Thomas von Steinaecker: Geister

Raffiniert und hintergründig ist der zweite Roman des jungen deutschen Schriftstellers Thomas von Steinaecker. Der Autor wurde nach seinem Debütroman „Wallner beginnt zu fliegen“ hoch gelobt – nach einem gelungenen ersten Roman ist der zweite um so schwieriger zu schreiben. Mir hat das Buch gut gefallen, auch wenn es mir insgesamt etwas zu bedeutungsschwer daherkommt.

Die Hauptperson Jürgen findet sich nur schwer in der Welt zurecht. Sein Leben ist geprägt vom spurlosen Verschwinden seiner älteren Schwester Ulrike. Als Sechsjährige taucht sie einfach nicht mehr auf und keiner weiß, was mit ihr passiert ist. Kurz darauf wird Jürgen geboren – er hat sie also nie kennengelernt und doch ist sie als Abwesende in der Familie immer anwesend (wie ein Geist). In der ersten Hälfte des Buches wird die Problematik dieses Familienhintergrundes und wie Jürgen damit zu kämpfen hat, entfaltet.

In der zweiten Hälfte lässt der Autor seine Hauptfigur die Suche nach einer eigenen Identität auf andere Weise fortführen: Jürgen lernt eine geheimnisvolle Comic-Zeichnerin kennen, welche das Verschwinden vor Ulrike zum Anlass nahm, um eine fiktive Lebensgeschichte von Ulrike als Graphik-Novell fortzuführen. Seit Jahren veröffentlicht sie wöchentliche Comic-Strips im Internet in denen es um Ute geht (eine Mischung aus der Zeichnerin selbst und einer fiktiven Geschichte der verschwundenen Ulrike). Als Jürgen von der Zeichnerin schließlich in die Comic-Serie als Person eingebaut wird, beginnt für Jürgen eine neue Auseinandersetzung zwischen fiktionaler (Geister-)Welt und Realität. Er gerät in den Sog der virtuellen Geschichte und merkt, dass die Fiktion für ihn wichtiger wird als die Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit entpuppt sich dann auch als nicht halb so spannend, wie die virtuelle Geschichte.

Eine formale Besonderheit des Romans ist, dass in der zweiten Hälfte die Comic-Strips als Zeichnungen mit ins Buch einfließen. Sie sind ein Teil der Geschichte und laufen parallel zu den Ereignissen in der Romanwirklichkeit. Das ist neu und interessant – ich find diese Kombination durchaus gelungen. Vor allem weil es kein überflüssiges Beiwerk ist, sondern die Romanhandlung mit voran treibt.

Nach meinem Empfinden gibt es allerdings zwischen dem ersten und zweiten Teil einen Bruch: Nachdem die verschwundene Ulrike im ersten Teil im Zentrum stand, spielt sie im zweiten Teil im Grunde keine Rolle mehr. Zwar sind beide Teile miteinander verknüpft, aber eigentlich könnte man daraus zwei Romane machen: einen in dem es darum geht, wie Jürgen mit dem Trauma der verschwundenen Schwester umgeht und einen zweiten, in dem beschrieben wird, wie eine virtuelle Liebesgeschichte in der Realität kläglich scheitert. Was mich auch etwas stört: zwischen den Zeilen quillt immer wieder das medientheortische Interesse des studierten und promovierten Literaturwissenschaftlers von Steinaecker hervor. Ich finde es zwar prinzipiell begrüßenswert, wenn nicht nur spannende Geschichten erzählt werden, sondern unter der Oberfläche auch noch anderes verborgen liegt – aber in dem Fall ist es etwas zu aufdringlich.

Trotzdem: gelungenes Buch und absolut lesenswert!

(Amazon-Link: Thomas von Steinaecker: Geister)

Haruki Murakami: Kafka am Strand

Eine raffinierte Mischung hat Murakami da in seinem Roman zusammengestellt. Ein 15-jähriger Junge auf der Suche nach seiner Identität und Frieden mit seiner Vergangenheit; ein „heiliger Narr“, der durch seine Einfalt und Intuition fasziniert; eine Vermischung von realistischer Geschichte mit Elementen aus Fantasy und japanischer Mystik; und das Ganze spannend erzählt und gewürzt mit einigen detailreichen Sexszenen…

Es geht um den Jungen Kafka Tamura, der von zu Hause ausbricht. Seine Mutter und ältere Schwester haben die Familie verlassen, als er vier Jahre alt war. Von seinem Vater fühlt er sich ungeliebt. Außerdem belegt der Vater Kafka mit einem ödipalen Fluch: er wird ihn – seinen Vater – töten und mit seiner Mutter schlafen. Kafka versucht, vor diesem Fluch zu fliehen, er lässt ihn aber innerlich nicht los und scheint sich auch auf mystische Weise zu erfüllen.

Daneben gibt es parallel einen zweiten Handlungsstrang, in welchem es um den geistig behinderten Nakata geht, der seit einem seltsamen Zwischenfall in seiner Kindheit nach normalen Maßstäben als „dumm“ angesehen wird, der aber auch manche mystischen Fähigkeiten besitzt (wie z.B. dass er mit Katzen reden kann und dass er Makrelen vom Himmel regnen lassen kann).

Das interessante an dem Buch sind die fließenden Übergänge zwischen Realität und Fantasie, zwischen äußerlicher Geschichte und innerem Erleben. Das Buch spielt nicht allein auf einer realitätsunabhängige Fantasyebene, sondern es ist zugleich auch eine Geschichte in der realen Welt und zugleich drehte es sich auch um reale, innere psychische Vorgänge. Es bleibt offen, was sich nun genau auf welcher Ebene abspielt.

Das Buch ist gut geschrieben, es entwickelt sich eine erzählerischer Sog, der zumindest mich als Leser in die Geschichte hinein gezogen hat. Die Figuren, die Murakami erschaffen hat, sind zwar völlig überzeichnet, aber trotzdem irgendwie natürlich und sympathisch. Besonders gefallen hat mir der „heilige Narr“ Nakata. Gerade in seiner Einfalt wird eine große Lebensweisheit deutlich.

Zitate

  • „Ich bin frei. Ich schließe die Augen und denke eine Weile über diesen Umstand nach. Aber noch bin ich nicht imstande, wirklich zu begreifen, was es bedeutet, frei zu sein. Im Augenblick begreife ich nur, dass ich völlig allein bin. Allein in einem unbekannten Land, wie ein einsamer Entdecker ohne Kompass und Karten. Ist das Freisein? Nicht einmal das weiß ich. Ich gebe es auf, darüber nachzugrübeln.“ (S. 64)
  • „Irgendwie habe ich echt das Gefühl, am richtigen Platz zu sein. Die Frage, was ich überhaupt bin, spielt für mich gar keine Rolle, wenn ich mit Nakata zusammen bin. Der Vergleich ist vielleicht etwas übertrieben, aber irgendwie komme ich mir vor wie ein Jünger von Buddha oder Jesus. So muss es gewesen sein, Buddha zu folgen. Dabei geht es nicht um komplizierte Dinge wie eine Lehre oder die Wahrheit, sondern um dieses Gefühl.“ (S.440)

Ernst Augustin: Mahmud der Bastard

Also, ich mag seine Bücher. Ernst Augustin ist ein ausgezeichneter Erzähler mit einem weiten Horizont und einem feinen Gespür für Humor. So manches mal spürt man richtig, wie er als Schriftsteller seinem Leser zuzwinkert. Er hat einen breiten Wissens- und Erfahrungshintergrund (als Arzt und Psychologe, der auch schon einige Jahre in Afghanistan gearbeitet hat), den er mit leichter Hand in seine Bücher einfließen lässt.

Der Roman beschreibt die Geschichte einer historischen Person: Mahmud von Ghazni, der um das Jahr 1000 n.Chr. in Afghanistan gelebt hatte. Aber der Roman ist keiner dieser gewöhnlichen historischen Romane, die einem weismachen wollen, dass es sich so, oder zumindest so ähnlich, tatsächlich zugetragen hat. Dazu ist Augustin sich der historischen Distanz und der dürftigen Quellenlage viel zu bewusst. Deswegen lässt er den Leser immer wieder teilhaben an seinem Ringen mit dem Stoff und mit dieser Person, die sich im Lauf des Schreibens sympathischer entwickelt als es eigentlich gedacht war. Eigentlich geht es um einen Bösewicht, einen Schlächter (die ursprüngliche Ausgabe trug den Titel: Mahmud der Schlächter). Aber dem Autor wächst dieser Bösewicht im Lauf des Erzählens sichtbar ans Herz.

Mahmud ist einer der Söhne eines afghanischen Fürsten, der eigentlich schon kurz nach der Geburt sein Leben verlieren sollte, weil die Mutter eines anderen Sohnes gegen ihn intrigiert. Wie durch ein Wunder kommt er mit dem Leben davon und wird die ersten Lebensjahre von einer Löwenmutter großgezogen. Wir merken schon hier, dass Augustin keinen historischen Bericht geben möchte, sondern einstimmt in den vielstimmigen Chor der afghanischen Legende, die das Leben des Mahmuds umranken. Noch so manch sonderliche und wunderbare Begebenheit wird im Lauf des Buches erzählt.

Sein Gegenspieler ist ein verwöhnter indischer Prinz, der jedoch auf seine Weise auch ein schweres und entbehrungsreiches Leben führen musste. Mahmud ist eine Zeit lang als Anführer einer räuberischen und wilden Rotte unterwegs und verbreitet Furcht und Schrecken. Dabei wird sein Ruf größer, imposanter und brutaler als seine Taten. Auf jeden Fall findet er durch viele Wirrnisse hindurch am Ende doch noch so etwas wie persönlichen Frieden.

Ein phantastisches Buch. Dabei meine ich „phantastisch“ nicht in erster Linie als Bewertung, sondern als Beschreibung des Inhalts. Man kommt sich vor, als ob man irgendwo in Afghanistan am Lagerfeuer sitzt und jemand erzählt mit leuchtenden Augen und mit ganzem Körpereinsatz von dem großen Mahmud. Wie so oft bei Ernst Augustin geht es aber nicht nur um eine spannende Abenteuergeschichte, sondern auf einer anderen Ebene, um die Geschichte einer langwierigen und schwierigen Selbstfindung. Ohne dass es angesprochen wird, geht es um die Frage nach der eigenen Identität, um die Frage: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wie finde ich Erfüllung und Frieden?

Ein Buch das ich sehr genossen habe, gerade wegen der Verbindung von spannender und gut erzählter Geschichte und tiefgründigen Fragen, nach der eigenen Identität und nach historischer Wahrheit. Und das Ganze wird mit einem Schuss Humor noch etwas versüßt…

coming out

Es ist soweit: Der windhauch lüftet sein größtes Geheimis! Wer steckt hinter dem bisher anonymen windhauch?Portrait Jochen Röhl

Tataaah: Jochen Röhl, aus Geislingen.

Klingt jetzt nicht besonders spannend und aufregend – ist es auch nicht. Hab nur langsam das Gefühl, dass es Zeit ist, hier auf dem Blog nicht nur persönliche Gedanken, Gefühle und oft auch Zweifel und Fragen loszuwerden, sondern auch zu all dem zu stehen. Über manches kann man anonym besser schreiben. Aber manchmal ist es auch schwieriger persönlich zu sein, weil man ja seine Identität nicht lüften möchte.

Ein paar Takte zu meiner Person: Ich bin Pastor, und das ist auch gut so! 😉 Seit 2004 bin ich hier in Geislingen an der Steige bei der Evangelisch-methodistischen Kirche (emk-geislingen.de => Hier gibt’s auch meine Predigten…). Ich möchte auf dem Blog weiter ganz bewusst als windhauch und nicht als Pastor schreiben. Das lässt sich natürlich nicht trennen – wir sind ein und dieselbe Person (auch wenn ich in diesem Satz schon das leicht schizophrene und nicht hoheitlich gemeinte „wir“ verwende 😉 ), aber als windhauch hab ich mehr innere Freiheit manches auch offener und ungeschützter zu formulieren.

Was sonst noch wichtig ist: Ich bin verheiratet mit der heiß geliebten Nicola und wir haben drei wundervolle Söhne, auf die ich sehr stolz bin.

Powers: Das Echo der Erinnerung

Ein wirklich gutes, unterhaltsames und anregendes Buch. Powers ist ein guter Schriftsteller, der eine Story entwickeln kann, sprachlich spannend erzählen kann und der viel interessante Aussagen und Anregungen in der Geschichte unterbringt. Es geht in dem Buch um die Frage nach der Identität eines Menschen: Wer bin ich eigentlich? Welche Faktoren machen mich zu der Person, die ich bin? Welche Rolle spielt meine eigene Geschichte und meine Erinnerungen an diese Geschichte, für meine Persönlichkeit?

Die Hauptperson des Buches, Mark, hat einen mysteriösen Unfall: Auf einer schnurgeraden Straße verunglückt er mit dem Auto nachts schwer. Die Polizeiuntersuchungen ergeben, dass mindestens zwei Autos irgendwie an dem Unfall beteiligt waren. Bis zum Schluss bleibt der genaue Tathergang offen – das macht das Buch schon einmal auf dieser Ebene spannend und interessant.

Noch viel spannender ist aber die persönliche Ebene hinter diesem Unfall: Mark erleidet durch den Unfall eine schwere Persönlichkeitsstörung. Die äußert sich unter anderem darin, dass er seine eigene Schwester nicht mehr als seine echte Schwester anerkennt. Er hält sie für eine Doppelgängerin und überlegt sich alle möglichen Verschwörungstheorien, warum diese Doppelgängerin plötzlich in seinem Leben auftaucht. Auch die besten und vernünftigsten Argumente können ihn nicht davon überzeugen, dass es tatsächlich seine echte Schwester ist. Man kann sich vorstellen, dass die Schwester (zu der eine sehr enge Beziehung hatte) wahnsinnig unter diesem Zustand leidet.

In ihrer Verzweiflung bittet sie einen berühmte Gehirnforscher um Hilfe. Und tatsächlich: er kommt und schaut sich Mark an. Aber er ist eigentlich weniger daran interessiert Mark wirklich zu helfen, sondern sieht ihn mehr als ein interessantes Fallbeispiel für seine populären Bücher über die Funktionsweise des Gehirns.

Sehr anschaulich und tiefgehend werden die Entwicklungen dieser drei Personen geschildert. Ihre Beziehungen zueinander, ihre persönlichen Kämpfe, ihre Ängste und wie sie damit umgehen. Das ist interessant zu lesen: Wie geht man mit solch einer Lebenskrise um? Daneben fließen viele spannende Gedanken aus der Hirnforschung ein: Wie funktioniert unser Gehirn? Wie nehmen wir die Welt wahr? Gibt es so etwas wie ein einheitliches „Ich“?

Die Schlussphase des Buches fand ich dann nicht mehr ganz so spannend. Irgendwie hat mir da was gefehlt, obwohl der Fall schlau und gekonnt aufgelöst wird. Vor allem die Persönlichkeit des Hirnforschers blieb mir am Schluss etwas undurchsichtig und blass. Ich konnte seiner Entwicklung und seinen Gedanken nicht mehr so gut folgen. Kann aber auch an meiner nachlassenden Aufmerksamkeit gelegen haben und daran, dass ich manche Andeutungen übersehen oder falsch gedeutet habe.

Insgesamt auf jeden Fall ein Roman den ich genossen habe, der viel Stoff zum Nachdenken (auch über mich selbst) gegeben hat und der einfach gut geschrieben ist.