Johannes 21, 20-25 So viele Wege

Jesus geht mit unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Wege. Petrus geht den Weg des Märtyrers (vgl. V.18f), der Jünger, den Jesus lieb hatte, wird bleiben (V.22), d.h. er wird nicht den vorzeitigen Märtyrertod sterben. Auch wenn es Petrus Auftrag ist, für Jesu Schafe zu sorgen, so bedeutet es doch nicht, dass er über ihre Wege bestimmen könnte. Auch wenn wir die Wege, die Jesus mit uns oder mit anderen geht nicht immer verstehen können, so bleiben es doch Jesu Wege.

Was nehme ich am Ende mit vom Johannesevangelium? Es ist anders als die anderen Evangelien. Es hat in vielem seinen eigenen und ganz besonderen Blickwinkel. Es ist müssig, darüber nachzudenken und zu diskutieren, welche Darstellung „historischer“ ist. Jedes der vier Evangelien hat seine Berechtigung und ist für uns wichtig. Jedes hat einen etwas anderen Blick auf Jesus. Jedes kann uns Gottes Wahrheit näher bringen. Schon diese Vierzahl der Berichte über Jesu Leben, Sterben und Auferstehen, mit all ihren Abweichungen in Details zeigen, dass es der Bibel nicht um einen einheitlichen und neutralen Bericht über Jesus geht. Gott will auch mit uns Lesern einen individuellen und persönlichen Weg gehen. Nicht jeder erlebt Jesus und den Weg des Glaubens völlig gleich. So war es schon damals im Jüngerkreis.

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Johannes 6, 60-71 Der Mut des Glaubens

So manches mal denkt man ja, dass Glaube einfacher wäre, wenn Jesus tatsächlich leibhaftig vor einem stehen würde, wenn man tatsächlich die Worte aus seinem Mund hören könnte, wenn man die Zeichen und Wunder sehen könnte, die er getan hat. Aber die Textstelle heute zeigt, dass Glaube für die Jünger damals nicht einfacher gewesen ist als für uns heute. Ich vermute eher das Gegenteil: es war schwieriger. Vieles von dem was Jesus tat und sagte, konnten sie noch gar nicht richtig einordnen und verstehen. Wir heute können auf Jesu gesamtes irdisches Leben zurückblicken. Wir wissen um Kreuz und Auferstehung. Wir können die Andeutungen Jesu zum Abendmahl und damit zu seinem Kreuzestod besser einordnen.

Für die Jünger damals muss das alles ziemlich fremd und unverständlich gewesen sein. Ich kann gut nachvollziehen, dass sich viele von Jesus abgewandt haben (V.66). Wer weiß auf welcher Seite ich damals gestanden hätte? Glaube ist nie ein einfaches Wissen, sondern es ist immer Vertrauen. Es kostet heute wie damals Mut, sich auf diesen Jesus einzulassen.

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Apostelgeschichte 9, 1-9 Der Leib Christi

War mir heute bei diesem Text besonders aufgefallen ist, ist die Antwort Jesu auf die Frage des Saulus: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ (V.5) Genau genommen hat Saulus ja die Anhänger des „neuen Weges“, die Jünger und Jüngerinnen Jesu verfolgt. Aber Jesus ist derartig eng mit seinen Nachfolgern verbunden, dass es keinen Unterschied macht, ob sie oder er verfolgt werden. Vielleicht liegt hier die Ursprungserfahrung für die späteren Ausführungen des Paulus, dass wir als Gemeinde Christi auch der Leib Christi sind (z.B. 1.Kor.12,12f.27).

Christus und wir sind eins. In uns und durch uns lebt Christus auf dieser Welt. In uns und durch uns handelt und leidet er in dieser Welt. Was für eine Ehre!

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Lukas 22, 24-30 Erschreckend realistisch

Ein erschreckend realistisches Bild von Jüngerschaft und Gemeinde. Jesus macht im Abendmahl deutlich, dass er sein Leib für die Jünger gibt und sein Blut für sie vergießt. Aber einer von ihnen ist ein Verräter und die anderen streiten kurz darauf, wer von ihnen der Größte sei. Ja geht’s denn noch?!

Aber leider ist das bis heute ein erschreckend realistisches Bild von Jüngerschaft und Gemeinde. Welcher Christ macht im Lauf seines Lebens nicht früher oder später in Gemeinden ähnliche Erfahrungen? In diesen Gefahren stehen wir bis heute: Dass wir das Wesentliche aus dem Blick verlieren und uns in Streitereien verwickeln. Dass wir nicht auf Jesus schauen, sondern auf uns selbst und auf Andere. Dass unser Ego sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, Anderen zu dienen.

Von daher bin ich froh über diesen ehrlichen Bericht des Lukas. Schon damals, in Jesu leiblicher Gegenwart, war es nicht viel anders. Und trotzdem konnte er seine Jünger gebrauchen, um sein Reich zu bauen…

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Lukas 9, 57-62 Wie radikal muss Nachfolge sein

Wie radikal muss Nachfolge sein? Ist nur der ein echter Nachfolger, der als obdachloser Wanderprediger durch die Lande zieht? Darf man als Nachfolger an der Beerdigung seines Vaters teilnehmen? Muss man seine Familie verlassen ohne Abschied zu nehmen? Wie radikal und wie grundsätzlich hat Jesus diese Verse gemeint?

Diese Aussagen sind auf jeden Fall herausfordernd. Aber wenn wir das Neue Testament anschauen, dann können wir feststellen, dass Jesus solch radikalen Forderungen keineswegs an alle gestellt hat. Es gab Jünger und Jüngerinnen, die in ihrer Heimat und ihrem Haus geblieben sind und Jesus gerade auf diese Weise mit Unterkunft und Verpflegung unterstützt haben. Auch die ersten Christen haben Jesus nicht so verstanden, dass sie alle alles aufgegeben haben und ohne festen Wohnsitz durch die Lande gezogen sind.

Trotzdem machen diese Verse deutlich, was für eine radikale (radikal bedeutet wörtlich: an die Wurzel gehend) Angelegenheit die Nachfolge ist. Das kann sich in einer äußerlichen Radikalität zeigen, so dass manche Christen um des Glaubens willen allen irdischen Besitz aufgeben. Viel wichtiger ist jedoch eine innere Radikalität, in der wir unser Leben ganz auf Jesus ausrichten. Es gibt ja auch weltliche Aussteiger, die alles aufgeben – aber allein diese äußerliche Radikalität macht sie noch lange nicht zu Nachfolgern Jesu…

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Lukas 9, 46-50 Beruhigend und verstörend

Wie beruhigend, dass auch die zwölf von Jesus selbst auserwählten Jünger, die viel Zeit mit dem leibhaftigen Jesus verbracht haben, auch nur Menschen waren. Sie waren nicht perfekt und auch unter ihnen gab es ganz menschliche Gedanken und Wünsche. Jeder von ihnen wollte der Größte sein. Sie haben noch nicht begriffen, was wahre Größe im Reich Gottes ist: anderen zu dienen. Wie beruhigend, dass die Jünger zur Zeit Jesu mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten, wie wir heute. Und Jesus hat sie doch gebrauchen können.

Wie verstörend, dass selbst die zwölf von Jesus selbst auserwählten Jünger, die viel Zeit mit dem leibhaftigen Jesus verbracht haben, sich zu solch menschlichem Konkurrenzdenken und Machtspielchen verleiten ließen. Und wie verstörend finde ich es auch heute immer wieder, wenn ich unter uns Christen ähnliche Machtspiele und Egoismen entdecke. Wie verstörend, wenn nicht einmal die Christen miteinander in den Gemeinden klar kommen und sich all zu oft gegenseitig das Leben schwer machen. Ich hoffe, dass Jesus uns trotzdem irgendwie gebrauchen kann.

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Lukas 9, 37-45 Angewiesen auf Jesu Geduld

„O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein und euch erdulden?“ Diesen Ausruf Jesu konnte ich an dieser Stelle noch nie richtig verstehen. So geht es mir auch heute. Ist das ein Vorwurf? Ist das ein Ausdruck des Schmerzes? Wem gilt dieser Ausruf: den Jüngern, die den kranken Jungen nicht heilen können, dem Vater, der zu wenig Glauben hat, oder den in der Parallelstelle erwähnten Schriftgelehrten?  Warum zeigt sich gerade in dieser Situation der Unglaube und das Verkehrtsein eines ganzen Geschlechts? Ist es denn so verwerflich, dass ein Kranker nicht geheilt werden kann?

So gesehen gehöre ich auf jeden Fall auch zu diesem ungläubigen und verkehrten Geschlecht. Ich habe noch nie einen unreinen Geist ausgetrieben und einen Kranken gesund gemacht. Ich hab höchstens für Kranke gebetet und Gott hat manchen Heilung oder Besserung geschenkt. Auch mein Glaube ist oft viel zu klein. Auch ich muss sagen, wie der Vater des Kranken in der Parallelstelle: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk.9,24) Und so bin auch ich heute, wie die Jünger damals, von der Geduld Jesu abhängig, mit der er unseren mangelnden Glauben erduldet.

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Lukas 6, 12-16 Das erneuerte Gottesvolk

Ganz schön provozierend: Jesus wählt sich 12 Jünger für die engere Nachfolge aus. Da denkt natürlich damals jeder gleich an das von Gott auserwählte Volk, das aus 12 Brüdervölkern bestand. Da ist es durchaus verständlich, dass die Frommen damals mit diesem Jesus so ihre Schwierigkeiten hatten. Er nimmt für sich in Anspruch, das von Gott erwählte Volk zu erneuern. Was für eine Anmaßung!

Auf der anderen Seite: Was für eine Auszeichnung für die 12 Jünger! Jesus hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht: Er hat die ganze Nacht im Gebet verbracht! Er wollte sicher sein, dass er die Richtigen auswählt. Und als Nachfolger Jesu darf auch ich zu diesem neuen Gottesvolk mit dazu gehören. Wow!

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Lukas 5, 27-32 Ein guter Nachfolger

Wieder solch ein knapper Evangeliumstext, der nur das Nötigste berichtet. Jesus sieht einen Menschen am Zoll sitzen, ruft ihn in die Nachfolge und zack: schon verlässt dieser alles und ist ein Jünger Jesu. Ich würde ja all zu gern noch ein bisschen mehr wissen: Sieht Jesus den Levi hier zum ersten mal? Hat er vielleicht schon von ihm gehört? Warum sucht er sich genau diesen Menschen zum aus? Was ist das Besondere an Levi? Wie reagiert Levi – es wird nicht gesagt wie er antwortet? Was bedeutet das, dass er sofort alles verlässt (und danach noch ein Fest mit Jesus in „seinem“ eigenen Haus feiern kann)?

Indirekt gibt die Stelle dann doch noch eine Antwort auf die Frage, warum Jesus gerade den Levi zum Jünger aussucht. Jesus sagt: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.“ Das zeichnet also einen Nachfolger Jesu aus: dass er erkennt, dass er krank ist. Das hat wohl auch den Levi ausgezeichnet: Obwohl er als Zöllner wohl äußerlich reich war, war er krank und hilfsbedürftig. Er brauchte einen Arzt.

Was macht also einen guten Nachfolger Jesu aus? Seine Bedürftigkeit. Wer meint, er braucht Jesus nicht, der kann auch kein Nachfolger sein. Wer meint, er sei gesund und hat alles, der braucht keinen Arzt. Wer satt und zufrieden ist, dem braucht Jesus nicht den Hunger zu stillen.

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Matthäus 17, 14-21 – Senfkornglaube

Tja, da sind sie wieder die Senfkörner! An anderer Stelle sagt Jesus, dass das Reich Gottes wie ein Senfkorn ist, aus dem mal ein großer Baum wachsen wird: Es fängt klein an, und wird immer größer. Nur sehe ich bis heute oft viel zu wenig von diesem Baum. Und in dem heutigen Text reibt er seinen Jüngern unter die Nase: „Ihr habt nicht mal dieses Senftkorn! Ihr habt nicht mal so einen klitzekleinen Glauben, wie ein Senfkorn!“ Wie soll daraus, um alles in der Welt, mal ein großer Baum werden?!?

Sind das die „Im-Tal-Sitzenbleiber„, die nicht mal einen Senfkornglauben haben und deshalb nichts mit Gott erleben? Das muss für die Jünger damals, die Jesus unten im Tal gelassen hat, ganz schön frustrierend gewesen sein. Erst durfte man nicht mit auf den Berg, dann versagt man unten im Tal jämmerlich und dann wird man auch noch von Jesus zusammen gestaucht, weil man so wenig Glauben hat…

Aber vielleicht muss ich dieses Bild vom Senfkorn auch anders herum lesen. Vielleicht will Jesus mit diesem Bild eher trösten und ermutigen: Du brauchst keinen übermenschlichen Glauben haben, du brauchst kein Superheiliger werden, der vor geistlicher Kraft und Tiefgang nur so strotzt. Es reicht ein klitzekleiner Senfkornglaube. Mehr brauchst du gar nicht! Und dann wird alles möglich…