Römer 16, 1-16: Netzwerkchristen

Erstaunlich lang ist die Grußliste des Römerbriefes. Vor allem wenn man bedenkt, dass Paulus die Gemeinde in Rom noch nie besucht hat. Aber er kennt von seinen Reisen sehr viele Christen, die inzwischen in Rom sind. Das zeigt zum einen, dass Paulus kein Einzelkämpfer war. Er hat mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammengearbeitet. An der Herzlichkeit seiner Grüße kann man ablesen, dass er mit diesen Christen eine gute Beziehung hat. Obwohl Paulus eine starke Führungspersönlichkeit hatte, war er doch bereit im Team zu arbeiten.

Zum anderen sehen wir hier, dass schon die ersten Gemeinden über ein Netzwerk von Beziehungen miteinander verbunden waren. Da hat sich nicht nur jede Gemeinde um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert, sondern man wusste sich in Christus verbunden. Diese Verbindungen und Beziehungen auch über die eigene Gemeinde hinweg sind nicht nur ein netter Zusatz, sondern sie gehören zum Wesen von Gemeinde hinzu. Denn in Christus gehören wir alle zusammen und das muss auch über die Gemeindegrenzen hinweg sichtbar werden.

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1. Thessalonicher 2, 1-12 Die Kirche und das liebe Geld

Obwohl sich Paulus auf mütterliche (V.7) und väterliche (V.11) Weise liebevoll um die Gemeinde gekümmert hat, muss er sich hier offensichtlich mit Vorwürfen auseinandersetzen, er habe Menschen verführt um selbst einen finanziellen Gewinn daraus zu ziehen. Für uns ist das natürlich schwer zu beurteilen, wir kennen nur die Argumente des Paulus. Aber so wie wir das Leben und die Überzeugungen des Paulus aus seinen Briefen kennen, ist es eigentlich nicht vorstellbar, dass diese Verleumdungen zutreffen. Paulus geht es nicht um’s Geld, sondern um Gott.

Wir sehen, dass das Thema Kirche und Geld schon damals ein heikles Thema war. Schon bei Paulus bestand der Argwohn, dass unter Christen nicht redlich mit dem Geld umgegangen wurde. Die Empörung ist ja bis heute in der Öffentlichkeit zu Recht sehr groß, wenn ein kirchlicher Würdenträger leichtfertig und eigennützig mit Geld umgeht. Andererseits ist es immer leicht, sich über andere zu empören und ihre Fehler aufzubauschen. Die Frage gilt ja nicht nur für einen Missionar wie Paulus oder einen kirchlichen Amtsträger, sondern an jeden Christen: passt mein persönlicher Umgang mit dem Geld zur Botschaft des Evangeliums? Natürlich ist es gut, auf Missstände hinzuweisen. Aber genauso wichtig ist es, dass wir uns selbst an die eigene Nase fassen.

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Apostelgeschichte 11, 19-30 Strategische Kirchenpolitik

In diesem Abschnitt wird es nun sehr deutlich, dass die junge Christenheit mehr ist als eine innerjüdische Gruppierung. Einige Jünger und Jüngerinnen wurden wegen der Verfolgung in Jerusalem nach Antiochien zerstreut. Das war damals die drittgrößte Stadt des römischen Reiches – also ein wichtiger Ausgangspunkt für die weitere Verbreitung des Glaubens. In Antiochien wurden nicht nur die Juden angesprochen, sondern auch die Griechen (damit sind hier alle gemeint, die nicht dem jüdischen Glauben angehören). Wichtig ist auch, dass in Antiochien zum ersten mal die Bezeichnung „Christen“ auftaucht. Und zwar nicht von den Anhängern Jesu selbst, sondern von außerhalb. Auch für andere war es deutlich, dass es sich hier um eine neue Gruppierung von Juden und Griechen außerhalb des Judentums handelte.

Interessant finde ich auch, dass Kirchenpolitik schon damals eine Rolle spielte. Die neue Gemeinde in Antiochien wird nicht einfach sich selbst überlassen, sondern die Verantwortlichen in Jerusalem senden den Barnabas aus, um sich die Sache mal anzuschauen. Die Apostel in Jerusalem fühlten sich nicht nur für die Gemeinde zuhause verantwortlich, sondern auch für andere Gemeinden. Es bleibt nicht bei einem kurzen Antrittsbesuch des Barnabas, sondern zusammen mit Paulus bleibt er ein ganzes Jahr lang dort, um die junge Christenheit zu lehren und unterrichten. Da stecken durchaus strategische und kirchenpolitische Gedanken dahinter: Wie leiten wir die junge Bewegung in geordnete Bahnen?

Wir wünschen uns ja manchmal, dass Gemeinde auch ohne solch strategischen und kirchenpolitische Überlegungen funktionieren würde. Es wäre doch schön, wenn Gott selbst durch den Heiligen Geist Gemeinde und Kirche leiten würde. Das tut er auch. Aber wir sehen schon bei den ersten Christen, dass er dazu menschliche Strukturen und Hierarchien benutzt. Diese sind nicht an sich schlecht oder falsch, sondern es kommt darauf an, wie sie genutzt werden.

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Bonhoeffer: Nachfolge (20) – Der Leib Christi

Auf extrem zugespitzte Weise (wieder einmal) betont Bonhoeffer in diesem Kapitel die Realität des Leibes Christi – auch heute. Der „Leib Christi“ ist für ihn kein Sprachbild oder Symbol, um etwas tieferes und dahinter liegendes auszusagen, sondern er ist ganz realistisch (wenn auch nicht stofflich-materiell) der Leib des Auferstandenen Christus. „Wir leben in der vollen Gemeinschaft der leiblichen Gegenwart des verklärten Herrn.“ (S.227) Der Auferstandene ist nicht nur im Geist oder im Glauben oder auf übertragene Weise gegenwärtig, nein er ist – wie zur Zeit der ersten Jünger – leiblich gegenwärtig!

Grundlage für diese Aussagen ist die Fleischwerdung des Sohnes Gottes in Jesus Christus. Gott hat hier nicht nur einen einzelnen besonderen Menschen auserwählt, sondern er hat die menschliche Natur angenommen. „Das heißt: Gott nahm die ganze kranke, sündige menschliche Natur an…“ (S228) Gott benützt eben nicht nur einen besonderen Menschen, um durch ihn sein ewiges Wort hörbar werden zu lassen, sondern wird wirklich ein Teil der menschlichen Natur. Nur so kann er die menschliche Natur erlösen, indem in ihm all unsere Krankheit und Sünde stirbt. Diese Verleiblichung Gottes hört für Bonhoeffer mit Pfingsten nicht auf!

Schon für die ersten Jünger war die Gemeinschaft mit Christus nicht nur eine gedankliche, eine gemeinsame Überzeugung, ein gemeinsamer Glaube, sondern eine leibliche Gemeinschaft. Von Anfang an haben Jesu Nachfolger mit ihm gegessen und gelitten, sie sind ganz konkret mit ihm durch die Lande gezogen. Heute werden wir ein Teil dieses Leibes Christi durch die Sakramente von Taufe und Abendmahl. Auch hier geht es Bonhoeffer nicht um eine symbolische Teilhabe an Christus, sondern eine ganz reale Eingliederung am Leib Christi. „Die Gemeinschaft der Getauften wird zu dem einen Leib, der Christi eigener Leib ist.“ (S. 231) Die Rede vom Leib Christi ist kein Symbol für unsere Gemeinschaft mit Christus und untereinander, sondern sie ist eine reale Gegebenheit.

Bonhoeffer treibt diese reale Vorstellung vom Leib Christi dann noch weiter: die real sichtbare Gemeinschaft der Gemeinde, ja sogar die Kirche ist die Gestalt des Auferstandenen. „Wir sind gewohnt, von der Kirche als von einer Institution zu denken. Es soll aber von der Kirche gedacht werden als von einer leibhaften Person.“ (S. 232) Wobei an dieser Stelle – wohl bewusst – offen bleibt, inwieweit man die sichtbare Institution der Kirche mit der Kirche als Leib Christi gleichsetzen kann.

Auf jeden Fall ist für den Christen die reale und leiblich geteilte Gemeinschaft mit anderen Nachfolgern essentiell. Ohne diese Gemeinschaft geht es nicht: „Es wird keiner ein neuer Mensch, es sei denn in der Gemeinde, durch den Leib Christi. Wer allein ein neuer Mensch werden will, bleibt beim alten. Ein neuer Mensch werden heißt in die Gemeinde kommen, Glied am Leibe Christi werden.“ (S.233) In unserer individualistisch geprägten postmodernen Frömmigkeit sind das ganz schön herausfordernde Worte. Vor allem weil sich Bonhoeffer diese Gemeinschaft sehr konkret und leibhaft vorstellt und nicht nur an ein gemeinsames Bekenntnis von Gleichgesinnten denkt.

In konsequenter Fortführung der Identität von Jesu irdischen Leib und dem Leib der Gemeinde ist es für uns die größte Ehre, wenn wir auch an Jesu Leiden und Verklärung teilhaben dürfen. „Keine größere Herrlichkeit konnte er den Seinen schenken, keine unbegreiflichere Würde kann es für den Christen geben, das dass er ‚für Christus‘ leiden darf.“ (S.236) Das passt so gar nicht in unser bequemes heile Welt Christentum: Bete nicht dass du nicht Verfolgung, Krankheit oder Schmerz leidest, sondern freue dich, wenn du mit Christi leiden darfst! Gerade darin bist du ein Teil seines Leibes!

Ich merke bei diesem Kapitel, wie sehr ich im Denken von der griechischen Philosophie geprägt bin, die streng zwischen Geist und Materie unterscheidet. Alles Materielle ist von vornherein schlecht und das eigentlich göttliche ist das Geistige. Bonhoeffer betont gegen solch eine Vergeistigung des Glaubens seine „Verleiblichung“.

Von Windrädern und Ventilatoren

WindräderSo, windhauch ist wieder online! Ich war ein paar Tage unterwegs zu unserer Süddeutschen Jährlichen Konferenz. Wie der Name schon sagt: Ein jährlich stattfindende Konferenz, die alle EmK-Gemeinden des süddeutschen Bereichs betrifft. Dort kommen alle süddeutsche Pastoren und genau so viele Laienvertreter der Gemeinden zusammen.

Drei Tage lang fast nur Plenumssitzungen mit über 300 Leuten zu haben und Berichte durchzuarbeiten, ist nicht immer so wahnsinnig spannend und mit der Zeit auch ganz schön anstrengend. Mein persönliches Highlight dieser Tage war die Bibelarbeit von Pastorin Joana d’arc Meireles, der Generalsekretärin der methodistischen Kirche in Brasilien. Als sie erzählte wie bei einer Schießerei in den Armenvierteln von Rio ein Mann mit erhobener Bibel aus einer Kirche kam und jeweils eine Verletzten von beiden Seiten in die Kirche trug, da wurden mir die Augen feucht. Welch ein Mut!

Vor allem das Bild, das sie dann am Schluss gebracht hat, hat mich ins Herz getroffen. Sie erzählte, dass sie in Deutschland viele Windräder gesehen hat und fragte, ob wir den Unterschied zwischen einem Windrad und einem Ventilator kennen. Dann erklärte sie: Beide drehen sich, aber der Ventilator braucht Energie um Wind zu produzieren. Das Windrad dagegen nimmt den Wind auf und macht Energie daraus. BUMM!!! Das sitzt! Bei mir zumindest. Denn mir kommt mein Glaube und unsere Gemeindearbeit in Deutschland oft genau so vor: Wir verbrauchen wahnsinnig viel Energie, nur um ein klein wenig Wind zu produzieren. Stattdessen sollten wir uns viel mehr in den Wind(hauch 😉 ) Gottes stellen und daraus unsere Kraft und Energie nehmen.

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Bildquelle: aboutpixel.de / Homecoming © Dominik Sellung

Auf Pastors Türschwelle

Gestern entdeckte ich auf der Türschwelle zu meinem Büro folgendes:
Fledermaus
Hab mich zuerst gefragt, was das ist. Putze ich mein Büro so schlecht, dass jetzt schon so große Schmutzstücke herumliegen? Aber beim genaueren hinsehen hab ich dann festgestellt, dass es eine kleine, junge Fledermaus war. Während ich noch überlegt habe, wie ich das Ding jetzt am besten wieder aus meinem Büro bekomme, hat meine Frau sie in die Hand genommen und nach draußen gebracht. Respekt! Ich hät‘ mich das nicht getraut. (Feigling! 😉 ). Wobei die beim genauen betrachten ja richtig süß und flauschig aussehen.
Fledermaus
Draußen wurde sie dann wieder etwas lebendiger und hat dann versucht, ein wenig zu fliegen. Irgendwann hat sie sich dann unter einen Busch verkrochen. Später haben wir von einer Expertin erfahren was in einem solchen Fall am besten zu tun ist: Die Fledermaus erst mal in einen Karton oder ähnliches einsperren und ihr was zu trinken geben. Erst wenn es dunkel ist, soll man sie freilassen. Tagsüber sind die Fledermäuse nämlich zu schwach, um sich selbst vor evtl. Gefahren in Sicherheit zu bringen. Also, wenn ihr mal eine auf der Türschwelle habt, wisst ihr was zu tun ist! 😀

Apropos Fledermäuse aus der Kirche bringen – da fällt mir folgender Witz ein:

Drei Evangelische Pfarrer unterhalten sich, sie haben alle das gleiche Problem: Fledermäuse im Glockenturm! Sagt der erste: „Ich habe es mit ausräuchern probiert, jetzt stinkt die Kirche und die Fledermäuse sind alle schon wieder zurück.“ Sagt der zweite Pfarrer:“ Ich habe es mit Kanonendonner probiert, das Ergebnis war, dass die Fledermäuse wieder da sind, und ich habe einen Hörschaden.“ Der dritte sagt:“ Ich habe keine Fledermäuse mehr im Glockenturm!“ Die anderen:“ Wie hast Du denn das geschafft?“ „Ganz einfach, ich habe die Fledermäuse erst getauft, und dann konfirmiert! Daraufhin hat sich nie wieder eine Fledermaus in der Kirche blicken lassen!“

Matthäus 26, 26-29 – Streitpunkt Abendmahl

Das Abendmahl – es fällt mir schwer, darüber in ein paar Sätzen etwas sinnvolles zu schreiben. Was wurde nicht in den Jahrhunderten seit dem letzten Abendmahl Jesu über diese Sätze gestritten und theologisiert! Je nach Konfession, Glaubensrichtung und persönlichen Erfahrungen prallen hier ganz verschiedene Vorstellungen und Erfahrungen aufeinander.

Als Pastor mache ich immer wieder die Erfahrung, wie gerade das Abendmahl mehr trennt, als dass es vereint. Gerade am Abendmahl offenbaren sich schnell heftige und tiefgreifende Unterschiede. Und gerade hier kochen schnell die Emotionen hoch. Das ist ja einerseits okay, weil es ein wichtiges und zentrales Thema ist. Aber andererseits macht mich die Verbissenheit, mit der wir manchmal damit umgehen, auch irgendwie traurig.

Erst vor kurzem war das Thema Abendmahl bei uns in der Ökumene wieder ein Diskussionspunkt, weil es beim Kanzeltausch (ev. Prediger in kath. Kirche) immer irgendwie schwierig ist, eine gute Lösung für alle zu finden (die offizielle kath. Linie ist ja, dass Evangelische nicht daran teilnehmen dürfen – wie gestaltet man das jetzt so, dass es nicht seltsam wirkt?). Aber auch in einzelnen Gemeinden ist das Abendmahl oft ein herrliches Thema, um die Gemeinde zu spalten (Einzelkelch oder Gemeinschaftskelch, Wein oder Traubensaft, mit Kinder oder ohne Kinder, liturgisch-feierlich oder fröhlich-frei,… ).

Aber wir kennen das ja schon von Anfang an: Schon in der Gemeinde in Korinth gab es da heftige Auseinandersetzungen… 🙁

Matthäus 22, 23-33 – Der Anecker

Nach dem vorherigen Abschnitt nun noch so eine vorgeschobene, scheinbar fromme Diskussion, bei der es nur darum geht Jesus lächerlich zu machen. Dieses mal von einer anderen theologischen Richtung, von den Sadduzäern. Während die Pharisäer mehr die einfachen Frommen aus dem Volk waren, waren die Sadduzäer die etablierten Leiter der Volksgemeinde, die aus der gehobenen Gesellschaftsschicht stammten. Als Konservative waren sie vor allem am Erhalt des religiösen und politischen Status quo interessiert. So jemand wie Jesus kommt da natürlich ungelegen.

Schon interessant, dass keine der damaligen religiösen Richtungen mit Jesus zurecht kam. Weder die frommen Pharisäer, noch die konservativen Sadduzäer und auch nicht die radikalen Zeloten. Jesus passt in kein kirchenpolitisches Lager. Er eckt überall an.

Wie das wohl heute wäre? Natürlich berufen sich alle christlichen Gruppierungen und Richtungen auf Jesus, aber wenn er heute kommen würde, würden wir mit diesem aneckenden Jesus zurecht kommen? Was für Probleme hätten wohl die Evangelikalen, die Charismatiker oder die Liberalen mit Jesus? Und welche Probleme hätte ich mit ihm? Würde ich es akzeptieren, dass er so manche meiner theologischen Überzeugungen in Frage stellen würde? Würde ich erkennen, wo ich mir falsche Vorstellungen und Erwartung von Gott gemacht habe? Würde ich es akzeptieren, dass sich Jesus eben nicht meiner theologischen und kirchenpolitischen Richtung anschließt, sondern dass er noch einmal ganz anders ist?

Apostelgeschichte 2, 42-47 – Ein Traum von Kirche

Hab zu dem Text am vergangenen Sonntag gepredigt. Was mich bei dem Text und den Erklärungen von Douglass besonders beschäftigt hat, war der enorme Kontrast „zwischen dem hier Beschriebenen und der real existierenden Kirche“ (S.299). Dieses Idealbild von Gemeinde, das Lukas hier zeichnet kann einen entweder in die Verzweiflung treiben oder aber zum hoffnungsvollen Träumen animieren. Das eine lähmt und zerstört, wogegen das andere motiviert und auferbaut.