2. Timotheus 2, 14-26 Krebsgeschwür des Bösen

In diesem Abschnitt wird Timotheus vor unnützem Streit mit Irrlehrern gewarnt. Zwei Beschreibungen sind mir besonders aufgefallen: „ihr Wort frisst um sich wie der Krebs“ (V.17) und „Verstrickungen des Teufels, von denen sie gefangen sind“ (V.26). Das Gefährliche am Bösen ist, dass es sich so langsam und fast unmerklich ausbreitet. Es wächst im Verborgenen, wie ein Krebs. Man verstrickt sich immer mehr darin und irgendwann, kann man sich gar nicht mehr daraus befreien.

In meinem Kopf ist jahrelang ein Tumor vor sich hingewachsen und ich hab nichts davon gemerkt! Er war nicht sichtbar, er war nicht eindeutig spürbar, er ist einfach langsam gewachsen und immer größer geworden. Ähnlich kann sich das Böse ausbreiten: es nistet sich im christlichen Leben ein und breitet sich langsam aus. Zunächst merkt man es gar nicht. Es sind scheinbar harmlose Worte und Gedanken. Es scheint alles in Ordnung zu sein – aber es steigert sich langsam, es frisst um sich. Irgendwann wird es dann offensichtlich und dann wird die Bekämpfung schon ziemlich schwierig. Es ist wie beim Krebs: je früher man es erkennt, desto leichter ist es zu bekämpfen.

Erstaunlich ist für mich, wie behutsam Timotheus mit diesem Krebsgeschwür des Bösen umgehen soll: Es soll Abstand halten (V.16), sich reinigen (V.21), dem Guten nachjagen (V.22), freundlich bleiben und das Böse ertragen (V.24) und mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweisen (V.25). Kein radikaler Kampf gegen das Böse, sich nicht verstricken lassen in eine Auseinandersetzung, keine Angriffsfläche bieten, sondern sich abwenden und dem Guten zuwenden.

| Bibeltext |

Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell

Ein sehr weises und tiefgründiges Buch. Ein Buch, das mich bewegt hat. Ein Buch, das den Leser zum Nachdenken über die eigenen Prioritäten seines Lebens bringt.

Tiziano Terzani war Autor und Journalist. Er war lange Zeit Korrespondent des „Spiegels“ in Asien. Aus dieser Zeit ist ihm die asiatische Kultur und Religion sehr vertraut. Terzani erkrankt an Krebs und lässt sich nach konventionellen westlichen Methoden in den USA behandeln. Weil er verschiedene Krebsarten hat, wird er sowohl operiert, als auch bestrahlt und er erhält eine Chemotherapie. Die Behandlung verläuft zufriedenstellend, aber er wird durch sie aus seinem Alltag heraus gerissen und beginnt ganz neu sein Leben zu überdenken.

Er fängt an, auf der Suche nach äußerer und innerer Heilung durch die Welt zu reisen. Sein Weg führt ihn zu verschiedenen Gurus, alternativen Heilern und esoterischen Gesundheitsaposteln durch Indien, Thailand, Hongkong, die Philippinen und schließlich in die Abgeschiedenheit des Himalaja. Sehr differenziert setzt er sich in seinem umfangreichen Buch mit westlicher und östlicher Medizin auseinander. Er vermittelt auch einen sehr guten Einblick in östliche Spiritualität.

Auf der einen Seite ist er überzeugt, dass die westliche Medizin ihm am besten bei der Bekämpfung des Krebses helfen kann. Andererseits sieht er auch sehr klar die begrenzte Sichtweise der westlichen Medizin: der Mensch wird als Materie betrachtet und nicht als eine Einheit aus Leib, Seele und Geist – und dann auch dementsprechend behandelt. Dabei sieht er aber auch die Schwächen der östlichen Medizin und Religion. Vor allem deckt er die Flachheit und Scharlatanerie von nebulösen New-Age Vorstellungen auf, in welche östliche Elemente einfließen, um damit im Westen Geschäfte zu machen.

Faszinierend finde ich vor allem, mit welcher Schärfe und Präzision Terzani die materialistische Weltsicht unserer westlichen Hemisphäre kritisiert. Er legt den Finger auf die Wunde einer Welt, in der es viel zu sehr um Äußerlichkeiten geht. Im Lauf seiner Reise wird ihm immer klarer, dass das wichtigste nicht die äußere Heilung und Gesundheit ist, sondern zu erkennen, wer man ist. Am nächsten kommt er diesem Geheimnis in der Einsamkeit des Himalaja.

Als schließlich der Krebs doch wieder ausbricht und die Ärzte in New York nichts mehr für ihn tun können, reagiert er nicht mit Verbitterung und Verzweiflung, sondern er macht das beste aus der verbliebenen Zeit. Er kehrt noch einmal in seine abgelegen Hütte im Himalaja zurück und schreibt dieses Buch. Er fährt fort mit seiner Suche nach Weisheit, nach Frieden, nach einem Leben in Einklang mit sich und der Welt.
Es ist kein christliches Buch. So manches mal setzt er sich auch kritisch mit mit Christen auseinander (v.a. mit westlichen Evangelikalen, die in der asiatischen Welt missionieren wollen). Aber es ist ein sehr religiöses Buch, das sich offen mit der Frage nach dem Sinn auseinander setzt. Ich fand es auch für mich als Christ sehr inspirierend und bewegend.

Zitate

  • “Es ist doch seltsam, dass der moderne Mensch Tausende von Dingen erforscht, studiert, sich aneignet, aber übers Sterben nichts lernen will. Ganz im Gegenteil. Soweit nur irgend möglich, vermeidet er es, über den Tod zu sprechen (es gilt sogar als unschicklich, ähnlich wie früher die Erwähnung sexueller Dinge); er verdrängt ihn einfach, und wenn dann der vorhersehbare, völlig natürliche Zeitpunkt da ist, ist er nicht darauf vorbereitet und leidet entsetzlich, klammert sich ans Leben und leidet gerade darum noch mehr.” (S. 364)
  • Ich „wollte nur noch das sein, was mir immer schon am meisten entsprach: ein Forscher. Aber nicht, um die Welt draußen zu erforschen – die hatte ich einigermaßen kennengelernt -, sondern jene Welt, von der die Weisen aller Kulturen schon immer wussten, dass sie jeder Mensch in sich trägt. Der moderne Mensch denkt immer seltener an diese Welt. Dazu fehlt ihm die Zeit, meist auch die Gelegenheit. Besonders in den Städten denken wir immer weniger in größeren Zusammenhängen, sondern rennen ständig irgendwelchen Details, irgendwelchen Kleinigkeiten hinterher und verlieren zum darüber den Sinn für das Ganze.“ (S. 440)
  • Terzani erzählt ein Gleichnis von Tagore, einem bengalischen Dichter: „An einem Abend sitzt er bei Kerzenschein in seinem Hausboot auf dem Ganges und lies einen Essay von Benedetto Croce. Der Wind löscht die Kerze, und plötzlich ist der Raum vom Mondschein erfüllt. Und Tagore schreibt: ‚Umgeben war ich ganz von seiner Schönheit, doch der Kerze Schein trennte mich von ihr. Jenes kleine Licht versperrte dem schönen, großen Licht des Mondes den Weg zu mir.‘ In unserem täglichen Leben wimmelt es von solch kleinen Lichtern, die uns daran hindern, ein größeres zu sehen. Es ist beängstigend, welch enge Fesseln wir unserem Geist angelegt haben. Und ebenso unserer Freiheit. Eigentlich reagieren wir nur noch. Wir reagieren auf das, was uns passiert, auf das, was wir lesen, war wir im Fernsehen sehen, was uns gesagt wird. Wir reagieren entsprechen vorgefertigten gesellschaftlichen und kulturellen Handlungsmustern. Und immer öfter reagieren wir automatisch. Zu etwas anderem bleibt uns keine Zeit. Also nehmen wir den bereits gespurten Pfad.“ (S.442)
  • „Dass der Tisch immer reich gedeckt ist, versteht sich, zumindest im Westen, von selbst. Es ist kein Geschenk mehr, für das man irgendjemandem danken müsste. Und so essen wir dann auch: Roboterhaft stopfen wir die Nahrung in uns hinein, schauen dabei fern oder lesen in der ans Glas gelehnten Tageszeitung.“ (S. 472)
  • „Mir ging es vor allen Dingen auch um ein Prozess der Enthaltsamkeit, der Reinigung. Ich sehnte mich danach, all das wieder loszuwerden, mit dem man sich in der Welt unten im Tal so voll stopft und das einen nur ablenkt: Information, Wünsche, Hoffnungen, Unterhaltungen. Dort oben, ohne Strom, ohne Telefon, ohne Zeitungen, ohne irgendwen oder irgendwas, das einzuplanen war, fiel es leicht, ein bisschen auszumisten. Sobald man sich aus der Alltagsroutine löst, stellt man fest, wie wenig einem an innerer Freiheit im täglichen Leben bleibt und in welch hohem Maße das, was wir üblicherweise tun und denken, das Ergebnis eingefahrener Verhaltensmuster ist.“ (S.668)
  • „Schon lange predigte ich – denen, die es hören wollten – den Wert der Stille, als ich eines Tages auf eine antike indische Geschichte stieß, die mit einfachen Worten alles erklärt. Ein König sucht einen berühmten Rishi im Wald auf. ‚Was ist das Wesen des Selbst?‘, fragte er ihn. Der Greis blickt ihn an und schweigt. Der König wiederholt die Frage. Doch der Rishi schweigt. Der König fragt noch einmal, aber der Rishi bleibt stumm. Da gerät der König in Zorn und fährt ihn an: ‚Was ist nun? Willst du nicht endlich antworten?‘ ‚Drei Mal habe ich dir geantwortet, aber du hörst nicht zu‘, antwortete der Rishi ganz gelassen. ‚Das Wesen des Selbst ist die Stille.'“ (S.671)
  • Ein alter Weise gibt Terzani einen Rat, wie er sich auf seine letzte Reise vorbereiten soll: „Indem du dich erforschst und nach und nach allen Zierrat deiner Persönlichkeit und deines Wissens über Bord wirfst. Indem du zum Wesen deines Seins vorstößt. Dazu gehört Mut, denn es handelt sich darum, eine Sache nach der anderen wegzugeben, bis du nichts mehr hast, woran du dich festhalten kannst. Aber dann entdeckst du, dass es da etwas gibt, das dich festhält. Erst dann verstehst du, dass dieses Etwas all das in sich vereint, was du gesucht hast.“ (S.677)

(Amazon Link: Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell)

Darüber spricht man nicht

Lese zur Zeit „Noch eine Runde auf dem Karusell“ von Titiano Terzani, einem ehemaligen Spiegel-Korrespondenten. Er ist an Krebs erkrankt und beschreibt in dem Buch seine Suche nach Heilung und Lebenssinn. Er beschäftigt sich intensiv mit Hinudismus und Buddhismus, und setzt sich dabei sehr kritisch mit unserer modernen materialistischen Weltsicht auseinander.

Ein Zitat: „Es ist doch seltsam, dass der moderne Mensch Tausende von Dingen erforscht, studiert, sich aneignet, aber übers Sterben nichts lernen will. Ganz im Gegenteil. Soweit nur irgend möglich, vermeidet er es, über den Tod zu sprechen (es gilt sogar als unschicklich, ähnlich wie früher die Erwähnung sexueller Dinge); er verdrängt ihn einfach, und wenn dann der vorhersehbare, völlig natürliche Zeitpunkt da ist, ist er nicht darauf vorbereitet und leidet entsetzlich, klammert sich ans Leben und leidet gerade darum noch mehr.“ (S. 364)

Christoph Schlingesief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein

Schlingensief war ein deutscher Allround-Künstler, der unter anderem als Film-, Theater- und Opernregisseur tätig war. 2008 wird bei ihm, im Alter von 47 Jahre Lungenkrebs festgestellt. Es folgen Operation, Chemotherapie und Bestrahlung. Das hektische Leben des aktiven Künstlers steht plötzlich still und es kommen jede Menge Fragen und Ängste hoch. Schlingensief versucht das alles zu verarbeiten, indem er – vor allem in der Anfangszeit nach der Diagnose und der Operation – immer wieder seine Gedanken und Gefühle auf ein Diktiergerät spricht. Das Buch ist die Verschriftlichung dieser Aufzeichnungen. Es ist so etwas wie das Tagebuch eines Krebserkrankten (der dann 2010 an seiner Krankheit stirbt).

Als jemand, der selbst eine Operation wegen eines Gehirntumors hinter sich hat und regelmäßig zur Nachuntersuchung muss, hat mich das Buch besonders berührt. Jede Krebserkrankung ist wieder anders und jeder Betroffene geht damit wieder anders um. Bewegend bei Schlingesief ist, mit welcher Offenheit und Radikalität er sich seinen Fragen und Gefühlen stellt. In den Aufzeichnungen erlebt man mit ihm den rasanten Wechsel zwischen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung auf der einen Seite und immer wieder Hoffnung und zur Besinnung kommen auf der anderen Seite.

Der Autor sucht nach Antworten, er ringt mit sich selbst und mit Gott. Immer wieder beschäftigt ihn auch die Auseinandersetzung mit seinem vor kurzem verstorbenen Vater. Interessant für mich war vor allem die Beschäftigung mit Gott. Schlingensief stammt aus katholischen Hintergrund und er spricht immer wieder von Gott, Jesus und Maria. Manchmal will er gar nichts mehr mit Gott zu tun haben und Gott erscheint ihm weit entfernt und höhnisch. Manchmal fühlt er sich auch getröstet und der Glaube gibt ihm Halt. Spannend auch wie er realisiert, dass er sein Lebenstempo ändern muss, dass er langsamer leben muss und nicht mehr für alles Zeit haben muss.

Worin ich ihm unbedingt zustimme ist, dass sich unsere Gesellschaft nicht ernsthaft mit dem Tod und dem Sterben auseinandersetzt. Das hat kein Platz bei uns. Natürlich haben wir alle Angst davor – aber ob wir mit dieser Angst besser zurecht kommen, wenn wir den Tod einfach verdrängen und nicht wahr haben wollen? Ich fürchte auch wir Christen tun uns oft damit schwer. Wie oft begegnet mir gerade bei Christen eine Verdrängung der Vergänglichkeit. Viele Christen leben genauso nach dem Motto: Hauptsache gesund. Leid und Schmerz hat keinen Platz. Was zählt ist Heilung, Glück und Frieden. Wie viele Berichte und Bücher gibt es über Menschen, die von Gott auf wunderbare Weise gerettet und geheilt wurden? Und wie viele Bücher gibt es darüber, wie Christen mit Würde in den Tod gegangen sind? Aber früher oder später trifft es uns alle! Im Mittelalter gab es noch Bücher über die Kunst des Sterbens (ars moriendi) – heute beschäftigen wir uns mehr mit der unmöglichen Kunst des Nicht-Sterbens.

Das Buch von Schlingensief ist ein guter Anlass, um über die eigene Vergänglichkeit nachzudenken. Aber auch über das eigene Leben: was ist mir wichtig, womit lohnt es sich, meine kostbare Lebenszeit zu verbringen, was will ich für mich oder auch für andere in meinem Leben tun? Schlingensief hatte auch in seiner Krankheit noch einen unbändigen Hunger nach Leben. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es noch etwas schöneres geben kann, als dieses irdische Leben. Ich lebe auch gern – aber ich seh das dann doch anders: wenn’s schon hier so schön ist – wie genial wird das erst im Himmel werden!

Zitate

  • „Aber Jesus ist trotzdem nicht da. Und Gott ist auch nicht da. […] Es ist alles ganz kalt. Es ist keiner mehr da. Alles ist tot.“ (S. 71)
  • „Es geht um dieses Gefühl, dass es in der Welt, direkt vor meiner Nase, so viele wunderschöne Sachen gibt. Das kann ein Baum sein, ein leckeres Essen, alles, was mir jetzt mehr bedeutet als jemals zuvor. Das Normalste ist das Schönste.“ (S. 103)
  • „Musik kommt jedenfalls aus einer anderen Sphäre, Musik ist wirklich göttlich. Das sagen die Indios, das sagen die Afrikaner, das sagen eigentlich alle. Nur wir glauben, sie kommt aus dem Radio.“ (S. 174)
  • „Das Gottesprinzip ist im Laufe der Jahrhunderte zu einem Prinzip der Schuld und des Leidens verkommen. Warum ist das Gottesprinzip kein Freudenprinzip?“ (S. 211)

(Amazon-Link: Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!)