Johannes 3, 22-30 Er muss wachsen

Die Aussagen des Johannes, ob Jesus selbst auch getauft hat oder nicht, scheinen widersprüchlich. Hier sagt Johannes, dass Jesus mit seinen Jüngern nach Judäa kam und dort taufte (V.22). Dann wird aber in Joh. 4,2 ausdrücklich betont, dass nicht er, sondern nur seine Jünger tauften. Am leichtesten lässt sich diese Spannung lösen, indem wir davon ausgehen, dass Jesus zwar nicht selbst getauft hat, aber seine Jünger in seinem Auftrag. Auf jeden Fall gab es eine Zeit lang ein Nebeneinander einer Jesustaufe und einer Johannestaufe. Diese Taufe durch die Jesusjünger war damals noch keine christliche Taufe, das konnte erst nach Kreuz und Auferstehung geschehen. Sie war wohl ähnlich wie die Johannestaufe eine Bußtaufe, ein Zeichen der Umkehr zu Gott.

Worauf es dem Johannesevangelium ankommt ist hier, dass die Aufgabe von Johannes dem Täufer zu Ende geht und nun Jesus seine Wirksamkeit beginnt. Die Johannestaufe war nur vorübergehend wichtig, Jesu Wirken ist bleibend wichtig. Der Täufer selbst drückt es so aus: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (V.30) Diese Aussage wird von uns heute sehr schnell individuell missverstanden: mein Ich muss kleiner werden, damit Jesus Platz hat zum wachsen. Bei Johannes ist es zunächst einmal nur eine heilsgeschichtliche Aussage. Die Zeit des Täufers geht zu Ende, die Zeit Jesu beginnt. Johannes der Täufer sieht sich nur als Freund des Bräutigams – der Bräutigam selbst ist Jesus. Auch das ist ein heilsgeschichtliches Bild. Im Alten Testament wird das Heil der Endzeit oft als Hochzeitsfest beschrieben. Mit Jesus als Bräutigam beginnt dieses Fest.

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Johannes 1, 19-28 Wegbereiter

Es ist im Johannesevangelium auffällig, welchen breiten Raum Johannes der Täufer in der Darstellung einnimmt. Schon im Prolog (Joh.1,1-14) wird zweimal auf ihn verwiesen. Auch danach folgt keine Geburtsgeschichte Jesu, sondern sofort die Auseinandersetzung mit der Rolle des Täufers. Man kann vermuten, dass es zur Zeit der Abfassung des Evangeliums eine Konkurrenz zwischen Jünger Jesu und Jünger des Täufers gab. In manchen Kreisen wurde wohl auch Johannes der Täufer als endzeitlicher Retter gesehen. Das Johannesevangelium betont dagegen deutlich, dass schon der Täufer selbst sich ganz bewusst als Wegbereiter Jesu verstanden hat. Er sah sich selbst nicht als der erwartete Messias, sondern er wollte auf Jesus verweisen.

Die hier dargestellte Demut des Täufers beeindruckt mich. Echte und ernst gemeinte Demut, die nicht aus Minderwertigkeitskomplexen heraus entsteht, ist heute auch unter Christen selten. Mir geht es ja selbst so. Versuche wir wirklich dem Herrn den Weg zu ebnen? Oder sind wir nicht oft genug unsere eigenen Herren? Suchen wir im Glauben nicht in erster Linie Glück und Erfüllung für uns selbst? Suchen wir nicht in erster Linie Trost und Halt für unser unruhiges Herz? Können wir wirklich demütig weg von uns selbst schauen und nur auf Gott sehen? Geht das denn überhaupt? Wenn ich mich selbst anschaue und auch andere Christen, dann sehe ich soviel „Ich, ich, ich!“ und so wenig „Du“. Das ist so manches mal verborgen unter einem frommen Deckmantel einer scheinbaren Demut. Aber dieser Deckmantel ist meist sehr dünn.

Apostelgeschichte 18, 23 – 19, 7 Verschiedene Taufverständnisse

Das was Lukas hier berichtet spielt sich zu Beginn der 50er Jahre des ersten Jahrhunderts ab. Das heißt, die christliche Bewegung ist schon ca. 20 Jahre alt. Ich finde es erstaunlich, dass selbst zu dieser Zeit die Taufe des Johannes noch eine solch große Rolle spielte. Es gab offensichtlich noch lange auch Anhänger des Täufers Johannes, welche die Johannestaufe praktizierten und sich wohl teilweise auch als Jünger Jesu sahen. Da schien es lange Zeit ein Neben- und Durcheinander gegeben zu haben. Erstaunlich auch, dass es da Jünger gab, die noch nie vom Heiligen Geist gehört haben (19,2). Wie ist denn das möglich? Kann man so überhaupt ein Jünger Jesu sein?

Aquila, Priszilla und Paulus korrigieren diese falsche, bzw. unvollständige Vorstellungen von Taufe. Sie tun das, indem sie „den Weg Gottes noch genauer“ auslegen (18,26) bzw. die Botschaft von Johannes dem Täufer erklären (19,4). Sie überzeugen also durch Information. Zum Anderen bestätigt Gott die Taufe auf den Namen Jesu durch die erkennbare Gabe des Heiligen Geistes (19,6). Trotzdem gibt es bis heute unter Christen verschiedene Verständnisse von Taufe. Die biblischen Informationen können eben unterschiedlich ausgelegt werden und verschiedene Menschen machen verschiedene geistliche Erfahrungen mit Taufe. Aber worin wir uns mit Paulus einig sind: Wer zu Jesus gehören will, muss auf den Namen Jesu getauft sein.

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Lukas 7, 24-35 Jesus, Freund der Sünder

Johannes der Täufer war den Frommen zu weltabgewandt, zu radikal, zu asketisch. Sie beschimpften ihn als besessen. Jesus war den Frommen zu weltzugewandt, zu offen, zu hedonistisch. Sie beschimpften ihn als Fresser, Weinsäufer und Freund der Sünder. Ich fürchte, dass es den beiden in einer heutigen Mittelstandskirche hier in Deutschland genauso gehen würde. Die Busspredigten des Johannes wären uns zu extrem. Jesu Partys mit Huren und reichen Hedgefondsmanagern wären uns zu unmoralisch.

Für Lukas sind beide Vorbilder im Umgang mit Sünde. Ich denke das gemeinsame bei beiden ist, dass sie ein Feind der Sünde und ein Freund der Sünder waren. Johannes der Täufer hat die Sünde beim Namen genannt und zur radikalen Umkehr aufgefordert. Er wollte provozieren und Sünde aufdecken, damit die Sünder von Gott Vergebung erbitten. Jesus war ein Freund der Sünder, nicht weil er ihre Sünde gut fand, sondern weil er sie davon befreien wollte. Durch sein Verhalten hat der den Sündern deutlich gemacht: Gott liebt dich, er vergibt dir, du darfst neu anfangen. Beiden ging es um Umkehr.

Das Problem der Frommen war, dass sie ihre Sünde nicht erkannt haben. Sie hielten sich für gerecht. Sie dachten, sie brauchen keine Busspredigt. Sie dachten, wenn sie rein äusserlich Abstand von all zu offensichtlichen Sündern halten, dann sind sie auch innerlich rein. Sie dachten, sie bräuchten keine Umkehr.

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Lukas 7, 18-23 Bist du es wirklich?

Eigentlich unlogisch, oder? Johannes hatte Jesus doch angekündigt, er hat gesagt, dass er nicht würdig sei, Jesus die Schuhe zu binde, er hat ihn doch getauft,… Johannes müsste doch wissen, wer Jesus ist. Und doch fragt er jetzt, ob Jesus wirklich der erwartete Retter ist.

Ich finde es Klasse, dass auch diese Anfragen und Zweifel in der Bibel überliefert sind. Selbst Johannes der Täufer war sich in seinem Vertrauen auf Jesus nicht sicher. Das ist vielleicht unlogisch, aber es ist realistisch. So ist es nun mal mit uns Menschen und unserem Glauben: es gibt Zeiten, da stehen wir felsenfest im Glauben, sind überzeugt und begeistert von Jesus. Aber dann gibt es auch die Zeiten der Fragen und Zweifel. Das ist ganz normal. Wichtig ist, dass wir mit diesen Fragen zu Jesus kommen: bist du wirklich der, auf den ich meine ganze Hoffnung setzen soll?

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Matthäus 14, 1-12 – Einfühlsame Seelsorge

Vielleicht hätte es Johannes ja doch ein bisschen diplomatischer anstellen sollen. Erst mal ein Seelsorgeseminar besuchen und dann am besten ein Kommunikationsseminar. Dann hätte er sich vielleicht besser in den Herodes einfühlen können und seine Kritik angemessener rüberbringen können. Dann hätte er erstmal dem Herodes zuhören können, was denn alles in seinem Leben schief gelaufen ist, wie er als Kind von seinem Vater nicht richtig geliebt wurde und wie kaltherzig seine Mutter war. Dann hätte er viel mehr Verständnis für den armen Menschen aufbringen können und auch besser nachvollziehen können, warum der sich von seiner ersten Frau getrennt hat und seinem Bruder die Frau ausgespannt hat. Dann hätte sich einfühlen können, in die ganzen inneren Qualen und seine Verzweiflung, die ihn zu diesem Schritt geradezu gezwungen haben. Und er hätte dann eine längerfristige Seelsorgebeziehung zu Herodes aufbauen können, um ihn behutsam wieder auf den richtigen Weg zurück zu bringen.

Aber was tut er stattdessen? Er wirft dem Herodes an den Kopf: „Es ist nicht recht, dass du sie hast!“ (Mt.14,4) Eieiei, er hätte noch viel zu lernen gehabt, der Johannes. Das musste ja schief gehen…

😉

Matthäus 11, 1-6 – Zweifel

Eigentlich unglaublich, oder?! Der Johannes, der Jesus getauft hat, der von Jesus gesprochen hat als dem, der nicht nur mit Wasser tauft, sondern mit Feuer und dem Heiligen Geist, der Johannes, der eigentlich gleich gemerkt hat, dass er nicht wert ist, Jesus die Schuhe zu binden – der ist sich plötzlich unsicher: Er lässt durch seine Anhänger fragen: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Mt. 11,3) Selbst Johannes, der überzeugt war, dass Jesus der Christus ist, kommt plötzlich in’s Zweifeln.

Da bin ich ja in guter Gesellschaft… Ich weiß, ich weiß: Als guter Christ hat man ja solche Zweifel nicht. Wir betonen zwar immer wieder, dass zum Glauben auch die Zweifel gehören – aber wenn tatsächlich mal jemand seine Zweifel offen anspricht und sich nicht sofort vom Gegenteil überzeugen lässt, sieht’s dann meist anders aus. Dann sind wir ziemlich hilflos und verwirrt. Was sollen wir tun? Wie können wir diese Zweifel möglichst schnell wieder „abstellen“? So ein paar kritische Anfragen, Zweifel an manchen Wundergeschichten oder z.B. der Jungfrauengeburt – da kann man ja drüber diskutieren (obwohl, bei manchen Christen geht nicht mal das… 😉 ). Aber grundsätzliche Zweifel daran, dass Jesus der Sohn Gottes ist – das geht doch nicht!

Aber ich kann den Johannes gut verstehen: „Bist du es wirklich Jesus? Ich hab mir das anders vorgestellt mit dem Christus!“ Vor allem wenn man bedenkt, dass Johannes im Gefängnis saß. Wenn’s einem persönlich dreckig geht und man hat das Gefühl, dass Gott das gar nicht interessiert, dann kommt man schon ins fragen. „Jesus, ich hab gedacht du kommst, um Menschen zu befreien und um Leben zu schenken? Bei mir sieht’s gerade nach dem Gegenteil aus!“

Ein Stück weit beruhigt mich diese Stelle aber auch. Zum einen deswegen weil ich sehe, dass auch bei einem Johannes dem Täufer nicht immer alles so klar und eindeutig ist. Bei mir ist im Glauben auch nicht immer alles klar und eindeutig (im Gegensatz zu manch anderen Christen, die scheinbar auf jede Frage eine Antwort haben…). Und zum anderen macht mich das auch etwas nüchterner. Es ist ganz normal dass Zweifel kommen. Unsere Gefühle können uns da schnell den Boden unter den Füßen wegziehen. So kann ich mir dann ganz nüchtern sagen: auch wenn diese Gefühle kommen und ich nichts von Gott sehe – er ist größer als meine Gefühle, als mein Denken, als meine Zweifel und als mein Unglaube.

Erwin Raphael McManus: Go wild!

Ein inspirierendes kleines Buch! Auf 100 Seiten beschreibt McManus seine Vision von einem wilden Christsein. Ein Christsein, das nicht von gutbürgerlicher Vorsicht und Zurückhaltung geprägt ist, sondern das sich mehr an wilden und verrückten Gottesmännern und -frauen der Bibel orientiert (wie z.B. Johannes der Täufer, der in der Wüste lebte, einen Mantel aus Kamelhaar trug und Heuschrecken aß). McManus berichtet viel von eigenen Erfahrungen und wie er andere dazu anstachelt, ein mutigeres Leben als Nachfolger Jesu zu führen. Das macht das Buch anschaulich und bewegend.

Aus mir wird durch dieses Buch sicher kein wilder Christ, zumindest nicht so extrem, wie sich das bei McManus anhört. Ich glaube, da steckt einfach sehr viel von seinem risikofreudigen und wilden Charakter mit in dem Buch. Ich hab einen anderen Charakter und kann das nicht auf diese extreme Weise leben. Aber das Buch gibt mir doch Anstöße, mich mehr aus meiner Sicherheitszone herauszuwagen und mehr zu riskieren.

Es gab ja auch zu Jesu Zeiten schon ganz unterschiedliche Jünger und Jüngerinnen. Da gab es nicht nur die wilden und verrückten, sondern auch schon die vorsichtigen und überlegten. Da gab es nicht nur diejenigen, die mit Jesus predigend und heilend durch die Lande gezogen sind, sondern auch diejenigen, die zu Hause blieben und Jesus auf andere Weise unterstützt haben. Und das ist ja auch okay so.

Ein Abschnitt hat mich besonders angesprochen. McManus schreibt über die Glaubenshelden aus Hebr. 11. Da gab es viele, die Zeichen und Wunder mit Gott erlebt haben, die aus der Löwengrube befreit wurden, die der Schärfe des Schwerts entkommen sind und die Gott einfach wunderbar geführt hat. Aber: „Andere haben Spott und Geißelung erlitten, dazu Fesseln und Gefängnis. Sie sind gesteinigt, zersägt, durchs Schwert getötet worden.“ (Hebr. 11,36f)

McManus wehrt sich zurecht gegen den Irrglauben, dass einem Christen nichts Schlimmes passieren kann, dass Gott die Seinen immer durch Zeichen und Wunder aus schwierigen Situationen heraus rettet. Er sagt, dass es im Gegenteil so ist, dass diese wunderbare Rettung die Ausnahme ist. Gott will uns nicht in Watte packen und dafür sorgen, dass wir nicht den kleinsten Kratzer bekommen. Nein, er schickt uns mitten hinein in das Schlachtfeld dieser Welt und will, dass wir trotz aller Risiken und Verletzungen für ihn kämpfen.

Warum will heute jeder nur von Jesus geheilt werden und ein erfülltes, zufriedenes und glückliches Leben von Jesus geschenkt bekommen? Warum sind so wenige bereit, für die Sache Jesu auch zu leiden und im Extremfall, sogar zu sterben?

Matthäus 3, 1-12 – Johannes Haudrauf

Bin immer wieder fasziniert von Johannes dem Täufer. Scheint so ein richtiger Aussteiger gewesen zu sein, der so überhaupt nicht mit dem religiösen Establishment zu tun hatte. Zu diesem Establishment zähle ich mit auch selbst: Ich sitze hier schön gemütlich im warmen Büro vor meinen PC, hab Haus und Kinder und ein gutbürgerliches Leben. Der Johannes war draußen in der Wüste unterwegs, hatte einen Mantel aus Kamelhaar und ernährte sich von Heuschrecken und wildem Honig… Eine fremde Welt – und das nicht nur wegen der anderen Kultur und anderen Zeit.

Auch seine Botschaft ist ziemlich anders als unsere heutige Botschaft. Ich finds immer schrecklich, wenn Christen aufeinander eindreschen und sich gegenseitig den rechten Glauben absprechen. Aber Johannes tut genau das. Er spricht den Pharisäern und Sadduzäern den Glauben ab. Er fordert sie auf erst mal Buße zu tun. Genau die Personen, die damals als religiöse Anführer und Vorbilder galten. Interessant ist ja, dass da tatsächlich Pharisäer und Sadduzäer kommen, um sich von ihm taufen zu lassen! Warum kommen die? Warum gehen die nicht gleich auf Abstand zu diesem Außenseiter? Und warum nimmt Johannes ihr Interesse nicht positiv auf, sondern lässt sie eiskalt abblitzen?