Irvin D. Yalom: Das Spinoza-Problem

Yalom: Das Spinoza-ProblemDer amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Yalom hat mit seinen unterhaltsamen Romanen über große Denker der Philosophie erstaunlichen Erfolg. Er stellt das Denken berühmter Philosophen in mehr oder weniger fiktiven Lebensgeschichten dar. Das ist gar nicht so einfach. Mit seinen Romanen will er spannend und anschaulich erzählen, er bringt sein psychologisches Fachwissen in die Darstellung der Personen mit ein und will dennoch auch den philosophischen Grundgedanken seiner Hauptpersonen gerecht werden.

In diesem Buch wagt er sich an den großen und kühnen Denker des 17. Jh. heran: Spinoza. Das Problem bei Spinoza ist, dass man kaum etwas über sein Leben weiß. Er stammt aus dem Judentum, wurde aber wegen seiner religionskritischen Denkweise aus der Gemeinde verbannt. In seinen überlieferten Schriften findet sich wenig persönliches, denn Spinoza war fasziniert von der logischen Vernunft. Er argumentierte nicht mit Erfahrungen oder persönlichen Erlebnissen, sondern mit kühler und oft auch sehr abstrakter Vernunft.  Irvin D. Yalom: Das Spinoza-Problem weiterlesen

Apostelgeschichte 7, 1-16 Unsere jüdischen Wurzeln

In seiner Rede vor dem Hohen Rat macht Stephanus von Anfang an klar, wie sehr sein Glaube an Jesus Christus im jüdischen Glauben verwurzelt und verankert ist. Das ist vor einem jüdischen Gericht sicher auch ein taktisch kluges Vorgehen. Aber die Verwurzelung des christlichen Glaubens in der jüdischen Geschichte und Tradition ist auch eine theologische Grundwahrheit des Neuen Testamentes, welche auch noch für uns heute gilt. Wir stehen auch heute als Christen noch in der Tradition des alttestamentlichen Gottesvolkes. Alle Versuche unseren Glauben von seinen jüdischen Wurzeln „zu reinigen“ sind zu recht gescheitert. Abraham, Isaak, Jakob und seine zwölf Söhne sind auch meine Glaubensväter.

| Bibeltext |

Eric-Emmanuel Schmitt: Das Kind von Noah

Ein wundervolles Buch von Schmitt. Wieder mal! Erstaunlich mit welcher Leichtigkeit und Eleganz er es auf relativ wenig Seiten schafft, eine tiefgehende Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die fesselt, berührt und nachdenklich macht.

Es geht um einen kleinen jüdischen Jungen, namens Joseph. Er ist zu Beginn der Erzählung sieben Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in Nazi-Deutschland. Als die Situation für die Juden immer brenzliger wird, entschließen sich seine Eltern, ihn zu verstecken. Über Umwege landet er bei Pater Bims, der in seinem katholischen Waisenhaus außer Joseph noch mehr jüdische Kinder versteckt. Joseph bekommt einen gefälschten Pass und verliert den Kontakt zu seinen Eltern. Das Buch erzählt nun, wie Joseph die Zeit im Waisenhaus bis zum Ende des Krieges übersteht und wie ihm sein älterer Freund und Beschützer Rudy und vor allem Pater Bims ans Herz wachsen.

Aber bei Schmitt geht es natürlich um mehr als „nur“ eine spannenden Überlebendgeschichte aus dem dritten Reich. Es geht um das jüdische Volk und im Besonderen auch um den jüdischen Glauben (auch in seiner Beziehung zum christlichen Glauben). Pater Bims will aus Joseph keinen Katholiken machen, sondern im Gegenteil: Er bringt ihm den jüdischen Glauben nahe. Der Pater sieht sich selbst als eine Art Noah: So wie Noah damals in der Arche die Tiere vor dem Aussterben bewahrt hat, so möchte er die jüdische Tradition vor dem Untergang bewahren. Er beschäftigt sich selbst mit der hebräischen Sprache, mit den jüdischen Gebräuchen und trägt auch durch die Rettung von jüdischen Kindern zum Fortbestand des Judentums bei. Seine Waisenhaus  ist auch so etwas wie die Arche Noah. Und Joseph ist als Jude, der die Katastrophe des Natinalsozialismus überlebt, ein Kind von Noah: Er rettet in seiner Person die jüdische Kultur in die Zukunft.

Schmitt ist ein richtiger Sprachkünstler. Man merkt an vielen Stellen, dass er richtig um treffende und originelle Formulierungen gerungen hat. Und trotzdem scheint sein Schreibstil immer leicht und mühelos zu klingen. Er zeichnet die Personen scharf und eindrücklich. Ganz besonders gefallen hat mir in diesem Buch der Charakter der „Kruzitürk“ (Sie wird von allen so genannt, weil sie gerne und oft flucht und dabei vorzugsweise diesen Ausdruck gebraucht…). Ein richtiges, deftiges Original wird uns hier vor Augen gemalt, mit harter Schale und darunter doch irgendwo ein weicher Kern.

Hier ein Zitat (die Stelle an der „Kruzitürk“ eingeführt wird):

„Madmoiselle Marcelle galt als Kinderschreck, und als sie sich zu mir hinunterbeugte, blieb die übliche Wirkung nicht aus: Ich hätte um ein Haar laut aufgeschrien. War es das diffuse Licht? Die Beleuchtung von unten? Madmoiselle Marcelle ähnelte allem, nur keiner Frau, eher einer Kartoffel auf einem Vogelkörper. Ihr Gesicht, matt, braun, gefleckt und unförmig, wirkte mit seinen grobgeschnittenen, faltigen Zügen und den zusammengekniffenen Lidern wie eine frisch geerntete Rübe, in die ein Bauer mit seiner Hacke einen schmalen Mund und zwei kleine Ausbuchtungen – die Augen – geschlagen hatte; schütteres, an den Wurzeln weißes und an den SPitzen rötliches Haar ließ vermuten, dass es im Frühjahr möglicherweise neu wuchs. Auf dünnen Beinen, ihren wie bei einem Rotkelchen vom Hals bis zur Leiste bauchiger Rumpf vornübergebeugt, die Hände in die Hüften gestemmt und die Ellbogen wie Flügel nach hinten gelegt, beäugte mich Madmoiselle Marcelle, ehe sie nach mir pickte.“ (S.33)

Köstlich!!!