Johannes 10, 11-21 Kein friedliches Idyll

Das sind gewaltige Aussagen, die Jesus da macht. Und dennoch erreichen sie mich heute beim Lesen nicht so richtig. Jesus als der gute Hirte, in bewusster Anlehnung an Psalm 23 (dort wird Gott selbst als Hirte bezeichnet), das habe ich schon so oft gehört. Das ist doch selbstverständlich. Jesus als der gute Hirte, das ist inzwischen von jeder Menge Kitsch und heiler Welt überlagert. Ein freundlich lächelnder Jesus im strahlend weißen Gewand, umgeben von friedlichen Schafen, die natürlich auch alle strahlend weiß sind, und dazu noch eine süßes kleines Lamm auf dem Arm…

Aber stopp! In dem Text ist doch auch die Rede vom Wolf! In dem Text geht es doch um Leben und Tod! Hier wird keine friedliche Idylle beschrieben, sondern ein Überlebenskampf. Der Hirte riskiert und opfert sein Leben im Kampf gegen den Wolf, gegen das Böse. Es geht nicht um eine heile Welt, sondern um eine bedrohte Welt, eine Welt voller Angst, Gefahr und Blut. Jesus lässt mich in der Dunkelheit, in der Gefahr und in meiner Angst nicht allein.

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Sacharja 14 Es wird ein Happy End geben

Machen mir solche apokalyptischen Bilder Angst oder sind sie eher tröstlich? Sacharja sagt, dass große Katastrophen kommen werden, aber er sagt auch, dass am Ende Gott Sieger sein wird und dass ein großer Friede anbrechen wird. Für mich ist bei solchen Texten die Zielrichtung wichtiger: Trotz aller Schwierigkeiten und durch alles Leid hindurch wird Gott zum Ziel kommen.

Mir ist aufgefallen, dass wir diese apokalyptische Grundstruktur bis heute in vielen Filmen und Büchern wiederfinden. Es geschehen große Katastrophen mit viel Kampf und Leid, aber am Ende gibt es ein Happy End. Am Ende siegt das Gute. Diese Botschaft spricht uns wohl noch heute ganz tief im Innern an. Wir ahnen, dass es ein Happy End nicht ohne Kampf geben wird, wir ahnen, dass der große Friede nicht einfach so selbstverständlich vom Himmel fällt. Auch im Glauben ist es nicht anders. Gott dauerhaft und treu vertrauen zu können ist auch nicht etwas, das einfach so vom Himmel fällt. Auch das muss immer wieder neu erkämpft werden. Aber es wird ein Happy End geben. Nicht weil mein Glaube so groß ist, sondern weil mein Gott so groß ist.

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Kolosser 4, 7-18 Gebetsringen

Bei diesen Grüßen und Segenswünschen bin ich bei Epaphras hängen geblieben: Er ringt allezeit in seinen Gebeten für die Empfänger. Ich frage mich: Was bedeutet das konkret? Wie sah das damals aus bei Epaphras? Was hat er gebetet? Wie oft und wie lange? Was heißt es konkret, im Gebet um jemand zu ringen? Bräuchten wir auch heute mehr solche Christen, die im Gebet um andere ringen? Sind sie nicht wichtiger als die Macher und Gestalter?

Gibt es bei solch einem Ringen Siege und Niederlagen? Was sind Kennzeichen für einen Sieg oder eine Niederlage? Die Gefühle des Beters, sichtbare Erfolge? Oder kann man das Ergebnis des Gebetsringens letztendlich gar nicht messen und beurteilen? Wer ist der Gegner bei diesem Ringkampf? Gott? Der Teufel? Böse Mächte? Die Selbstsucht der Umbeteten? Widrige Umstände?

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Richter 17 Halbheiten

Nachdem bis jetzt im Richterbuch vor allem die äußeren Bedrohungen für Israel geschildert wurden, tauchen jetzt die inneren Bedrohungen auf. In diesem Text wird beschrieben, wie Micha sich ein Privatheiligtum einrichtet mit „Hausgötzen“, seinem eigenen Sohn als Priester und dann einem „privaten“ levitischen Priester. Erstaunlich auch bei diesem Text, dass er recht neutral berichtet und kaum bewertet. Nur in einem Nebensatz wird deutlich, was davon zu halten ist: „… und jeder tat, was ihn recht dünkte.“ (V.6)

Das Schwierige an Michas Handeln ist, dass hier Richtiges und Falsches vermischt werden. Er tut das alle offensichtlich im Namen Gottes, er will keine anderen Götter anbeten. Aber er verlässt dabei auch den Weg der Bibel, indem er sich ein Bildnis von Gott macht und indem er mit seinem Sohn einen Nicht-Leviten zum Priester weiht. Das ist bis heute die größte Gefahr für den Glauben: Nicht das offensichtlich Falsche, sondern schleichende Vermischung von Richtigem und Falschem. Halbwahrheiten schaden der Wahrheit mehr als offensichtliche Lügen.

Die Frage ist dann, wie man mit solchen Halbwahrheiten umgeht. Ängstliche Rechtgläubige sind schnell dabei, gegen die Halbwahrheiten zu kämpfen und alles was nicht in ihrem Sinn ist zu verteufeln. Ich denke es ist sinnvoller, sich bewusst auf die Wahrheit auszurichten. Glaube ist für mich nicht in erster Linie ein Kampf gegen etwas, sondern er ist ein Vertrauen und manchmal auch Kampf für etwas.

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Richter 7 Blinder Fanatismus oder sehendes Vertrauen?

Rein menschlich gesehen müsste man Gideon eigentlich als unverantwortlichen religiösen Fanatiker sehen. Er will mit seinem Heer gegen einen starken Gegner kämpfen. Aber anstatt alles menschenmögliche zu tun, um gegen die Midianiter eine Chance zu haben, reduziert er seine Soldaten von ursprünglich 32.000 auf nur 300! Wie soll das gut gehen?! Rein menschlich gesehen schickt er sie damit in den sicheren Tod.

Aber das Unmögliche geschieht: die 300 Soldaten vertreiben das ganz midianitische Heer! Und sie müssen dabei nicht einmal kämpfen, sondern nur lautstark in ihre Schofarhörner blasen, einige Krüge zerschmettern und ihre Fackeln halten. Gott selbst schafft bei den Feinden solch eine Verwirrung, dass sie Hals über Kopf flüchten (V.22). Es wird ganz deutlich: nicht Gideon und seine Soldaten haben hier gesiegt, sondern Gott!

Sollen wir also die Hände in den Schoß legen und allein Gott kämpfen lassen? Nein, Gideon hat ja durchaus etwas gewagt. Er musste seine Angst überwinden und sich der Gefahr stellen. Gott hat ihn gebraucht, ihn aber auch deutlich spüren lassen, dass es nicht auf menschliche Kraft ankommt.

Sollen wir also ohne jede menschliche Vernunft in jeden Abgrund springenund darauf vertrauen, dass Gott uns schon auffängt? Nein, Gideon hatte einen gesunden Respekt vor diesem Vorhaben und er hat es nur auf Gottes Zusage hin gewagt. Und diese Zusage wurde für ihn auch noch bestätigt, indem er hörte wie die Wachen der Midianiter von ihrer Furcht gegenüber den Israeliten sprachen (V.13f). Es gab also durchaus auch taktische Überlegungen, dass solch ein Überraschungsangriff einer kleinen Einheit nicht aussichtslos war.

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2. Timotheus 2, 14-26 Krebsgeschwür des Bösen

In diesem Abschnitt wird Timotheus vor unnützem Streit mit Irrlehrern gewarnt. Zwei Beschreibungen sind mir besonders aufgefallen: „ihr Wort frisst um sich wie der Krebs“ (V.17) und „Verstrickungen des Teufels, von denen sie gefangen sind“ (V.26). Das Gefährliche am Bösen ist, dass es sich so langsam und fast unmerklich ausbreitet. Es wächst im Verborgenen, wie ein Krebs. Man verstrickt sich immer mehr darin und irgendwann, kann man sich gar nicht mehr daraus befreien.

In meinem Kopf ist jahrelang ein Tumor vor sich hingewachsen und ich hab nichts davon gemerkt! Er war nicht sichtbar, er war nicht eindeutig spürbar, er ist einfach langsam gewachsen und immer größer geworden. Ähnlich kann sich das Böse ausbreiten: es nistet sich im christlichen Leben ein und breitet sich langsam aus. Zunächst merkt man es gar nicht. Es sind scheinbar harmlose Worte und Gedanken. Es scheint alles in Ordnung zu sein – aber es steigert sich langsam, es frisst um sich. Irgendwann wird es dann offensichtlich und dann wird die Bekämpfung schon ziemlich schwierig. Es ist wie beim Krebs: je früher man es erkennt, desto leichter ist es zu bekämpfen.

Erstaunlich ist für mich, wie behutsam Timotheus mit diesem Krebsgeschwür des Bösen umgehen soll: Es soll Abstand halten (V.16), sich reinigen (V.21), dem Guten nachjagen (V.22), freundlich bleiben und das Böse ertragen (V.24) und mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweisen (V.25). Kein radikaler Kampf gegen das Böse, sich nicht verstricken lassen in eine Auseinandersetzung, keine Angriffsfläche bieten, sondern sich abwenden und dem Guten zuwenden.

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2. Timotheus 2, 1-7 attraktiv und bequem?

Leiden (V.3), Krieg (V.4), Kampf (V.5),… das klingt nicht gerade attraktiv und bequem. Aber Glaube ist nicht immer attraktiv und bequem. Die Wahrheit ist nicht immer attraktiv und bequem. Glaube, Hoffnung, Liebe, Hingabe, wahres Leben,… das lässt sich nicht mit solchen Wohlfühlkategorien beschreiben. Sich mit Drogen die Sinne benebeln, scheint auch attraktiv und bequem zu sein, sich mit dem Strom in den Abgrund treiben zu lassen, scheint auch bequem und attraktiv – aber wo führt es hin?! Dann lieber den scheinbar schweren Weg gehen und wahrhaft frei werden.

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Mario Vargas Llosa: Der Krieg am Ende der Welt

Puuuh! Was für ein Roman! Schon allein vom Umfang her ist er ziemlich lang (über 700 Seiten im Taschenbuch). Aber auch vom Inhalt her nicht gerade leicht verdaulich und der Schreibstil ist nicht unbedingt zum Überfliegen geeignet. An so manchen Stellen musste ich mich durchkämpfen und manches ist etwas langatmig geraten – aber trotz allen Einschränkungen ist es ein genialer Roman. Ich bin froh, dass ich bis zum Ende durchgehalten habe!

Es geht um eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Brasilien die Republik ausgerufen. In einer abgelegenen Provinz regt sich Widerstand. Allerdings nicht aus politischen Motiven, sondern auf religiösem Hintergrund. Die zentrale Figur des Buches ist der sogenannte „Ratgeber“. Er hieß Antônio Conselheiro, wird aber wegen seines Wirkens von den Menschen nur der Ratgeber genannt. Er war Wanderprediger, der durch die Lande zog, den Armen und Ausgestoßenen predigte, den Menschen Ratschläge erteilte und dem sich im Lauf der Zeit immer mehr Menschen anschlossen.

Er ließ sich mit seinen Anhängern schließlich in Canudos nieder, wo sie eine auf christlicher Brüderlichkeit basierende Stadt aufbauten. Es gab keinen Privatbesitz, jeder wurde von der gemeinsamen Habe ernährt und versorgt. Jeder durfte kommen, auch ehemalige Banditen, Räuber und Verbrecher – solange sie zu Jesus Christus gefunden hatten. Der Ratgeber hatte eigentlich keine politischen Absichten, stellte sich aber aus verschiedenen praktischen Gründen gegen die Republik. So wurde z.B. durch die Republik die Zivilehe eingeführt. Das ganze kommt zu einem großen Kampf zwischen den Aufständischen und der Staatsmacht, die nach drei fehlgeschlagenen Militärexpeditionen schließlich die gesamte Streitmacht gegen die religiösen Fanatiker aufbringt.

Ich finde es sehr gelungen, wie Llosa diese zunehmende Zuspitzung der Gewalt darstellt. Er beschreibt das Ganze recht neutral und differenziert, ohne durch seine Darstellung die eine oder andere Seite deutlich zu bewerten. Dieser beobachtende Standpunkt wird auch formal unterstrichen, indem er oftmals dasselbe Geschehen aus den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten erzählt. Das macht das Buch oft auch schwierig zu lesen, weil viele Personen vorkommen und die Perspektive dann auch immer wieder wechselt. Natürlich kommt nicht nur das große Ganze in den Blick, sondern es werden in verschiedenen Erzählsträngen auch Einzelschicksale verfolgt.

Faszinierend war für mich, wie in dem Buch deutlich wird, wie problematisch es werden kann, wenn religiöse und politische Sichtweisen unreflektiert vermischt werden. Der Ratgeber und seine Gefolgsleute hatten einen tiefen und ehrlichen Glauben. Mit bewundernswerter Hingabe wollten sie ihren Glauben an Jesus Christus leben. Aber gerade diese radikal religiöse Sichtweise der Welt, vermischt mit einer apokalyptischen Erwartung des großen Kampfes gegen das Böse am Ende der Welt, führt dann auch in den tragischen Untergang… Auf der anderen Seite haben die politischen und militärischen Kräfte überhaupt keine Antenne für die religiöse Motivation der Aufständischen. Für sie bleiben sie einfach unmenschliche Barbaren, die sich einem bestimmten politischen System widersetzen.

Was ich allerdings etwas schade fand ist, dass die Figur des Ratgebers letztendlich doch ungreifbar und mythisch bleibt. Was hat tausende von Menschen an diesem einen Mann so fasziniert, dass sie bereit waren alles für ihn aufzugeben? Diese Frage ist wahrscheinlich gar nicht zu beantworten, aber dadurch bleibt der Ratgeber insgesamt doch relativ blass in dem Buch.

Historische Romane sind eigentlich nicht so mein Ding, aber diesen habe ich mit Genuss verschlungen! Er ist gut geschrieben und nach allem was ich dazu gelesen habe, wohl auch nahe an der historischen Wirklichkeit. Das Buch eröffnet einen lebendigen und umfangreichen Einblick in die dramatischen Ereignisse, die beschrieben werden. Sehr lesenswert!

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Josua 10 Jeden Tag neu

Immer wieder wird in diesem Kapitel betont, dass Gott für Israel streitet, er gibt ihnen die Feinde in die Hand, er ermutigt sie immer wieder, er greift durch Wunder und besondere Ereignisse ein. Aber trotzdem ist es so, dass Israel selbst auch kämpfen muss. Es fällt dem Volk nicht einfach alles in den Schoß, so dass es nur ins Land hinein spazieren muss und durch ein einziges großes Wunder alle Bewohner schon geflohen sind. Nein, um jedes kleine Stückchen Land muss Israel erneut kämpfen und ist dabei immer wieder neu auf die Hilfe Gottes angewiesen.

So ist es auch bis heute in unserem Glauben. Mich ermüdet das so manches mal, dass ich immer wieder neu kämpfen muss, dass auch im Glauben immer wieder neue Herausforderungen und Probleme auftreten. Es wäre viel einfacher, wenn Gott einmal ein großes Wunder tun würde und von da ab alles in Ordnung wäre, keine Kämpfe mehr zu bestehen wäre und ich sorglos und fröhlich in den Tag hinein leben könnte. Aber so ist es nicht. Jeden Tag bin ich neu auf Gottes Hilfe angewiesen. Jeden Tag neu lebe ich aus seiner Gnade. Jeden Tag neu bin ich darauf angewiesen, dass Gott für mich streitet.

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Josua 8 Göttlicher Hinterhalt

Israel hat erfahren müssen, dass sie ohne Gott keine Chance haben das verheißene Land zu erobern (Jos. 7). In diesem Kapitel ist nun das Verhältnis zwischen Gott und Israel wieder geklärt. Spannend finde ich jetzt, auf welche Weise Gott den Israeliten hilft. Bei Jericho stürzten durch ein Wunder die Stadtmauern ein. Gott hat etwas vollbracht, was völlig außerhalb der menschlichen Möglichkeiten lag. Bei der Eroberung der Stadt Ai gibt Gott dem Josua einfach eine Taktik mit auf den Weg, wie er die Stadt ohne große Verluste kriegerisch einnehmen kann: er soll einen Hinterhalt legen. Ein Teil der Streitkräfte soll sich in der Nähe der Stadt verstecken, ein anderer von vorne sichtbar anrücken, die Bewohner in Ai in einen Kampf verwickeln und so tun, als ob sie voller Angst fliehen. Dann sollen die Männer aus dem Hinterhalt die schutzlose Stadt erobern. Die Israeliten halten sich an den Plan und es funktioniert tatsächlich auch alles so.

Gott muss nicht immer durch ein übernatürliches Wunder eingreifen.Manchmal gibt er uns einfach auch nur Tipps, wie wir schwierige Situationen mit unseren eigenen Fähigkeiten und der Gewissheit von Gottes Nähe bewältigen können.

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