Johannes 10, 11-21 Kein friedliches Idyll

Das sind gewaltige Aussagen, die Jesus da macht. Und dennoch erreichen sie mich heute beim Lesen nicht so richtig. Jesus als der gute Hirte, in bewusster Anlehnung an Psalm 23 (dort wird Gott selbst als Hirte bezeichnet), das habe ich schon so oft gehört. Das ist doch selbstverständlich. Jesus als der gute Hirte, das ist inzwischen von jeder Menge Kitsch und heiler Welt überlagert. Ein freundlich lächelnder Jesus im strahlend weißen Gewand, umgeben von friedlichen Schafen, die natürlich auch alle strahlend weiß sind, und dazu noch eine süßes kleines Lamm auf dem Arm…

Aber stopp! In dem Text ist doch auch die Rede vom Wolf! In dem Text geht es doch um Leben und Tod! Hier wird keine friedliche Idylle beschrieben, sondern ein Überlebenskampf. Der Hirte riskiert und opfert sein Leben im Kampf gegen den Wolf, gegen das Böse. Es geht nicht um eine heile Welt, sondern um eine bedrohte Welt, eine Welt voller Angst, Gefahr und Blut. Jesus lässt mich in der Dunkelheit, in der Gefahr und in meiner Angst nicht allein.

| Bibeltext |

Audrey Niffenegger: Die Zwillinge von Highgate

Der erste Roman von Niffenegger war ein großer Erfolg: Die Frau des Zeitreisenden. Ich fand ihn zwar etwas kitschig und natürlich war er unrealistisch – aber als eine ungewöhnliche Fantasy-Liebesgeschichte war der Roman überraschend, interessant und gut zu lesen. Ums kurz zu machen: das zweite Buch – Die Zwillinge von Highgate – war für mich eine Enttäuschung.

Die ersten drei Viertel waren noch erträglich: Interessante Figuren mit ihren Marotten und Eigenheiten werden beschrieben, die faszinierende Stimmung eines alten Friedhofs in London wird eingefangen, die zwanghaften Vorstellungen und Ängste eines Neurotikers werden entfaltet und die Spannung über ein Geheimnis im Leben eines Zwillingspärchens wird aufgebaut. Vor allem spielt in diesem Teil der Geist einer Verstorbenen, der in einer Wohnung des Hauses neben dem Friedhof haust, nur eine untergeordnete Rolle. Die ganze Geschichte würde auch ohne den seltsamen Geist funktionieren. Gegen Schluss kippt der Roman dann aber völlig ab: die überdrehte und phantastische Geisterwelt gewinnt die Überhand und die Charaktere und zwischenmenschlichen Spannungen verkommen zur Karikatur. Schade!

(Amazon-Link: Niffenegger: Die Zwillinge von Highgate)

Anna Gavalda: Ein geschenkter Tag

Ein schönes kleines Büchlein! Manche mögen es vielleicht als ein bisschen rührseelig und spannungsarm empfinden. Aber mich hat das nicht gestört, ich hab es gern gelesen.

Es geht um vier Geschwister, die sich anlässlich einer Hochzeit in der Verwandtschaft wieder einmal treffen und noch einmal in die Welt ihrer gemeinsamen Kindheit eintauchen. Es ist so etwas wie der Abschied von dieser Vergangenheit. Ein melancholischer Glanz liegt über der Begegnung. Aber zugleich auch ein tiefe Zuneigung und Verständnis füreinander.

Dass das Ganze nicht völlig ins Kitschige abrutscht liegt an der Erzählkunst Gavaldas. Sie erschafft Charaktere mit Ecken und Kanten. Sie würzt die großen Gefühle mit Witz und Ironie. Ich mag ihre Art zu erzählen und ihre Unbekümmertheit, mit der sie sich auch an emotionsgeladene Geschichten heranwagt. Ich glaube nicht, dass wir in unserer Welt zu viel Gefühl haben – ja, wir haben zu viele oberflächliche und platte Gefühle, aber wer redet schon über das, was sein Herz wirklich bewegt, was ihm die Tränen in die Augen treibt, was ihn tief im Innern schmerzt oder zum jubeln bringt?

Psalm 135 – lieblicher Kitsch?

Bin bei diesem Psalm an dem Wort „lieblich“ hängen geblieben: „Lobsinget seinem Namen, denn er ist lieblich!“ (V.3) Dieses ungewöhnliche und so völlig aus der Mode gekommene Wort „lieblich“ ist mir doch vor kurzem schon mal begegnet… Stimmt! In Ps.133,1: „Siehe, wie fein und lieblich ist’s wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!“ Und tatsächlich: Nicht nur in der Luther-Übersetzung, sondern auch im Hebräischen steht hier das gleiche Wort. Das Lexikon schlägt folgende Übersetzungen vor: „angenehm, lieblich, hold“. Das Wort hat wohl von der Grundbedeutung her oft mit dem Klang zu tun. Also z.B. angenehme, wohlklingende Musik oder Gesang.

Ich find es faszinierend, dass in so engem Kontext einmal Gott selbst (mit dem Namen ist im AT meist die Sache oder Person selbst gemeint) und dann die gute Gemeinschaft unter uns Menschen als lieblich bezeichnet werden. Das heißt dann doch, dass sich in unserem Zusammenleben etwas von der „Lieblichkeit“ Gottes widerspiegeln sollte. So wie Gott selbst mit sich im reinen ist und sein Name (= sein Wesen) ein Wohlklang ist, so sollte auch unser Miteinander eine angenehme Harmonie ergeben.

Auf diesem Hintergrund klingt für mich dieses Wort „lieblich“ gar nicht mehr so altmodisch, angestaubt und kitschig, sondern richtig cool. 🙂
Bibeltext

Vom Kitsch berührt

Eigentlich mag ich keine übertrieben kitschige Filme. Aber gestern hat mich trotzdem einer berührt: „Der Klang des Herzens.“ Hemmungslos werden dort alle Kitsch-Register gezogen und viele total übertrieben. Und trotzdem hat mich der Film und die Idee dahinter gefesselt und ins Herz getroffen.

Ein Junge sucht seine Eltern. Beide sind Musiker (sie: Cellistin; er: Rockmusiker), leben nicht zusammen und wissen nichts von ihrem Kind (der Vater der Frau verheimlichte, dass das noch ungeborene Baby einen Unfall überlebte und gab es zur Adoption frei). Die Welt des Jungen ist von klein auf mit Musik erfüllt. Er hört sie – so etwas wie den Klang des Universums. Und er ist überzeugt, dass er über die Musik auch seine Eltern finden kann. So geschieht es dann auch am Ende (welches natürlich schon lange voraussehbar ist). Hört sich alles ziemlich konstruiert und abgehoben an – ist aber irgendwie gut umgesetzt. Auch durch die Filmmusik, die immer wieder die unterschiedlichen Musikstile (Klassik und Rock) und damit die unterschiedlichen Schicksale zusammenbringt. Gefreut hat mich bei dem Film auch, dass eine Kirche und besonders ein ziemlich cooler Kirchenchor eine wichtige Rolle auf der Suche des kleinen Jungen spielte. Und ganz am Ende schaut der Junge nicht nur glücklich seine Eltern an, sondern auch nach oben in den Himmel…

Noch interessanter wird die Geschichte, wenn man an die Stelle, die die Musik einnimmt, den Komponist dieser himmlischen Melodie des Universums setzt: Gott selbst. Die Melodie seiner Gegenwart ist immer da, nur hören die meisten nicht hin. Seine Himmelsmusik verbindet Menschen miteinander und lässt sie ihre wahre himmlische Heimat finden…

Als kleiner Einblick, hier der Trailer: