Johannes 12, 12-19 Falsche Begeisterung?

Ich finde es immer wieder verstörend, den Bericht über Jesu Einzug in Jerusalem zu lesen. Denn ich weiß ja was danach passiert. Gerade noch sind die Massen begeistert von Jesus und feiern ihn in den höchsten Töne. Kurze Zeit später schreien die Massen „Kreuzige ihn!“ In diesem Wissen kann ich mich gar nicht so richtig über diesen Text freuen.

Wie ist das nun mit dieser Begeisterung und großen Zustimmung zu Jesus? War das von Anfang an eine falsche Begeisterung? Haben es die Leute gar nicht ernst gemeint? Das kann ich mir nicht vorstellen. Wozu sollten sie Jesus etwas vorspielen? Außerdem wussten sie ja, dass ihre Oberen nicht so gut auf Jesus zu sprechen waren. Nein, ihre Begeisterung und Freude scheint echt gewesen zu sein. Haben sie Jesus dann nicht richtig verstanden? Haben sie falsche Erwartungen gehabt? Das schon eher. Sie feiern ihn als König und Jesus hat dann ihre Erwartungen wohl nicht in der richtigen Weise erfüllt.

Stellt sich damit im Nachhinein die ganze Freude und Begeisterung als falsch heraus? Zählt dieses Jubeln über Jesus dann nicht mehr, weil es ja von falschen Erwartungen ausging? Wie ist das dann mit meinem Glauben, meiner Freude und Begeisterung für Jesus? Zählt das nur, wenn ich Jesus genau verstanden habe und keine falschen Erwartungen habe? Ich habe bei mir eher das Gefühl, dass ich mir keine rechte Begeisterung und Freude über Jesus zutraue, weil ich Angst davor habe, dass meine Erwartungen an Jesus nicht erfüllt werden. Aber wäre es Jesus lieber gewesen, wenn die Leute damals geschwiegen hätten, weil er ja wusste, dass ihre Begeisterung auf einer falschen Grundlage basierte?

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Johannes 7, 1-13 Jesus will nicht groß rauskommen

Es gibt durchaus Menschen, die finden Jesus und das was er tut gut und kapieren doch nicht, wer Jesus eigentlich ist und was er eigentlich will. Hier in dem Text wollen Jesu leibliche Brüder, dass auch andere erfahren, was für ein toller Kerl Jesus ist und welche Werke er tun kann. Sie wollen, dass sich Jesu auf dem Laubhüttenfest in Jerusalem in aller Öffentlichkeit zeigt und somit seine Bekanntheit steigert. Aber Jesus sagt nein und der Evangelienschreiber ergänzt, dass Jesu Brüder nicht wirklich an Jesu glauben  (V.5) – das heißt, dass sie nicht in dem Sinn auf ihn vertrauen, auf den es ankommt.

Ich wünsch mir auch so manches mal, dass Jesus endlich groß raus kommt und dass die Menschen endlich kapieren, wer er wirklich ist. Es wäre doch auch heute klasse, wenn in aller Öffentlichkeit Jesus im Mittelpunkt steht. Seinen Brüder sagte Jesus damals, dass seine Zeit noch nicht gekommen sei. Erst später steht er in Jerusalem wirklich in Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit: als er am Kreuz hingerichtet wird. Jesu Wege sind irgendwie anders, als wir uns das oft denken und erhoffen. Er will keine oberflächliche Begeisterung, sondern tiefe Veränderung.

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Johannes 4, 19-26 Wo beten wir Gott an?

Die Frau scheint einem Gespräch über ihre persönliche Situation ausweichen. Sie lenkt das Thema auf die theologischen Unterschiede im Glauben der Samariter und der Juden. Die richtige Gottesanbetung ist in der damaligen Vorstellung noch viel mehr als bei uns auch an den richtigen Ort gebunden. Die Samariter beten Gott auf dem Berg Garizim an, für die Juden ist Jerusalem der wichtigste Ort um Gott anzubeten.

Für Jesus ist der Ort zweitrangig. Wichtig ist, Gott „im Geist und in der Wahrheit“ (V.23f) anzubeten. Dabei meint Geist nicht den menschlichen Geist, so dass wahre Anbetung nur innerlich geschehen kann, sondern es geht um den Geist Gottes. Wenn der Geist Gottes gegenwärtig ist, dann spielt der Ort keine Rolle. „Wahrheit“ ist im Johannesevangelium ein Schlüsselbegriff. Auf den Punkt gebracht, ist Jesus selbst die Wahrheit (Joh. 14,6). Nur in ihm und durch das, was er uns von Gott offenbart, können wir Gott in Wahrheit anbeten.

Ich denke in unserer heutigen Zeit stehen wir eher in der Gefahr, den Ort der wahren Gottesanbetung zu vernachlässigen. Wir haben richtig erkannt, dass es letztendlich keine Rolle spielt, wo wir sind: Gott kann überall da sein. Aber dadurch stehen wir in der Gefahr, dass unser Glaube zu einer sehr individuellen und beliebigen Sache wird. Wenn Gott überall ist, dann gibt es keine Orte der besonderen Nähe. Vielleicht können uns bestimmte Orte auch helfen, um uns Gottes Gegenwart besser bewusst zu werden.

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Sacharja 6, 1-8 Der Herrscher aller Lande

Die achte und abschließende Vision des Sacharja. Wie immer bei Visionen ist sie bis zu einem gewissen Grad offen für verschiedene Deutungen. Bei allen Auslegungen, die bis ins kleinste Detail hinein vorgeben zu wissen was gemeint ist, wäre ich vorsichtig. Das haben nun mal Bilder, Visionen und auch Gleichnisse an sich: es sind keine exakten Definitionen, sondern Vergleiche, die zwar eine Aussageabsicht haben, aber auch offen sind für verschiedene Interpretationen.

Deutlich bei dieser Vision ist, dass die vier Wagen mit den vier Pferden von Gott her kommen (V.5). Es sind also Boten Gottes, die nun in alle Welt ziehen. Vier steht in der hebräischen Bibel normalerweise für etwas umfassendes, so wie die vier Himmelsrichtungen. Die vier Wagen und Rosse werden auch als „Winde“ bezeichnet (V.5). „Wind“ ist im Hebräischen dasselbe Wort wie Geist. Besonders erwähnt wird der Wagen, der nach Norden zieht (V.8) und dort wird auch ausdrücklich gesagt, dass Gottes Geist im Lande des Nordens ruhen wird. Es geht also um die Gegenwart von Gottes Geist in allen vier Himmelsrichtungen (nicht nur in Jerusalem). Der Norden wird besonders erwähnt, weil von Norden her die Babylonier (und davor die Assyrer und danach die Perser) nach Jerusalem kamen.

Was Gottes Geist aber im Land des Nordens näher für eine Aufgabe hat, bleibt offen. Manche vermuten, er soll die noch in Babylonien zurück gebliebenen Juden zu Rückkehr bewegen (dann wären die Wagen Transportwagen für die Rückkehr), andere deuten die Wagen eher als militärische Herrschaftswagen und die Aufgabe des Geistes wäre dann eher eine richterliche. Wie auch immer: in allen Wirrnissen der damaligen und auch unserer heutigen Zeit bleibt Gott der Herrscher über alles.

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Sacharja 1, 7-17 Erneute Erwählung

In diesem Abschnitt bin ich vor allem an V.17 hängen geblieben. Gott spricht durch den Propheten davon, dass er Jerusalem wieder erwählen wird. Vom Zusammenhang her geht es darum, dass nach dem Babylonischen Exil, sich Gott wieder der Stadt Jerusalem und seinen Einwohnern zuwendet. Spannend ist, dass hier das Stichwort „Erwählung“ auftaucht. Offensichtlich bedeutet Erwählung im biblischen Sinn nicht eine ein für allemal vorherbestimmte Festlegung. Jerusalem wurde von Gott erwählt, hat dann diesen Status durch seine Abkehr von Gott verloren und nun wird es von Gott neu erwählt.

In der Theologiegeschichte wurde viel über Erwählung diskutiert und auch gestritten. Erwählung betont das Gnadenhandeln Gottes. Es ist nicht ein Verdienst oder eine Leistung des Menschen, dass er von Gott erwählt wird – es ist reine Gnade. Wenn man diesen Gedanken aber strikt durchzieht, bekommt man Probleme mit der menschlichen Freiheit und mit der Gerechtigkeit Gottes. Warum erwählt Gott manche Menschen und mache nicht? Was kann ein Mensch dafür, ob er erwählt ist oder nicht? Und wie kann ein Mensch, der nicht erwählt ist, dann von Gott für seinen fehlenden Glauben bestraft werden?

Die Bibel zeigt sich hier weniger dogmatisch. Erwählung ist auf jeden Fall Gnadenhandeln Gottes. Aber sie hängt auch mit menschlichem Handeln zusammen. Die Erwählung Jerusalems lässt Freiräume für menschliche Abkehr von Gott und erneute Zuwendung zu Gott. Erwählung ist somit keine festgelegte Vorherbestimmung zum Heil oder Unheil.

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Sacharja 1, 1-6 Immer wieder neue Umkehr

Der Prophet Sacharja erfährt im Jahr 520 V. Chr. seine Berufung. Zu der Zeit waren die Juden aus dem Exil in Babylonien wieder zurück gekehrt nach Jerusalem in ihre Heimat. Allerdings war es keine triumphale Rückkehr und es gab so manche Probleme. Juda war kein selbständiges Königreich mehr. Nachdem die Babylonier ihre Vormachtstellung verloren hatten, waren die Perser die neue Großmacht, unter deren Einfluss auch Jerusalem stand. Neben den politischen Problemen war auch das religiöse Leben angeschlagen, was sich z.B. darin zeigte, dass der Wiederaufbau des Tempels nicht einfach und sich immer wieder verzögerte.

In dieser Situation erinnert Sacharja seine Zeitgenossen an die Geschichte ihrer Väter. Sie haben sich von Gott abgewandt und das Exil wurde dann als Abkehr Gottes von seinem Volk verstanden. Aber Gott hat sein Volk nicht verlassen und es wieder zurück ins verheißene Land gebracht. Deswegen ist es jetzt wichtig – auch wenn nicht alles glatt läuft – Gott treu zu bleiben, bzw. immer wieder neu zu ihm umzukehren. Glaube und Umkehr zu Gott ist etwas, das von jeder Generation und von jedem einzelnen Menschen immer wieder neu gefordert ist. Glaube ist nicht etwas, das man als Volk oder Einzelner einmal in der Tasche hat, sondern etwas, das sich immer wieder neu bewähren muss.

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Hebräer 12, 12-24 Anspruch und Zuspruch

Auch in diesem Abschnitt begegnet uns wieder ein In- und Miteinander von Anspruch und Zuspruch. Auf der einen Seite werden die Leser eindringlich vor einem laschen Glauben gewarnt. Sie sollen sich zusammenreißen und anstrengen, sonst werden sie Gott nicht begegnen: „Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird.“ (V.14) Wer das nicht tut, dem wird es wie Esau gehen, der sein Erstgeburtsrecht verkaufte und damit den Segen verspielt hatte – obwohl er später unter Tränen Buße suchte (V.17). Das heißt: Wer nicht ernsthaft nach einem heiligen Leben strebt, der kann seinen Platz bei Gott verspielen. Das klingt für mich nicht sehr ermutigend, sondern macht mir einfach nur Angst. Aber ist Angst ein gutes Motiv, um am Glauben zu bleiben?

Auf der anderen Seite wird den Lesern zugesprochen (V.22), dass sie schon zum himmlischen Jerusalem gekommen sind (Vergangenheitsform!) und dass sie gekommen sind zu der „Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind“ (V.23). Das heißt: Es ist alles schon passiert, es ist alles schon klar. Wer Jesus vertraut, der gehört schon zum himmlischen Jerusalem, sein Name ist schon im Himmel aufgeschrieben. Das klingt für mich sehr tröstlich und weckt bei mir eher Vertrauen in Gott als die angstmachende Ermahnung.

Aber offensichtlich ist der Hebräerbrief der Meinung, dass wir beides brauchen: Den Anspruch, nicht im Glauben nachzulassen und den Zuspruch, dass Jesus schon alles für uns getan hat. Auch wenn sich rein logisch beide Pole schwer miteinander verbinden lassen, haben wir wohl rein praktisch beide Pole nötig.

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Apostelgeschichte 21, 15-26 Paulus setzt auf Deeskalation

Trotz Warnungen reist Paulus nach Jerusalem. Dort macht ihm Jakobus gleich deutlich, dass die Situation schwierig ist. Unter den Juden hat die nationale Strömung zugenommen und alles nichtjüdische wird stärker abgelehnt. Historisch hängt das wohl mit der Thronbesteigung des Kaisers Neros um 54 n. Chr. zusammen. Unter ihm verschärfte sich der Konflikt zwischen den Juden und Rom, was dann schließlich in den Jahren 66 bis zu einem Krieg führte. Mit seiner Mission unter Heiden und seines recht freien Verständnisses des Gesetzes wurde Paulus von vielen Juden stärker abgelehnt als Jakobus und die judenchristliche Gemeinde in Jerusalem.

Paulus möchte einer Konfrontation aus dem Weg gehen und geht auf den Vorschlag von Jakobus ein. Er demonstriert seine eigene Gesetzestreue, indem er sich selbst reinigt und übernimmt die Kosten für einige Männer die ein jüdisches Gelübde abgelegt hatten. Das finde ich bei Paulus spannend: auf der theologischen Seite kämpft er hart für einen Glauben, der nicht auf Gesetzesgerechtigkeit beruht. Aber auf der sozialen Ebene kann er versöhnende Zeichen setzen. Auch wenn das in diesem Fall dann nicht funktioniert hat…

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Apostelgeschichte 2, 42-47 Wie ging das wohl weiter?

Wie lange das wohl auf so ideale Weise in der Urgemeinde in Jerusalem funktioniert hat? Wir kennen das ja auch heute noch: Es gibt geistliche Aufbrüche und neue Gemeinden entstehen. Am Anfang ist die Begeisterung groß, viele Menschen werden erreicht und viele bringen sich ein. Aber wie sehen diese Gemeinden einige Jahrzehnte später aus? Wie sah in Jerusalem das Gemeindeleben einige Jahrzehnte später aus, nachdem die erste Begeisterung verflogen ist? Ich geh davon aus, dass die Gemeinde später mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte, wie heutige Gemeinden, die sich über Jahrzehnte „etabliert“ haben. Später wird z.B. berichtet, dass andere Gemeinden für die armen Brüder in Jerusalem Geld sammeln mussten – seltsam für eine Gemeinde, die so groß ist und in der alle so bereitwillig geben (oder hatten sie gerade deswegen kein Geld mehr, weil sie alles verschenkt hatten?).

Wenn man neu im Glauben ist und voller Eifer bei der Sache ist, dann ist es relativ einfach sich täglich zu treffen, beständig miteinander zu beten und auch von seinem Geld abzugeben. Aber geschieht das Jahrzehnte später noch mit derselben Selbstverständlichkeit und Freude? Wenn man sich aneinander gewöhnt hat, wenn man die Macken des Anderen in- und auswendig kennt, wenn die Organisation des alltäglichen Gemeindelebens anfängt zu nerven (mit so profanen Fragen wie: Wer räumt nach dem Gottesdienst auf?),  wenn man die Lehre der Apostel schon x-mal gehört hat und es so langsam langweilig wird. Dann ist es für manche schon viel verlangt einmal in der Woche regelmäßig zum Gottesdienst zu kommen…

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Lukas 19, 41-48 Der Sohn Gottes weint

Jesus weint über Jerusalem. So manches Mal möchte ich auch weinen über die Gottlosigkeit unserer Welt. Über die satte Selbstzufriedenheit von uns Christen. Und nicht zuletzt über mein eigenes fehlendes Gottvertrauen. Wenn selbst der Sohn Gottes das Schicksal Jerusalems nicht wenden konnte, wie sollte ich dann etwas ändern können? Es ist gut zu wissen, dass ich in meinen Tränen nicht allein bin.

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