Orhan Pamuk: Schnee

Um was geht es in diesem Buch des Literaturnobelpreisträgers Pamuk? Gar nicht so einfach zu beantworten, weil der Autor sehr viele Themen anschneidet: Politik und Religion, die Spannung in der Türkei zwischen Verwestlichung und Islamismus, die Spannung zwischen Individualität und Zugehörigkeit zu einer Gruppe (Volk, Familie, politische Partei, Glaubensgemeinschaft), Lyrik und Inspiration, die Suche nach Glück und Erfüllung, Kunst und Künstler, Atheismus und Glaube an Gott, … aber letztendlich geht es hinter allem und vor allem um die große Liebe, um die eine Person von der man erhofft, dass sie mein Leben sinnvoll macht.

Die Hauptperson ist der Dichter Ka. Er stammt aus der Türkei und lebt viele Jahre in Deutschland. Er besucht für ein paar Tage die kleine Grenzstadt Kars in der Türkei und der Roman beschreibt ausführlich, was in diesen wenigen Tagen in dieser Stadt geschehen ist. Ka reist offiziell im Auftrag einer Zeitung, um einen Artikel zu schreiben über Selbstmorde von jungen Mädchen, die gezwungen werden sollen ihr Kopftuch abzulegen. Parmuk arbeitet in dem Buch sehr gut das Spannungsfeld heraus, in welchem sich muslimische Frauen (nicht nur in der Türkei) befinden: nicht nur in religiöser Hinsicht, sondern auch in politischer und familiärer. Aber eigentliche, innere Antriebsgrund für diese Reise in die Provinz ist Ipek, eine schöne Freundin aus Studienzeiten.

Die Stadt Kars ist während Kas Aufenthalt durch extreme Kälte und viel Schnee drei Tage lang von der Außenwelt abgeschnitten. In dieser Zeit wird Ka zum Spielball der verschiedenen religiösen und politischen Gruppen in Kars. Er ist ein hin und her Getriebener, dem es letztendlich nur um die Liebe von Ipek geht. Er verliebt sich nämlich vom ersten Augenblick an in diese unglaublich schöne Frau.
Die Geschichte nimmt teilweise groteske Wendungen und als Leser ist man nie sicher, wer denn jetzt die Guten und wer die Bösen sind. Das ist sicherlich auch ein Anliegen Pamuks: zu zeigen, dass die Welt viel zu kompliziert und verworren ist, um sie einfach in Schwarz und Weiß aufzuteilen.

Der Titel des Buches „Schnee“ hängt mit Kas Faszination von den Schneeflocken in Kars zusammen. Der Schnee sorgt rein äußerlich für die Voraussetzungen der außergewöhnlichen Ereignisse in Kars, indem die Stadt für einige Tage von der Außenwelt abgeschnitten ist. Zugleich tauchen an einer Stelle des Buches die Schneeflocken als ein Sinnbild für die Einzigartigkeit eines jeden Menschen auf: so wie jede Schneeflocke einzigartig ist, so ist auch jeder Mensch einzigartig. An dieser Stelle schlägt sich Parmuk eindeutig auf die Seite der westlich-europäischen Sicht der Individualität eines jeden Menschen. Auf der anderen Seite sehnt sich die Hauptfigur Ka immer wieder nach der wirklichen Zugehörigkeit zu einer Familie oder Volksgruppe (die er aber aufgrund seiner Lebensgeschichte nicht mehr erreichen kann).

Im Umschlagtext wird das Buch als ein „raffinierter, melancholischer Kriminalroman“ beschrieben. Man könnte vielleicht ergänzen: raffinierter, melancholischer Liebes- und Kriminalroman. Aus irgendeinem Grund erscheinen mir die Bücher von Pamuk nicht so leicht und unmittelbar zugänglich wie manch andere Romane. Aber ich hab diesen Roman trotzdem mit Genuss und Faszination gelesen. Er regt an über so manche Themen weiter nachzudenken und er hält uns Europäern immer wieder den Spiegel vor, wie leicht wir überheblich auf andere Kulturen herab schauen.

Psalm 140 – Wer anderen eine Grube gräbt

Noch ein Psalm, in dem es um Feinde und um Rache geht… Hab inzwischen zu diesem Thema schon sehr viel geschrieben… Deswegen heute mal eine Verbindung mit dem aktuellen Tagesgeschehen: Die Schweizer verbieten per Volksabstimmung den Muslimen Minarette zu bauen. Da kann man viel drüber reden und diskutieren… und es wird auch deutlich, welche Ängste in den Köpfen von uns Westeuropäern herum schwirren. Man kann wohl sagen, dass so mancher die Muslime ganz allgemein als „Feinde“ unserer westlichen Welt sehen (übrigens: In diesem „ganz allgemein“ liegt für mich der Kern des Problems…).

Wie gehen wir mit Feinden um? Psalm 140 ist (im Vergleich mit manch anderen Psalmen) noch recht zurückhaltend. Hier wird gesagt: „Das Unglück, über das meine Feinde beraten, komme über sie selbst.“ (V.10) So nach dem Motto: Wer anderen eine Grube gräbt, soll selbst hinein fallen. Im Umgang mit dem Islam könnten wir nun sagen: „Okay, wenn in vielen islamischen Ländern keine Kirchen gebaut werden dürfen und Christen unterdrückt und verfolgt werden, dann ist es doch mehr als gerechtfertigt, dass wir auch die Ausübung des Islams in unseren Ländern einschränken. Wenn wir bei denen keine Kirchtürme bauen dürfen, dann sollen die bei uns auch keine Minarette bauen!“

Aber da gibt es halt noch diesen seltsamen Jesus, der so völlig anders handelt, denkt und lehrt, als uns der gesunde Menschenverstand einflüstert. Er sagt: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3.Mose 19,18) und deinen Feind hassen.  Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Mt.5,43-45) Eieiei, wieder mal sehr unbequem was dieser Typ aus Nazareth so von sich gibt…
Bibeltext