Titus 1, 10-16 Unnütze Schwätzer und Verführer

Würd mich mal interessieren, wie Paulus unsere heutige kirchliche und theologische Landschaft beurteilen würde. Dem Titus damals hatte er geschrieben, dass es viele Freche, unnütze Schwätzer und Verführer gibt. Damals waren das wohl Leute, welche besondere enge Gebote aufgestellt haben, welche vor allem auf jüdischem Hintergrund die Frage nach Rein und Unrein zu klären versuchten. Was darf ein Christ tun, was nicht? Was schadet ihm, was nicht? Paulus sagt dazu lapidar: „Den Reinen ist alles rein“ (V.15).

Wen würde Paulus heute kritisieren? Die Liberalen, welche das Evangelium verwässern? Die engherzigen Fundamentalisten, die auf alles eine platte und einfache Antwort wissen? Oder diejenigen dazwischen, weil sie zu lauwarm sind und ständig zwischen den Stühlen sitzen? Würde er eher Kritik an bestimmten theologischen Lehren üben oder würde er ethische Gleichgültigkeit kritisieren?

| Bibeltext |

Psalm 141 – Schlage mich freundlich!

Das Gebet eines Menschen, der sich in der Gefahr sieht, von anderen verführt zu werden. Was hilft ihm beim Glauben zu bleiben und richtig zu leben? Zwei Dinge sind mir aufgefallen. Das eine ist, dass er Gott selbst bittet, dass er sein Herz vor Bösem bewahre: „Neige mein Herz nicht zum Bösen, gottlos zu leben mit den Übeltätern.“ (V.4)  Er rechnet also damit, dass Gott selbst sein Herz, seine Wünsche und Sehnsüchte und damit auch seine Handlungen verändern kann.

Das andere ist, dass andere ihn auch durchaus kritisch zurechtweisen sollen und ihm somit helfen auf dem richtigen Weg zu bleiben: „Der Gerechte schlage mich freundlich und weise mich zurecht; das wird mir wohltun wie Balsam auf dem Haupte.“ (V.5) Das finde ich ziemlich starke Aussagen. Viele Christen – auch ich – tun sich eher schwer mit Kritik. Kritik als wohltuendes Balsam zu empfinden und anzunehmen – da bin ich oft weit davon entfernt. Viel leichter ist es, innerlich und äußerlich mit Abwehr zu reagieren. Auf der anderen Seite muss aber auch betont werden, dass die Kritik „freundlich“ zu geschehen hat – nicht mit dem Hintergedanken dem anderen eins rein zu drücken. Auf beiden Seiten (sowohl beim hilfreichen kritisieren als auch beim offenen Hören auf Kritik)  gibt’s noch viel zu lernen…
Bibeltext

Matthäus 15, 1-20 – Kleinkarierte Traditionalisten

Köstlich, wie Jesus hier mit seinen Kritikern umgeht. Da sind ein paar besonders fromme Leute, denen es nicht passt, dass die Jünger Jesu die traditionellen Reinheitsvorschriften nicht genau genug befolgen. Jesus geht gar nicht auf die Kritik ein, sondern hält den Kritikern den Spiegel vor: Bei euch ist es noch viel schlimmer! Ihr übertretet zwar nicht irgendwelche tradtionellen Vorschriften, aber ihr übertretet Gottes Gebote selbst. Und dann führt er aus, dass man Reinheit vor Gott nicht mit äußerlichen Handlungen herstellen kann, sondern dass dafür ein reines Herz notwendig ist.

Ich könnt jetzt wunderbar über die viele kleinkarierten Traditionalisten schimpfen, die es auch heute noch bei den besonders Frommen gibt. Leute, die so sehr in ihren Traditionen gefangen sind, dass sie die lebendige Quelle längst verloren haben. Aber das ist immer das einfachste und bequemste: Einen Bibeltext auf die anderen abschieben und sich selbst aus der Schusslinie nehmen. Wie sieht’s denn bei mir aus? Gibt’s in meinem Glauben nicht auch manches Eingefahrene, über das ich gar nicht mehr nachdenke? Gibt’s da nicht auch viele Bereiche, wo ich weit weg von der lebendigen Quelle bin?

Auch übrigens: Manchmal kann die Ablehnung aller Tradition auch zu einer Tradition werden, die nur noch aus Prinzip geschieht und nicht mehr danach fragt, was Gott eigentlich will. Manchmal kann das Bedürfnis alles anders zum machen als die Glaubenväter und -mütter auch zu einem unhinterfragbaren Postulat werden, durch das auch viele gute Tradtionen einfach aus Prinzip über Bord geworfen wird… Jesus sagt ja nicht, dass alle Tradition schlecht ist, sondern nur wenn sie Gottes ursprünglichem Willen widerspricht. Und oft bilden sich gerade an den Stellen, wo man unüberlegt alle Traditionen über Bord wirft, sehr schnell neue fragwürdige Traditionen.

Blogstöckchen: Wie gehst du mit Kritik um?

Dirk hat auf seinem Blog darüber nachgedacht, wie er mit Kritik umgeht und aus dieser Frage gleich ein Blogstöckchen gemacht. Mich hat’s auch getroffen…

Tja, die Sache ist gar nicht so einfach. Natürlich sagt man als aufgeklärter Mitteleuropäer sich selbst und den anderen immer, dass man gerne konstruktive Kritik hört und bereit ist, die auch umzusetzen. Aber mir selbst geht’s zumindest so, dass jede Kritik (auch wenn sie hundermal gerechtfertigt und nötig ist) zunächst mal weh tut. In mir steckt immer noch ein wenig von dem kleinen Jungen, der davon träumt ein Superheld zu sein, der immer alles richtig macht, der über allen Problemen steht und der in jeder Situation souverän den richtigen Weg findet.

Mein Verstand hat so langsam begriffen, dass das nur ein schöner Traum ist, aber mein Herz klammert sich wider besseres Wissen noch immer an dieses Ideal. Und wenn ich ehrlich bin, dann versetzt mir zunächst mal jede Kritik einen kleinen Stich in’s Herz – da hat jemand gemerkt, dass ich kein Superheld bin, dass ich nicht alles perfekt mache.

Wenn der Schmerz nachlässt, dann versucht sich der Verstand einzuschalten und abzuwägen, wie berechtigt die Kritik ist. Das gelingt mal besser und mal schlechter. Wenn’s gut läuft lern ich was draus, wenn nicht fühl ich entweder mich entweder schlecht oder den anderen doof… 😉

Natürlich hängt es auch davon ab von welchen Personen und in welchem Bereich mich Kritik trifft. Mit Kritik von weiter weg stehenden Leuten kann ich neutraler umgehen. Wenn mich aber eine vertraute Person in einem Bereich kritisiert, wo ich eigentlich mit mir zufrieden bin, dann kann mich das ganz schön aus der Bahn werfen.

Bei Dirk ging es auch konkret um Kritik an einer Predigt. Ich denke als Pastor und Prediger wird es immer Leute geben, die einen kritisieren. Muss auch gar nicht bös gemeint sein, aber es ist einfach so, dass der eigene Predigtstil nicht jedermanns Sache ist. Da kann man tun was man will, das bleibt einfach. Anders sieht’s aus bei Leuten, die einen gut kennen und die durch ihre Rückmeldung wirklich helfen wollen. Wenn da ein echtes Vertrauensverhältnis da ist, dann kann Kritik sehr hilfreich sein.

Bin außerdem – wie andichrist bei Dirk auch schon bemerkte – überzeugt, dass der Predigthörer genau so wichtig ist, wie der Prediger. Predigten so zu hören, dass sie einen wirklich treffen und dass man ganz bei der Sache ist, ist auch eine große Kunst. Auch die Hörer können die Qualität einer Predigt beeinflussen. Bei einem guten Predigthörer merkt der Prediger wärend der Predigt, ob er dabei ist, wie er auf einzelne Punkte reagiert und es kann fast schon ein kleiner Dialog entstehen. Wenn alle nur dasitzen und ans Mittagessen denken, dann wird die Predigt garantiert für Prediger und Zuhörer langweiliger und nichtssagender, wie wenn wenigsten ein paar wirklich aufmerksam und mit offenen Herzen Gott in der Predigt hören wollen.

So, werde das Stöckchen jetzt nicht weiterwerfen, da ich nicht gerne auf andere werfe und da Dirk schon auf manch andere geworfen hat, auf die ich auch geworfen hätte (ist doch schön, dass es bei uns im Deutschen noch einen echten Konjunktiv gibt, oder? Was täten wir nur ohne ihn?) 😉

2. Korinther 11, 1-15 – Starker Tobak

Starker Tobak, den Paulus hier raucht! Es geht wieder einmal um die Auseinandersetzung mit anderen christlichen Leitern und Predigern, die in Korinth wohl einiges an Verwirrung gestiftet haben. Er bezeichnet diese Leute als falsch, betrügerisch und bringt sie dann sogar mit dem Satan in Verbindung (V.13-14). Darf man so argumentieren??? Natürlich kann ich die Situation von damals nicht einschätzen. Ich weiß nicht genau, was diese falschen Apostel vertreten haben – in den Augen des Paulus müssen es ja offensichtliche und schwere Irrlehren gewesen sein.

Aber ich möchte Paulus hier nicht als Vorbild nehmen. Wenn ich manchmal höre wie heute bei unterschiedlichen Auffassungen von Glaube und Bibel von Christen aufeinander eingedroschen wird, dann dreht es mir den Magen um. Viel zu schnell sind manche Christen dabei, andere Meinungen als „von unten“ zu sehen. Da ist ja dann überhaupt keine Diskussion mehr möglich. Das ist ein Totschlag-Argument bei dem es nur die Möglichkeit gibt: Du oder ich. Wie gesagt: Wahrscheinlich war es ja bei Paulus durchaus angebracht und er hat das als inspirierter Bibelschreiber nicht einfach so aus Affekt dahingeschrieben. Aber all zu leichtfertig sollten wir solch scharfen Angriffe nicht übernehmen.