Apostelgeschichte 21, 27-40 Unsere jüdischen Wurzeln

Paulus hat sich zwar bemüht, seinen jüdischen Glaubensgeschwistern entgegen zu kommen. Trotzdem sind sie gegen ihn aufgebracht und wollen ihn sogar töten. Nach der Darstellung des Lukas war der Anlass dazu nicht gerechtfertigt: Paulus wurde zwar in Jerusalem von einem Heidenchristen begleitet, aber er hatte ihn nicht mit in den Tempel gebracht. Es wird auf jeden Fall deutlich, welche Schwierigkeiten die Heidenmission im Miteinander der Judenchristen und der Juden gebracht hat. Es wird hier schon angedeutet, dass der Glaube an Jesus Christus zu mehr geworden ist, als eine jüdische Sondergruppierung.

Heute ist dieser Bruch offensichtlich: Das Christentum ist eine eigene Religion geworden. Trotzdem tut es uns gut, unsere Wurzeln nicht zu verleugnen. Jesus war Jude, die Apostel waren Juden und Paulus war Jude. Sie haben keinen neuen Gott erfunden, sondern sind Gott innerhalb ihrer Tradition neu begegnet. Auch wenn wir in der Apostelgeschichte sehen, wie sehr sich Paulus um die Heiden bemüht hat, so sehen wir doch auch, wie ihm seine jüdischen Wurzeln am Herzen lagen.

| Bibeltext |

Apostelgeschichte 21, 15-26 Paulus setzt auf Deeskalation

Trotz Warnungen reist Paulus nach Jerusalem. Dort macht ihm Jakobus gleich deutlich, dass die Situation schwierig ist. Unter den Juden hat die nationale Strömung zugenommen und alles nichtjüdische wird stärker abgelehnt. Historisch hängt das wohl mit der Thronbesteigung des Kaisers Neros um 54 n. Chr. zusammen. Unter ihm verschärfte sich der Konflikt zwischen den Juden und Rom, was dann schließlich in den Jahren 66 bis zu einem Krieg führte. Mit seiner Mission unter Heiden und seines recht freien Verständnisses des Gesetzes wurde Paulus von vielen Juden stärker abgelehnt als Jakobus und die judenchristliche Gemeinde in Jerusalem.

Paulus möchte einer Konfrontation aus dem Weg gehen und geht auf den Vorschlag von Jakobus ein. Er demonstriert seine eigene Gesetzestreue, indem er sich selbst reinigt und übernimmt die Kosten für einige Männer die ein jüdisches Gelübde abgelegt hatten. Das finde ich bei Paulus spannend: auf der theologischen Seite kämpft er hart für einen Glauben, der nicht auf Gesetzesgerechtigkeit beruht. Aber auf der sozialen Ebene kann er versöhnende Zeichen setzen. Auch wenn das in diesem Fall dann nicht funktioniert hat…

| Bibeltext |

Apostelgeschichte 15, 13-35 Konfliktlösung

Interessanterweise hat Jakobus das letzte Wort in diesem Konflikt. Er scheint schon früh für die Jerusalemer Urgemeinde wichtiger gewesen zu sein, als Petrus. Jakobus stellt sich auf die Seite von Paulus und Petrus. Er begründet dies mit dem Handeln Gottes, von welchem Simon Petrus berichtet hat (V.14): Gott handelt auch an den Heiden. Und als wichtige Bestätigung für diese Erfahrung stellt er fest, dass diese Sicht mit der Bibel übereinstimmt. In dem Zitat aus Amos wird deutlich, dass Gott nicht nur Israel ruft, sondern auch die Heiden. Das sind auch für uns heute noch wichtige Kriterien für Konfliktfragen: Wie erleben wir Gottes Handeln und was sagt die Schrift dazu?

Allerdings ist es Jakobus wichtig, einen Kompromiss zu finden für das Zusammenleben von Heidenchristen und Judenchristen. Damit sich die Judenchristen  im Umgang mit Heidenchristen nicht rituell verunreinigen, müssen die Heidenchristen vier mosaische Gebote zu rituellen Reinheit befolgen: 1. Sie sollen nicht an heidnischen Kulten teilnehmen oder Fleisch aus rituellen Schlachtungen für heidnische Götter essen („Götzen“). 2. Verzicht auf Eheschließungen innerhalb der von Mose vorgeschriebenen Verwandtschaftsgrade („Unzucht“). 3. Kein Fleisch von „Ersticktem“, d.h. von Tieren, die nicht nach den Vorschriften der Tora geschlachtet wurden. 4. Verzicht auf alle Speisen, in denen „Blut“ mitverarbeitet wurde.

Die Heidenchristen müssen also nicht erst Juden werden, um gerettet zu werden. Aber aus Rücksicht auf Mitchristen aus dem Judentum, sollen sie im Zusammenleben grundlegende Reinheitsvorschriften erfüllen. Damit ist der Konflikt nicht aus der Welt geschaffen. Es gab weiterhin Probleme zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen. Und auch Paulus berichtet anders von diesem Apostelkonzil: nach Gal. 2,6 hatte er gar keine Bedingungen für seine Mission unter Heiden (vielleicht wurde die Kompromissformel erst festgelegt, als Paulus schon wieder abgereist war?). Aber Lukas macht deutlich, dass die Christen trotz unterschiedlicher Meinung aufeinander Rücksicht nehmen und gemeinsam Lösungen suchen.

| Bibeltext |

Galater 2, 11-18 Ein Herz und eine Seele

Dieses Stelle zeigt, dass es trotz der grundsätzlichen Einigung zwischen Judenchristen und Heidenchristen im praktischen Miteinander noch genügend Konfliktpotential gab. Paulus hat sich mit den Ältesten von Jerusalem geeinigt, dass Petrus für die Judenchristen zuständig ist und Paulus für die Heidenchristen. Die Judenchristen befolgen weiterhin die jüdischen Speisegebote, die Heidenchristen müssen das nicht tun. Wie sieht aber nun das konkrete Miteinander von Juden- und Heidenchristen in einer Gemeinde aus?

In Antiochien war es offensichtlich so, dass Juden- und Heidenchristen trotz unterschiedlicher Auffassungen über Speisegebote Tischgemeinschaft hatten (wobei die Judenchristen sich wohl an die jüdischen Speisevorschriften hielten). Als Petrus aus Jerusalem zu Besuch kam, schien er das auch zu akzeptieren und nahm an der Tischgemeinschaft teil. Nun kam aber weiterer Besuch aus Jerusalem und die hatten eine andere Meinung: sie wollten nicht zusammen mit den Heidenchristen essen, weil das nach ihrem Verständnis ein Bruch mit dem Judentum zur Folge hätte. Petrus will diesen Judenchristen keinen Anstoß bieten und verzichtet dann ebenfalls auf die Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen.

Paulus platzt daraufhin der Kragen. Öffentlich stellt er Petrus zur Rede. Durch sein Handeln hatte dieser die Heidenchristen zu Christen zweiter Klasse gemacht. Durch sein Handeln hatte er deutlich gemacht: Um ein vollwertiger Christ zu sein, muss man auch die jüdischen Speisegebote einhalten. Damit sagt er aber implizit, dass man als Christ nicht nur auf die Gnade angewiesen ist, sondern daneben auch bestimmte Vorschriften des Gesetzes einhalten muss. Leider berichtet Paulus nicht, wie Petrus darauf reagiert hat…

Da ging es ganz schön ab, unter den Urchristen! Es war offensichtlich nicht immer so idyllisch, wie Lukas das in seiner Apostelgeschichte dargestellt hat: „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele.“ (Apg. 4,32)

Galater 2, 3-10 Theologische Spannungen

An dieser Stelle wird deutlich, wie groß die theologischen Spannungen schon in der Urkirche waren. Da gab es auf der einen Seite Leute wie Paulus, die vor allem die Nichtjuden im Blick hatten und für Christus gewinnen wollten. Auf der anderen Seite gab es jüdische Christen, die davon ausgingen, dass man zuerst Jude werden müsste, bevor man ein vollwertiger Nachfolger Jesu werden konnte (Jesus und seine Jünger waren ja schließlich auch alle Juden). Paulus berichtet in diesem Abschnitt, dass man sich friedlich geeinigt hatte: Paulus soll das Evangelium den Heiden bringen und Petrus soll für die Juden zuständig sein (V.7). Mit Nachdruck betont Paulus, dass man ihm für die Heidenmission keine Auflagen gemacht habe (d.h. weder die Beschneidung noch die Befolgung anderer jüdischen Gesetze sei für nichtjüdische Christen notwendig).

Vergleicht man allerdings diese Stelle mit der Apostelgeschichte, dann wird deutlich, dass die Einigung doch nicht so klar und eindeutig war. Da wird auch von einem Treffen des Paulus und Barnabas ein Treffen mit den Aposteln und Ältesten in Jerusalem hatten. Dort werden dann allerdings einige Einschränkungen aufgezählt. Für die Heidenchristen werden keine weitere Lasten auferlegt, außer diesen: sie sollen kein Fleisch von Götzenopfern, kein Blut und kein nicht ausgeblutetes Fleisch essen und sich von Unzucht fernhalten (Apg. 15,28f). Entweder hat Paulus diese Zusatzbestimmungen in seinem Brief verschwiegen oder es gab danach noch mal ein Treffen, auf dem diese Ergänzungen gemacht wurden. Auch in 1. Kor. 8 wird deutlich, dass Paulus die Bestimmung zum Essen von Götzenopferfleisch theologisch anders beurteilt hat und nur aus Rücksicht auf die Schwachen im Glauben empfiehlt kein Götzenopferfleisch zu essen.

Wir sehen: schon früh gab es gewaltige theologische Unterschiede. Von Paulus wissen wir, dass er sich bei seiner Argumentation auf Jesus selbst, auf den Heiligen Geist und auf die Heilige Schrift bezogen hat. Bei seinen Gegnern wird das nicht anders gewesen sein… Erinnert mich fatal an so manche theologische Diskussion heute. Entscheidend damals war, dass man sich getroffen hat, diskutiert hat und dann einen groben Kompromiss gefunden hat, mit dem alle leben konnten (außer den Extremisten, die nach wie vor eine Beschneidung der Nichtjuden als Voraussetzung für echtes Christsein forderten). In Detailfragen gab es dann zwar weiterhin Unstimmigkeiten, aber von der Richtung her war klar: Paulus missioniert unter den Heiden und Petrus ist für die Judenchristen zuständig. Im Klartext heißt das doch: Die Einheit der Kirche wird festgehalten, aber jeder hat seinen eigenen Bereich für den er zuständig ist.

Epheser 2, 14-18 Er ist unser Friede

Schon in der Urchristenheit gab es gewaltige Spannungen zwischen unterschiedlichen Gruppierungen. Vor allem zwischen den Judenchristen und den Heidenchristen. Also zwischen Juden, die Christen geworden waren und Heiden, die Christen geworden waren. Das waren nicht nur Unterschiede in der Kultur oder im Frömmigkeitsstil, sondern auch handfeste theologische Differenzen. Man hat zwar auch hier versucht, eine gemeinsame Linie zu finden, aber so manche Unstimmigkeiten blieben.

Der Epherserbrief betont nun, dass in Christus beide Gruppierungen zu einem Leib zusammengefügt wurden. Wer an Jesus und seinen Kreuzestod für uns glaubt, der ist mit Gott versöhnt. Und wer mit Gott versöhnt ist, der kann nicht in Unfrieden mit seinem Bruder oder seiner Schwester leben. „Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.“ (V.18)

Nun gibt es heute bei uns in Deutschland nur wenige Judenchristen. Aber es gibt eine große konfessionelle Zersplitterung, mit Unterschieden in der Kultur, im Frömmigkeitsstil und auch in der Theologie. Ich würde mich z.B. im Frömmigkeitsstil so mancher charismatischen Gemeinde oder bei der katholischen Kirche nicht wohl fühlen. Ich könnte so manche theologische Aussage aus dem charismatisch-pfingstlerischen Lager sowie aus der katholischen Lehre nicht unterschreiben.

Und doch bleibt das entscheidende Kriterium Christus. Wer durch ihn Frieden mit Gott gefunden hat, der gehört zum Leib Christi. Christus hat uns eins gemacht, trotz gewaltiger Unterschiede.

| Bibeltext |

Matthäus 1, 1-17 – Langweiliger Stammbaum?

So, nachdem ich die Korintherbriefe durch habe kommt jetzt das nächste Buch dran: Matthäus. Nach den eher abstrakten und problemorientierten Briefen freu ich mich auf die anschaulichen Geschichten des Evangeliums…

Allerdings geht’s gleich mal auf nicht besonders spannende Weise los: Mit einer langen Liste von Namen – der Stammbaum von Jesus. Rein vom schriftstellerischen her müsste man sagen: Kein besonders geglückter Einstieg. Am Anfang muss doch etwas spannendes stehen! Etwas, das den Leser fesselt und zum weiterlesen animiert!

Aber wenn man den Stammbaum genauer anschaut, dann hat er zumindest auch seine spannenden Seiten. Interessant ist z.B. der Vegleich mit dem Stammbaum Jesu bei Lukas (Lk.3,23-38). Ich hab die beiden jetzt nicht genau verglichen, aber eines ist offensichtlich: Matthäus geht beim Stammbaum bis zu Abraham zurück und Lukas bis zu Adam. Schon bei solch einer trockenen Aufzählung der Vorfahren Jesu kann also jede Menge Theologie drin stecken: Matthäus betrachtet Jesus aus jüdischem Blickwinkel. Bei ihm ist Jesus Nachkomme Abrahams. Bei ihm steht Jesus ganz in jüdischer Tradition. Lukas hat einen weiteren Blick. Für ihn ist Jesus der Mensch schlechthin. Lukas hat die ganze Menschheit im Blick und betont, dass Jesus für alle gekommen ist.

Auffällig sind bei Matthäus auch die vier Frauen, die (neben Jesu Mutter Maria) in dem Stammbaum auftauchen. Rahab und Rut waren keine Israelitinnen. Tamar und die Frau des Uria galten als Sünderinnen (wobei ja bei der Frau der Uria der Ehebruch nicht von ihr ausging, sondern vom großen König David). Das ist schon erstaunlich, dass Matthäus, der in einer patriarchalischen Gesellschaft aufwuchs in der Frauen keine große Bedeutung hatten, dass er überhaupt diese Frauen erwähnt. Und dann auch noch Ausländerinnen und Sünderinnen! Damit deutet auch der Judenchrist Matthäus gleich zu Beginn an, dass Jesus weit über den frommen jüdischen Bereich hinaus wirken möchte. Er ist gerade auch zu den Nichtjuden und zu den Sündern gekommen. Zum Glück für uns!