Johannes 8, 21-29 Ich bin es

Immer wieder kreist das Johannesevangelium um die Frage, wer Jesus ist, bzw. um den Anspruch, den Jesus für seine Person erhebt. Hier spricht Jesus an zwei Stellen davon, „dass ich es bin“ (V.24 und 28). Oberflächlich betrachtet ist das gar keine Aussage und es schließt sich die logische Nachfrage an: „Wer bist du denn?“ (V.25). Auf dem Hintergrund des Alten Testamentes und der jüdischen Tradition ist es aber weit mehr. Jesus spielt hier auf den Gottesnamen an: „Ich bin der ich bin“. Nur einer kann von sich in absoluter Weise sagen, „dass ich es bin“ – Gott selbst. So verstanden ist diese Aussage eine riesige Provokation. Sie ist entweder eine völlige Selbstüberschätzung und damit auch Gotteslästerung – oder sie trifft zu.

Zur Zeit der Niederschrift des Johannesevangeliums scheint gerade die Frage des Anspruches Jesu ein Streitthema gewesen zu sein – sonst würde dieses Thema nicht so oft und ausführlich im Johannesevangelium auftauchen. Wir können nur vermuten, in welchem konkreten Umfeld das Johannesevangelium entstanden ist und wie die konkreten Auseinandersetzungen waren. Aber die zentrale Frage war offensichtlich: Wer war dieser Jesus von Nazareth? Als guten Menschen und von Gott gesandten Propheten konnten ihn wohl noch manche akzeptieren. Aber als Sohn Gottes? Als jemand, der aus der göttlichen Welt stammt und ein Mensch aus Fleisch und Blut wurde? Das fällt bis heute den meisten schwer.

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Johannes 6, 48-59 Fleisch und Blut

Das ist eigentlich kein Wunder, dass diese Anspielungen auf’s Abendmahl niemand so richtig versteht: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben.“ (V.54) Wie sollte das vor der Einsetzung des Abendmahls und vor Kreuz und Auferstehung jemand kapieren? Und selbst für uns heute ist es ja noch schwer verständlich, was das eigentlich bedeutet: Jesu Fleisch essen und sein Blut trinken. Über die genaue Bedeutung dieser Worte haben sich die Gläubigen durch die ganze Kirchengeschichte hindurch gestritten und sind sich bis heute nicht einig.

Es ist auffällig, dass gerade im Johannesevanglium so irdisch-materiell geredet wird, denn gerade Johannes erzählt ja die Geschichte Jesu auf einer theologisch durchdrungenen und geistlichen Ebene. Natürlich steckt auch an dieser Stelle dahinter eine geistliche Bedeutung: Jesus gibt seinen irdischen Leib (sein Fleisch) dahin und er vergießt am Kreuz sein Blut – und diese Lebenshingabe dient uns zur Erlösung und zum ewigen Leben. Aber das könnte man ja auch etwas weniger anstößig formulieren. Auch heute noch empfinden wir das als anstößig und es wird bei so manchen Abendmahlsfeiern nicht mehr von Jesu Leib und seinem Blut gesprochen, sondern vom Brot des Lebens und vom Kelch des Heils. Das klingt angenehmer und ist ja auch besser verständlich.

Trotzdem wird hier im Johannesevangelium bewusst so anstößig formuliert. Gegen eine Vergeistigung des Glaubens und des Todes Jesu wird an seiner Materialität festgehalten. Da ist nicht nur etwas gedanklich-philosophisches geschehen, da ist nicht nur etwas geistliches geschehen – nein, da ist konkret in unserer menschlichen Welt etwas geschehen. Dieser Jesus ist für uns ans Kreuz gegangen und für uns gestorben. Das ist nicht nur eine Idee oder ein religiöses Prinzip, sondern eine konkrete geschichtliche Tat. So wie der Sohn Gottes in Jesus Fleisch und Blut wurde, so ist der Sohn Gottes in Jesus auch in Fleisch und Blut am Kreuz gestorben.

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Johannes 4, 1-10 Gib mir zu trinken!

Schon durch seine Auswahl und seine Anordnung des Stoffes betreibt das Johannesevangelium Theologie. Das erste längere Gespräch hat Jesus mit Nikodemus, einem gesellschaftlich und religiös hoch angesehenen und respektierten Mann. Sozusagen als Ergänzung folgt nun gleich ein Gespräch mit einer Frau, die gesellschaftlich am Rand stand und die als Samaritanerin religiös von den Juden nicht akzeptiert war. Jesus lässt sich auf beide ein, redet mit ihnen und lässt sich Zeit für sie. Für Jesus spielt das Geschlecht, die gesellschaftliche Stellung und auch die religiös-moralische Ausgangslage eines Menschen keine Rolle. Er kommt zu allen, nicht nur zur Mitte der Gesellschaft. Das sollte uns vielleicht auch für manch aktuelle Debatte zu denken geben…

Was mir an dieser Geschichte auch auffällt ist, wie menschlich Jesus zu Beginn geschildert wird. Das ist gerade im Johannesevangelium ungewöhnlich, denn in ihm wird ja auf extreme Weise von Anfang an Jesus Hoheit und seine göttliche Seite betont. Hier jedoch ist er ganz Mensch. Er ist müde von der Reise (V.6) und er bittet eine Frau um Hilfe (V.7). Für jemand der Wasser in Wein verwandeln kann, wird er hier ganz schön schwach und hilfsbedürftig dargestellt.

Für mich ist das ein Trost: Gott verzichtet in Jesus auf seine Hoheit und will uns Menschen gerade auch in unserer Schwachheit und Menschlichkeit gebrauchen. Die Frau kann kein Wasser in Wein verwandeln, aber sie kann ihren Wasserbehälter nutzen, um Jesus zu trinken zu geben. Obwohl Jesus es ist, der ihr das entscheidende Wasser gibt – das lebendige Wasser – kann sie ihren ganz menschlichen Teil beitragen, um Jesus zu helfen. So möchte auch ich mich in meiner Schwachheit gebrauchen lassen. Ich kann kein lebendiges Wasser geben, aber wenn Jesus mich ruft, etwas kleines und mir mögliches zu tun, dann will ich es tun.

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Hebräer 2, 10-18 Kein Superheld

Gott hat keinen Engel geschickt, der mit seinen wunderbaren himmlischen Kräften auf wunderbare Weise uns Menschen kurzfristig aus Gefahr und Tod errettet. Er hat Jesus Christus geschickt, der einer von uns wurde, Fleisch und Blut, der mit uns gelitten hat, der unsere Versuchungen und Nöte kennt und der für uns den irdischen Tod gestorben ist. Gerade so hat der die Macht des Todes endgültig überwunden.

Jesus Christus war kein Superheld, der mit seinen Superkräften auf spektakuläre Weise die Welt vor dem Untergang rettet, sondern einer von uns. Er will nicht für und anstatt uns kämpfen, sondern in und durch uns. „Denn worin er selbst gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.“ (V.18)

Ich kann verstehen, dass wir Menschen immer wieder die Sehnsucht nach einem Engel (oder einem Superhelden) haben, der für uns unsere Probleme löst. Das wünsche ich mir so manches mal auch, wenn mir alles über den Kopf wächst: dass da jemand ist, der an meiner Stelle alle Probleme und Sorgen beiseite schafft. Aber Jesus ist keine Engel und kein Superheld. Er wurde wie ich, er wurde mein Bruder, er leidet mit mir an meiner Angst und an meinen Sorgen. Er durchleidet für mich den Tod, so dass ich keine Angst mehr davor haben muss. Er kennt meine Angst und meine Sorgen, und er hilft mir, selbst damit fertig zu werden.

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2. Johannes 7-13 Gott und Mensch

Der Abschnitt zeigt, dass es im 2. Johannesbrief noch um dasselbe Thema geht wie im ersten – die adressierte Gemeinde hat offensichtlich noch mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen: Es gibt Menschen welche die Gemeinde verwirren, weil sie leugnen, dass Jesus Christus wirklich ins Fleisch gekommen ist, d.h. dass er wirklich voll und ganz Mensch wurde. Interessant ist, dass ja genau dasselbe Thema ja auch im Johannesevangelium deutlich angesprochen wird: „Und das Wort ward Fleisch“ (Joh.1,14).

Von Anfang an war es wohl schwierig, sich Jesus zugleich als wahren Gott und als wahren Mensch vorzustellen. Je nach theologischem Schwerpunkt neigen wir auch heute dazu, uns Jesus eher als Menschen mit besonderen göttlichen Einsichten vorzustellen oder als Gott, der so tut als ob er Mensch wäre. Aber auch wenn wir mit unserer Logik hier an Grenzen kommen: Jesus war beides, Gott und Mensch.

So wie mein Bild von Jesus ist, so sieht auch mein Glaube aus. Wenn er nur Gott ist, dann fehlt meinem Glaube das Fleisch, mein Glaube wird blutleer, abstrakt und abgehoben. Wenn Jesus nur Mensch ist, dann wird mein Glaube klein, kraftlos und überfordert. Beides allein ist zu wenig…

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1. Johannes 5, 5-13 Wer den Sohn hat

Gegen Schluss seines Briefes hält Johannes noch einmal das Wesentliche fest: Es geht um Jesus Christus, der wirklich Mensch wurde und wirklich Gottes Sohn war. Gegenüber einer Verflüchtigung des Menschgewordenen ins innerlich-esoterische oder zu einer philosophisch-abstrakten Idee betont Johannes, dass der Sohn Gottes wirklich am Kreuz für uns gestorben ist. Nicht nur in der Taufe (dafür steht das Wasser) sondern auch am Kreuz (dafür steht das Blut) war Jesus Christus der Sohn Gottes.

Auch uns heute hilft es wenig an eine abstrakte Idee des Göttlichen zu glauben oder auf esoterische Weise auf einen göttlichen Lichtfunken in uns zu hoffen. Was zählt ist der Glaube an Jesus Christus. Er hat tatsächlich gelebt, ist über diese Erde gegangen, wurde gekreuzigt und ist auferstanden. Er war ein konkret fassbarer Mensch und keine abstrakte Idee. Johannes sagt es knapp und deutlich: „Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.“ (V.12)

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Hesekiel 44 Rein und unrein

Hesekiels Vision vom zukünftigen Tempel bleibt ganz in seiner priesterlichen Welt. Vollendung bedeutet für ihn: vollkommener Opferdienst von absolut reinen Priestern in einem perfekten Heiligtum. Auch in diesem Kapitel trennt er streng zwischen dem reinen Bereich, der mit dem Heiligen in Berührung kommt und dem profanen Bereich, der mit unserer normalen irdischen Welt in Berührung kommt. Die Priester müssen streng darauf achten, dass beide Bereiche nicht vermischt werden.

Wie anders lebt und handelt Jesus: Er wird im Hebräerbrief als der eine Hohepriester bezeichnet. Aber er blieb nicht im absolut reinen und heiligen himmlischen Bereich, sondern er wurde vergängliches Fleisch. Er hat sich nicht im Heiligtum aufgehalten oder in der Abgeschiedenheit der Wüste, sondern er ging mitten unter die Menschen. Er hat sich nicht von Kranken und Sündern ferngehalten, sondern feierte mit Zöllnern und Huren. Er hat nicht versucht, die Reinheit des Heiligen durch Abschottung zu bewahren, sondern er hat das Unreine durch seine Gegenwart gereinigt.

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Bonhoeffer: Nachfolge (23) – Das Bild Christi

Das Abschlusskapitel von Bonhoeffers Nachfolge. Noch einmal nimmt Bonhoeffer das Ganze in den Blick und fragt, was die Bestimmung, das Ziel des Nachfolgers ist: „Es ist die unfaßlich große Verheißung, die denen gegeben ist, die vom Ruf in die Nachfolge Jesu Christi getroffen wurden, daß sie Christus gleich werden sollen […] Das ist die letzte Bestimmung des Jüngers, daß er werden soll, ‚wie Christus‘.“ (S.297) Auffällig auch hier noch einmal der Ausgangspunkt: wir werden vom Ruf in die Nachfolge getroffen. Es ist nicht etwas, das von uns ausgeht, sondern Wesentlich ist der Ruf Jesu.

Bonhoeffer nimmt im Zusammenhang mit dem Bild Christi die Schöpfungsgeschichte auf: Das ist die Bestimmung des Menschen von Anfang an, „daß er Geschöpf ist und doch dem Schöpfer gleich sein soll“ (S.297). Er ist zu Gottes Ebenbild erschaffen. Jesus Christus ist gekommen, dieses verlorene Bild Gottes wiederherzustellen. „Niemand findet das verlorene Ebenbild Gottes wieder, es sei denn, daß er teilgewinnt an der Gestalt des menschgewordenen und gekreuzigten Jesus Christus.“ (S.300)

Diese Wiederherstellung geschieht auf dreifache Weise: Christus hat erstens Menschengestalt angenommen. Damit gibt er der ganzen „Menschheit die Würde der Gottebenbildlichkeit zurück“ (S.301). In jedem Menschen begegnet uns daher auch Christus und somit gründet in der Menschwerdung Jesu auch die Liebe zu allen Menschen. Zweitens muss der Jünger auch umgestaltet werden in die Todesgestalt des Gekreuzigten. Er muss der Sünde und der Welt sterben. Aber er wird drittens auch dem Verklärten und Auferstandenen gleichgestaltet. Das ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess: „Immer tiefer wird die Umgestaltung zum göttlichen Ebenbild, immer klarer wird das Bild Christi in uns“ (S.302).

Aber obwohl diese Umgestaltung ein anhaltender Prozess ist, sind wir doch jetzt schon Ebenbild Christi: „Weil wir zum Ebenbilde Christi gemacht sind, darum sollen wir sein wie Christus. Weil wir Christi Bild schon tragen, darum allein kann Christus ‚Vorbild‘ sein, dem wir folgen.“ (S.303) Wer in der Nachfolge steht, der soll das was er durch Christus schon längst ist, auch leben!

Am Ende betont Bonhoeffer noch einmal, was immer wieder durch das ganze Buch hindurch auftaucht: Nachfolge heißt allein auf Jesus zu sehen. „Der Nachfolgende sieht allein auf den, dem er folgt.“ (S.304) Es geht nicht um religiöse Selbstfindung, es geht nicht um die Suche nach wahrem Glück und Erfüllung, es geht nicht um fromme Weiterentwicklung, es geht nicht politische Umgestaltung der Welt,… All das kann und wird geschehen in der Nachfolge, aber es bleibt zweitrangig – denn der Nachfolger hat allein eines im Blick: Jesus Christus.

Mein persönliches Schlussfazit: Ich muss zugeben, an manchen Stellen tat ich mich schwer mit Bonhoeffers scharfen Zuspitzungen. Ich muss zugeben, dass sich das letzte Drittel ziemlich hingezogen hat. Aber insgesamt gesehen bin ich beeindruckt von diesem Buch und von Bonhoeffers Lebenszeugnis, das seine theologischen Aussagen untermauert. Ich bin beeindruckt von seiner Klarheit, die nicht in Vereinfachung und Banalität mündet. Ich bin beeindruckt, wie er tiefe persönliche Jesus-Frömmigkeit mit politischer Weltverantwortung kombiniert. Ich bin fasziniert davon, wie er durch alle theologischen Differenzierungen hindurch immer den Blick auf Jesus gerichtet hat.

1. Petrus 2, 1-3 – Die Freundlichkeit Gottes auf der Zunge zergehen lassen

Bin erstaunt und fasziniert wie kraftvoll und anschaulich Petrus formuliert. In diesem kurzen Abschnitt sind mir zwei Sprachbilder besonders aufgefallen: Zum einen die Aufforderung, dass wir alle Bosheit und überhaupt alles sündige Verhalten „ablegen“ sollen. So wie man alte Kleider ablegt, so soll man die Bosheit ablegen. Mein erster Gedanke: Wenn’s nur so einfach wäre. Eine Jacke auszuziehen ist kein Problem, aber schlechte Gewohnheiten, die einem über die Jahre zu einer zweiten Haut geworden sind einfach abzulegen – das ist schwieriger, das geht unter die Haut…

Faszinierend auch die andere Formulierung: Ihr habt ja „geschmeckt“, wie freundlich der Herr ist. Petrus verwendet auch hier keine geistlich abgehobenen, abstrakten Begriffe, sondern ganz handfeste Bilder. Es ist als ob auch in seinen Worten der Glaube Fleisch wird und ganz in diese irdische Welt inkarniert. Erstaunlich, dass er keine Hemmungen davor hat zu sagen, dass wir die Freundlichkeit Gottes geschmeckt haben. Und damit ist wirklich das Essen und Schmecken mit Mund und Zunge gemeint. Ihr habt euch doch die Freundlichkeit Gottes schon auf der Zunge zergehen lassen! Ihr wisst doch wie köstlich und lecker Gott schmeckt!

Darum sollt ihr Gottes Wort so selbstverständlich und begierig aufnehmen, wie ein Baby die Muttermilch. Man traut sich ja kaum dieses Bild auszumalen: Wer Bibel liest, der liegt wie ein Kind an Gottes Mutterbrust! Die Muttermilch ist das, wonach sich ein Baby ganz instinktiv verlangt. Es das was ein Baby gesund und kräftig werden lässt, das was es wachsen lässt. Und darüber hinaus ist es der Ort, an dem es ganz enge und intime Gemeinschaft mit der Mutter erlebt. Es schmeckt die Freundlichkeit und Zuwendung der Mutter.
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Psalm 144 – Der geneigte Himmel

„Herr, neige den Himmel und komm herab! … Streck deine Hände vom Himmel herab…!“ (V.5.7; Gute Nachricht) Das verrückte ist: Er hat’s getan! Er hat den Himmel geneigt und kam herab! Er hat seine Hände vom Himmel herab gestreckt. Allerdings nicht so wie sich das der Beter vorgestellt hat („Berühre die Berge, dass sie rauchen!“ V.5): Er kam als kleines Kind, das in Windeln gewickelt in der Futterkrippe lag. (Lk.2,12) Nur noch 19 Tage bis zum Fest des geneigten Himmels…
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