Hesekiel 39 Apokalyptische Zukunftsbilder

Wieder mal ein Kapitel, mit dem ich wenig anfangen kann. In apokalyptischen Bildern wird der Feind wie Opfertiere abgeschlachtet und Vögel und Tiere werden aufgefordert, das Blut zu saufen, bis sie trunken sind. Auf der anderen Seite wird für Israel Friede, Freude, Eierkuchen herrschen – Gott wird nicht einen einzigen Juden in der Fremde zurücklassen und Gott wird sein Angesicht nicht mehr von seinem Volk abwenden. Die Begriffe aus dem Opferkult haben herzlich wenig mit meiner heutigen Lebenswelt und Kultur zu tun. Und die Friedensvisionen klingen wie ein weit entferntes Paradies (das auch mit der Realität der Israeliten nach der Rückkehr aus dem Exil wenig zu tun hat).

Ich denke mal das waren schon für die Hörer damals utopische Bilder und Visionen, die ihnen geholfen haben mit ihrer Verzweiflung und ihren Rachegefühlen umzugehen. Zukunftsvisionen, die ihre Hoffnung gestärkt haben und ihr Vertrauen darauf, dass Gott alles zum Guten wenden wird. Für uns heute müssten solche Bilder und Visionen anders aussehen, damit sie uns etwas zu sagen haben. Ich denke da z.B. an die berühmte Rede von Martin Luther King: „I have a dream…“ Da hat er Bilder und Visionen gefunden, welche seine Zuhörer ganz tief getroffen haben und ihnen eine neue Zukunft eröffnet haben.

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Epheser 6, 1-9 Imitieren oder übertragen

Auch in diesem Abschnitt besteht biblischer Gehorsam nicht darin, dass wir versuchen das Leben der Urchristen zu imitieren. Denn dann müssten wir uns wieder den damaligen kulturellen Gegebenheiten anpassen und uns wieder Sklaven anschaffen. Es geht um die Aussageabsicht, mit der Paulus in damalige kulturelle Gegebenheiten hinein spricht.

Und da fällt auf, dass er nicht nur das damals Selbstverständliche fordert (nämlich dass Kinder ihren Eltern gehorchen und dass Sklaven ihren Herren gehorchen), sondern dass er auch die Väter und die Herren dazu auffordert, ihre Kinder und Sklaven nicht ungerecht zu behandeln, sondern in der Verantwortung vor dem Herrn.

Auch wenn es nicht direkt ausgesprochen wird, so sprechen diese Aufforderungen doch tendenziell für eine Veränderung dieser hierarchischen Strukturen hin zu einem partnerschaftlichen Miteinander. Alle miteinander, Eltern und Kinder, Herren und Sklaven, stehen in der Verantwortung vor Gott.

Biblischer Gehorsam heißt nun zu überlegen, was diese Aufforderungen in unserer heutigen Kultur bedeuten könnten: Im Miteinander von Eltern und Kindern, oder z.B. auch im Miteinander von Chef und Angestellter.

| Bibeltext |

Birgit Vanderbeke: Ich sehe was, was du nicht siehst

Ein wundervoll erzähltes kleines Buch. Ein ganz eigener Stil: Sehr schlicht, sehr klar, scheinbar naiv und doch tiefgründig. Die Erzählerin versteht es, dem Leser die Augen zu öffnen für die Absonderlichkeiten des Alltags. Ein bisschen erinnert diese Weise des Erzählens an François Lelord, allerdings mit etwas weniger Pathos als bei ihm – das tut dem Buch sehr gut.

Vom Inhalt her geht es um eine junge Frau und ihrem Sohn. Irgendwann beschließt sie aus ihrer bisheriger Welt auszubrechen und zieht nach Berlin. Doch sie merkt, dass sie für etwas wirklich anderes weiter weg gehen muss und sie zieht nach Frankreich. Herrlich unaufgeregt erzählt sie über ihre Erfahrungen, ihre Ängste und das Finden von Heimat. Sie erzählt über die kleinen und großen Unterschiede zwischen den Kulturen, wobei wir verklemmten Deutschen nicht sehr gut wegkommen…

Zitate:

„Man kann einfach weggehen, dachte ich. Entweder man geht ein bißchen weg, oder man geht richtig weg oder man bleibt… Man kann auch bleiben und, während man bleibt, denken, eines Tages gehe ich einfach weg, und während man das es denkt, bleibt man und wartet… und eines Tages ist man geblieben und gar nicht weggegangen, weder ein bißchen noch richtig. Und dann ist man traurig und sagt: wo ist das Leben bloß hin.“ (S. 7)

„Es ist sonderbar, sagte René am Abend, daß man Dinge sehen kann, ohne sie wahrzunehmen. Mal gespannt, was wir auf die Weise noch so entdecken.“ (S. 95)

Psalm 104 – Wahre Schönheit

Der Psalm ist ein eindrucksvolles Loblied auf Gott den Schöpfer. Zwei Aussagen sind mir dabei besonders aufgefallen: Zum einen spricht der Psalm von Gottes Schönheit: „Du bist schön und prächtig geschmückt.“ (V.1) Das ist eine Dimension Gottes, über die wir uns normalerweise wenig Gedanken machen: Gott ist schön. Nicht im heutigen, flachen Sinn von „gut aussehend“ oder „sexy“, sondern schön in einem ganz umfassenden Sinn. Wir können Gott nicht sehen und somit auch nicht sein Aussehen beurteilen. Aber der Psalm sagt, dass Gott von seinem Wesen her schön ist. Es geht dabei nicht um irgendeinen oberflächlichen Topmodell-Contest, bei dem es auf eine schöne Fassade ankommt. Es geht nicht um Schönheit, die unseren Augen gefällt, sondern Schönheit, die unsere Herzen berührt.

Ich denke, wenn wir Menschen in unserer Welt etwas Schönes entdecken, dann spiegelt sich darin auch etwas von der Schönheit des Schöpfers wieder. Insofern haben die „schönen Künste“ sehr viel mit Gott zu tun. So mancher Künstler hat eine tiefe Sehnsucht nach dem Schönen und ist sich vielleicht gar nicht bewusst, dass dahinter eine Sehnsucht nach Gott stehen könnte. Durch alle Jahrhunderte hindurch haben Menschen immer wieder gemerkt, dass etwas wahrhaft Schönes unsere normale, irdische Welt transzendiert und übersteigt. Natürlich sollte Kirche nicht zum Kunstverein verkommen und sich nur noch um kulturelle Programme drehen. Aber wir brauchen auch keine Angst vor der Schönheit der Kunst haben – richtig verstanden öffnet sie einen Zugang zur Schönheit Gottes.

Das andere Bild, das mich berührt steht in V.3: „Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes.“ Gott als Wolkenreiter. So wie manche Menschen auf Wasserwellen reiten und surfen, so surft Gott auf den Wolken und Winden. Ein starkes Bild, ein schönes Bild, ein Bild, das mich schmunzeln lässt. Aber nicht weil es lächerlich ist, sondern weil es für mich etwas ausdrückt von der Freude Gottes an seiner Schöpfung.

Interessant ist übrigens, dass diese Vorstellung aus anderen Religionen geklaut ist: Im kanaanäischen Umfeld des Volkes Israel wurde der Himmelsgott Baal auch als „Wolkenreiter“ bezeichnet. Das Alte Testament grenzt sich immer wieder sehr scharf gegenüber anderen Gottesvorstellungen ab – und doch greift es immer wieder auch andere Vorstellungen auf und überträgt sie auf den eigenen Gott. Nach dem Motto: „Ihr redet von Baal als dem Wolkenreiter, aber eigentlich gibt es nur einen Wolkenreiter: unseren Gott Jahwe.“ Ich mag diese Unbekümmertheit, mit der hier fremde Gottesbezeichnungen einfach auf den Gott der Bibel übertragen werden. Manche ängstliche Christen schreien ja gleich bei allem, was mit anderen Göttern und Religionen zu tun hat: „Vorsicht okkult! Alles ganz Böse!“ Aber die Bibel geht hier nicht nur den Weg der Abgrenzung, sondern auch den Weg der Einverleibung und Neudeutung.
Bibeltext

Matthäus 6, 5-8 – Zeitgebundenheit der Bibel

Noch zwei Anweisungen Jesu, die ich gut und gerne befolgen kann: Wir sollen nicht in der Öffentlichkeit beten und wir sollen nicht viele Worte beim beten machen. Das kommt mir beides sehr entgegen: In der Öffentlichkeit beten ist ja sowieso peinlich, da kann ich gern drauf verzichten und ewig viel herumplappern beim beten ist auch nicht mein Ding, ich bin nicht so der geschwätzige Typ…

Tja, diese zwei Gebote sind schöne Beispiele dafür wie irreführend es sein kann, wenn man biblische Anweisungen aus ihrem zeitgeschichtlichen Kontext herauslöst und sie in einem vermeintlich buchstäblichen Gehorsam umsetzen will. Wenn ich diese Anweisungen einfach direkt in unsere heutige Zeit und Kultur übertrage, dann sind sie kein Problem. Aber wenn ich den zeitgeschichtlichen und kulturellen Hintergrund betrachte und auf die Aussageabsicht schaue, dann wird es schon schwieriger.

Es geht Jesus um die Heuchelei. Frommer ausschauen, als man ist und vor den anderen damit auch noch angeben. Im Buch „unchristian“ von Kinnaman und Lyons wird genau diese Scheinheiligkeit und Heuchelei auch als ein zentrales Problem des heutigen Christseins gesehen. Nur äußert sich das heute anders. Heute erhält niemand einen Ansehensgewinn, wenn er in der Öffentlichkeit betet (wie es wohl damals bei den Pharisäern war: „Wow, seht mal wie viel der betet! Das ist ja super!“), im Gegenteil: Wer sich öffentlich als frommer Beter outet, wird eher schräg angeschaut und man lächelt müde über ihn. Die buchstäbliche Erfüllung von Jesu Anweisung ist deshalb kein Problem. Aber wenn man es in unsere heutige Zeit überträgt, dann gewinnt dieses Gebot eine ganz neue Dimension: Denn es wird auch heute noch geheuchelt. Wir Christen geben viel zu oft vor, besser zu sein, als wir es tatsächlich sind.

Ich weiß, wie leicht man mit einer zeit- und kulturgebundenen Auslegung auch biblische Gebote aushebeln und relativieren kann. Vom Prinzip her lässt sich damit jede etwas anspruchsvolle und kritische Bibelstelle auf die Seite schieben. Aber wenn man’s nicht tut, dann kann man genauso gegen den eigentlichen Sinn der Gebote verstoßen und ihn beiseite schieben. Wir kommen nicht darum herum, uns über den damaligen Zusammenhang Gedanken zu machen und uns dann zu überlegen, was das heute heißen könnte.