nomaden vor den Franzosen und bei der Episode in der Stadt Marseille.

Die Vergabe des Literatur-Nobelpreises für Le Clezio war ja nicht auf uneingeschränkte Zustimmung gestoßen. Manche finden seinen Stil zu ausschweifend und langweilig. Ich denke auch dass er nicht unbedingt Bestseller-geeignet ist (wobei der Nobelpreis wohl auch das möglich macht…). Das Buch „Wüste“ ist schon an vielen Stellen eher Adrenalin senkend. Große dramaturgische Spannung darf man nicht erwarten. Aber auch wenn nicht viel passiert: Le Clezio beschreibt es mit eindrücklicher Sprache und lebendigen Bildern.

Schön an dem Buch fand ich die spirtuelle Dimension. Eine Aussage des Buches ist ja, dass Geld und Erfolg nicht alles ist, sondern dass andere Dinge das Leben sinnvoll und schön machen. Lalla zieht das einfache Leben in der Wüste dem Erfolg in der Großstadt vor. Und sie hat in der Wüste auch spirituelle Erfahrungen, die sie tief berühren (vgl. dazu „Das Reden des Geheimnisvollen„). Das hat alles nichts direkt mit dem christlichen Glauben zu tun, aber es mach deutlich, dass es auch etwas anderes gibt, als der Materialismus unserer modernen Konsum- und Mediengesellschaft.

Le Clezio: Wüste – Das Reden des Geheimnisvollen

Lese gerade das Buch „Wüste“ von J.M.G. Le Clezio (dem Literatur-Nobelpreisträger von 2008). Wenn ich damit fertig bin dazu mehr. Doch jetzt schon mal eine Stelle, die mir sehr gefallen hat. Die Hauptperson, das Mädchen Lalla, lebt in einer Armensiedlung am Rand der Wüste. Oft geht sie allein in die Wüste und hat dort manchmal eine mystische Begegnung mit einer menschenähnlichen Gestalt. Sie nennt ihn „Es Ser“, den Geheimnisvollen. Das hat, soweit ich das beurteilen kann, nichts mit unserem christlichen Gott zu tun, aber die Beschreibung dieses geheimnisvollen Wesens ist wundervoll und erinnert mich in manchem an den Gott der Bibel, der auch geheimnisvoll ist und der auch auf recht seltsame Weise zu uns Menschen spricht. Manchmal in Träumen, manchmal als innere Stimme, manchmal in einer Sprache, die wir nicht verstehen und doch verstehen, manchmal in einem brennenden Dornbusch und manchmal im Windhauch, der nach dem Sturm leise und sanft säuselt.

Er spricht nicht. Das heißt, er spricht nicht dieselbe Sprache wie die Menschen. Aber Lalla hört seine Stimme in sich, und er sagt in seiner Sprache sehr schöne Dinge, die sie tief in ihrem Innern verwirren und sie erschauern lassen. Vielleicht spricht er mit dem leichten Geräusch des Windes, der aus den Tiefen des Alls kommt, oder mit der Stille nach dem Windhauch. Vielleicht spricht er mit den Worten des Lichts, mit den Worten, die in Funkengarben auf den Steinklingen explodieren, den Worten des Sandes, den Worten der Steine, die in harte Körner zerfallen, spricht auch mit den Worten der Skorpione und der Schlangen, die ihre feinen Spuren im Staub hinterlassen. Er versteht es, mit all diesen Worten zu sprechen, und sein Blick hüpft von einem Stein zum anderen, flink wie ein Tier, springt mit einem Satz bis zum Horizont, steigt geradewegs in den Himmel und schwebt höher als die Vögel.“ (S.92)