Römer 8, 18-25: Schon jetzt und noch nicht

Paulus scheint in diesem Abschnitt klar geworden sein, dass er nicht nur triumphalistisch das „schon jetzt“ der Kinder Gottes betonen kann, sondern dass auch das „noch nicht“ zur Sprache kommen muss. Wer als Kind Gottes lebt, bei dem hat etwas grundsätzlich Neues angefangen. Aber zugleich stellen wir fest, dass wir noch nicht am Ziel angekommen sind. „Wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung“ (V.24). Wir leben noch immer in einem vergänglichen Leib und nicht in der Vollendung der Herrlichkeit. Wir seufzen und ängstigen uns noch mit der restlichen Schöpfung, weil wir noch nicht endgültig am Ziel sind.

Mir hilft dieser Abschnitt, weil er deutlich macht, dass auch ein Leben als Christ noch ein Leben in Spannungen ist und ein Leben in der Vorläufigkeit. Nicht weil ich mir dieses spannungsvolle Leben so wünsche, sondern weil es ganz einfach meiner erlebten Realität entspricht. Da ist auf der einen Seite die Freude über das was Jesus für mich getan hat und was sich durch den Glauben in meinem Leben schon verändert hat. Da ist aber auf der anderen Seite auch das Seufzen über Unvollkommenheit, Vergänglichkeit und Vorläufigkeit. Beides gehört zu meinem Christsein dazu.

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1. Johannes 3, 3-12 Lebe, was du bist!

Das scheint durchaus verwirrend, was Johannes in seinem Brief zur Sünde schreibt. Auf der einen Seite betont er, dass keiner ohne Sünde ist (1.Joh.1,8: „Wenn wir sagen wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst“). Er rechnet realistisch mit der Möglichkeit, dass auch die christlichen Leser des Briefes sündigen können (1.Joh.2,1: „Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater“). Jetzt in Kap.3 schreibt er aber: „Wer aus Gott geboren ist, der tut keine Sünde; denn Gottes Kinder bleiben in ihm und können nicht sündigen; denn sie sind von Gott geboren.“ (V.9) D.h. ein Christ kann gar nicht mehr sündigen!

Ja was denn nun? Das ist doch unlogisch!? Zunächst einmal muss man feststellen, dass wir modernen, westlichen Menschen eine andere Auffassung von Logik haben als ein antiker Hebräer. Wir haben ein stringentes und eindimensionales Verständnis von Logik. Egal von welchem Blickwinkel her betrachtet, muss eine Argumentation in sich schlüssig und einheitlich sein. Die hebräische Logik ist eher mehrdimensional. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln kann man durchaus zu unterschiedlichen Aussagen kommen, die aber trotzdem alle zutreffen. Schwierig für uns ist auch, dass Johannes sich mit Irrlehrern und ihrem Sündenverständnis auseinandersetzt und wir diese Gegenposition nicht genau kennen.

Ich glaube sein Anliegen ist folgendes: Wir sollen das, was wir sind, auch leben. Wir sind Gottes Kinder und als solche haben wir nicht nur Vergebung, sondern als Gottes Kinder können wir eigentlich gar nicht mehr sündigen. In Jesus Christus sind wir sündlos und darum sollen wir auch dementsprechend leben. Aber das ist keine automatisch eingepflanzte Eigenschaft, sondern etwas um das wir uns laufend bemühen müssen. Wenn wir versuchen in Gott zu bleiben, dann bedeutet das, dass wir zugleich auch versuchen, nicht zu sündigen. Darum liegt der Ton in Kap. 3 auch auf dem Sünde „tun“ – damit ist ein bewusstes Tun und Verharren in der Sünde gemeint. Als Kind Gottes geht das nicht. Ich kann als Christ nicht einfach munter drauflos sündigen, weil mir ja sowieso alles vergeben ist oder weil ich sage (so haben es wahrscheinlich die Irrlehrer gesehen): Ich gehöre ja zu Gott und darum ist alles was ich tue automatisch richtig.

Also ein differenziertes und gerade dadurch realistisches Verständnis von Sünde: Einerseits sind wir in Christus frei davon. Als Kind Gottes können wir keine Sünde tun wollen. Andererseits sind wir immer noch ein Teil unserer irdischen und vergänglichen Welt und stehen in der Gefahr zu sündigen.

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Galater 4, 1-7 Abba, lieber Vater

Durch Jesus Christus sind wir nicht mehr Sklaven, sondern Kindern. Durch den Heiligen Geist dürfen wir in unseren Herzen sprechen: „Abba, lieber Vater“. Ich sehne mich danach, dass das nicht nur theologische Richtigkeiten sind, dass das nicht nur steile theoretische Verheißungen sind, sondern dass diese Worte in und durch mich immer mehr lebendig werden.

Ich weiß es ja, aber entspricht es auch meiner Wirklichkeit? Kann ich das immer so leben, bei all den äußerlichen Zwängen und Ansprüchen, die in unserer Welt an mich heran treten? Lebe ich als mündiges Kind und nicht als Sklave? Wenn diese Worte wahr sind, warum sehen wir Christen dann nicht erlöster und befreiter aus? Sehen wir nicht oft mehr aus wie Getriebene und Unfreie? Fühlen wir immer die Gelassenheit und Geborgenheit eines Kindes?

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Matthäus 18, 1-5 – Kindisch

Was heißt das denn, wie die Kinder werden? Sind es nicht gerade die Kinder, die immer die Größten und Stärksten sein wollen? Welches Kind träumt denn nicht davon, ein unbesiegbarer Superheld zu sein, den alle bewundern? Kinder können ganz schön brutal und rücksichtslos sein, wenn es um ihre eigenen Interessen geht. Wahrscheinlich können das so ziemlich alle Eltern bestätigen, dass Kinder normalerweise ganz und gar nicht bescheiden und demütig sind. Das Teilen und abgeben müssen sie erst mühsam lernen. Gerade dieser Rangstreit unter den Jüngern ist ja eigentlich ziemlich kindisch. Warum stellt Jesus hier ein Kind als Vorbild hin?

Vielleicht war das in der damaligen Gesellschaft ja noch etwas anders. Da hatten Kinder wahrscheinlich gar keine andere Wahl, als bescheiden und demütig auf die Großen zu hören. Aber ich glaube der eigentlich Punkt ist nicht eine bestimmte Verhaltensweise von Kindern. Es geht um die objektive Abhängigkeit, in der sie sich befinden. Sie brauchen Erwachsene, die für sie sorgen. Sie brauchen jemand, der ihnen Essen, Trinken, Schutz, Geborgenheit und noch vieles mehr gibt.

Wer sich selbst als solch ein Kind Gottes sehen kann, der ist der Größte im Himmelreich. Wer begreift, dass er in völliger Abhängigkeit von Gott lebt, der hat das entscheidende geblickt. Und dann gibt es auch keinen Grund mehr, dass sich ein Kind über das andere erhebt. Wobei das ja bis heute ein Problem auch von uns Christen bleibt – wir scheinen da ein bisschen schwer von Begriff zu sein. Und selbst wenn wir’s mit dem Kopf verstanden haben, spielen all zu oft die Gefühle da nicht mit.

Matthäus 12, 46-50 – Familienkonflikt

Warum ist Jesus nicht einmal bereit, mit seiner Mutter und seinen Brüdern zu reden? Sie stehen vor der Tür und wollen zu ihm und Jesus sagt, dass seine eigentliche Familie all diejenigen sind, die Gottes Willen tun. Auch hier ist es hilfreich, sich die Parallelstelle bei Markus anzuschauen. Markus erwähnt nämlich ein paar Verse vorher, dass seine Familie über Jesus sagt, dass er von Sinnen sei. Ob sie das wirklich so meinten, oder ob sie ihn damit den Konflikt mit den Pharisäern entschärfen wollen bleibt ungesagt. Aber auf jeden Fall wird auf diesem Hintergrund die Reaktion Jesu verständlicher.

Zu Jesus gehört man nicht durch irgendwelche Äußerlichkeiten und sei es durch Blutsverwandtschaft, zu Jesus gehört man nur, wenn man den Willen Gottes tut. Kein Taufschein und keine Mitgliedsurkunde macht mich zum Kind Gottes, sondern allein mein Gehorsam dem Vater gegenüber.