Wieder zu Hause

So, nun bin ich also wieder zu Hause! Strahlender Sonnenschein, Wärme, Licht, und meine liebe Familie um mich herum. Man sollte meinen, dass mir das Herz vor Freude zerspringen möchte. Ist auch so: Ich freue mich von Herzen, dass ich solch ein zu Hause habe, dass ich eine Familie habe, die ich liebe und die mich liebt und dass ich endlich aus dem Krankenhaus raus bin. Aber nach den vielen Emotionen der vergangenen Wochen spüre ich eine gewisse innere Müdigkeit. Bin jetzt erst mal froh das Schlimmste überstanden zu haben…

In den nächsten Tagen kann der Hausarzt die Fäden ziehen. Ich hab einen ziemlich langen Schnitt längs über den Schädel. Mal sehen, ob da wieder Haare drüber wachsen oder ob sich meine einsetzende Glatze durchsetzt… 😉 Vermutlich nächste Woche oder spätestens übernächste Woche geht es dann noch in Reha. Das ist v.a. für mein linkes Bein wichtig, dass sich immer noch taub anfühlt. Mit einer speziellen Schiene kann ich damit im Moment ganz gut gehen. Aber ich hoffe, dass das mit Training und Zeit wieder deutlich besser wird.

Auto-Pilot aus

Hatte heute Nacht einen Traum, den ich behalten konnte, weil ich gleich danach aufgewacht bin und er mir besonders eindrücklich war. Normalerweise vergisst man ja die meisten Träume wieder… In dem Traum war ich nachts im Auto unterwegs. Allerdings saß ich nicht vorne am Steuer, sondern auf der Rückbank und achtete auch nicht besonders auf den Weg. Am Steuer sass niemand, das Auto schien von einer Art Auto-Pilot gesteuert zu sein. Was mich aber nicht besonders beunruhigte, da das Auto seinen Weg durch die Straßen und Städte zu finden schien. Irgendwann fragte ich mich, wo ich eigentlich bin und wo ich eigentlich hin wollte. Ich schaute aus dem Fenster und konnte Bäume und Straßen einer unbekannten Stadt erkennen. Und ich hatte keine Ahnung wo ich hinwollte und was ich tun wollte. Dann bin ich aufgewacht.

Mich hat der Traum ins Nachdenken gebracht: Fahren wir nicht meist genau so durch unser Leben? Mit Auto-Pilot den Alltag bewältigen ohne genau zu wissen, warum und wozu wir das alles tun. Ohne uns bewusst zu sein, wo unser Ziel ist? Mir kommt meine Erkrankung und die Zeit hier im Krankenhaus ein bisschen so vor, als ob Gott (auf ziemlich radikale Weise) den Auto-Piloten abschaltet. Mein Leben kommt zum Stillstand, Ruhe kehrt ein, raus aus dem Alltag, aber anders als Urlaub: nicht so viel Abwechslung und Zerstreuung. Fast ein wenig wie ein Kloster-Aufenthalt: Reduktion des Lebens auf Grundfunktionen. Auto-Pilot aus und Konzentration auf das Wesentliche: Was ist dir wichtig im Leben? Worauf kommt es an?

Ich erlebe das alles nicht als ein Verlassensein von Gott, sondern im Gegenteil, als eine neue Tiefe in der Beziehung zu ihm. In all dem weiß ich mich getragen. Er ist da! Ich weiß, dass diese Einstellung im Alltag zwangsläufig wieder verloren geht. Alltag geht nicht ohne Auto-Pilot. Aber die Zeit jetzt hilft mir, wieder neu die Richtung zu bestimmen, mich wieder neu an Gott auszurichten.

Noch ein ganz profaner Nachtrag: Heute morgen musste der Bluterguss unter meiner Wunde noch mal punktiert werden und somit hab ich meinen Turban wieder auf… 😉 Voraussichtlich darf ich am Mittwoch wieder nach Hause.

Turban ab

So, heute Abend hab ich meinen Druckverband abbekommen. Normalerweise geschieht das schon ca. drei Tage nach der OP, aber da sich bei mir Blut und Wasser unter der Wunde angesammelt hat, hat es etwas länger gedauert.

Fühlt sich irgendwie noch seltsam an. So nackt und ungeschützt. So ohne Druckverband spürt man viel mehr die Spannungen in der Schädeldecke… Aber ist natürlich auch ’ne große Erleichterung und Befreiung. Wenn’s gut weiterläuft, darf ich vielleicht am Di. oder Mi. aus dem Krankenhaus raus. 🙂

War heut ein schöner Tag: Schön sonnig und warm. Viel Besuch. Viel Abwechslung. Nur den Krankenhausgottesdienst heute morgen hab ich verpasst, zu der Zeit war gerade die Visite unterwegs und ich wollt vom Arzt gern hören, wie lange ich noch hier habe… Hat mich richtig geärgert, schade… (Ihr hört den pastoralen Unterton zwischen den Zeilen heraus 😉 : Mensch Leute seid froh, wenn ihr den Sonntag relativ unproblematisch und ganz normal mit einem Gottdienst feiern könnt! 🙂 ).

Die Operation

Am Montagmorgen wurde ich operiert. Ich war als erster dran und bin im Nachhinein ganz froh, dass ich nicht am Freitag Nachmittag als Letzter dran war… So hatte ich einen gut ausgeruhten Chirurgen (dazu noch einen Prof. statt eines Doktors 😉 ). Die OP hat wohl vier Stunden gedauert und war „knifflig“. Der Tumor ist weit in das Gehirn reingewachsen und der Chirurg hatte Beführchtungen, dass meine Beine danach nicht mehr funktionieren. Und tatsächlich: Nach dem ersten aufwachen konnte ich beide Beine nicht anheben.

Das wurde aber im Lauft des Abends besser und heute laufe ich schon wieder mit Gehwägelchen durchs Krankenhaus. Das rechte Bein ist soweit wieder okay. Auf der rechten Gehirnseite ist der Tumor tiefer reingewachsen, so dass das linke Bein nun mehr Schwierigkeiten macht. Ich muss wieder neu lernen zu laufen. Das ist gar nicht so einfach, wenn das Gehirn und die Muskeln nicht so wollen, wie man selbst will. Konkret ist das linke Knie noch etwas schwach und wackelig und ich habe Probleme die linke Fußspitze abzuheben und rund abrollen zu lassen. Aber mit den Beinen meint der Prof.: Das wird wieder! In zwei bis drei Wochen sieht das schon ganz anders aus.

Der Tumor konnte zum größten Teil entfernt werden. Der Haupttumor hat den Sinus an der Schädeldecke abgedrückt, das ist der Hauptblutabfluss im Gehirn. Wenn der plötzlich abgedrückt wird, ist innerhalb von wenigen Minuten Ende. Durch den langsam wachsenden Tumor haben sich neue Blutabflüsse am Tumor vorbei gebildet und sind weiter hinten wieder in den Sinus reingewachsen. Gerade an dieser Schnittestelle sitzt noch ein kleiner Resttumor. Diesen auch noch rauszumachen wäre für das Gehirn zu viel Risiko gewesen.

Jetzt muss man die endgültige Tumoruntersuchung noch abwarten, ob es ein wirklich langsam wachsender Tumor ist oder ob es ein bischen schneller wachsender (aber doch auch gutartiger) Tumor ist. Nach drei Monaten wird die erste Nachuntersuchung sein. Und je nachdem, was bei diesen beiden Untersuchungen heraus kommt, legt man den Abstand für weitere Vorsorgeuntersuchungen fest. Bei diesem kleinen Resttumor kann man dann auch ohne Operation durch Bestrahlen behandeln. Zunächst mal ist keine direkte Nachbehandlung notwendig.

Was mir im Moment noch zu schaffen macht, ist ein Bluterguss an der Kopfnarbe. Da sammelt sich zwischen Haaransatz und Schädeldecke Blut und Wasser. Wenn ich meinen Kopf hin- und herbewege höre ich die Flüssigkeit blubbern… Heute morgen haben sie mich deswegen schon punktiert, d. h. mit einer Nadel etwas Flüssigkeit abgesaugt. Aber auch das ist zum jetztigen Zeitpunkt nicht weiter beunruhigend. Es verlängert wohl etwas meine Zeit hier im Krankenhaus.

Heute war meine Frau für viele Stunden zu Besuch. Wir sind unter anderem nach draußen gegangen und haben uns gemeinsam auf eine Bank gesestzt und uns im Arm gehalten. Da hab ich mich halb im Himmel gefühlt – Glückseligkeit. Nur so dasitzen, nicht viel reden, den Menschen den man liebt spüren, … Ich habe eine ganz tiefe Verbundenheit, Gemeinschaft und Liebe gespürt. Eine Tiefe, die wir nicht so leicht erlebt hätten, wenn wir nicht gemeinsam durch die Tiefe gegangen wären und von Gott getragen worden wären. Danke, Gott!

Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude

Ich will den Herrn loben allezeit;
sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.
Meine Seele soll sich rühmen des Herrn,
dass es die Elenden hören und sich freuen.
Preiset mit mir den Herrn und lasst uns
miteinander seinen Namen erhören!

Als ich den Herrn, antwortete er mir
und errettete mich aus aller meiner Furcht-
Die auf ihn sehen werden strahlen vor Freude,
und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.
Als einer im Elend rief, hörte der Herr
und halft ihm aus allen seinen Nöten.
Der Engel des Herrn lagert sich um die her,
die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.
Wohl dem der auf ihn trauet!
Fürchtet den Herrn, ihr seine Heiligen!
Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.

(Psalm 34,2-11)

Das ist der Psalm, der mir am Abend vor der OP in die Hände gefallen, oder besser: ins Herz gelegt wurde. Meine Frau Nicola hat schon Tage vor der OP gefragt, ob ich einen Psalm hätte, den sie mir nach der Narkose vorlesen sollte. Mir fiel kein passender ein. Als ich von der Narkose dann aufgewacht bin, hab ich meiner Frau gesagt: Psalm 34. Wie Nicola den Psalm zwei mal gelesen hatte, traf er mich ganz tief…

Ich habe in letzter Zeit oft gehört: „Gesundheit ist das wichtigste!“ Ich fühle mich immer etwas unwohl dabei, denn eigentlich weiß ich: das stimmt nicht. Es gibt Wichtigeres: „Die auf ihn sehen werden strahlen vor Freude!“ Wichtiger als alles andere ist das sehen auf Gott. Das trägt und tröstet selbst dann noch, wenn die Gesundheit aufhört. Dieses Sehen auf Gott trägt durch den Tod hindurch.

Soweit, so gut – später mehr dazu, wie es mir körperlich geht…

Zweiter Anlauf

Noch sieht’s ganz gut aus: Auf dem Operationsplan für morgen stehe ich an erster Stelle. Aber wie ich am Freitag ja erleben musste, kann sich das kurzfristig auch noch ändern. Wenn alles so bleibt, werde ich morgen früh um 8 Uhr auf dem Weg in den OP-Saal sein… und treffe dann hoffentlich auf einen vom Wochenende gut ausgeruhten, erholten und konzentrierten Chirurgen.

Danke, danke, danke für alle Gebete. Es ist irgendwie schön, wenn man nicht nur über das Gebet predigt, sondern am eigenen Leib (und Seele) erlebt, wie Gott durch Gebete wirkt und trägt…

Los geht’s… doch nicht

Tja, da hab ich den ganzen Vormittag auf die OP gewartet und dann kam irgendwann die Nachricht, dass die Operation doch noch mal verschoben wird. Es sind noch Notfälle dazwischen gekommen und die Ärzte haben sich entschieden, meine OP erst am Montag zu machen…

Nicht gerade Nerven schonend, aber lieber am Montag mit ausgeruhten Ärzten als am Freitag Abend mit müden Ärzten… Im vorigen Beitrag hab ich geschrieben, dass der Herr regiert. Wenn das so ist, dann hat auch diese Verschiebung ihren Sinn.

Los geht’s

So nun bin ich im Krankenhaus, morgen (16.4.) wird die große OP sein. Auf dem Operationsplan stehe ich mit 12:30 Uhr drin, das hat aber wohl nur begrenzte Aussagekraft. Es kann sich auch noch nach vorne verschieben oder sehr viel wahrscheinlicher wird es später werden. Die OP selbst wird wohl einige Stunden dauern… Hört sich alles ziemlich „handwerklich“ an: Bohren, sägen, den ausgesägten Deckel abnehmen, Hirnhaut zertrennen, Tumor raus und das Ganze wieder zumachen. Aber die machen das ja täglich hier, muss also irgendwie funktionieren.

Trotz allem spüre ich immer noch eine erstaunliche Gelassenheit. Ich weiß mich getragen. Danke für alle Gebete, das hilft! Bzw. ER hilft!!!

Schön, dass hier auf Station ein Laptop mit Internetzugang für die Patienten rumsteht. Ich hoffe, ich kann mich dann nach der OP bald wieder hier melden.

Gott segne Euch! Halleluja, der Herr regiert!

Windstille (2)

So, da bin ich doch noch mal… Ich war diese Woche zu Voruntersuchungen im Krankenhaus und darf jetzt vor der OP noch mal ein paar Tage nach  Hause. Schön!

Aber der Reihe nach: Vor ca. 1,5 Wochen bin ich nachts aufgewacht und mein linker Fuß hat gezuckt. Kein nervöses Zucken, sondern ein pulsieren wie bei einem epileptischen Anfall. Das hörte dann zum Glück nach 2 min. wieder auf – aber ich war ziemlich durcheinander. Selbst als bekennender Arztmuffel war mir klar, dass ich damit zum Onkel Doc. muss: Hausarzt, dann Neurologe, dann anderer Neurologe mit Kernspin,… Hatte bis dahin keine Ahnung, um was es geht und natürlich alle möglichen Ängste und zugleich Hoffnungen, dass es nichts Schlimmes sei.

Dann die Diagnose nach dem Kernspin: Gehirntumor! Schon ein ziemlich großes Gewächs. Der muss schon jahrelang in mir drin wachsen, ohne offensichtliche Symptome. Er ist höchstwahrscheinlich gutartig, muss aber auf jeden Fall rausoperiert werden. Positiv ist, dass er direkt unter der Schädeldecke sitzt, er ist also gut erreichbar. Die Gefahren sind bei der OP: Blutungen im Gehirn. Schwierig ist wohl auch die genaue Abgrenzung zwischen gesundem Gewebe im Gehirn und Tumor. Am Freitag, 12.3. muss ich zur Operation in die Uniklinik in Tübingen.

Körperlich geht’s mir im Moment eigentlich ganz gut. Ich spür keine großen Auswirkungen von diesem „Ding“ in meinem Kopf: Ab und zu ein bisschen Kopfweh, manchmal Taubheitsgefühle im linken Bein, einen weiteren epileptischen Anfall hatte ich seit dem ersten nicht mehr.

Dann ist da natürlich die Angst und die Sorgen. Es lässt sich gar nicht vermeiden, dass man sich über alles mögliche Gedanken macht, denn ich weiß, dass bei dieser OP alles mögliche passieren kann. Anderseits spüre ich auch eine gewisse Gelassenheit. Ein Schritt nach dem anderen. Ich bin z.B. selbst erstaunt, dass ich bis jetzt noch richtig gut und tief schlafen kann. Ich weiß, dass sehr viele liebe Menschen für mich beten – das tut gut, das tröstet, das gibt Hoffnung. Ich merke zum ersten mal so richtig tief, wie gut es ist, in einem Beziehungs- und Liebesnetz von Brüdern und Schwestern eingeknüpft zu sein. Vielen Dank auch für eure lieben Wünsche und Gebete!

Ich merke auch, wie sich das Leben in solchen Momenten einerseits reduziert und anderseits intensiviert. Es reduziert sich alles auf das Wesentliche. Meine Frau hat es gestern wunderschön ausgedrückt: Sie hat gemeint, dass jetzt nur noch das wirklich Wichtige zählt: Glaube, Hoffnung, Liebe (1.Kor.13,13). Ich dachte nur: JA! Was will man mehr! Glaube, Hoffnung, Liebe! Wie singt Reinhard Mey so schön: Was uns groß und wichtig erscheint, wird plötzlich nichtig und klein.

Zugleich wird das Leben intensiver. Ich habe ganz intensive Momente, wenn ich manchmal meine Frau und meine Kinder anschaue und einfach nur Liebe und Dankbarkeit für sie empfinde. Scheinbar alltägliche Dinge werden wertvoll und tief: Gestern war ich mit meiner Frau auf einem Spaziergang und wir haben in einem Café etwas getrunken… und ich hab es soooo sehr genossen (obwohl ich nicht so der typische „Spaziergang-Typ“ bin).

Naja, so viel mal für heute. Vielleicht melde ich mich in den nächsten Tagen noch mal. Und nicht vergessen: Glaube, Hoffnung, Liebe!!!