Johannes 21, 20-25 So viele Wege

Jesus geht mit unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Wege. Petrus geht den Weg des Märtyrers (vgl. V.18f), der Jünger, den Jesus lieb hatte, wird bleiben (V.22), d.h. er wird nicht den vorzeitigen Märtyrertod sterben. Auch wenn es Petrus Auftrag ist, für Jesu Schafe zu sorgen, so bedeutet es doch nicht, dass er über ihre Wege bestimmen könnte. Auch wenn wir die Wege, die Jesus mit uns oder mit anderen geht nicht immer verstehen können, so bleiben es doch Jesu Wege.

Was nehme ich am Ende mit vom Johannesevangelium? Es ist anders als die anderen Evangelien. Es hat in vielem seinen eigenen und ganz besonderen Blickwinkel. Es ist müssig, darüber nachzudenken und zu diskutieren, welche Darstellung „historischer“ ist. Jedes der vier Evangelien hat seine Berechtigung und ist für uns wichtig. Jedes hat einen etwas anderen Blick auf Jesus. Jedes kann uns Gottes Wahrheit näher bringen. Schon diese Vierzahl der Berichte über Jesu Leben, Sterben und Auferstehen, mit all ihren Abweichungen in Details zeigen, dass es der Bibel nicht um einen einheitlichen und neutralen Bericht über Jesus geht. Gott will auch mit uns Lesern einen individuellen und persönlichen Weg gehen. Nicht jeder erlebt Jesus und den Weg des Glaubens völlig gleich. So war es schon damals im Jüngerkreis.

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Johannes 18, 1-11 Keine menschliche Tragödie

Beim Lesen musste ich vor allem an die Parallelberichte in den anderen Evangelien denken. Und da fällt sofort auf, wie anders Johannes diese Szene schildert. Er betont in seiner Darstellung die Hoheit Jesu und dass es sein längst gefasster Entschluss ist, ans Kreuz zu gehen. Kein Wort von einem Gebetskampf unter Blut und Tränen, sondern ein gelassener Jesu, der „alles wusste, was ihm begegnen sollte“ (V.4). Kein verräterischer Kuss durch Judas, sondern ein selbstbewusstes „Ich bin’s“ (V.5) von Jesus. Die Soldaten die ihn verhaften sollen fallen angesichts solch einer Hoheit sogar vor Ehrfurcht auf den Boden (V.6). Nur in V.11 findet sich noch eine kleine Anspielung auf das Ringen Jesu, ob er diesen Kelch trinken soll oder nicht. Aber hier sehen wir nur das Ergebnis – Jesus geht bei Johannes ganz selbstverständlich und bewusst den Weg ins Leiden.

Ist das nun eine Verzerrung der historischen Wahrheit, die damals geschehen ist? Nein, denn eine absolut neutrale Geschichtsschreibung gibt es nicht. Jeder erzählt seine Wahrnehmung aus einem bestimmten Blickwinkel. Jeder hat seine weltanschauliche Brille auf, durch die er die Welt und was in ihr ist, wahrnimmt. Johannes will durch seine bewusst andere Darstellung etwas in dem Geschehen herausarbeiten, das in dem Geschehen auch drin steckt. Er will nichts erfinden oder beschönigen, sondern eine verborgenen Wahrheit des Getsemanegeschehens offenbaren. Für Johannes ist Jesu Weg ans Kreuz ein Weg der Erhöhung zum wahren König Israels. Was auf den ersten Augenblick aussieht wie eine menschliche Tragödie ist in Wahrheit ein göttlicher Triumph über Sünde und Tod.

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Johannes 6, 1-15 Ein Ereignis in vier Berichten

Die Speisung der 5000 ist eine der relativ wenigen Textstellen, die in allen vier Evangelien überliefert werden. Wenn man die vier Versionen miteinander vergleicht, kann man sehr schön feststellen, wie die vier Evangelisten je ihre eigenen Schwerpunkte legen. Sie berichten über dasselbe Ereignis, aber setzen eigene Akzente – je nachdem welche Details sie berichten oder auslassen und wie sie die ganze Geschichte kommentieren.

Bei Johannes rückt die Hoheit Jesu stärker in das Zentrum des Berichts. Er berichtet nicht von Jesu Aufforderung an die Jünger, dass sie den Menschen zu essen geben sollen (vgl. Mk. 6,37) und auch nicht, dass die Jünger nach Jesu Dankgebet die Brote und Fische verteilen (vgl. Mk. 6,41). Markus möchte hervorheben, dass die Jünger an diesem Speisewunder beteiligt sind und dem Leser somit sagen, dass wir das, was wir von Jesus empfangen an andere weitergeben sollen. Johannes geht es mehr um die Person Jesu und so betont er am Schluss, dass die Leute ihn als Prophet sehen und ihn zum König machen wollen. Jesus will das aber nicht und flüchtet in die Einsamkeit.

Neutrale Geschichtsschreibung gibt es nicht. Jeder Berichterstatter färbt das Erzählte durch die Art, wie er es berichtet. Auch ein scheinbar neutraler Zeitungsartikel ist nicht neutral, sondern ist aus der Sicht des Autors geschrieben. So ist es auch mit den Evangelien. Das heißt aber nicht, dass die Berichte deswegen unzuverlässig sind. Gerade die leichten Unterschiede bestätigen, dass hier nicht etwas erfunden wurde und von verschiedenen Zeugen möglichst gleichartig erzählt werden will. Nein, jeder berichtet von etwas tatsächlich Geschehenen aus seiner Sicht.

Für mich ist das ein wichtiger Hinweis, wie wir die Bibel lesen sollten. Die Bibel will kein Märchenbuch sein, sondern sie will von Gottes Handeln in der Geschichte erzählen. Sie will aber auch kein neutraler historischer Bericht sein, sondern will natürlich eine Botschaft transportieren. Die Bibel erzählt historische Geschichte, auch wenn wir an vielen Stellen im Nachhinein nicht mehr alle Details klären können. Aber sie lässt uns auch den Freiraum, dass wir das Geschehene uns persönlich aneignen können und unsere Schlüsse daraus ziehen können. So wie schon dem Johannes bei der Speisung der 5000 etwas anderes wichtig wurde als einem Markus.

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Johannes 3, 31-36 Ewiges Leben haben

Auch das kommt bei Johannes öfters vor: man weiß bei diesem Abschnitt nicht genau, wer hier eigentlich spricht. Rein von der Erzähllogik her spricht hier noch Johannes der Täufer. Aber vom Thema und vom Stil her, knüpft der Abschnitt eher an Joh. 3,13-21 an. Im Grunde ist es eine weiterführende Aussage auf die Vers 11-12. Jesus kommt vom Himmel und redet von himmlischen Dingen. Doch viele Menschen verstehen ihn nicht.

Ich denke, dass im Johannesevangelium die Grenzen zwischen den Aussagen verschiedener Personen oft fließend sind. Es kommt ihm nicht so sehr darauf an wer spricht (der irdische Jesus, der auferstandene Jesus, der Schreiber des Evangeliums oder wie hier Johannes der Täufer), sondern es kommt auf die Aussage an. Das Johannesevangelium bringt in seinen Geschichten und Dialogen sehr viel tief reflektierte Theologie unter. Es geht nicht in erster Linie um einen historischen Bericht, sondern um ein Reden Gottes in die Gegenwart des Lesers.

Auch typisch für Johannes wird in diesem Abschnitt die Gegenwart des Heils betont: „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben“ (V.36). Das ewige Leben fängt nicht erst im Jenseits an, sondern es fängt in Jesus an. Wer ihm vertraut, der hat jetzt schon Anteil am ewigen Leben – und das gilt auch für uns heute noch, die wir an den auferstandenen Jesus glauben. So sehr mir das theologisch einleuchtet, so schwer fällt es mir doch oft, das mit meiner Lebensrealität in Einklang zu bringen. Sicher, der Glaube gibt mir Halt, Trost und Mut. Aber mein Glaubensalltag scheint insgesamt doch sehr weit weg zu sein von dem, wie ich mir die Ewigkeit in der Nähe Gottes vorstelle.

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Johannes 2, 13-25 Worauf es wirklich ankommt

Für Johannes hat die Tempelreinigung ebenso programmatische Bedeutung wie das Zeichen bei der Hochzeit zu Kana. Gleich zu Beginn des Berichts über Jesu Wirksamkeit wird auch hier deutlich, um was es Jesus geht. Indem er den Tempel reinigt, macht er zeichenhaft deutlich, dass er die wahre Gottesverehrung wieder herstellen will. Glaube soll kein religiöses Geschäft sein, sondern soll sich allein auf Gott ausrichten. Gleich in dieser Geschichte wird auch deutlich, wie Jesus das letztendlich erreichen will: durch seinen Tod und seine Auferstehung (V.19). In der damaligen Situation konnte das niemand verstehen – erst im Nachhinein ist auch den Jüngern klar geworden, was damit gemeint ist.

Gleich zu Beginn lesen wir also hier einen Hinweis auf Jesu Heilshandeln in Tod und Auferstehung. So wie es schon vorher Hinweise darauf gab (z.B. Joh.1,29: Jesus als Gottes Lamm), soll hier deutlich werden, dass das ganze Evangelium unter diesem Blickwinkel zu lesen ist. Hier handelt nicht ein menschlicher Wundertäter oder ein großer Rabbi, sondern es handelt der Sohn Gottes, der für uns Erlösung und Heil bringt.

Für viele interessant ist natürlich die Frage, warum die Tempelreinigung bei Johannes zu Beginn von Jesu Wirksamkeit steht und bei den anderen Evangelien am Ende seiner Wirksamkeit. Was stimmt jetzt? Wer hat Recht? Wie war es historisch tatsächlich? Wenn wir ängstlich am Buchstaben kleben bleiben wollen, dann müssen wir behaupten, dass es zwei Tempelreinigungen gab. Ich für mich sage: Ich kann es historisch nicht genau sagen. Wir haben zwei Überlieferungen, die verschiedene Aussagen machen und dahinter kann ich nicht zurück. Wichtig ist für mich auch nicht, wann es geschehen ist, sondern dass es geschehen ist – und darin sind sich beide Überlieferungen einig.

Gerade dieser Abschnitt zeigt uns ja, wie sehr wir Jesus missverstehen, wenn wir uns nur am Buchstaben festklammern: die Juden können Jesu Aussage über den Tempel überhaupt nicht verstehen, weil sie Jesus nur buchstäblich verstehen (V.20). Jesus geht es aber in Wahrheit um eine ganz andere Ebene. So begegnen uns im Johannesevangelium häufig Missverständnisse, weil die Zuhörer Jesus auf einer viel zu oberflächlichen Ebene verstehen und gar nicht die geistlichen Wahrheiten dahinter erkennen. Ähnlich geht es uns, wenn wir die Wahrheit der Bibel an rein historischen Fragen festmachen wollen.

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1. Thessalonicher 1, 1-10 Glaube, Liebe, Hoffnung

Der 1. Thessalonicherbrief ist der älteste erhaltene Paulusbrief. Er ist um 50 n.Chr. geschrieben worden und er ist damit auch das älteste Buch des Neuen Testaments. Das heißt, dass sich höchsten zwanzig Jahre nach der Kreuzigung Jesu der christliche Glaube schon weit ins römische Reich hinein verbreitet hat. Wenn man das rein menschlich-historisch erklären will, dann ist das gar nicht so einfach. Denn das Christentum wurde ja nicht von mächtigen und einflussreichen Leuten von oben herab erzwungen, sondern er hat sich von unten her selbst verbreitet. Wenn man nicht an eine Auferstehung Jesu glaubt, dann wäre das eine erstaunliche Leistung von einigen verängstigten jüdischen Jüngern, die ihren Anführer verloren haben.

An diesem Beginn des Briefes hat mich vor allem die Zusammenstellung von Glaube, Liebe und Hoffnung angesprochen. Diese drei Worte tauchen ja bei Paulus noch an anderer Stelle auf (1. Kor. 13,13). Diese drei Worte allein klingen relativ harmlos und angenehm. An dieser Stelle im Thessalonicherbrief macht Paulus deutlich, dass Glaube, Liebe und Hoffnung kein sanftes Ruhekissen ist, sondern uns einiges abverlangt. Paulus schreibt vom „Werk des Glaubens“, von der „Arbeit in der Liebe“ und der „Geduld der Hoffnung“ (V.3). Oder nach der Neuen Genfer Übersetzung erinnert er sich daran, „wie entschieden ihr euren Glauben in die Tat umsetzt, zu welch unermüdlichem Einsatz ihr aus Liebe bereit seid und wie standhaft euch die Hoffnung macht“. Das klingt nicht harmlos und bequem, sondern ganz schön anstrengend.

Aber trotzdem: Wenn das alles nur menschliches Mühen gewesen wäre, dann wäre es für andere sicher nicht so anziehend und überzeugend gewesen. Dass sich der Glaube an Jesus Christus trotz schwieriger Ausgangslage so erfolgreich weiter verbreitet hat, ist mehr als das Ergebnis menschlicher Anstrengung. Da steckt eine Kraft dahinter, die aus Glaube, Liebe und Hoffnung etwas Größeres als menschliche Tugenden macht.

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Apostelgeschichte 1, 15-26 Die Glaubwürdigkeit der Bibel

An dieser Stelle berichtet Petrus vom Tod des Judas. Die Darstellung hier steht in Spannung zur Darstellung des Todes von Judas in Matthäus 27,3-7. Für manche ein gefundenes Fressen, um die Widersprüchlichkeit und historische Unglaubwürdigkeit der Bibel zu „beweisen“. Für andere gar kein Problem, da die Bibel ja immer und in allem Recht hat und man die beiden Stellen nur irgendwie harmonisieren muss.

Zunächst mal muss man festhalten, dass beide Berichte in wesentlichen Teilen übereinstimmen: Judas stirbt kurz nach seinem Verrat und mit dem Verrätergeld wird wird ein Acker gekauft, der nachher „Blutacker“ genannt wird. Die Unterschiede sind folgende: Nach Matthäus kaufen die Priester mit dem von Judas zurückgegebenen Geld den Acker, nach Lukas hört es sich eher so an, als ob Judas selbst den Acker kauft. Nach Matthäus erhängt sich Judas und nach Lukas stürzt Judas vornüber und fällt auf harten Untergrund, so dass seine Eingeweide hervorquellen.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten damit umzugehen: Man kann versuchen die Berichte zu harmonisieren oder man kann festhalten, dass es über den Tod des Judas damals im Detail unterschiedliche Berichte gab. Ob Judas jetzt selbst den Acker gekauft hat oder ob mit dem Geld, das er erhalten hatte der Acker gekauft wurde, macht für mich jetzt keinen großen Unterschied. Da kann ich mir vorstellen, dass man das je nach Sichtweise auch sprachlich unterschiedlich ausdrücken konnte. Die Todesart zu harmonisieren scheint mir schwieriger. Eine Erklärung könnte sein, dass Judas sich erhängt hat, seine Leiche dann auf den felsigen Acker geworfen wurde und er dabei aufplatzte, so dass seine Eingeweide zu sehen waren.

Ich persönlich würde die beiden Stellen eher als teilweise widersprüchlich stehen lassen. Die Harmonisierungsversuche erscheinen mir doch sehr weit hergeholt. Es gab damals einfach verschiedene Überlieferungen über den Tod des Judas. Das kann man ja heute genauso beobachten: wenn zwei Leute von demselben Ereignis berichten, kann es sein, dass diese Berichte sich in manchen Details widersprechen – obwohl beide überzeugt sind, dass sie die Wahrheit sagen. Für mich stellen diese Unterschiede nicht die historische Glaubwürdigkeit der Bibel in Frage, sondern im Gegenteil: solche Unterschiede sprechen eher für die historische Zuverlässigkeit. Denn wenn alles erstunken und erlogen wäre, dann hätten sich die neutestamentlichen Schreiber doch die Mühe gegeben, die Berichte von vornherein anzugleichen. Wenn die Berichte dagegen im Wesentlichen übereinstimmen und nur an manchen Stellen voneinander abweichen, dann spricht das rein geschichtswissenschaftlich eher für zuverlässige Quellen.

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Lukas 11, 1-4 Ein Mustergebet

Das Vaterunser das Lukas hier überliefert unterscheidet sich vor allem im Umfang deutlich von der bekannteren Version bei Matthäus. Kritiker könnten nun sagen: „Ist ja klar! Das ist ja sowieso alles erfunden. Die Evangelien geben keinen historisch zuverlässigen Bericht über Jesus.“ Aber gerade die Unterschiede sprechen dafür, dass die Christen ihre Berichte eben nicht erfunden haben. Wenn alles erfunden wäre, dann hätte man doch darauf geachtet, dass die verschiedenen Berichte genau miteinander übereinstimmen. Berichte die im Wesentlichen übereinstimmen und nur kleinere Unterschiede aufweisen sprechen eher für eine historische Zuverlässigkeit. Es ist ja auch heute bei einem Geschehen noch schwierig, von verschiedenen Zeugen zu erfahren, was tatsächlich passiert ist. Das erleben Gerichte jeden Tag. Jeder Zeuge hat eine gefärbte Wahrnehmung der Wirklichkeit und berichtet über das Geschehen aus seinem Blickwinkel. So ist es auch bei den Evangelien.

Beim Vaterunser wird aber vielleicht auch etwas anderes deutlich. Bei solch einem wichtigen Gebet könnte man ja davon ausgehen, dass es sich die Jünger auf besondere Weise gemerkt haben. Wenn nun bei Matthäus und Lukas unterschiedliche Versionen auftauchen, dann könnte das auch darauf hinweisen, dass es von Anfang an nicht das eine, im Wortlaut genau festgelegte Gebet gab. Nein, dieses Gebet ist eine Art Mustergebet, das je nach Situation und Anlass auch verändert werden konnte. Jesus wollte seinen Jüngern ein Gebets-Gerüst an die Hand geben, das ihnen beispielhaft zeigt, wie sie beten können.

Ich finde es trotzdem gut, dass wir heute unser fest formuliertes „Vaterunser“ haben. Die feste Formulierung hilft uns, es gemeinsam zu beten. Denn wie es bei Matthäus deutlich wird, ist es ein Gebet, das wir Christen gemeinsam zu unserem Vater sprechen. Daneben können wir von diesem Gebet auch grundsätzlich lernen, wofür und wie wir beten sollten. Unser Gebet ist nicht auf diese eine Formulierung beschränkt, sondern darf und soll auch davon abweichen.

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Lukas 9, 18-27 Jesu Kreuz und unser Kreuz

Über die Parallelstelle in Markus habe ich vor einigen Wochen gepredigt. Bei der Vorbereitung dazu ist mir vor allem die Verbindung von Jesu Kreuz und unserem Kreuz aufgefallen. Jesus kündigt seinen Leidensweg an, also seinen Weg ans Kreuz. Gleich darauf kündigt er an, dass auch seine Nachfolger ihr Kreuz auf sich nehmen müssen. Wie auch immer man das am Ende auslegt – es wird deutlich, dass unser Weg als Christen nicht immer nur einfach und bequem ist.

Interessant im Vergleich zum Text bei Markus ist, dass schon Lukas versucht zu deuten, was Jesus mit dem Kreuz tragen gemeint hat. Bei Markus heißt es, dass die Nachfolger sich selbst verleugnen sollen und ihr Kreuz auf sich nehmen sollen. Lukas ergänzt das und schreibt, dass wir unser Kreuz „täglich“ auf uns nehmen sollen. Das Kreuz als Todesinstrument ist ja eigentlich ein einmaliges Geschehen. So z.B. wenn ein christlicher Märtyrer bereit ist, für seinen Glauben zu sterben. Das tägliche Kreuz muss aber mehr sein, sonst könnten wir es nicht täglich und immer wieder neu auf uns nehmen.

Ich find es spannend, wie schon in der Bibel selbst deutlich wird, dass Jesu Worte offen sind für verschiedene Deutungen. Es gibt nicht die eine immer klare und selbstverständlich richtige Auslegung der Worte Jesu. Schon Lukas legt sie ein klein wenig anders aus als Markus. So muss es auch bei uns sein: die entscheidende Frage ist nicht, was Jesus damals wortwörtlich gesagt hat, sondern was Jesus mir heute sagen will. Wobei ich gegen einen historischen Relativismus bin: die Evangelisten wollen auch erzählen, was damals geschehen ist und stimmen in ihren grundlegenden Überlieferung weitgehend miteinander überein. Die Deutung von Lukas ist nicht völlig gegensätzlich zum Bericht bei Markus. Er legt andere Schwerpunkte.

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Mario Vargas Llosa: Der Krieg am Ende der Welt

Puuuh! Was für ein Roman! Schon allein vom Umfang her ist er ziemlich lang (über 700 Seiten im Taschenbuch). Aber auch vom Inhalt her nicht gerade leicht verdaulich und der Schreibstil ist nicht unbedingt zum Überfliegen geeignet. An so manchen Stellen musste ich mich durchkämpfen und manches ist etwas langatmig geraten – aber trotz allen Einschränkungen ist es ein genialer Roman. Ich bin froh, dass ich bis zum Ende durchgehalten habe!

Es geht um eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Brasilien die Republik ausgerufen. In einer abgelegenen Provinz regt sich Widerstand. Allerdings nicht aus politischen Motiven, sondern auf religiösem Hintergrund. Die zentrale Figur des Buches ist der sogenannte „Ratgeber“. Er hieß Antônio Conselheiro, wird aber wegen seines Wirkens von den Menschen nur der Ratgeber genannt. Er war Wanderprediger, der durch die Lande zog, den Armen und Ausgestoßenen predigte, den Menschen Ratschläge erteilte und dem sich im Lauf der Zeit immer mehr Menschen anschlossen.

Er ließ sich mit seinen Anhängern schließlich in Canudos nieder, wo sie eine auf christlicher Brüderlichkeit basierende Stadt aufbauten. Es gab keinen Privatbesitz, jeder wurde von der gemeinsamen Habe ernährt und versorgt. Jeder durfte kommen, auch ehemalige Banditen, Räuber und Verbrecher – solange sie zu Jesus Christus gefunden hatten. Der Ratgeber hatte eigentlich keine politischen Absichten, stellte sich aber aus verschiedenen praktischen Gründen gegen die Republik. So wurde z.B. durch die Republik die Zivilehe eingeführt. Das ganze kommt zu einem großen Kampf zwischen den Aufständischen und der Staatsmacht, die nach drei fehlgeschlagenen Militärexpeditionen schließlich die gesamte Streitmacht gegen die religiösen Fanatiker aufbringt.

Ich finde es sehr gelungen, wie Llosa diese zunehmende Zuspitzung der Gewalt darstellt. Er beschreibt das Ganze recht neutral und differenziert, ohne durch seine Darstellung die eine oder andere Seite deutlich zu bewerten. Dieser beobachtende Standpunkt wird auch formal unterstrichen, indem er oftmals dasselbe Geschehen aus den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten erzählt. Das macht das Buch oft auch schwierig zu lesen, weil viele Personen vorkommen und die Perspektive dann auch immer wieder wechselt. Natürlich kommt nicht nur das große Ganze in den Blick, sondern es werden in verschiedenen Erzählsträngen auch Einzelschicksale verfolgt.

Faszinierend war für mich, wie in dem Buch deutlich wird, wie problematisch es werden kann, wenn religiöse und politische Sichtweisen unreflektiert vermischt werden. Der Ratgeber und seine Gefolgsleute hatten einen tiefen und ehrlichen Glauben. Mit bewundernswerter Hingabe wollten sie ihren Glauben an Jesus Christus leben. Aber gerade diese radikal religiöse Sichtweise der Welt, vermischt mit einer apokalyptischen Erwartung des großen Kampfes gegen das Böse am Ende der Welt, führt dann auch in den tragischen Untergang… Auf der anderen Seite haben die politischen und militärischen Kräfte überhaupt keine Antenne für die religiöse Motivation der Aufständischen. Für sie bleiben sie einfach unmenschliche Barbaren, die sich einem bestimmten politischen System widersetzen.

Was ich allerdings etwas schade fand ist, dass die Figur des Ratgebers letztendlich doch ungreifbar und mythisch bleibt. Was hat tausende von Menschen an diesem einen Mann so fasziniert, dass sie bereit waren alles für ihn aufzugeben? Diese Frage ist wahrscheinlich gar nicht zu beantworten, aber dadurch bleibt der Ratgeber insgesamt doch relativ blass in dem Buch.

Historische Romane sind eigentlich nicht so mein Ding, aber diesen habe ich mit Genuss verschlungen! Er ist gut geschrieben und nach allem was ich dazu gelesen habe, wohl auch nahe an der historischen Wirklichkeit. Das Buch eröffnet einen lebendigen und umfangreichen Einblick in die dramatischen Ereignisse, die beschrieben werden. Sehr lesenswert!

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