Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet

Der Roman hat mich überrascht. Ich hatte so meine Vorbehalte: von vielen Kritikern wurde das Buch hoch gelobt (macht mich irgendwie misstrauisch, wenn ein Roman so hochgejubelt wird), der zum Zeitpunkt des Erscheinens erst 24-jährige Autor sieht ziemlich jung und harmlos aus (ist ja nichts dagegen einzuwenden, aber vom Aussehen her hätte ich eher mit einer etwas langweiligen Geschichte gerechnet) und der Roman ist aus drei unterschiedlichen Perspektiven geschrieben (das nervt mich meistens, wenn Autoren meinen, sie müssten ihre Geschichte durch Erzähltricks moderner und spannender gestalten).

Aber das Buch ist tatsächlich gut, es ist für einen 24-jährigen erstaunlich reif und tiefgehend, und auch die unterschiedlichen Erzählebenen fand ich nicht störend, sondern bereichernd.

Die Geschichte handelt von einem jungen Amerikaner, der ganz zufällig Jonathan Safran Foer heißt und der in der Ukraine eine Frau namens Augustine sucht, welche seinem Großvater im zweiten Weltkrieg das Leben gerettet hat. Der Romanautor hatte tatsächlich eine Reise in die Ukraine gemacht, um das Herkunftsland seiner Vorfahren kennen zu lernen. Doch das Buch ist kein Tatsachenbericht dieser Reise, sondern eine Verarbeitung der Reise in Romanform.

In der Ukraine reist der Hauptdarsteller mit dem jungen Dolmetscher Alex (der nur sehr gebrochenes Englisch spricht) und dessen Großvater (der das Auto fährt, obwohl er von sich behauptet, dass er blind ist) herum. Man sieht schon, bei den beiden ukrainischen Hauptpersonen, dass der Roman reichlich skurril ist…

Dieser eine Handlungsstrang, die Suche der drei nach Augustine, wird von dem jungen Ukrainer Alex im Rückblick erzählt und ergänzt durch Briefe, welche Alex an den nach Amerika zurück gekehrten Jonathan schickt. Das ergibt eine interessante und manchmal witzige Doppelsicht auf die Ereignisse. In seiner Erzählung stellt sich Alex oft abgeklärter und wissender dar, als es in seinen Briefen dann deutlich wird.

Der zweite Handlungsstrang ist die Vorgeschichte der jüdischen Vorfahren von Jonathan in der Ukraine. Sie wird von Jonathan erzählt, enthält zahlreiche Übertreibungen und jüdisch-herben Humor. Auch diese Erzählung wird von Alex in seinen Briefen manchmal wohlwollend und manchmal kritisch kommentiert.

Es kommt selten vor, dass ich beim Lesen eines Buches laut lachen muss – bei diesem war es so. Manches ist mit einem wundervollen Humor beschrieben und die unterschiedlichen Erzählperspektiven bieten immer wieder Anlass zum schmunzeln. Auch die seltsam unbeholfene Wortwahl, in der Alex schreibt, ist oft zum Schreien komisch. Inhaltlich ist das Thema dagegen nicht gerade leichtgewichtig: es geht um das Schicksal der ukrainischen Juden im zweiten Weltkrieg, als die Deutschen näher rücken und das Land schließlich erobern.

Besonders angesprochen hat mich das erste Drittel, das ich an vielen Stellen sehr witzig fand, und das letzte Drittel, das ernster, spannender und trauriger ist. Das mittlere Drittel fand ich etwas schwächer – da ist mir manches zu übertrieben skurril. Der Autor kann auf jeden Fall gut schreiben. Nicht nur von der Erzähltechnik her, sondern auch vom Stil her. Er hat Humor und traut sich was.

Interessant ist auch immer wieder der geschilderte jüdische Umgang mit Glauben, Gott und der Erinnerung an die Geschichte des jüdischen Volkes. Ich glaube da vermittelt Foer sehr gut etwas vom jüdischen Selbstverständnis und Lebensgefühl. An manchen Stellen wird deutlich, dass man eigentlich nicht an einen Gott glauben kann, der so viel Leid zulässt – aber auf paradoxe Weise kommen die jüdischen Protagonisten gerade in ihrem Zweifel und Fragen nicht von ihrem tief sitzenden Glauben an Gott los.

Zitate

  • Ist Gott traurig?
    Dazu müsste es ihn erst einmal geben, meinst du nicht?
    Ich weiß,
    sagte sie und gab ihm einen Klaps auf die Schulter. Darum hab ich ja gefragt – weil ich endlich wissen wollte, ob du an ihn glaubst!
    Tja, dann will ich nur so viel dazu sagen: Wenn es Gott wirklich gibt, dann hat Er eine Menge, worüber Er traurig sein kann. Und wenn es ihn nicht gibt, dann müsste Ihn das auch traurig machen, würde ich sagen. Die Antwort auf deine Frage ist also: Gott muss traurig sein.
    “ (S. 115)
  • „Das ist die Lehre, die wir von allem gelernt haben: dass es Gott nicht gibt. Es brauchte alle seine verborgenen Gesichter, um uns das zu beweisen.“ (S.266)
  • „JUDEN HABEN SECHS SINNE
    Den Tastsinn, den Geschmackssinn, den Gesichtssinn, den Geruchssinn, den Gehörssinn … und das Gedächtnis.“ (S. 279)

Ana Novac: Die schönen Tage meiner Jugend

Zu diesem Buch kann man nicht viel schreiben: es ist erschütternd und beklemmend. Es beschreibt unbeschreibliches. Die Holocaustüberlebende Ana Novac berichtet in ihren Tagebuchaufzeichnungen über ihren Überlebenskampf in verschiedenen deutschen Konzentrationslagern (unter anderem Auschwitz). Die damals 14-jährige hat heimlich ein Tagebuch geführt, hat selbst überlebt und auch ihre Aufzeichnungen konnten gerettet werden. Ein einzigartiges Zeitzeugnis.

Verstörende Aufzeichnungen sind das. Nicht nachträglich aufgeschrieben, sondern noch im KZ geschreiben. Erzählt in einem kühlen Ton, der an manchen Stellen in Sarkasmus oder Ironie umschlägt (nur so ist auch der Titel erklärbar). Ein Blick in eine andere Welt, eine grausame Welt. Ein Blick in den Abgrund. Szenen wie aus Albträumen. Das Schreiben half Ana Novac die Last der Geschehnisse zu ertragen.Und trotz allem eine Feier des Lebens.

Psalm 115 – Gegen den Augenschein

Spott über den Gott der Bibel gab es zu allen Zeiten. Auch vor tausenden von Jahren. Allerdings nicht von Atheisten, sondern von Andersgläubigen. Der Psalm wurde wahrscheinlich in der Zeit des babylonischen Exils geschrieben. Ganz offensichtlich hatte damals der Gott der Bibel seinem Volk nicht geholfen und die Götter der Babylonier haben sich als mächtiger erwiesen. Klar, dass dann über den Gott Israels gespottet wird.

Der Psalm sagt, dass es nicht um die Israeliten geht, dass der Spott nicht sie selbst trifft, sondern Gott. Deswegen soll Gott nicht uns die Ehre geben, sondern zeigen, dass er selbst mächtig ist, dass er selbst seinem Namen Ehre gibt (V.1). Auch wenn es nicht so aussieht, auch wenn es scheint als ob der Gott der Bibel nicht so mächtig ist, hält der Psalm an Gottes Macht fest: Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen was er will. (V.3)

Das ist Glaube: Vertrauen auf Gott – auch gegen den Augenschein. Die Israeliten hätten ja irgendwann auch sagen können: „Ne, das war’s jetzt! An solch einen Gott kann ich nicht mehr glauben!“ Und wenn man anschaut, was Israel im Lauf der Jahrhunderte alles durchmachen musste, dann wäre es durchaus verständlich gewesen. Und doch glauben die Juden bis heute an den Gott der Bibel. Und es ist dann auf der anderen Seite auch erstaunlich, dass es dieses Volk bis heute immer noch gibt, dass selbst ein hasserfüllter, skrupelloser und bösartiger Verrückter im 20. Jh. es nicht geschafft hat, dieses Volk auszurotten. Als ob da jemand seine Hand darüber hält…
Bibeltext