Johannes 11, 17-27 Bei Jesus im Leben und Sterben

Was für ein Anspruch! Jesus sieht sich als die Auferstehung und das Leben in Person! Das ist wohl das provozierendste und weitgehendste Ich-bin-Wort des Johannesevangeliums. Jesu ist mehr als ein Wegweiser oder eine Hilfe zum Heil, er ist das Heil selbst. Er vermittelt nicht nur Leben, sondern ist das Leben in Person. Es ist verständlich, dass die junge Christenheit bei solchen Ansprüchen in Konflikt mit der jüdischen Gemeinde geraten ist. Diese Aussagen sind noch einmal von einer anderen Qualität, wie wenn ein Prophet von sich sagt, im Namen Gottes zu reden.

Ist die Aussicht auf ein Leben nach dem Tod aber wirklich ein Trost angesichts des Verlustes eines irdischen Menschenlebens? Manche tun das als billige Jenseitsvertröstung ab. Mit selbst kommt es auch manchmal so vor. Der Schmerz und die Verzweiflung über Leid und Tod in dieser Welt ist trotzdem noch da. Aber dann gibt es auch Zeiten, in denen mich solche Hoffnungsaussagen tragen, halten und trösten. Wer in der Gewissheit leben und sterben kann, dass Jesus das Leben und die Auferstehung ist, und wer diesem Jesus vertrauen kann, der lebt und stirbt leichter.

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Johannes 10, 31-42 Wer ist Jesus?

Immer wieder umkreist das Johannesevangelium die Frage nach dem Unglauben: Warum glauben die Menschen nicht an Jesus, obwohl sie doch seine Werke sehen und zumindest Jesus selbst seinen Selbstanspruch im Einklang mit der Schrift sieht. Es geht immer wieder um die Frage nach dem Selbstverständnis Jesu. Es wird ihm vorgeworfen, dass er sich selbst mit Gott gleichsetzt – obwohl wir das so direkt nirgends im Johannesevangelium aus dem Mund Jesu hören. Er spricht von sich selbst aber als vom Vater gesandten Sohn Gottes, und er sagt, dass Gott in ihm ist und er in Gott (V.38). Und im Prolog und aus dem Mund des Thomas finden wir eine Gleichsetzung Jesu mit Gott (Joh. 1,1.18; 20,28). Insofern ist der Vorwurf der Gotteslästerung verständlich und aus jüdischer Sicht nicht unberechtigt.

Jesu Verteidigung an dieser Stelle finde ich seltsam. Er führt ein Zitat aus Psalm 82,6 an und bezieht die Aussage „ihr seid Götter“ auf das Volk Israel („zu denen das Wort Gottes geschah“, V.35). Allerdings ist der Vers nach damals üblicher rabbinischer Schriftauslegung völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Im ursprünglichen Psalm geht es um eine himmlische Thronratsversammlung und die Angesprochenen sind eben keine Menschen. Wenn ich heute so die Bibel auslegen würde, dann würden sich zurecht viele beschweren. Aber auch wenn man der Argumentation folgt und annimmt, dass alle aus dem Volk Israel auch Gottes Kinder sind, so trägt sie doch wenig dazu bei Jesu Selbstanspruch verständlicher zu machen. Er sieht sich ja gerade nicht als einer unter vielen, als ein Kind Gottes von vielen, sondern als der eine, erstgeborene Sohn Gottes.

Ich kann den Unmut, das Unverständnis und den Unglauben der Menschen damals recht gut nachvollziehen. Jesus kann seinen Anspruch nicht beweisen. Er verweist auf seine Werke: aber Wundertäter gab es damals viele. Er verweist auf die Schrift. Aber mit seinen Ausführungen kann er seinen Anspruch nicht wirklich beweisen. Glaube bleibt ein Vertrauen auf etwas, das man nicht beweisen kann. Glaube ist bis heute ein Risiko. Es gibt Hinweise in unserem Leben (Jesu Werke oder Dinge, die auch heute noch in seinem Namen geschehen) oder in der Schrift – aber keine Beweise. Es damals wie heute ein Wunder, wenn Menschen glauben und vertrauen können.

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Johannes 10, 11-21 Kein friedliches Idyll

Das sind gewaltige Aussagen, die Jesus da macht. Und dennoch erreichen sie mich heute beim Lesen nicht so richtig. Jesus als der gute Hirte, in bewusster Anlehnung an Psalm 23 (dort wird Gott selbst als Hirte bezeichnet), das habe ich schon so oft gehört. Das ist doch selbstverständlich. Jesus als der gute Hirte, das ist inzwischen von jeder Menge Kitsch und heiler Welt überlagert. Ein freundlich lächelnder Jesus im strahlend weißen Gewand, umgeben von friedlichen Schafen, die natürlich auch alle strahlend weiß sind, und dazu noch eine süßes kleines Lamm auf dem Arm…

Aber stopp! In dem Text ist doch auch die Rede vom Wolf! In dem Text geht es doch um Leben und Tod! Hier wird keine friedliche Idylle beschrieben, sondern ein Überlebenskampf. Der Hirte riskiert und opfert sein Leben im Kampf gegen den Wolf, gegen das Böse. Es geht nicht um eine heile Welt, sondern um eine bedrohte Welt, eine Welt voller Angst, Gefahr und Blut. Jesus lässt mich in der Dunkelheit, in der Gefahr und in meiner Angst nicht allein.

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Johannes 9, 8-23 …und niemand freut sich

Eine seltsame Heilsungsgeschichte. Anstatt dass sich die Menschen freuen, dass ein Blinder wieder sehend wurde und Gott dafür loben, wird der Geheilte ausgefragt wie ein Verbrecher. Wie ist das geschehen? Wer hat das getan? Als dann noch heraus kommt, dass die Heilung an einem Sabbat geschah, rückt nicht nur Jesus selbst, sondern auch der Geheilte und seine ganze Familie noch mehr ins Zwielicht.

In der Art wie diese Begebenheit erzählt wird, spiegelt sich sicher auch die Situation zwischen der christlichen Gemeinde und der jüdischen Gemeinde zur Zeit der ersten Leser wieder. In dem Abschnitt hier taucht Jesus selbst nicht auf, es ist nur ein Gespräch zwischen einem von Jesus Geheilten und seinem Umfeld. Viele sind misstrauisch und wollen genau wissen, was geschehen ist. Die Eltern des Geheilten haben Angst davor, mit Jesus in Verbindung gebracht zu werden. Zur Zeit der Abfassung des Johannesevangeliums gab es wohl solche Spannungen zwischen jüdischer und christlicher Gemeinde. Zu dieser Zeit wurden auch Christen aus der Synagoge ausgestoßen (V.22). Immerhin wird in dem Abschnitt auch deutlich, dass sich die Pharisäer untereinander nicht einig waren (V.16). Manche sahen in Jesus durchaus jemand, der von Gott kam, andere lehnten ihn ganz ab.

Auf jeden Fall ist es traurig, wenn ein solch positives Ereignis wie eine Heilung durch verschiedene theologische oder glaubenspolitische Standpunkte zerredet wird. So geht es, wenn Theologie und Dogma wichtiger werden als Gottes Liebe zu den Menschen. Das heißt nicht, dass Theologie und Dogma unnötig sind, aber dass sie im richtigen Verhältnis eingeordnet werden müssen.

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Johannes 8, 21-29 Ich bin es

Immer wieder kreist das Johannesevangelium um die Frage, wer Jesus ist, bzw. um den Anspruch, den Jesus für seine Person erhebt. Hier spricht Jesus an zwei Stellen davon, „dass ich es bin“ (V.24 und 28). Oberflächlich betrachtet ist das gar keine Aussage und es schließt sich die logische Nachfrage an: „Wer bist du denn?“ (V.25). Auf dem Hintergrund des Alten Testamentes und der jüdischen Tradition ist es aber weit mehr. Jesus spielt hier auf den Gottesnamen an: „Ich bin der ich bin“. Nur einer kann von sich in absoluter Weise sagen, „dass ich es bin“ – Gott selbst. So verstanden ist diese Aussage eine riesige Provokation. Sie ist entweder eine völlige Selbstüberschätzung und damit auch Gotteslästerung – oder sie trifft zu.

Zur Zeit der Niederschrift des Johannesevangeliums scheint gerade die Frage des Anspruches Jesu ein Streitthema gewesen zu sein – sonst würde dieses Thema nicht so oft und ausführlich im Johannesevangelium auftauchen. Wir können nur vermuten, in welchem konkreten Umfeld das Johannesevangelium entstanden ist und wie die konkreten Auseinandersetzungen waren. Aber die zentrale Frage war offensichtlich: Wer war dieser Jesus von Nazareth? Als guten Menschen und von Gott gesandten Propheten konnten ihn wohl noch manche akzeptieren. Aber als Sohn Gottes? Als jemand, der aus der göttlichen Welt stammt und ein Mensch aus Fleisch und Blut wurde? Das fällt bis heute den meisten schwer.

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Johannes 7, 40-52 Fragende und Zweifelnde

Ich kann die Reaktion auf Jesus sehr gut nachvollziehen. Die Menschen fragen sich, wer dieser Jesus tatsächlich ist. Ist er ein Prophet, ist er der Christus, ist er Gottes Sohn oder ist einfach nur ein guter Mensch? So manches mal fühle ich mich den Fragenden und Zweifelnden sehr viel näher als denen, die ganz genau wissen wer Jesus ist. Das gilt sowohl für die radikalen Gegner, für die Jesus ein Verführer und Betrüger ist (diese Gegner waren damals interessanterweise v.a. die besonders Frommen und die religiöse Elite), als auch für die überzeugten Anhänger, sie sich keine Zweifel erlauben und die auch heute noch ganz genau wissen, was Jesus zu bestimmten Streitthemen sagen würde.

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Johannes 5, 19-30 Ewiges Leben jetzt

Wieder ein gutes Beispiel für die Konzentration des Johannesevangeliums auf die Person Jesu. In der Begegnung mit Jesus geschieht jetzt schon alles Entscheidende. In der Begegnung mit Jesus spielt auch die Zeit keine große Rolle mehr. Es ist so, als ob im Glauben an Jesus alle Zeit aufgehoben ist und jetzt schon die Ewigkeit Gottes gegenwärtig ist: „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“ (V.24) Wer glaubt, der hat also jetzt schon das ewige Leben. Im Glauben oder Unglauben geschieht jetzt schon das Gericht.

Für uns ist das schwer zu verstehen, denn rein von unserem Erleben her ändert sich ja nichts in unserem äußerlichen irdischen Leben. Rein empirisch ist es schwer, die Gegenwart des ewigen Lebens festzustellen. Auch scheint es schwierig zu sein, das mit anderen neutestamentlichen Aussagen in Einklang zu bringen, die eindeutig von einem zukünftigen Gericht sprechen. Ist jetzt schon alles entschieden, oder wird es sich erst in Zukunft im letzten Gericht entscheiden? Wie so oft ist beides irgendwie richtig: Je nachdem wie jetzt mein Verhältnis zu Jesus ist, wird im Gericht entschieden. Die eigentliche Entscheidung fällt also jetzt schon: Wer Jesu Worte hört und ihm vertraut, der hat jetzt schon ewiges Leben.

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Lukas 24, 36-49 Bibellesen mit Jesus

Diese Textstelle war mir bei den Auferstehungsberichten der Evangelien nicht so bekannt. Zwei Dinge sind mir aufgefallen: Zum einen die Betonung der Leiblichkeit des Auferstandenen. Deutlicher als an anderen Stellen wird betont, dass der Auferstandene mehr ist als eine Erscheinung. Lukas sagt, dass er Fleisch und Knochen hat. Ja, Jesus fordert sogar auf, ihn anzufassen und isst vor den Augen der Jünger etwas. Jesus ist leibhaftig ins Leben zurück gekommen. Es war mehr als eine Erscheinung.

Das zweite was mir aufgefallen ist: Wie schon bei den Emmausjüngern ist es für Lukas wichtig, dass Jesus uns das Verständnis für die Heilige Schrift neu eröffnet (V.45). Die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus ist keine neue Offenbarung, sondern ganz eng an die Schrift gebunden und nur von ihr her zu verstehen. Lukas macht deutlich, wie wichtig für uns Christen das Lesen der Bibel ist. Gerade das Neue, das wir mit Jesus erleben, gerade die neue Gotteserfahrung in Christus und durch den Heiligen Geist, kann nur von der Schrift her richtig verstanden und gedeutet werden. Für einen Christen gehört das Lesen der Bibel essentiell zu seinem Glauben dazu.

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Lukas 23, 1-12 Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit

Bizarre Szenen die sich da abspielen. Pilatus weiß nicht so recht, was er mit Jesus machen soll. Die aufgebrachten Ankläger fordern vehement seinen Tod, aber Pilatus findet keine Schuld an ihm. Er will die ganze Sache am liebsten loswerden und schickt Jesus zu Herodes, der gerade zufällig in Jerusalem ist und der als Landesfürst für Jesu Heimat in Galiläa zuständig war.

Herodes freut sich, Jesus zu sehen, aber es ist ihm völlig egal in welcher Situation dieser sich gerade befindet. Er hat schon so manches von ihm gehört und möchte gerne ein paar Wunder von ihm sehen: ein bisschen oberflächliche Unterhaltung wäre ihm ganz angenehm. Aber wenn Jesus ihn nicht unterhalten kann, dann kann Herodes auch nichts mit ihm anfangen. Konsequenterweise reagiert Jesus dann auch gar nicht auf die Fragen, die ihm Herodes stellt. Er schweigt einfach weil er weiß, dass Herodes die eigentliche Botschaft Jesus sowieso nicht interessiert.

Gleichgültigkeit das ist bis heute die häufigste Reaktion auf Jesus. Wir merken gar nicht, wer uns da gegenübersteht. Interessant wäre es ja noch, wenn wir ein paar Zeichen und Wunder zu sehen bekämen. Aber natürlich nur zur Unterhaltung. „Was geht mich schon dieser Jesus an. Ich hab mein eigenes Leben und meine eigenen Probleme…“ Schade, denn Jesus will so viel mehr von uns als nur für oberflächliche Unterhaltung zu sorgen.

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Lukas 20, 9-19 Provozierend, gewagt und tröstlich

Ein provozierendes Gleichnis: Jesus provoziert die religiöse Führungselite. Sie werden als verantwortungslos und gierig dargestellt. Anstatt für den Weinberg Gottes zu sorgen (im Alten Testament ist der Weinberg ein beliebtes Symbol für das Volk Gottes), töten sie Gottes Boten und wollen ihre eigene Macht vergrößern. Wie sieht das bei mir aus: Lasse ich mich von dem Gleichnis auch provozieren, oder gilt das mir gar nicht, weil ich ja nicht zu den Bösen gehöre?

Ein gewagtes Gleichnis: Jesus wagt es, sich in diesem Gleichnis als Sohn des Königs darzustellen, also als den Sohn Gottes. Für damalige Ohren war das mehr als gewagt. Wie kann ein Mensch sich herausnehmen, sich selbst nicht nur als göttlicher Prophet, sondern sogar als der Sohn Gottes selbst auszugeben? Wie sieht das bei mir aus: Nehme ich diesen ungeheuerlichen Anspruch Jesu überhaupt noch war, oder ist das für mich längst schon selbstverständlich geworden?

Ein tröstliches Gleichnis: Der Sohn wird getötet – aber das ist nicht das Ende. „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden.“ (V.17) Menschlicher Hass und menschliches Handeln kann Gottes Handeln nicht zunichte machen. Am Ende wird Jesus als Sieger dastehen. Aus dem verworfenen Stein wird der Eckstein einer neuen Welt. Wie sieht das bei mir aus: Lasse ich mich von dieser Botschaft trösten, oder habe ich die Hoffnung auf ein gutes Ende aufgegeben?

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