Hebräer 1, 1-14 Mehr als alle Engel

Vom Hebräerbrief kennen wir weder den Absender noch die Adressaten. Der Autor nennt sich in seinem Schreiben nicht, erst in späterer Zeit wurde der Brief dem Paulus oder auch manch anderen zugeschrieben. Die Überschrift „An die Hebräer“ ist auch eine nachträgliche Hinzufügung, weil man aufgrund der vielen alttestamentlichen Zitate vermutet hat, dass die Adressaten Judenchristen waren. Es ist sicher kein Brief aus der Anfangszeit der Christenheit, sondern der Autor wendet sich eher an Christen, die in der Gefahr stehen, im Glaube müde zu werden und sich fragen, warum die Wiederkunft Jesu so lange ausbleibt.

Gleich im ersten Kapitel wird die Absicht des Briefes deutlich: Jesus Christus, der Sohn Gottes soll im Zentrum stehen. Wer im Glauben müde geworden ist, muss neu auf ihn schauen. Zu den Vätern hat Gott „vielfach“ und auf „vielerlei Weise“ gesprochen. Jetzt, „in den letzten Tagen“ hat er auf unüberbietbare Weise durch den Sohn gesprochen. Er ist Gottes Ebenbild und durch ihn ist alles erschaffen worden. Er ist sozusagen das Wort durch welches Gott die Welt erschaffen hat, sowie das letztgültige Wort, das Gott zu uns redet.

Offensichtlich haben sich die müde gewordenen Christen der Spekulation über Engel zugewandt. Deswegen betont der Hebräerbrief so sehr, wie viel größer, wichtiger und herrlicher Jesus Christus ist. Er ist mehr als alle Engel, er ist Gottes Sohn. Doch dieser Jesus Christus war wohl so manchen nicht mehr genug, sie haben andere Mittler zu Gott gesucht. Diese Faszination der Engel ist ja bis heute aktuell. Auch heute können viele Menschen mehr mit Engel anfangen, als mit Jesus Christus. Engel scheinen irgendwie harmloser und vielleicht auch geheimnisvoller als Jesus Christus zu sein. Über Engel kann man besser spekulieren. Mit Engeln kann man das Bedürfnis nach übersinnlichem leichter befriedigen. Der Hebräerbrief sagt dagegen: Nein, Gott wirkt nicht in erster Linie durch Engel, sondern er hat durch seinen Sohn zu uns gesprochen. Und dieses Wort gilt. Wir brauchen nicht über irgendwelche himmlischen Wesen spekulieren, sondern wir sollten uns an das Wort Jesu Christi halten.

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Apostelgeschichte 2, 29-36 Aus Jesus wird der Christus

Die Pfingstpredigt des Petrus dreht sich um die Frage: Wer ist dieser Jesus von Nazareth? Er ist mehr als der große David. Und das will was heißen: für die damaligen Zuhörer war David der eine von Gott geschenkte Herrscher schlechthin. Aber David ist gestorben und begraben. Ganz im Gegensatz zu Jesus. Dieser ist auferstanden, von Gott erhöht worden und hat den Heiligen Geist ausgegossen.

Schon bei Petrus klingt an, wie schwierig es für uns Menschen ist zu begreifen, dass Jesus mehr als ein menschlicher Herrscher oder Religionsstifter ist. Petrus sagt über ihn, „dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat.“ (V.36) Wieder sehr einfache und kurze Worte und doch sehr differenziert. Gott hat den Menschen Jesus zum Herrn und Christus gemacht. Er ist es nicht von sich aus, sondern wurde von Gott dazu gemacht. Zu beachten ist auch, dass das griechische Wort für Herr in der damals gängigen griechischen Übersetzung des Alten Testaments für Gott selbst gebraucht wurde. Gott hat aus dem Menschen Jesus den Messias gemacht, der sogar mit dem Gottesnamen angesprochen werden darf.

Der Name Jesus Christus ist ursprünglich ein Bekenntnis: Jesus ist der Christus (= der Messias). In diesem Namen steckt das Geheimnis dieser Person. Er ist der Mensch Jesus von Nazareth und zugleich ist er der göttliche Messias. Beides in einer Person. Später hat man versucht, dieses Geheimnis in der sogenannten Zweimaturenlehre ist dogmatische Formeln zu pressen. Aber das bleibt Stückwerk. Diese offene und kurze Formulierung von Petrus ist da viel besser: Gott hat diesen Jesus zum Herrn und Christus gemacht. Ein Wunder und Geheimnis, das wir nie ganz begreifen werden.

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Daniel 7, 1-15 Der Menschensohn

In dieser Vision geht es wohl um die vier Königreiche, welche auch in Nebukanezars Traum in Dan.2 auftauchen. Im Gegensatz zu diesen tierischen Mächten, die aus der widergöttlichen Chaosmacht des Meeres heraufsteigen und immer grausamer werden, wird ein Herrscher vom Himmel kommen, der die Gestalt eines Menschensohns hat. Nach dem Gericht über die Tiere wird er in einem ewigen Reich über alle Völker herrschen. Nach Dan.7,18.27 ist dabei an das personifizierte Volk Israel zu denken.

Vom Neuen Testament her drängt sich unmittelbar der Vergleich mit Jesus Christus auf. Jesus selbst hat sich bevorzugt als „Menschensohn“ bezeichnet. Diesen Titel hat er von sich selbst weit häufiger als alle anderen Selbstbezeichnungen gebraucht. Menschensohn kann zunächst einfach „Mensch“ bedeuten. Ein Sohn des Menschen gehört (im Unterschied zu den Tieren oder himmlischen Mächten) zu der Gattung der Menschen. Auf dem Hintergrund von Dan.7 konnte diese Bezeichnung ab auch als messianischer Hoheitstitel verstanden werden.

Jesus verstand sich selbst also vor allem vor dem Hintergrund dieses Textes aus Dan.7. Als „Menschensohn“ gehört er zu der Gattung Mensch und doch hat er himmlischen Ursprung (so wie der Menschensohn in Dan.7 vom Himmel her kommt). Er richtet kein neues irdisches und vergängliches Reich auf, sondern herrscht über alle Völker in Ewigkeit. Nüchtern betrachtet, scheint er an diesem Anspruch gescheitert zu sein. Er wurde vom römischen Weltreich hingerichtet und bis heute kommen und gehen die irdischen Reiche. Aber der Glaubende erkennt, dass im Gekreuzigten und Auferstandenen ein ganz anderes, ewiges Reich begonnen hat, welches dieser „Menschensohn“ einmal vollenden wird.

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Kolosser 2, 1-7 Das bleibende Geheimnis Gottes

Christus ist das „Geheimnis Gottes“ und in ihm liegen verborgen „alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ (V.2f). In welchem Sinn ist Christus ein Geheimnis? Das Christentum ist seinem Verständnis nach sicher keine Geheimlehre, die nur an wenige auserwählte Menschen weitergegeben werden darf. So könnte man den Begriff Geheimnis ja verstehen: Etwas, das Verborgen ist und das mit der Weitergabe dann offenbar ist. Wenn ein Geheimnis einmal ausgeplaudert ist, dann ist es kein Geheimnis mehr. Wenn z.B. der unwahrscheinliche Fall eintritt ;), dass ein Politiker ein Schwarzgeldkonto im Ausland hat und es bekannt wird, dann ist das nicht mehr geheim, sondern offenbar.

Christus ist aber mehr als ein simples Geheimnis, das man ausplaudern kann. Jesus Christus ist für alle sichtbar auf die Erde gekommen. Er hat in aller Öffentlichkeit gelehrt und die Christen bezeugen ihn in der Bibel als den Sohn Gottes. Das ist keine Geheimlehre, sondern im Gegenteil: wir Christen wünschen uns ja, dass dieses Geheimnis alle Welt erkennen kann.

Aber das ist gerade das Besondere am Geheimnis Christi: Auch wenn man offen über ihn redet, bleibt er geheimnisvoll, nicht so leicht greifbar, von seinem Wesen und Wirken her nicht so leicht zu fassen. Wir haben ihn nicht in der Hand. Auch wenn die Bibel und wir Christen von ihm in der Öffentlichkeit reden, bleiben in ihm viele Schätze verborgen, die nicht so leicht zugänglich sind. Nachfolge bleibt ein Abenteuer, in welchem es immer wieder Neues zu entdecken und erfahren gibt. Die Tiefe und der Reichtum Jesu Christi bleibt größer, als wir das jemals erfassen können.

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Lukas 22, 63-71 Wer bin ich?

Tragisch: sie fragen danach, wer Jesus ist, aber die Antwort interessiert sie gar nicht. Sie haben sich ihr Bild von Jesus schon gemacht. Er ist für sie gefährlich und muss darum aus dem Weg geräumt werden. Drei Titel tauchen in diesem Abschnitt auf: Christus, Menschensohn und Sohn Gottes. Alle drei sind nach damaligem Verständnis Hoheitstitel für den endzeitlichen von Gott gesandten Retter. Jesus bestätigt direkt oder indirekt alle drei Titel.

Aber das entscheidende sind nicht die Titel, nicht die Bezeichnungen, nicht die Schubladen in welche wir Jesus stecken. Entscheidend ist, was das für uns bedeutet und wie wir mit Jesu Anspruch umgehen. Ist er für mich Sohn Gottes? Welche Konsequenzen hat das dann für mich und mein Leben? Ist er für mich ein Hochstapler und Gotteslästerer? Welche Konsequenzen hat das dann? Oder ist er mir ganz einfach egal? Die Antwort auf die Frage, wer Jesus ist, zeigt auch die Antwort auf die Frage, wer ich bin.

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Lukas 19, 28-40 Ein König anderer Art

Aus dem erzählerischen Rückblick betont Lukas, dass zwar der König kommt, dass aber damit kein irdisch-messianisches Reich anbricht. Auffällig ist V.38: Der König wird begrüßt und es folgt ein Friedenswunsch. Bei Markus dagegen ist ausdrücklich vom „Reich unseres Vaters David“ (Mk. 11,10) die Rede. Lukas lässt das ganz bewusst weg, weil er deutlich machen will, dass Jesus eben kein irdisch-politisches Königreich bringt, so wie es König David brachte. Sein Reich ist von anderer Art. Bei Markus sehen wir, dass es solche Hoffnungen damals durchaus gab.

Ich wünsche mir so manches mal auch, dass Jesu Königreich anders aussieht. Wäre nicht manches einfacher, wenn Jesus Christus sichtbar auf dem Thron sitzen würde? Wäre die Weltgeschichte nicht anders verlaufen, wenn Jesus damals das Reich Gottes aufgerichtet hätte? Aber das ist gerade die Stärke dieses Königs: Er zwingt niemand ihn anzubeten. Er herrscht im Verborgenen. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er möchte nicht mit Gewalt zum Gehorsam zwingen, sondern er möchte durch Liebe überzeugen.

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2. Johannes 7-13 Gott und Mensch

Der Abschnitt zeigt, dass es im 2. Johannesbrief noch um dasselbe Thema geht wie im ersten – die adressierte Gemeinde hat offensichtlich noch mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen: Es gibt Menschen welche die Gemeinde verwirren, weil sie leugnen, dass Jesus Christus wirklich ins Fleisch gekommen ist, d.h. dass er wirklich voll und ganz Mensch wurde. Interessant ist, dass ja genau dasselbe Thema ja auch im Johannesevangelium deutlich angesprochen wird: „Und das Wort ward Fleisch“ (Joh.1,14).

Von Anfang an war es wohl schwierig, sich Jesus zugleich als wahren Gott und als wahren Mensch vorzustellen. Je nach theologischem Schwerpunkt neigen wir auch heute dazu, uns Jesus eher als Menschen mit besonderen göttlichen Einsichten vorzustellen oder als Gott, der so tut als ob er Mensch wäre. Aber auch wenn wir mit unserer Logik hier an Grenzen kommen: Jesus war beides, Gott und Mensch.

So wie mein Bild von Jesus ist, so sieht auch mein Glaube aus. Wenn er nur Gott ist, dann fehlt meinem Glaube das Fleisch, mein Glaube wird blutleer, abstrakt und abgehoben. Wenn Jesus nur Mensch ist, dann wird mein Glaube klein, kraftlos und überfordert. Beides allein ist zu wenig…

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1. Johannes 5, 5-13 Wer den Sohn hat

Gegen Schluss seines Briefes hält Johannes noch einmal das Wesentliche fest: Es geht um Jesus Christus, der wirklich Mensch wurde und wirklich Gottes Sohn war. Gegenüber einer Verflüchtigung des Menschgewordenen ins innerlich-esoterische oder zu einer philosophisch-abstrakten Idee betont Johannes, dass der Sohn Gottes wirklich am Kreuz für uns gestorben ist. Nicht nur in der Taufe (dafür steht das Wasser) sondern auch am Kreuz (dafür steht das Blut) war Jesus Christus der Sohn Gottes.

Auch uns heute hilft es wenig an eine abstrakte Idee des Göttlichen zu glauben oder auf esoterische Weise auf einen göttlichen Lichtfunken in uns zu hoffen. Was zählt ist der Glaube an Jesus Christus. Er hat tatsächlich gelebt, ist über diese Erde gegangen, wurde gekreuzigt und ist auferstanden. Er war ein konkret fassbarer Mensch und keine abstrakte Idee. Johannes sagt es knapp und deutlich: „Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.“ (V.12)

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1. Johannes 2, 18-29 Der Antichrist

Interessant an diesem Text ist, dass Johannes von Antichristen im Plural spricht und dass er davon ausgeht, dass schon viele Antichristen gekommen sind (V.18). Inhaltlich kennzeichnet er einen Antichristen als jemand, „der leugnet, dass Jesus der Christus ist.“ (V.22) Damit meint er wohl gnostische Irrlehrer aus der damaligen Zeit, die ursprünglich mit christlichen Gemeinden verbunden waren.

Was die Gnostiker nicht glauben konnten war, dass der himmlische Christus, der Sohn Gottes, wirklich eins geworden ist mit dem Menschen Jesus. Für sie ist Gott und sein Sohn so herrlich und so anders, dass er nicht wirklich zu vergänglicher Materie werden konnte und am Kreuz verbluten und ersticken konnte. Sie gingen davon aus, dass der himmlische Sohn Gottes nur den Menschen Jesus von Nazareth eine Zeit lang sozusagen als Hülle benutzt hatte und dann rechtzeitig wieder in die himmlische Herrlichkeit zurück kehrte.

Ich kann die Denkrichtung der Gnostiker recht gut verstehen. Ich würde auch lieber als Nachfolger Christi in himmlischen Sphären schweben, als mich immer wieder neu mit der Gebundenheit an die vergängliche materielle Welt auseinander zu setzen. Ich würde auch lieber dem Leid und dem Schmerz entfliehen, als mich mit den Abgründen unserer verlorenen Welt auseinander zu setzen. Aber wenn ich von Jesus Christus das Fleisch, das Leiden, das Sterben wegnehme, dann wird daraus ein Antichrist.

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