Johannes 9, 1-7 Die Frage nach dem Leid

Wenn jemand krank ist, dann muss das doch einen Grund haben. Nach damaligem Verständnis hat entweder der Kranke selbst oder seine Eltern Schuld auf sich geladen. Die Krankheit ist dann die Strafe für diese Schuld. Dieser Gedanke ist uns auch heute nicht ganz fremd. Noch heute fragen Menschen, wenn ihnen etwas zustößt: „Warum gerade ich? Womit habe ich das verdient?“ Noch heute wollen wir für die Frage nach dem Leid gerne Erklärungen haben.

Jesus heilt in dieser Geschichte den Blindgeborenen. Er verneint ganz klar die Schuldfrage. Dieser Mann ist nicht blind, weil seine Eltern oder gar er selbst gesündigt hat (V.3). An ihm soll Gottes Macht offenbar werden, an ihm zeigt Jesus selbst seine Macht. Nun ist dies aber keine allgemeine Erklärung für die Frage nach Krankheit und Leid. Es ist nur eine Erklärung für diesen einen Blindgeborenen. Jesus lässt diese Frage also offen. Er gibt uns keine allgemeine Antwort auf die Frage nach Leid und Krankheit. Das bleibt auch für Christen eine drängende und unbeantwortete Frage.

| Bibeltext |

Johannes 5, 9b-18 Krankheit und Sünde

In diesem Abschnitt finde ich V.14 irritierend. Jesus sagt zu dem Geheilten: „Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.“ Das klingt so, als ob Jesus die damals übliche Vorstellung vertritt, dass Krankheit eine Folge von Sünde sei. Das Schlimmere ist jedoch nicht eine schlimmere Krankheit, sondern dabei ist an den Verlust des ewigen Lebens gedacht. Trotzdem impliziert die Aussage den Zusammenhang von Sünde und Krankheit.

Gerade im Johannesevangelium wird dieser Zusammenhang von Jesus bei der Heilung eines Blindgeborenen aufgebrochen (Joh. 9,1-3). Dort stellen die Jünger Jesu genau diese Frage: Wer ist schuld daran, dass dieser Mensch blind geboren wurde? Welche Sünde ist für diese Krankheit verantwortlich? Jesus antwortet, dass weder er noch seine Eltern gesündigt haben. In diesem Fall gibt es also eindeutig keinen Zusammenhang zwischen Sünde und Krankheit.

Was gilt nun? Ich denke das Johannesevangelium gibt hier ganz bewusst keine eindeutige Antwort in die eine oder andere Richtung. Irgendwie haben wohl beide Sichtweisen ihre Berechtigung. Es ist ein grundlegender biblischer Gedanke, dass Sünde Folgen hat. Auch wenn Sünde vergeben wird, so haben böse Taten doch auch Auswirkungen, die nicht immer einfach rückgängig gemacht werden können. Eine Lüge kann z.B. vergeben werden, aber sie kann nicht rückgängig gemacht werden. So kann auch Krankheit eine Folge von Sünde sein. Aber wichtig ist festzuhalten, dass dies für Jesus kein automatisches Gesetz ist. Schon gar keine Gesetzmäßigkeit aus der man Rückschlüsse ziehen kann. Nicht jede Krankheit ist eine Folge von Sünde.

| Bibeltext |

Johannes 5, 1-9 So ist Gott

Wieder einmal wird deutlich, wie sorgfältig Johannes die Ereignisse für sein Evangelium ausgesucht und angeordnet hat. Nach der Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten, folgt eine weitere Heilung – allerdings am anderen Ende der Gesellschaft. Zuerst jemand der mit den römischen Besetzern zusammen arbeitet, dann jemand, der wegen seiner langjährigen Krankheit aus der Gesellschaft ausgeschlossen ist. Zuerst jemand, der von sich aus auf Jesus zukommt und um Heilung bittet, dann jemand, der von Jesus angesprochen wird. Johannes macht damit deutlich: Jesus wendet sich allen zu. Es gibt für ihn keine gesellschaftlichen oder politischen Schranken.

Mich berührt die Leidensgeschichte dieses kranken Mannes. 38 Jahre lang ist er schon krank und er scheint die Hoffnung aufgegeben zu haben. Andere sind immer schneller als er. Als Jesus ihn fragt, ob er gesund werden will, antwortet er darauf gar nicht, sondern erklärt nur, warum er darauf keine Hoffnung hat. Trotzdem wendet Jesus sich ihm zu – ungefragt und ungebeten. Aus reiner Barmherzigkeit. Auch das ist ein Zeichen. Ein Zeichen an dem Gottes Wesen deutlich wird.

| Bibeltext |

Juli Zeh: Corpus delicti

Zeh: Corpus delictiSchade! Eine gute Schriftstellerin und eine gute Romanidee – und doch hat mich ihr Buch nicht so richtig überzeugt. Es geht um eine Zukunftsvision von einer Welt in der Mitte des 21. Jh., in welcher Gesundheitsfanatiker den Staat und alles öffentliche Leben bestimmen. Eine schöne neue, saubere und gesunde Welt. Das höchste Gut für den Einzelnen und für die Gesellschaft wird in einem gesunden Körper gesehen. Juli Zeh: Corpus delicti weiterlesen

Apostelgeschichte 3, 1-10 Zeichenhafte Ausnahme oder Selbstverständlichkeit?

Im Wirken der Jünger setzt sich das Wirken Jesu selbst fort. Jesus hat Menschen geheilt, so wie es im Alten Testament für die Heilszeit angekündigt war. Jetzt heilt Petrus einen Gelähmten. Das geschieht sehr spontan, ohne große Vorbereitung und scheinbar problemlos. Was will uns dieser Text sagen? Ist es auch für uns heute so einfach und problemlos Menschen zu heilen? Oder war es ein einmaliges beispielhaftes Zeichen dafür, dass Jesus mit seinen Jüngern ist?

Von meiner Erfahrung her ist es auf jeden Fall nicht so selbstverständlich, dass Menschen Heilung finden. Auch in Pfingstgemeinden gibt es noch genügend kranke Menschen. Auch in unserer Gemeinde wird viel und oft für kranke Menschen gebetet. Manchmal dürfen wir erleben, dass Gott eingreift und hilft – aber auch nicht so spektakulär, dass ein Lahmer plötzlich gehen kann. Aber die Regel ist, dass wir gar nicht viel sehen. Es war damals wie heute ein besonderes Zeichen, wenn Menschen im Namen Jesu geheilt wurden. Letzten Endes müssen wir alle früher oder später sterben. Die Heilung des Todes ist keine Verhinderung des Todes, sondern seine Überwindung. Heilungen sind Zeichen dafür, dass Gottes Macht größer ist als Krankheit und Tod.

Und trotzdem wünsche ich mir so manches mal, dass ich so einfach zu Menschen, die an Leib oder Seele krank sind, sagen könnte: Im Namen Jesu Christi sei geheilt! Es gibt so viel Krankheit, Elend und Ungerechtigkeit in unserer Welt. Wir stehen oft hilflos davor und fragen uns, warum Gott nicht auf unsere Gebet hört.

| Bibeltext |

Lukas 19, 1-10

Eigentlich ist diese Geschichte auch eine Heilungsgeschichte. Der Geheilte war aber nicht körperlich krank oder auf sonstige Weise äußerlich hilfsbedürftig. Aber er hatte eine andere Krankheit: Reichtum und Gier. Er ist ein Verlorener, der von Jesus gesucht und gefunden wird (V.10).

Aus irgendeinem Grund will er unbedingt Jesus sehen. War es reine Neugierde? Oder hat er tief in sich gespürt, dass er Heilung brauchte und dieser Jesus ihm vielleicht helfen kann? Jesus nimmt ihn wahr und sucht die Begegnung. So wie er keine Scheu vor den Kranken und Aussätzingen hatte, so hat er auch keine Scheu vor den Reichen. Durch die Begegnung mit Jesus wir Zachäus geheilt. Er kann seinen Reichtum loslassen. Er wird befreit von dem Dämon Mammon, der ihn besessen hat. Und Jesus stellt fest: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.“ (V.9)

| Bibeltext |

Lukas 9, 1-9 So selbstverständlich

Das klingt alles so einfach und selbstverständlich: Jesus ruft seine Jünger zusammen, befähigt sie und beauftragt sie zu predigen und zu heilen. Dann gehen die Jünger los, ziehen von Dorf zu Dorf und tun genau das, was Jesus ihnen aufgetragen hat: sie predigen und machen Kranke gesund.

Das mit dem Predigen kann ich ja noch einigermaßen nachvollziehen. Obwohl das für uns Jünger heute auch nicht mehr selbstverständlich ist. Klar: am Sonntag in der Kirche zu predigen – das ist selbstverständlich. Aber von Dorf zu Dorf zu ziehen, ohne Geld und Verpflegung – wer macht das heute? Und dazu nicht nur vom Heil reden, sondern das Heil anschaulich und konkret werden lassen, indem Menschen von Krankheiten gesund werden…

Ob das damals alles so selbstverständlich und problemlos ablief, wie es sich hier in dieser Zusammenfassung des Lukas anhört? Hat das bei manchen Jüngern besser funktioniert, als bei anderen? Wie haben die Menschen auf die Predigt der Jünger reagiert? Sind einfach alle Kranken auf wunderbare Weise gesund worden, oder geschah es zeichenhaft an Einzelnen? Würde Jesus seinen Jüngern heute, in unserer Zeit und Kultur, noch genau dieselben Aufträge geben? Was beabsichtigt Jesus für uns: sollen wir alle ohne Besitz als Wanderprediger durch die Lande ziehen? Das sind einige der Fragen, die ich mir bei diesem Text stelle…

Lukas 5, 12-16 Jesus berührt

Es berührt mich, wie Jesus mit dem Aussätzigen umgeht. Aussatz ist eine ansteckende Krankheit. Andere Menschen meiden den Kranken, sie haben Angst sich anzustecken. Darüber hinaus galt in Israel ein Aussätziger auch als religiös unrein. Wenn man rein vor Gott sein wollte, dann musste man Abstand vor Aussätzigen halten.

Jesus heilt ihn, indem er genau diese Grenze und diesen Abstand überwindet: „er streckte die Hand aus und rührte ihn an…“ Und erst dann wird beschrieben, wie der äußerliche Aussatz geheilt wird. Jesus heilt innen und außen. Er heilt nicht zuerst den äußerlichen Aussatz und dann darf der so rein gewordene sich ihm nähern. Nein, er geht auf den Aussätzigen zu und berührt seine Unreinheit. Gerade so geschieht Heilung.

Ich frage mich, wer heute die Aussätzigen in unserem Land, in unserer Gesellschaft sind. Wen wollen wir nicht in unserer Nähe haben? Bei welchen Menschen haben wir Berührungsängste? Wer sollte sich zuerst ändern, damit er Kontakt mit uns haben darf? Wie gehen wir mit solchen Menschen um und wie würde Jesus mit ihnen umgehen?

| Bibeltext |

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Ein schönes, zartes, liebevolles Buch, das aber doch nicht kitschig ist. Der Schriftsteller Arno Geiger schreibt über seinen Vater, der an Alzheimer erkrankt ist. Das klingt ziemlich deprimierend und es wird an vielen Stellen des Buches auch deutlich, wie schwierig es für Familienangehörige ist, mit dieser Krankheit zurecht zu kommen.

Aber es ist kein schwermütiges Buch, sondern es ist trotz allem Schweren auch ein hoffnungsvolles Buch. Denn der Autor lernt seinen Vater auf ganz neue Weise kennen, schätzen und lieben. Das alles stellt gut zu lesen dar und mich hat diese Vater-Sohn Geschichte sehr berührt.

Eine Stelle, die nicht direkt etwas mit dieser Beziehungsebene zu tun hat, fand ich besonders spannend: „Uns Gesunden öffnet die Alzheimerkrankheit die Augen dafür, wie komplex die Fähigkeiten sind, die es braucht, um den Alltag zu meistern. Gleichzeitig ist Alzheimer ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft. Der Überblick ist verlorengegangen, das verfügbare Wissen nicht mehr überschaubar, pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsängste. Von Alzheimer reden heißt, von der Krankheit des Jahrhunderts reden. Durch Zufall ist das Leben des Vaters symptomatisch für diese Entwicklung. Sein Leben begann in einer Zeit, in der es zahlreiche feste Pfeiler gab (Familie, Religion, Machtstrukturen, Ideologien, Geschlechterrollen, Vaterland), und mündete in die Krankheit, als sich die westliche Gesellschaft bereits in einem Trümmerfeld solcher Stützen befand.“ (S.58)

(Amazon-Link: Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil)

Exodus 15, 22-27 Seltsamer Arzt

Ich bin der Herr, dein Arzt.“ (V.26) Wir benützen diesen Ausspruch ja gerne als Trost und Verheißung für jemand, der krank ist oder leidet. Ein Arzt ist ja normalerweise jemand, der gesund macht. Das Seltsame an dieser Bibelstelle ist, dass Gott hier nicht nur derjenige ist, der die Krankheit wegnimmt, sondern auch der, der sie überhaupt erst schickt. So wie er die Ägypter mit Krankheit gestraft hat, will er sein Volk strafen, wenn es ungehorsam ist (V.26).

Durch die ganze Bibel hindurch wird deutlich, dass Gott unser Bestes will. Er will uns nicht schädigen, sondern helfen und retten. Er will unseren Schalom – umfassenden Frieden an Leib und Seele. Und doch wird immer wieder auch deutlich, dass er auch derjenige ist, der Leid, Krankheit und Schmerz zumindest auch zulässt. Aus welchen Gründen auch immer – sei es aus Ungehorsam oder aus anderen Gründen (wenn wir Leid und Krankheit nur monokausal als Folge von Ungehorsam „erklären“ wollen, dann wird es gefährlich).

Ich bin überzeugt, dass Gott mein Arzt ist. Er hat mich von meinem Gehirntumor befreit. Aber ich bin auch überzeugt, dass er auch ein Wörtchen mitgeredet hat bei dem Umstand, dass mich diese Krankheit getroffen hat – aus welchen Gründen auch immer. Nicht jede Krankheit und jedes Leid kann man von vornherein allein auf das Böse oder den Bösen abschieben. Wenn Gott stärker ist als das Böse, dann ist er eben nicht nur der Arzt der rettet, sondern auch derjenige, der Krankheit und Leid auch zulässt.

Noch was anderes: Gott führt durch die Wüste. Das Volk hat Durst und ist verzweifelt. Er führt sie zu einer bitteren Quelle (Mara) und stellt dort ihren Glauben auf die Probe. Aber er führt sie danach auch in eine paradiesische Oase (Elim) mit zwölf Wasserquellen und siebzig Palmbäumen. Zahlen haben in der Bibel immer auch symbolische Bedeutung: die zwölf bezieht sich offensichtlich auf die zwölf Stämme Israel. Die Zahl 70 könnten ein Rückbezug sein auf die 70 Menschen, die mit Jakob nach Ägypten kamen (1. Mose 46,27). Auch mitten in der Wüste kann Gott sein ganzes Volk versorgen und ihm Gutes tun!

| Bibeltext |