Johannes 18, 1-11 Keine menschliche Tragödie

Beim Lesen musste ich vor allem an die Parallelberichte in den anderen Evangelien denken. Und da fällt sofort auf, wie anders Johannes diese Szene schildert. Er betont in seiner Darstellung die Hoheit Jesu und dass es sein längst gefasster Entschluss ist, ans Kreuz zu gehen. Kein Wort von einem Gebetskampf unter Blut und Tränen, sondern ein gelassener Jesu, der „alles wusste, was ihm begegnen sollte“ (V.4). Kein verräterischer Kuss durch Judas, sondern ein selbstbewusstes „Ich bin’s“ (V.5) von Jesus. Die Soldaten die ihn verhaften sollen fallen angesichts solch einer Hoheit sogar vor Ehrfurcht auf den Boden (V.6). Nur in V.11 findet sich noch eine kleine Anspielung auf das Ringen Jesu, ob er diesen Kelch trinken soll oder nicht. Aber hier sehen wir nur das Ergebnis – Jesus geht bei Johannes ganz selbstverständlich und bewusst den Weg ins Leiden.

Ist das nun eine Verzerrung der historischen Wahrheit, die damals geschehen ist? Nein, denn eine absolut neutrale Geschichtsschreibung gibt es nicht. Jeder erzählt seine Wahrnehmung aus einem bestimmten Blickwinkel. Jeder hat seine weltanschauliche Brille auf, durch die er die Welt und was in ihr ist, wahrnimmt. Johannes will durch seine bewusst andere Darstellung etwas in dem Geschehen herausarbeiten, das in dem Geschehen auch drin steckt. Er will nichts erfinden oder beschönigen, sondern eine verborgenen Wahrheit des Getsemanegeschehens offenbaren. Für Johannes ist Jesu Weg ans Kreuz ein Weg der Erhöhung zum wahren König Israels. Was auf den ersten Augenblick aussieht wie eine menschliche Tragödie ist in Wahrheit ein göttlicher Triumph über Sünde und Tod.

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Lukas 22, 47-53 Das letzte Wort

Beim Lesen des Abschnittes bin ich vor allem am letzten Satz hängen geblieben. Jesus sagt zu den jüdischen Oberen: „Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis.“ (V.53b) Jesus wird gefangen genommen und dann getötet. Ich hab mich gefragt: Wer ist eigentlich Schuld an diesem Geschehen? Jesus spricht hier einerseits davon, dass es die Stunde der jüdischen Oberen ist: sie wollen Jesus beseitigen und sind somit schuld. Aber zugleich hat die Macht der Finsternis ihre Finger mit ihm Spiel: Auch der Satan ist schuld am Tod Jesu.

Wenn wir dann noch den vorigen Abschnitt dazu nehmen, wird die Verwirrung komplett: Jesus bitte darum, dass der Kelch an ihm vorübergeht (d.h. dass er den Kelch des Gerichts nicht trinken muss und nicht sterben muss), aber er stimmt letztendlich in den Willen Gottes ein. Das heißt: Gott will dieses Geschehen! Ist also auch Gott selbst schuld? Wir merken: Es gibt keine einfache und eindimensionaler Erklärung für das Kreuz. Natürlich tragen Menschen dafür die Verantwortung (auch Judas der Verräter). Aber zugleich wirkt hier auch die Macht des Bösen. Und noch viel wichtiger: all dies kann nicht geschehen, ohne dass Gott selbst es zulässt.

Das halte ich auch für mich selbst fest: Das letzte Wort haben nicht Menschen oder der Satan. Das letzte Wort hat Gott selbst.

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Lukas 22, 7-23 Mit dem Verräter am Tisch

Anders als bei Markus, weist Jesus erst am Ende des Mahles auf Judas als seinen Verräter hin. Damit wird bei ihm noch deutlicher als bei Markus, dass Judas beim letzten Abendmahl noch mit dabei war! Erst vor kurzem ist mir diese Ansicht begegnet, dass selbst Judas beim Abendmahl dabei sein durfte. Da dachte ich noch: „Komisch, das hab ich noch nie gehört. Ob das wirklich stimmt?“ Aber so wie Lukas das hier erzählt, muss es wohl so gewesen sein (zumindest nach der Ansicht des Lukas).

In so manchen Kirchen und Gemeinden ist das Verständnis vom Abendmahl ja recht eng. Nur die wahren Gläubigen, die bewusst eine Entscheidung für Jesus getroffen haben und vor Gott ein reines Gewissen haben, dürfen am Abendmahl teilnehmen. Eine Eliteveranstaltung. Jesus selbst trank damals sogar mit seinem Verräter aus demselben Kelch! Damit heißt Jesus die Tat des Judas keineswegs gut. Er verurteilt sie ausdrücklich in V.22. Aber er macht deutlich: „Auch die schlimmsten Sünder dürfen mit mir Mahlgemeinschaft haben. Es gibt keine Barrieren, die zuerst überwunden werden müssen, um an meinem Sterben für euch Anteil haben zu dürfen. Alle dürfen in meine Gemeinschaft kommen.“

Die Frage ist nicht, ob wir uns vorher verändern müssen, um Gemeinschaft mit Jesus haben zu dürfen. Sondern die Frage ist, ob wir uns durch die Gemeinschaft mit Jesus im Abendmahl verändern lassen. Bei Judas ist das leider nicht geschehen. Aber vielleicht geschieht es bei manch anderem, der in unseren Augen nicht würdig ist, das Abendmahl zu empfangen…

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