Johannes 10, 1-10 Die Tür zum Leben

Hat Jesus auch mal was gesagt, was alle sofort verstanden haben? Das Johannesevangelium ist voll von Missverständnissen. Jesus sagt etwas oder tut etwas und die Zuhörer verstehen es falsch, kapieren nicht sofort was er will oder wollen ihn auch manches mal gar nicht verstehen. Selbst seine Jünger haben ihre Schwierigkeiten: „Dies Gleichnis sagte Jesus zu ihnen; sie verstanden aber nicht, was ihnen damit sagte.“ (V.6)

Dieses Gleichnis von der Tür, dem Hirten und den Schafen ist auch ohne Erklärung nicht so einfach zu verstehen. Und bei Gleichnissen ist es ja sowieso immer so, dass sie nicht exakt eine festgelegte übertragene Bedeutung haben, sondern dass sie ganz bewusst offen sind für Interpretationen. Bei einem Bild (ein Gleichnis ist ein Bild in sprachlicher Form) kommt es eben auf den Blickwinkel an. Es weckte bei verschiedenen Betrachtern verschiedene Gefühle.

Jesus legt sein Gleichnis hier selbst aus. Ein Vergleichspunkt in diesem Gleichnis ist die Tür. Jesus selbst bezeichnet sich als die Tür zu den Schafen. Dass Gläubige in Gleichnissen mit Schafen verglichen wurden und geistliche Anführer oder Gott selbst mit einem Hirten ist in der Bibel gang und gäbe. Das Bild der Tür (oder des Tores bzw. Gatters zu den Schafen) ist eher ungewöhnlich. Die Bedeutung dagegen ist recht klar: Jesus ist nicht nur der Hirte der Schafe, sondern auch der Zugang. Wenn jemand die Schafe leiten will und nicht den Zugang über Jesus sucht, dann ist er ein Dieb und ein Räuber – das heißt, er ist nicht der rechtmäßige Eigentümer und hat nicht das Wohl der Schafe im Blick. Zugleich ist Jesus auch für die Schafe die Tür, durch die sie gehen können, um Weide zu finden. Jesus will uns nicht einsperren, sondern uns ins Frei führen, damit wir „das Leben und volle Genüge haben“ (V.10).

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1. Timotheus 5, 17-25 Früchristliche Ämtervielfalt

Wenn man versucht, Gemeinde nach neutestamentlichem Vorbild zu organisieren, dann ist das gar nicht so leicht. In dem Brief an Timotheus werden verschiedene Ämter erwähnt, aber die Aufgaben und Zuordnungen sind nicht präzise zu ermitteln. Es werden Bischöfe erwähnt (3,1-7), Diakone (3,8-13) und nun auch noch Älteste (5,17-22). Wie ist die genaue Differenzierung zwischen Bischof und Ältester? Beide scheinen gemeindeleitende Funktion zu haben. Wenn man Apg. 20,17 mit Apg. 20,28 vergleicht, scheinen Älteste und Bischöfe dieselbe Personengruppe zu sein. Im Timotheusbrief und auch im Titusbrief (1,5-9) werden sie aber gesondert angesprochen. Und überhaupt: Welche Rolle spielt Timotheus selbst in der Gemeinde? Er ist ja offensichtlich derjenige, der Älteste durch Handauflegung in ihr Amt einsetzt (V.22). Welches Amt hat er, das ihn dazu berechtigt?

Wenn man dazu noch versucht, den sogenannten fünffältigen Dienst in Beziehung zu setzen, der in Eph. 4,11 (und nur dort) erwähnt wird, ist die Verwirrung komplett. Dort werden fünf Ämter aufgezählt (oder sind es nur vier, weil die letzten beiden auch im Griechischen auffällig mit „und“ verbunden sind?), welche sich an einzelnen Gaben orientieren: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. In welcher Beziehung stehen sie zu Ältesten, Bischöfen und Diakonen? Eine weitere Frage: Gab es damals schon Hauptamtliche, die für ihren Dienst bezahlt wurden? Die beiden Zitate in V.18 scheinen darauf hinzudeuten – oder ist hier mit Lohn die „doppelte Ehre“ aus V.17 gemeint?

Nach meinem Eindruck scheint da in den frühchristlichen Gemeinden noch vieles im Fluss zu sein. Die eine, allein richtige Gemeindeordnung und die eine allein richtige Ämter- und Diensteverteilung gab es zur neutestamentlichen Zeit nicht. Was aber als gemeinsame Strukturmerkmale erhoben werden kann: Gemeindeleitung geschah immer im Team, aber es gab auch damals schon einzelne Personen, welche bei der Gemeindegründung oder Gemeindeleitung eine herausgehobene Rolle spielten. Gemeindeleitung ist zum einen dadurch gekennzeichnet, dass verschiedene Personen sich gemäß ihren Gaben einbringen, aber auch dadurch, dass verschiedene Personen durch Handauflegung für ihre Ämter befähigt und eingesetzt (sozusagen „ordiniert“) wurden.

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1. Timotheus 4, 6-16 Gemeindeleitung

Was ist der wichtigste Rat für Timotheus als Gemeindeleiter? „Hab Acht auf dich selbst und auf die Lehre; beharre in diesen Stücken!“ (V.16) Für mich als Pastor ist das interessant. Das wichtigste ist nicht, die Irrlehrer zu bekämpfen, nicht kluge Argumente oder autoritäre Zurechtweisung ist gefragt. Das wichtigste ist nicht, sich wie ein Hirte um die Schafe zu kümmern, jedem einzelnen nachzulaufen und den geistlichen Puls von jedem zu messen. Das wichtigste sind nicht irgendwelche Programme und Konzepte zum Gemeindeaufbau.

Das zentrale ist, dass der Gemeindeleiter auf sich selbst, auf seinen eigenen Glauben, auf seine eigene Beziehung zu Gott und auf seine Lehre achtet. Gemeindeleitung geschieht nach diesen Versen nicht in der Zurechtweisung, sondern im persönlichen Vorbild (V.12: „Du aber sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Glauben, in der Reinheit“).

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Hesekiel 34 Hirten

Als Pastor (lat. für „Hirte“) lese ich diesen Text besonders aufmerksam. Hesekiel weist die Hirten der damaligen Zeit zurecht. Mit den Hirten sind die politischen und religiösen Anführer des Volkes gemeint. Er wirft ihnen vor, dass sie sich nicht richtig um die Herde, also das Volk, gekümmert haben. Sie haben nur ihren eigenen Vorteil im Blick.

Ich muss nüchtern zugeben: diese Hirtenamt im eigentlichen Sinn kann ich nicht erfüllen. Hesekiel verheißt den einen Hirten, der sein Volk sammeln, weiden und schützen wird. Das sind nicht wir Pastoren, sondern das ist der eine gute Hirte: Jesus Christus. Ich tue mich von daher schwer mit der Bezeichnung „Hirte“. Ich sehe mich eher als Prediger, als jemand dem Zeit gegeben ist, sich mit Gottes Wort zu beschäftigen und der das dann weiter geben darf.

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Jeremia 23, 1-8 Die bösen Pastoren

Jeremia greift hier die die Hirten des Volkes an. Sie haben ihre Herde vernachlässigt und werden dafür bestraft werden. Mit den Hirten sind wohl die damaligen politischen und religiösen Leiter des Volkes gemeint. Als Konsequenz dieses Versagens verheißt Gott einen gerechten König, der „Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.“ Als Christen glauben wir, dass diese Verheißung sich in Jesus Christus erfüllt hat.

Bei diesem Text bin ich über die Bezeichnung „Hirten“ gestolpert und musste dabei an uns Pastoren denken. Pastor ist ja die lateinische Übersetzung von Hirte (die übrigens erst im 14. Jh. als Bezeichnung für den Geistlichen einer Gemeinde eingeführt wurde). Unser heutiges westeuropäisches Verständnis von Gemeinde ist ja ziemlich fixiert auf den Pastor. Dazu einige Gedanken:

Die Hirten im Text unterscheiden sich offensichtlich deutlich von dem, was wir uns heute unter Pastor vorstellen. Vor allem an der Verheißung wird deutlich, dass Jeremia die Könige angreift. Die Könige waren damals im Idealfall (so wie bei David) die geistlichen und politischen Führer des Landes. Sie haben die Macht und die Verantwortung in jeglicher Hinsicht für ihre Herde (ihr Volk) zu sorgen. Das kann man nicht einfach mit einem Pastor heute gleichsetzen.

Gott verheißt nicht viele andere Pastoren, welche diese Aufgabe besser machen sollen, sondern er verheißt den einen Hirten, der sich um die Herde kümmert. Jesus sagt von sich: „Ich bin der gute Hirte“ (Joh. 10,11). Ist das eigentlich okay, wenn wir heute den Leiter einer Gemeinde als „Pastor“ bezeichnen? Ist das nicht eine Anmaßung bzw. eine Überforderung?

Als Pastor sehe ich unser heutiges Pastorenbild durchaus kritisch. Wir Pastoren sollen eine eierlegende Wollmilchsau sein. Unsere Aufgaben sind vielfältig: Wir sollen gute Lehrer und Pädagogen sein (und zwar für Personen jeglichen Alters), wir sollen gute Redner und Prediger sein, wir sollen einfühlsame Seelsorger sein, die sich um jedes einzelne Schaf genau nach dessen Bedürfnissen kümmern und die jedem verlorenen Schaf nachgehen, wir sollen gute Manager und Leiter sein, wir sollen gute Gremienarbeit leisten und Sitzungen souverän leiten, wir sollen von Verwaltung und Büroorganisation eine Ahnung haben, wir sollen unsere Gemeinde in ansprechender Weise nach außen repräsentieren, wir sollen uns nach Möglichkeit um hausmeisterliche Tätigkeiten kümmern, wir sollen uns in Finanzangelegenheiten und Baussachen auskennen, und es wäre natürlich toll, wenn der Pastor auch im Chor mitsingt oder sich sonst irgendwie mit seinen musikalischen Gaben einbringt,… und bei all dem sollen wir uns genügend Zeit für unsere eigene Spiritualität nehmen und mitreißende Visionen für eine zukunftsfähige Gemeinde entwickeln.

Das hört sich jetzt sehr zynisch und gefrustet an – so ist es aber gar nicht gemeint. Denn diese Vielfältigkeit ist ja auch etwas Schönes. Aber manchmal frage ich mich: Was ist eigentlich meine Hauptaufgabe als Pastor? Und was macht eine Gemeinde mit den Bereichen, wo ihr Pastor nicht so perfekt ist? Überhaupt: Wie sieht es beim Priestertum aller Gläubigen mit der gegenseitigen Verantwortung aus? Hat hier nur der Pastor für die Gemeinde zu sorgen, oder ist das auch anders herum nötig? Was bedeutet es Hirte zu sein und ist das überhaupt die passende Bezeichnung?
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1. Petrus 5, 1-4 – Frühchristliche Gemeindeleitung

Ein paar interessante Sätze zum Thema Gemeindeleitung. Zunächst ist festzuhalten, dass Petrus die Ältesten der Gemeinde anspricht, also mehrere Personen. Nicht ein Pastor (lat. für Hirte) oder ein Gemeindeleiter, sondern ein Team von Presbytern (griech. für Älteste). Nun kann man nicht von einer Stelle aus ein ganzes System für Gemeindeleitung entwickeln – aber ich finde es doch sehr spannend, dass schon in der damaligen, antiken Welt christliche Gemeinden als Team geleitet werden konnten.

Die Ältesten werden dann mit Hirten verglichen, die sich um ihre Herde kümmern sollten. Ein ganz schön herausfordernder Vergleich. Denn eigentlich ist ja Gott selbst unser Hirte (Ps. 23) bzw. Jesus bezeichnet sich als der gute Hirte (Joh.10,11)!

Interessant fand ich auch, dass Petrus es für nötig hält, die Gemeindeleiter dazu aufzufordern, ihre Aufgabe nicht gezwungen, sondern freiwillig zu tun und dass sie es nicht tun sollen, um sich zu bereichern. Warum sagt er das? Doch nur deswegen, weil das wohl damals auch schon ein Problem und eine Gefahr war. Dieses Bild von der reinen und perfekten Urgemeinde, die alles besser gemacht hat als wir heutigen, ist eine romantische Verklärung.

Schließlich noch: Es geht nicht darum, über andere zu herrschen („nicht als Herren über die Gemeinde“), sondern es geht darum, Vorbilder zu sein (V.3). Also Gemeindeleitung durch Vorbild Sein!
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