Titus Müller: Nachtauge

Müller: NachtaugeEin gelungener historischer Roman, der in der Zeit des 2. Weltkrieges spielt. Ausgehend von wahren Begebenheiten erzählt Titus Müller in zwei Erzählsträngen eine Spionagegeschichte, die in England spielt und eine Liebesgeschichte, die in Deutschland spielt. Durch verschiedene Personen und verschiedene Perspektiven gibt er dem Leser einen guten Einblick in die verworrene Zeit des Nationalsozialismus. Titus Müller: Nachtauge weiterlesen

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden

Tolstoi: Krieg und FriedenWas für ein monumentales Werk! Das Buch ist wie ein riesiger Berg: Auf dem Weg zum Gipfel kann man sich leicht verlaufen, man kann die Lust verlieren, man kann müde werden, man fragt sich, ob es sich überhaupt lohnt, diesen Berg zu erklimmen,… und ich muss zugeben auch ich hab mich durch das Buch durchkämpfen müssen. Aber ich bin froh, dass ich es getan habe. Es ist gut, am Ende auf dem Gipfel zu stehen und die Aussicht zu genießen. Lew Tolstoi: Krieg und Frieden weiterlesen

Lukas 21, 5-19

Ich tue mich immer etwas schwer mit solchen apokalyptischen Texten. Wir wissen ganz einfach nicht, wann das Ende der Welt kommen wird. Selbst Jesus kann hier keine genauen Angaben machen. Der Tempel in Jerusalem ist längst zerstört und knapp 2000 Jahre später leben wir immer noch. Kriege, Aufruhr, Erdbeben, Hungersnöte und Seuchen hat es in der Antike und durch die Jahrhunderte genauso gegeben wie heute. Natürlich gibt es immer welche, die Panik machen und sagen: „Ja aber heute ist das alles viel schlimmer als zu früheren Zeiten!“ Aber das überzeugt mich nicht: Sieht es heute wirklich schlimmer aus, als z.B. im Mittelalter, als Pest und Cholera ein Großteil der Bevölkerung vernichtet hat oder im 30-jährigen Krieg?

Wir Deutsche verfallen ja schon in Endzeitstimmung, wenn unser Rentenalter von 65 auf 67 Jahre angehoben wird! Wir leben nach wie vor in einer Überflussgesellschaft und haben nicht mit Hunger zu kämpfen, sondern mit Übergewicht, weil wir zu viel zum Essen haben… Ich denke, für man andere Christen auf dieser Welt, spricht dieser Text ganz anders. Christen,  die verfolgt sind, die ums überleben kämpfen, die mit Armut und Hunger zu kämpfen haben. Ich für mich kann aus dem Text mitnehmen, dass ich mir über meine Probleme nicht all zu viel Sorgen zu machen brauche: Gott ist da – auch wenn es noch schlimmer kommt.

| Bibeltext |

Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah

Ein postmoderner Roman – mit all seinen Stärken und Schwächen. Schon beim ersten Durchblättern fällt die Vielfältigkeit – oder man könnte auch sagen das Durcheinander – auf: Neben ganz normal beschriebenen Seiten finden sich viele Bilder, Text mit roten Unterstreichungen, leere Seiten, Seiten mit nur wenigen Worten, Seiten angefüllt mit Zahlen, Seiten auf denen die Buchstaben immer näher zueinander gerückt sind,… Auch die unterschiedlichen Erzählstränge, Erzählperspektiven, Zeitebenen und viele verschiedene Personen bestätigen diese postmoderne Vielfältigkeit. Hinzu kommen manche surrealen Elemente, bei denen man sich fragt, ob das eigentlich wirklich so passieren kann.

Zumindest gibt es einen Haupthandlungsstrang, der die ganze Geschichte einigermaßen zusammen hält: Der neunjährige Oskar Schell verliert seinen Vater bei den Terroranschlägen vom 11. Sept. Das Buch beschreibt, wie der etwas altkluge Oskar mit dem Verlust umgeht. Zu seinen Lebzeiten hat der Vater ihm gerne Rätselaufgaben gestellt und so macht sich Oskar auch nach dessen Tod auf, um ein Rätsel zu lösen. Bei den Sachen seines Vaters findet er einen Schlüssel, der in einem Umschlag mit dem Vermerk „Black“ steht. Oskar vermutet, dass es sich dabei um einen Namen handelt und so macht er sich bei den 216 Blacks die es in New York gibt auf die Suche nach dem passenden Schloss. Dabei begegnet er allen möglichen skurrilen und ungewöhnlichen Personen.

In einem zweiten Erzählstrang geht um die Großeltern von Oskar Schell, welche zu Ende des 2. Weltkrieges beim Bombardement von Dresden traumatische Erfahrungen gemacht haben. Der Großvater verliert dabei seine eigentliche Jugendliebe und auch seine Sprache (er wird stumm). Stattdessen heiratet er die Schwester seiner großen Liebe und führt mit ihr eine ziemlich seltsame Ehe.

Trotz all dem Durcheinander hab ich den Roman gerne gelesen. Foer hat einen gut lesbaren Stil und versteht es, die Neugierde des Leser zu wecken. Auch die Figur des Oskar finde ich sehr gut gelungen. Man kann sich gut in das verwirrte und suchende Kinderherz einfühlen, ohne dass die ganze Geschichte ins kitschige abrutscht. Die Vielfältigkeit des Romans macht das Lesen zum einen spannend und überraschend. Man staunt so manches mal über gelungene Einfälle des Autors. Zum anderen macht es das Lesen aber auch anstrengend und so manches mal ist es auch zu viel des Guten. Den zweiten Erzählstrang um die Großeltern herum finde ich nicht so gelungen und berührend, wie die Geschichte des Oskar.

(Amazon-Link: Foer: Extrem laut und unglaublich nah)

Anne Frank: Tagebuch

Überrascht, fasziniert und bewegt hat mich das Tagebuch von Anne Frank. Obwohl ich gerne lese und Anne Frank eigentlich zur Standardliteratur in deutschen Schulen zählt, hab ich das Buch bis jetzt noch nicht gelesen und wusste auch kaum etwas über den Inhalt.

Überrascht hat mich, dass von den eigentlichen Schrecken des Krieges recht wenig direkt deutlich wird (auf indirekte Weise dann natürlich schon). In den Tagebucheinträgen, welche Anne Frank im Alter zwischen dreizehn und fünfzehn Jahren schrieb, wird vor allem der Alltag von acht Juden deutlich, welche sich in einem abgeschirmten Hinterhaus in Amsterdam während der deutschen Besetzung versteckt hielten. Vom Krieg selbst erhalten die untergetauchten Juden nur indirekt über ihre Helfer oder über Radio Informationen. Im Alltag bestimmender sind die zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen, die nervliche Anspannung aufgrund der Enge und der Angst und für Anne Frank selbst ihre persönliche Entwicklung und die Auseinandersetzung mit ihren Eltern in diesen Jahren der Pubertät.

Faszinierend ist, was in diesen ungeschönten Tagebucheinträgen deutlich wird von der Person der Anne Frank. Ein hoch intelligentes und schriftstellerisch begabtes junges Mädchen. Nach außen hin fröhlich, extrovertiert, selbstbewusst und oft auch frech. Aber in ihren Aufzeichnungen wird auch eine zweite, nachdenkliche und tiefgängige Seite ihres Charakters deutlich. Es werden ihre Ängste und Kämpfe deutlich, ihre Sehnsucht nach Verstandenwerden und Ernstgenommenwerden, ihre Verletzungen und wie sie diese Verletzungen nach außen hin überspielt.

Bewegt hat mich diese innere Entwicklung eines jungen Menschen unter extremen Bedingungen. Bewegt hat mich auch das Schicksal der ganzen Familie und der anderen im Versteck untergekommenen Juden. Was für ein Wahnsinn, dass diese ganz normalen Menschen mit ihren Träumen, Hoffnungen und Ängsten kein Recht zum Leben haben sollten, nur weil sie Juden waren!?! Bewegend sind auch und gerade diese Beschreibung der manchmal scheinbar kleinen Alltagssorgen, welche auf paradoxe Weise verdeutlichen, welcher Irrsinn es ist, wenn Menschen, die einfach nur leben und lieben wollen, im Chaos des Krieges zerrieben werden.

(Amazon-Link: Anne Frank Tagebuch)

Mario Vargas Llosa: Der Krieg am Ende der Welt

Puuuh! Was für ein Roman! Schon allein vom Umfang her ist er ziemlich lang (über 700 Seiten im Taschenbuch). Aber auch vom Inhalt her nicht gerade leicht verdaulich und der Schreibstil ist nicht unbedingt zum Überfliegen geeignet. An so manchen Stellen musste ich mich durchkämpfen und manches ist etwas langatmig geraten – aber trotz allen Einschränkungen ist es ein genialer Roman. Ich bin froh, dass ich bis zum Ende durchgehalten habe!

Es geht um eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Brasilien die Republik ausgerufen. In einer abgelegenen Provinz regt sich Widerstand. Allerdings nicht aus politischen Motiven, sondern auf religiösem Hintergrund. Die zentrale Figur des Buches ist der sogenannte „Ratgeber“. Er hieß Antônio Conselheiro, wird aber wegen seines Wirkens von den Menschen nur der Ratgeber genannt. Er war Wanderprediger, der durch die Lande zog, den Armen und Ausgestoßenen predigte, den Menschen Ratschläge erteilte und dem sich im Lauf der Zeit immer mehr Menschen anschlossen.

Er ließ sich mit seinen Anhängern schließlich in Canudos nieder, wo sie eine auf christlicher Brüderlichkeit basierende Stadt aufbauten. Es gab keinen Privatbesitz, jeder wurde von der gemeinsamen Habe ernährt und versorgt. Jeder durfte kommen, auch ehemalige Banditen, Räuber und Verbrecher – solange sie zu Jesus Christus gefunden hatten. Der Ratgeber hatte eigentlich keine politischen Absichten, stellte sich aber aus verschiedenen praktischen Gründen gegen die Republik. So wurde z.B. durch die Republik die Zivilehe eingeführt. Das ganze kommt zu einem großen Kampf zwischen den Aufständischen und der Staatsmacht, die nach drei fehlgeschlagenen Militärexpeditionen schließlich die gesamte Streitmacht gegen die religiösen Fanatiker aufbringt.

Ich finde es sehr gelungen, wie Llosa diese zunehmende Zuspitzung der Gewalt darstellt. Er beschreibt das Ganze recht neutral und differenziert, ohne durch seine Darstellung die eine oder andere Seite deutlich zu bewerten. Dieser beobachtende Standpunkt wird auch formal unterstrichen, indem er oftmals dasselbe Geschehen aus den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten erzählt. Das macht das Buch oft auch schwierig zu lesen, weil viele Personen vorkommen und die Perspektive dann auch immer wieder wechselt. Natürlich kommt nicht nur das große Ganze in den Blick, sondern es werden in verschiedenen Erzählsträngen auch Einzelschicksale verfolgt.

Faszinierend war für mich, wie in dem Buch deutlich wird, wie problematisch es werden kann, wenn religiöse und politische Sichtweisen unreflektiert vermischt werden. Der Ratgeber und seine Gefolgsleute hatten einen tiefen und ehrlichen Glauben. Mit bewundernswerter Hingabe wollten sie ihren Glauben an Jesus Christus leben. Aber gerade diese radikal religiöse Sichtweise der Welt, vermischt mit einer apokalyptischen Erwartung des großen Kampfes gegen das Böse am Ende der Welt, führt dann auch in den tragischen Untergang… Auf der anderen Seite haben die politischen und militärischen Kräfte überhaupt keine Antenne für die religiöse Motivation der Aufständischen. Für sie bleiben sie einfach unmenschliche Barbaren, die sich einem bestimmten politischen System widersetzen.

Was ich allerdings etwas schade fand ist, dass die Figur des Ratgebers letztendlich doch ungreifbar und mythisch bleibt. Was hat tausende von Menschen an diesem einen Mann so fasziniert, dass sie bereit waren alles für ihn aufzugeben? Diese Frage ist wahrscheinlich gar nicht zu beantworten, aber dadurch bleibt der Ratgeber insgesamt doch relativ blass in dem Buch.

Historische Romane sind eigentlich nicht so mein Ding, aber diesen habe ich mit Genuss verschlungen! Er ist gut geschrieben und nach allem was ich dazu gelesen habe, wohl auch nahe an der historischen Wirklichkeit. Das Buch eröffnet einen lebendigen und umfangreichen Einblick in die dramatischen Ereignisse, die beschrieben werden. Sehr lesenswert!

(Amazon Link: Mario Vargas Llosa: Der Krieg am Ende der Welt)

Nicole Krauss: Die Geschichte der Liebe

Ganz so kitschig, wie der Titel klingt ist das Buch gar nicht. Mich hat vor allem ein Zitat auf der Rückseite von J.M. Coetzee dazu bewegt, das Buch zu lesen: „Bezaubernd, zärtlich und sehr originell.“ Aber irgendwie bin ich mit dem Roman doch nicht so richtig warm geworden. Von der Sprache her ist es gut zu lesen und interessant geschrieben. Es kommen unterschiedliche Perspektiven und Erzählstile zum Einsatz (je nachdem, welche Person gerade erzählt). Mir war die Geschichte und die Perspektivenwechsel dann aber doch zu verwirrend und kompliziert.

Die Geschichte dreht sich um ein Buchmanuskript, das den Titel „Die Geschichte der Liebe“ trägt. Die Hauptpersonen sind der inzwischen 80-jährige Leo und die 14-jährige Alma. Leo hat das Manuskript vor dem zweiten Weltkrieg als Liebeserklärung an seine damalige Freundin Alma geschrieben. Die zwei wurden durch die Wirren des Weltkrieges getrennt und das Manuskript hat auf verschlungenem Weg überlebt. Das Mädchen Alma ist nach der Hauptfigur des Manuskriptes benannt.

In dem Buch geht es nun um die Geschichte von Leo und von der jungen Alma. Alma ist auf der Suche nach dem Autor des Buches, dem sie ihren Namen verdankt. Und Leo ist traurig und einsam, weil er seine Jugendliebe Alma verloren hat. Natürlich treffen sich die beiden am Ende, aber mir ist nicht so ganz klar geworden, was die Autorin damit eigentlich sagen möchte. Am Ende habe ich mich gefragt: „Ja und jetzt? Was soll das alles?“

Nachdem man den ganzen Roman über damit beschäftigt ist, die rätselhaften Zusammenhänge zwischen den Figuren zu entwirren (und dabei manches mal an der Nase herum geführt wird), ist mir das Ende irgendwie zu wenig.

Noch ein Zitat, das mir sehr gefallen hat: „Wenn ein Jude betet, stellt er Gott eine Frage, die kein Ende hat.“ (S. 236) Natürlich keine umfassende Beschreibung von Gebet, aber trotzdem sehr schön und treffend.

Georges Simenon: Der Schnee war schmutzig

Vor einigen Wochen ist mir zum ersten mal bewusst der Name Georges Simenon begegnet. Ich las irgendwo, dass er einer der meistgelesenen Schriftsteller des 20. Jh. war. Er hat rund 400 Romane geschrieben, die weltweit erfolgreich waren und sind. Bekannt ist er vor allem für seine Romane über den Pariser Kommissar Maigret. Seltsam, dass ich noch nie was von ihm gehört hatte. Da ich Krimis nicht so besonders mag, hab ich mir einen seiner anderen Romane ausgesucht, um ihn kennen zu lernen.

Der Roman „Der Schnee war schmutzig“ hat mich nicht begeistert, was zum entspannen ist es auch nicht – im Gegenteil: über weite Strecken des Romans regt man sich über die Hauptfigur auf. Aber trotzdem hat er mich gefesselt. Schreiben kann Simenon auf jeden Fall.

Schauplatz des Romans ist ein besetztes Land im zweiten Weltkrieg. Die Hauptfigur ist ein achtzehnjähriger, skrupelloser junger Mann, Frank Friedmaier. Seine Mutter betreibt ein Hinterzimmerbordell und damit verdient sie mehr als viele andere in dieser schwierigen Zeit. Frank aber genügt dieser relative Wohlstand nicht. Er benimmt sich wie ein Raubtier, das ohne Gewissen und ohne Rücksicht auf andere tut was es will. Er schläft mit den Mädchen des Bordells, ohne je richtig zu lieben. Er tötet, um zu wissen, wie es sich anfühlt. Er stiehlt wegen des Nervenkitzels. Er spielt mit der Liebe einer jungen Nachbarin, die sich hoffnungslos in ihn verliebt hat, ohne die geringste Gefühle zu zeigen. Er fordert aus Langeweile das Schicksal heraus.

Das Schicksal schlägt dann auch zu: in der Form der Besatzungsmacht. Frank wird gefangen genommen, in einer ehemaligen Schule eingesperrt und unzähligen Verhören unterzogen. Erst in diesem letzten Teil regen sich so etwas wie menschliche Gefühle in ihm…

Simenon mutet dem Leser einiges zu. Vor allem weil er die Hauptfigur ganz ohne Wertung beschreibt – weder positiv noch negativ. Frank ist natürlich ein Scheusal, aber als Leser will man sich ganz automatisch in irgend einer Weise mit der Hauptfigur identifizieren. Mir war lange Zeit nicht klar, worauf der Roman hinausläuft und warum Frank solch ein gefühlloses Ekel ist.

Simenon führt den Leser mit eiskalter Präzision in die Abgründe der menschlichen Seele. Er beschönigt nichts. Er erklärt nichts. Er beobachtet und beschreibt. Erst am Ende wird deutlich, dass auch in dieser heruntergekommenen Seele auch noch etwas menschliches steckt. Mir ist zu dieser Hauptfigur des Romans ein Lied von Jens Böttcher eingefallen: „Nur die Liebe kann uns retten“.

Walter Kempowskie: Alles umsonst

Ein eindrücklicher Roman über Flucht und Vertreibung gegen Ende des 2. Weltkrieges. Erzählt wird die Geschichte einer adeligen Familie, die auf einem herunter gekommenen Gut in Ostpreußen lebt. Der Vater ist mit der Armee in Italien. Die Mutter ist eine schöne, aber verträumte Person, welche die harte Kriegsrealität gar nicht richtig wahrnehmen will. Die praktische Organisation auf dem Gut übernimmt eine Tante und drei Ostarbeiter. Der zwölfjährige Peter ist blondgelockt, aber oft kränklich. Seine jüngere Schwester ist vor zwei Jahren verstorben.

Ohne großes Pathos berichtet Kempowski von den Wirrnissen der letzten Kriegsmonate. Der Winter ist hart, die Russen rücken näher, tausende sind auf der Flucht, die Vertreter des Staates versuchen zunehmend verzweifelt, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Durch die nüchterne Erzählweise treten die Schrecken dieser Zeit um so bedrückender hervor.

Der Autor hält sich mit Wertungen zurück. Auch Nazis werden als Menschen mit Stärken und Schwächen dargestellt. Letztendlich schauen die Meisten im großen Durcheinander vor allem auf sich selbst. Wie kann man selbst überleben?

Für jemand, der in Wohlstand und Frieden aufgewachsen ist, ist es kaum vorstellbar, welches Leid die Menschen damals durchmachen mussten. Vor kurzem habe ich ein Buch über Hitler gelesen. Da wurde gut heraus gearbeitet, dass Hitler am Ende ganz bewusst den totalen Untergang Deutschlands herbei führen wollte. Wie viel Leid hätte vermieden werden können, wenn er schon vorher versucht hätte ein Friedensabkommen zu erreichen?! Und wofür das alles?

Das ist auch die Frage des Buches: War letztendlich nicht alles umsonst? All die Bemühungen, irgendwie zu überleben? Im Buch steht am Ende die Frage: „War nun alles gut?“

Ishmael Beah: A long way gone

[dt.:Ishmael Beah: Rückkehr ins Leben]

Kein Buch zum Entspannen, sondern ein Buch zum verzweifeln, schreien, weinen,… Ishmael Beah beschreibt in dem Buch seine eigene Geschichte als Kindersoldat in Sierra Leone. 1991 brach in dem afrikanischen Land ein Bürgerkrieg aus, bei dem Ishmaels Familie getötet wurde. Zunächst war er lange Zeit auf der Flucht vor dem Krieg, teilweise alleine und teilweise zusammen mit anderen Kindern. Mit 13 Jahren wurde er dann zusammen mit anderen von der Nationalarmee als Kindersoldat rekrutiert. Die Kinder hatten gar keine andere Wahl: Entweder sie kämpften mit der Nationalarmee, oder sie wurden den Rebellen ausgeliefert, die schon ihre Eltern umgebracht hatten.

Fast drei Jahre kämpfte Ishmael in dem unmenschlichen Bürgerkrieg. Seine traumatischen Erlebnisse und die regelmäßige Einnahme von Drogen machten aus ihm eine kaltblütige Kampfmaschine. Seine einzige richtige Bindung war seine Kompanie. Seine Kameraden waren seine Geschwister und der Anführer wurde zum „Vaterersatz“. Der Hass auf die feindlichen Rebellen wurde von den Anführern immer wieder ganz gezielt durch beschwörendes Einreden gefördert. In der Nacht schauten sich die Kinder Kriegsfilme (u.a. „Rambo“ an, um sich für den Kampf noch mehr aufzuputschen).

Durch die UNICEF wurde er dann aus seiner Situation befreit und er kam in ein Rehabilitationscamp für ehemalige Kindersoldaten. Erst nach einem langen und schmerzhaften Prozess der Rehabilitierung war er wieder in der Lage, mit sich selbst und dem Leben klar zu kommen. Als der Krieg sich dann auf die Hauptstadt ausdehnte (in welcher sich das Camp befand), floh er in die USA.

Vieles von dem was er in seinem Buch schreibt ist wirklich erschütternd. Das geht los mit den Grausamkeiten, die er als Kind und unbeteiligter Zivilist sehen und erleiden muss. Er war noch ein Kind und ist plötzlich ohne Familie, er sieht wie Menschen grausam gequält und getötet werden, er ist plötzlich nur noch auf der Flucht und kämpft jeden Tag um’s Überleben.

Das Schreckliche nicht nur an diesem Krieg ist die Entmenschlichung aller Beteiligten. Selbst Kinder werden grausam und unbarmherzig. So wie Ishmael erleben viele, dass sie niemand mehr trauen können. Jeder ist ein potentieller Feind, keinem kann ich wirklich vertrauen. Und selbst wenn alles vorbei ist, bleiben doch tiefe Wunden und Narben in solch einer Kinderseele. Es dauerte lange, bis Ishmael den Mut fand, sich anderen Menschen wieder zu öffnen und ihnen zu vertrauen.

Ishmael Beah hat dieses Buch klar, ehrlich und schonungslos erzählt. Es gelingt ihm, dem Leser Erlebnisse zu beschreiben, für die es eigentlich keine Worte gibt. Trotz allem Schrecklichen ist es aber auch ein hoffnungsvolles Buch. Denn Beah macht mit seiner Lebensgeschichte deutlich, dass es auch für einen Kindersoldaten wie ihn noch Hoffnung auf ein neues Leben gibt. Für uns Wohlstandeuropäer ist es ein Buch, das die Augen dafür öffnet wie gesegnet wir eigentlich sind und wie gut es uns geht.