Kolosser 2, 16-23 Ihr seid längst heilig

Die Irrlehrer in Kolossä vertreten wohl ein gesetzlich-asketisches Christentum. Sie fordern, dass man sich an bestimmte Speisegebote halten müsse und bestimmte Tage besonders heiligen müsse. In V.21 wird ihre Sicht ganz gut zusammengefasst: „Du sollst das nicht anfassen, du sollst das nicht kosten, du sollst das nicht anrühren“. Dahinter kann ja durchaus ein guter Gedanke stehen: Weil Gott heilig ist, wollen wir auch heilig leben. Aber wenn daraus ein Gesetz wird, dessen Erfüllung Vorbedingung ist, um Gott zu gefallen, dann stellt es das ganze Evangelium auf den Kopf.

Auf sehr gewagte Weise wird das im Kolosserbrief deutlich gemacht: Wir sind mit Christus den Mächten der Welt gestorben (V.20). Das heißt, dass uns diese Mächte gar nichts mehr anhaben können. Wir brauchen nicht ängstlich durch die Welt laufen und uns dauernd davor fürchten, dass wir uns verunreinigen. Nein, wir sind in Christus schon längst rein und heilig geworden. Lasst euch also von niemanden ein schlechtes Gewissen machen, wenn ihr in der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes lebt!

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1. Johannes 4, 1-6 Unterscheidung der Geister

Johannes gibt zwei Kriterien an, um zu unterscheiden, ob jemand aus dem Geist Gottes spricht oder ob er ein falsche Prophet ist. Das eine ist ein inhaltliches Kriterium, das andere ein formales. Das inhaltliche Kriterium: „Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gott.“ (V.2) Das formale Kriterium: „Wir sind von Gott, und wer Gott erkennt, der hört uns; wer nicht von Gott ist, der hört uns nicht.“ (V.6)

Nun ja, das ist ja auf den ersten Blick nicht gerade hilfreich. Das inhaltliche Kriterium spricht in die damalige Zeit mit einer speziellen theologischen Auseinandersetzung hinein. Wir leben heute in einer anderen Zeit mit anderen Auseinandersetzungen und Fragestellungen. Das formale Kriterium ist die Frage nach der Autorität, aber das kann jeder für sich in Anspruch nehmen – und das tut ja bei Auseinandersetzungen auch jeder: „Wer mit mir ist, der hat Recht und wer nicht mit mir ist, der hat unrecht.“

Aber auch wenn beide Kriterien nicht eins zu eins auf heute übertragbar sind, so zeigen sie uns doch wichtige Grundstrukturen zur Bewertung auf: Auf der inhaltlichen Seite geht es um das Zentrum – um Jesus Christus selbst. Es geht nicht um irgendwelche theologischen Spitzfindigkeiten oder moralische Fragen, sondern um Jesus selbst. Ich denke, das gilt von der Grundstruktur bis heute: So manches kann in Frage gestellt werden, aber wo Jesus selbst in Frage gestellt wird, da wird es gefährlich.

Auf der formalen Seite geht es auch bis heute nicht nur um inhaltlich Fragen, sondern darum, wer denn eine Aussage macht. Lebt die Person ein überzeugendes Leben als Christ oder nicht? Das „wir“ in diesem Abschnitt nimmt das „wir“ von 1.Joh.1,1-4 auf. Dort beschreibt sich Johannes als Zeugen, der von Anfang an Jesus gehört, gesehen und betastet hat. Das ist bis heute ein wichtiges Kriterium: Unterstreicht das Leben und die bisherige Geschichte einer Person mit Jesus ihr Zeugnis oder nicht?

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1. Johannes 3, 3-12 Lebe, was du bist!

Das scheint durchaus verwirrend, was Johannes in seinem Brief zur Sünde schreibt. Auf der einen Seite betont er, dass keiner ohne Sünde ist (1.Joh.1,8: „Wenn wir sagen wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst“). Er rechnet realistisch mit der Möglichkeit, dass auch die christlichen Leser des Briefes sündigen können (1.Joh.2,1: „Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater“). Jetzt in Kap.3 schreibt er aber: „Wer aus Gott geboren ist, der tut keine Sünde; denn Gottes Kinder bleiben in ihm und können nicht sündigen; denn sie sind von Gott geboren.“ (V.9) D.h. ein Christ kann gar nicht mehr sündigen!

Ja was denn nun? Das ist doch unlogisch!? Zunächst einmal muss man feststellen, dass wir modernen, westlichen Menschen eine andere Auffassung von Logik haben als ein antiker Hebräer. Wir haben ein stringentes und eindimensionales Verständnis von Logik. Egal von welchem Blickwinkel her betrachtet, muss eine Argumentation in sich schlüssig und einheitlich sein. Die hebräische Logik ist eher mehrdimensional. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln kann man durchaus zu unterschiedlichen Aussagen kommen, die aber trotzdem alle zutreffen. Schwierig für uns ist auch, dass Johannes sich mit Irrlehrern und ihrem Sündenverständnis auseinandersetzt und wir diese Gegenposition nicht genau kennen.

Ich glaube sein Anliegen ist folgendes: Wir sollen das, was wir sind, auch leben. Wir sind Gottes Kinder und als solche haben wir nicht nur Vergebung, sondern als Gottes Kinder können wir eigentlich gar nicht mehr sündigen. In Jesus Christus sind wir sündlos und darum sollen wir auch dementsprechend leben. Aber das ist keine automatisch eingepflanzte Eigenschaft, sondern etwas um das wir uns laufend bemühen müssen. Wenn wir versuchen in Gott zu bleiben, dann bedeutet das, dass wir zugleich auch versuchen, nicht zu sündigen. Darum liegt der Ton in Kap. 3 auch auf dem Sünde „tun“ – damit ist ein bewusstes Tun und Verharren in der Sünde gemeint. Als Kind Gottes geht das nicht. Ich kann als Christ nicht einfach munter drauflos sündigen, weil mir ja sowieso alles vergeben ist oder weil ich sage (so haben es wahrscheinlich die Irrlehrer gesehen): Ich gehöre ja zu Gott und darum ist alles was ich tue automatisch richtig.

Also ein differenziertes und gerade dadurch realistisches Verständnis von Sünde: Einerseits sind wir in Christus frei davon. Als Kind Gottes können wir keine Sünde tun wollen. Andererseits sind wir immer noch ein Teil unserer irdischen und vergänglichen Welt und stehen in der Gefahr zu sündigen.

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1. Johannes 2, 18-29 Der Antichrist

Interessant an diesem Text ist, dass Johannes von Antichristen im Plural spricht und dass er davon ausgeht, dass schon viele Antichristen gekommen sind (V.18). Inhaltlich kennzeichnet er einen Antichristen als jemand, „der leugnet, dass Jesus der Christus ist.“ (V.22) Damit meint er wohl gnostische Irrlehrer aus der damaligen Zeit, die ursprünglich mit christlichen Gemeinden verbunden waren.

Was die Gnostiker nicht glauben konnten war, dass der himmlische Christus, der Sohn Gottes, wirklich eins geworden ist mit dem Menschen Jesus. Für sie ist Gott und sein Sohn so herrlich und so anders, dass er nicht wirklich zu vergänglicher Materie werden konnte und am Kreuz verbluten und ersticken konnte. Sie gingen davon aus, dass der himmlische Sohn Gottes nur den Menschen Jesus von Nazareth eine Zeit lang sozusagen als Hülle benutzt hatte und dann rechtzeitig wieder in die himmlische Herrlichkeit zurück kehrte.

Ich kann die Denkrichtung der Gnostiker recht gut verstehen. Ich würde auch lieber als Nachfolger Christi in himmlischen Sphären schweben, als mich immer wieder neu mit der Gebundenheit an die vergängliche materielle Welt auseinander zu setzen. Ich würde auch lieber dem Leid und dem Schmerz entfliehen, als mich mit den Abgründen unserer verlorenen Welt auseinander zu setzen. Aber wenn ich von Jesus Christus das Fleisch, das Leiden, das Sterben wegnehme, dann wird daraus ein Antichrist.

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Titus 1, 10-16 Unnütze Schwätzer und Verführer

Würd mich mal interessieren, wie Paulus unsere heutige kirchliche und theologische Landschaft beurteilen würde. Dem Titus damals hatte er geschrieben, dass es viele Freche, unnütze Schwätzer und Verführer gibt. Damals waren das wohl Leute, welche besondere enge Gebote aufgestellt haben, welche vor allem auf jüdischem Hintergrund die Frage nach Rein und Unrein zu klären versuchten. Was darf ein Christ tun, was nicht? Was schadet ihm, was nicht? Paulus sagt dazu lapidar: „Den Reinen ist alles rein“ (V.15).

Wen würde Paulus heute kritisieren? Die Liberalen, welche das Evangelium verwässern? Die engherzigen Fundamentalisten, die auf alles eine platte und einfache Antwort wissen? Oder diejenigen dazwischen, weil sie zu lauwarm sind und ständig zwischen den Stühlen sitzen? Würde er eher Kritik an bestimmten theologischen Lehren üben oder würde er ethische Gleichgültigkeit kritisieren?

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2. Timotheus 4, 1-4 Ohrenjucken

Paulus warnt Timotheus davor, dass die Menschen sich selbst nach eigenen Gelüsten Lehrer aufladen werden, „nach denen ihnen die Ohren jucken“ (V.3). Dieses Ohrenjucken ist nicht nur ein Problem bezüglich Irrlehrern in einer fernen Zukunft. Es betrifft jetzt schon jeden Christen. Denn wir alle hören am liebsten das, was wir von vornherein am liebsten hören würden.

Aus unserer postmodernen Perspektive wissen wir, dass jedes Hören auch einen subjektiven Anteil hat. Jeder setzt sich beim Hören den Sinn auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen und seines Verständnisses selbst zusammen. Und da hört man natürlich am liebsten das heraus, wonach einem sowieso die Ohren jucken. Gerade als Prediger ist es faszinierend und manchmal auch verstörend, was die Zuhörer so manches mal aus einer Predigt für sich selbst heraus hören.

Bis zu einem gewissen Grad ist das auch gar nicht so dramatisch und im Gegenteil, es kann sogar bereichernd werden. Schwierig wird es dann, wenn ich gar nicht mehr offen bin für das fremde Wort Gottes, wenn ich bei Predigt und Bibellese nur noch das heraushöre, was meine festgefahrene Meinung bestätigt und wenn Gott gar keine Chance mehr hat, mich zu korrigieren. Die größte Veränderung im Leben bringen eben nicht die Worte hervor, nach denen uns die Ohren jucken,sondern das Wort Gottes, das uns manchmal in den Ohren und im Herzen weh tut und aufrüttelt, das Wort Gottes, das manchmal so fremd und unverständlich ist, das Wort Gottes, das uns immer wieder neu überrascht.

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2. Timotheus 3, 14-17 Bleibe bei der Schrift

V.16 ist sehr bekannt und wird gerne verwendet, um die Inspiration der Schrift zu belegen: „Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit.“ Für mich war es interessant diesen Vers im größeren Zusammenhang zu lesen. Schriftinspiration ist im Kontext kein Thema und es wird in diesem Vers auch nur beiläufig in einem Nebensatz erwähnt. Auch will dieser Vers keine umfassende Beschreibung der Schrift geben.

Im Zusammenhang geht es um Irrlehrer, Leiden und Verfolgung. In diesem Abschnitt soll nun Timotheus ermutigt werden, bei dem zu bleiben, was ihm von Kind auf vertraut ist: die Schrift (für Timotheus war das übrigens das Alte Testament – das Neue Testament gab es damals noch gar nicht!). Das gibt ihm als Gemeindeleiter Halt gegen die falschen Lehren und wenn in der Anfeindung von Außen sein Glaube in Frage gestellt wird. Deswegen ist in dieser Zusammenfassung auch der lehrhafte und erzieherische Charakter der Schrift betont. Die Schrift hat sicher auch noch andere Aufgaben. Sie ist sehr viel vielschichtiger. Sie ist für uns auch Trost, leitet uns an zum Lob und zur Klage, sie ermutigt uns,… und noch vieles mehr.

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2. Timotheus 2, 14-26 Krebsgeschwür des Bösen

In diesem Abschnitt wird Timotheus vor unnützem Streit mit Irrlehrern gewarnt. Zwei Beschreibungen sind mir besonders aufgefallen: „ihr Wort frisst um sich wie der Krebs“ (V.17) und „Verstrickungen des Teufels, von denen sie gefangen sind“ (V.26). Das Gefährliche am Bösen ist, dass es sich so langsam und fast unmerklich ausbreitet. Es wächst im Verborgenen, wie ein Krebs. Man verstrickt sich immer mehr darin und irgendwann, kann man sich gar nicht mehr daraus befreien.

In meinem Kopf ist jahrelang ein Tumor vor sich hingewachsen und ich hab nichts davon gemerkt! Er war nicht sichtbar, er war nicht eindeutig spürbar, er ist einfach langsam gewachsen und immer größer geworden. Ähnlich kann sich das Böse ausbreiten: es nistet sich im christlichen Leben ein und breitet sich langsam aus. Zunächst merkt man es gar nicht. Es sind scheinbar harmlose Worte und Gedanken. Es scheint alles in Ordnung zu sein – aber es steigert sich langsam, es frisst um sich. Irgendwann wird es dann offensichtlich und dann wird die Bekämpfung schon ziemlich schwierig. Es ist wie beim Krebs: je früher man es erkennt, desto leichter ist es zu bekämpfen.

Erstaunlich ist für mich, wie behutsam Timotheus mit diesem Krebsgeschwür des Bösen umgehen soll: Es soll Abstand halten (V.16), sich reinigen (V.21), dem Guten nachjagen (V.22), freundlich bleiben und das Böse ertragen (V.24) und mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweisen (V.25). Kein radikaler Kampf gegen das Böse, sich nicht verstricken lassen in eine Auseinandersetzung, keine Angriffsfläche bieten, sondern sich abwenden und dem Guten zuwenden.

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1. Timotheus 6 Geschäft mit religiösen Sehnsüchten

Ganz zum Schluss des Briefes werden die Irrlehrer ausdrücklich mit einem Stichwort gekennzeichnet. Sie gehören zur „sogenannten Erkenntnis“ (auf griechisch: Gnosis). Das war eine religiös-philosophische Geistesströmung, die unterschiedliche Ausprägungen annehmen konnte und mit der sich v.a. im 1. Jh. n. Chr. die junge Kirche auseinandersetzen musste. In der vielgestaltigen Strömung wurden Elemente aus verschiedenen Religionen und Weltanschauungen integriert – ähnlich der heutigen Esoterik. Ein wesentliches Merkmal der Gnosis war eine Skepsis gegenüber allem Materiellen und Leiblichen. Das konnte sich einerseits in einer extremen Leibfeindlichkeit äußern (vgl. 1. Tim. 4,3), es konnte aber auch ins Gegenteil umschlagen, in eine extreme moralische Gleichgültigkeit gegenüber allem Leiblichen. Diese Haltung beruht auf der Annahme, dass alles Materielle von einem bösen Gott geschaffen wurde. Erlösung findet man durch die „Erkenntnis“ des wahren Göttlichen, das als göttlicher Lichtfunke in jedem von uns wohnt.

Bezeichnend in diesem Kapitel ist auch, dass das Streben nach Reichtum und Gewinn bei den Irrlehrern kritisiert wird. Das verbindet sich ja bis heute gerne: Seltsame esoterische Lehren, die durchaus eine gewisse Schnittmenge mit guter Lehre haben, aber in Endeffekt etwas völlig anderes sind, und das Gespür dafür, dass man mit religiösen Gefühlen und Sehnsüchten auch gute Geschäfte machen kann. Als aktuelles Beispiel fällt mir da die „Gebetsessenz“ von einem gewissen Jürgen Fliege ein. Angeblich eine Art „Ursuppe“, über welche Jürgen Fliege gebetet hat, die dadurch besondere Heilkräfte besitzen soll und die sich dann prächtig für 39,95 Euro (95 ml-Flasche, 420 Euro pro Liter) verkaufen lässt… (vgl. hier auf EsoWatch)

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1. Timotheus 4, 1-5 Ein heiliges Leben

An dieser Stelle werden die Auffassungen der Irrlehrer am deutlichsten: Sie gebieten nicht zu heiraten und bestimmte Speisen zu meiden. Sie wollen also durch enge Grenzziehungen für ein heiliges Leben sorgen. Der geistliche Mensch soll sich nicht durch irdische Dinge „beschmutzen“. Die Antwort darauf ist deutlich: „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.“ (V.4)

Welche Einstellung habe ich zur Welt? Habe ich Angst mich zu beschmutzen? Oder sehe ich sie als gutes Geschenk Gottes? Natürlich kennt auch die Bibel klare Grenzziehungen, z.B. die zehn Gebote. Das werden klare Grenzen aufgezeigt und gesagt: es ist nicht gut für deinen Nächsten, für dich selbst und für deine Beziehung zu Gott, wenn du diese Grenzen überschreitest.

Aber der eigentliche Kern biblischer Ethik sind nicht die negativen Grenzziehungen, sondern die positive Ausrichtung auf Gott. Wenn ich mich auf Gott ausrichte und auf ihn schaue, dann bin ich auf dem richtigen Weg. Gott ähnlicher werde ich nicht dadurch, dass ich das Negative, das Böse meide, sondern dadurch, dass ich mich am Positiven, am Göttlichen ausrichte. Das ist eine unterschiedliche Lebens- und Glaubensausrichtung: geht es vor allem darum keine Fehler zu machen, um es sich mit Gott nicht zu verderben oder geht es darum voller Freude und Dankbarkeit auf Gottes Güte zu schauen?

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