Hesekiel 48 Hier ist der Herr

Das letzte Kapitel des Hesekielbuches (geschafft!!! 😉 ) und der Abschluss der großen Heilsvision des Propheten. Hesekiel schließt mit der Verheißung einer neuen Landverteilung an die zwölf Stämme Israels. Für die damaligen Hörer war das wohl eine zentrale und wichtige Hoffnung. Viele Israeliten waren (wie Hesekiel selbst) im Exil in Babylonien, der Tempel und die Hauptstadt Jerusalem waren zerstört, das ganze Land stand unter der Oberherrschaft der Babylonier. All das, was Gott den Israeliten in ihrer Geschichte zunächst versprochen und dann auch gegeben hatte, war verloren.

Hesekiels Vision macht deutlich, dass Gott mit seinem Volk neu anfangen will, dass er es nicht aufgibt. Dass der Prophet von den zwölf Stämmen spricht, macht deutlich, dass Gott das ganze Volk wiederherstellen will, nicht nur einen Teil. Die Landverteilung geschieht in gleich große Gebiete: Gott bevorzugt keinen Stamm vor dem anderen. Das Heiligtum und die Stadt Jerusalem bekommt ein extra Gebiet, d.h. alle Stämme haben gleiches Anrecht und Zugang. Für ein Volk, das alles verloren hat, müssen diese Zukunftsbilder sehr wichtig gewesen sein.

Für mich bleibt die Frage, ob diese Zukunftsvisionen des Hesekiel wörtlich verstanden werden wollen. Sie haben sich zumindest bis jetzt nicht wörtlich erfüllt. Ich denke aus neutestamentlicher Perspektive können wir sehen, dass Gott seine Verheißungen auf andere Weise erfüllt hat. Auf einer tieferen und sehr viel grundsätzlicheren Ebene. In Jesus Christus hat er den Opferdienst überboten, wir brauchen Gott keine Opfer mehr bringen, sondern er hat uns durch seinen Sohn mit uns versöhnt. Die Gemeinde ist der Leib Christi und der Tempel des Heiligen Geistes, wir brauchen kein zentrales Heiligtum aus Steinen. Wer Christus vertraut, ist Teil des Volkes Gottes und jeder hat unmittelbaren und gleichberechtigten Zugang zum Thron Gottes. In Christus können wir sagen, was Hesekiel am Schluss seiner Vision als Verheißung sagt: „Hier ist der Herr.“ (V.35)

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Hesekiel 47 Strom des Lebens

Nein, es geht nicht um einen neuen Energieversorger oder um Öko-Strom, sondern es geht um Hesekiels große Hoffnungs- und Zukunftsvision. Nach den ganzen Ausführungen zum Tempel und Opferdienst, kommt jetzt ein Bild, das auch mich heute noch ganz unmittelbar anspricht: Hesekiel sieht aus dem Tempel einen Wasserstrom fließen, der ständig größer und tiefer wird. Am den Flussufern stehen viele Bäume, mit immergrünen Blättern und Früchten ohne Ende. Der Fluss fließt ins Tote Meer und sein Wasser hat so viel Lebenskraft, dass selbst das Tote Meer wieder „gesund“ wird und es dort viel Fische gibt.

Was für ein herrliches Bild: aus dem Tempel, dem Ort von Gottes Gegenwart, fließt lebendiges Wasser ins Land. Es macht das Land fruchtbar und lebendig. Ich möchte auch so ein Baum sein, der am Ufer dieses lebendigen Flusses steht, grünt und Früchte im Überfluss hervorbringt. Ich will nicht menschlich-fromme Früchte erzwingen, sondern das Wasser des Lebens aufnehmen und in mir wirken lassen. Ich will mich nach Gott ausstrecken und seine Kraft in mir Früchte hervor bringen lassen.

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Hesekiel 46 Das Privileg Gott nahe zu sein

Auch in diesem Kapitel wird wieder einmal die für Hesekiel typische Trennung zwischen heilig und profan deutlich. In seiner Vision des ideale Tempels und des idealen Opfergottesdienstes darf der Fürst und das normale Volk den inneren Vorhof nicht betreten. Allein am Sabbat und am Neumond soll das östliche Tor zum inneren Vorhof geöffnet werden und der Fürst und das Volk sollen Gott von diesem Tor aus anbeten. Nur die geweihten Priester dürfen den inneren Vorhof betreten.

Diese Trennung ist aus neutestamentlicher Sicht ungewohnt und kommt uns seltsam vor. Aber mir wurde heute beim Lesen wieder deutlich, welch ein Privileg es eigentlich für uns ist, dass wir so unkompliziert Zutritt zum heiligen Gott haben. Durch Jesus Christus darf jeder vor Gottes Thron treten, jeder darf ein Gott geweihter Priester sein und mit Gott reden, wie ein Kind mit seinem Vater redet. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein teuer erkauftes Privileg!

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Hesekiel 45 Gottesdienst und Menschendienst

Erstaunlich, dass beim Priester Hesekiel, dem soviel am Tempel, dem rechten Opferdienst, der korrekten Ausführung aller religiösen Pflichten liegt, zwischendurch auch die soziale Dimension des Glaubens auftaucht. In dieser Vision des idealen Tempels taucht auch der Fürst auf (der betont nicht König genannt wird, weil Hesekiel das Königtum in Israel als gescheitert ansieht), der nicht nur für den rechten Opferdienst zu sorgen hat (V.13-25), sondern auch zur sozialen Gerechtigkeit gegenüber seinem Volk aufgefordert wird (V.9-12).

Selbst bei Hesekiel wird deutlich, dass Gottesdienst nicht nur auf Gott ausgerichtet ist, sondern dass der richtige Gottesdienst auch das Wohl des Nächsten im Blick hat. Gottesliebe ohne Nächstenliebe geht auch bei Hesekiel nicht. Das sollten auch wir nicht vergessen: wer sich wirklich Gott ganz hingeben will, muss sich auch um die Nöte seiner Mitmenschen kümmern.

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Hesekiel 44 Rein und unrein

Hesekiels Vision vom zukünftigen Tempel bleibt ganz in seiner priesterlichen Welt. Vollendung bedeutet für ihn: vollkommener Opferdienst von absolut reinen Priestern in einem perfekten Heiligtum. Auch in diesem Kapitel trennt er streng zwischen dem reinen Bereich, der mit dem Heiligen in Berührung kommt und dem profanen Bereich, der mit unserer normalen irdischen Welt in Berührung kommt. Die Priester müssen streng darauf achten, dass beide Bereiche nicht vermischt werden.

Wie anders lebt und handelt Jesus: Er wird im Hebräerbrief als der eine Hohepriester bezeichnet. Aber er blieb nicht im absolut reinen und heiligen himmlischen Bereich, sondern er wurde vergängliches Fleisch. Er hat sich nicht im Heiligtum aufgehalten oder in der Abgeschiedenheit der Wüste, sondern er ging mitten unter die Menschen. Er hat sich nicht von Kranken und Sündern ferngehalten, sondern feierte mit Zöllnern und Huren. Er hat nicht versucht, die Reinheit des Heiligen durch Abschottung zu bewahren, sondern er hat das Unreine durch seine Gegenwart gereinigt.

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Hesekiel 43 Bruchstückhafte Bilder einer herrlichen Zukunft

In diesem Kapitel beschreibt Hesekiel, wie in seinen visionären Tempel Gottes Herrlichkeit einzieht (welche nach einer Vision in Kap. 10 den damals noch bestehenden Tempel verlassen hatte) und wie der Opferdienst wieder aufgenommen werden soll. Aus neuttestamentlicher Sicht ist das alles etwas seltsam. Denn der Tempel wurde zwar später tatsächlich wieder aufgebaut und der Opferdienst fortgesetzt, aber der Tempel hatte nicht die Ausmaße, wie es Hesekiel in seiner Vision sieht. Im Jahr 70 n. Chr. wurde auch dieser Tempel wieder zerstört.

Das Neue Testament kennt in Offenbarung 21 eine ähnliche Zukunftsvision: da berichtet Johannes vom neuen Jerusalem das aus dem Himmel herab kommt (Offb. 21,2). Auch dort wird verheißen, dass dann Gott mitten unter seinem Volk wohnen wird. Aber es wird ausdrücklich betont, dass im neuen Jerusalem kein Tempel vorhanden sein wird, „denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm.“ (Offb. 21,22)

War die Vision des Hesekiel falsch? Ich sehe sie – wie auch Offb. 21 – eher als eine Andeutung von einer Zukunft, die wir mit unserem Verstand gar nicht richtig erfassen können. In Bildern, die Hesekiel damals verständlich waren, wird eine neue Zukunft mit Gott verheißen. Ähnlich wird in Offb. 21 das zukünftige Jerusalem als gigantische Stadt, gebaut aus Gold und glänzenden Edelsteinen beschrieben. Diese Zukunft mit Gott können wir uns einfach nicht vorstellen, deswegen offenbart sie uns Gott in bruchstückhaften Bildern, damit wir zumindest eine Ahnung von der zukünftigen Herrlichkeit haben.

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Hesekiel 42 Die heilige Priesterschaft

An manchen Stellen klingt Hesekiel recht neutestamentlich. Z.B. wenn er vom neuen Herz und neuen Geist redet, den Gott schenkt (Hes. 36,26f). Hier in dieser Tempelvision bleibt er allerdings seinem alttestamentlich-priesterlichen Gottes- und Weltbild treu. Am Ende des Kapitels schreibt er über die Tempelmauern. Sie sind dazu da, damit das Heilige vom dem Unheiligen geschieden sei (V.20). Davor berichtet er über die Kammern der Priester. Nur in diesen besonderen Kammern dürfen sie die heiligen Opfer verzehren. Danach müssen sie sogar ihre Kleider wechseln, bevor sie hinausgehen unter das Volk (V.14). Durch den Kontakt mit dem Heiligen sind selbst die Kleider heilig geworden und müssen vom profanen Volk getrennt bleiben.

In Jesus Christus zeigt sich der heilige Gott von einer ganz anderen Seite. Er hält sich in seiner Heiligkeit nicht getrennt vom profanen Volk, sondern wird selbst Mensch. Er wird selbst ein Teil der profanen Welt. Er trennt sich nicht durch hohe Tempelmauern ab vom Volk, sondern durch Jesus Christus baut er sich einen neuen, einen lebendigen Tempel. Nach 1. Kor. 3,16 sind wir selbst Gottes Tempel, weil Gottes Geist in uns wohnt. Wer zu Christus gehört ist selbst Teil der heiligen Priesterschaft, die nicht mehr Tieropfer schlachtet, sondern geistliche Opfer bringt (1. Petr. 2,5). Gott bleibt der Heilige, der ganz andere. Aber über Jesus Christus darf jeder Zugang zu ihm haben. Jeder kann Teil des lebendigen Tempels werden und jeder kann eintreten in die heilige Priesterschaft.

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Hesekiel 41 Bescheidene Wohnung

In diesem Kapitel wird in der Vision des zukünftigen Tempels auch das Allerheiligste beschrieben. Also der Ort, an dem Gott in besonderer Weise gegenwärtig ist. Was auffällig ist: es wird gar nicht viel dazu gesagt. Es wird nur gesagt, wie groß es ist: zwanzig auf zwanzig Ellen groß (ca. zehn mal zehn Meter). Für den Schöpfer der ganzen Welt sind das recht bescheidene Ausmaße. Es wird auch nicht beschrieben, was sich im Allerheiligsten befindet.

Schon an der Tempelarchitektur wird deutlich, dass es hier nicht um ein Heiligtum im religiösen Sinn geht. Es ist keine Statue oder Darstellung Gottes zu sehen, die von den Massen angebetet werden kann. Es ist keine menschlich-religiöse Stätte, an welcher der Mensch über Gottes Gegenwart verfügen kann. Gott bleibt auch im Tempel verborgen, unbegreifbar und unvorstellbar. Ein recht kleiner leerer Raum als Symbol für die Gegenwart Gottes. Selbst in der Vision darf dieser Raum nur vom Engel betreten werden und nicht von Hesekiel. Im tatsächlichen Tempel war es auch so, dass das Allerheiligste nur vom Hohenpriester einmal im Jahr betreten werden durfte. Gott bleibt auch im Tempel der ganz Andere und Heilige. Er ist viel größer und herrlicher, als dass er sich in einem irdischen Bauwerk einsperren ließe…

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Hesekiel 40 Tempelvision

In den folgenden Kapiteln finden wir die ausführlichste Vision des Hesekiel. Gott zeigt ihm die Vision des zukünftigen Tempels. Nicht mal nur so kurz im Überblick, sondern bis ins kleinste Detail und mit genauen Maßangaben beschreibt Hesekiel nun den Tempelbezirk. In Kapitel 40 geht es los mit den Außenmauern um den äußeren Vorhof und um den inneren Vorhof.

Für uns heute ist das alles ziemlich fremd. Warum ist es wichtig, wie dick die Mauern dieses visionären Tempelbezirks sind und wie die Tore aufgebaut sind? Aber ich kann mir vorstellen, dass dem Hesekiel bei dieser Vision das Herz aufgegangen ist. Sein Vater war Priester, er selbst war Priester. Seine Lebensaufgabe war eigentlich im Tempel in Jerusalem Gott zu dienen. Und jetzt ist er seit 25 Jahren im Exil im Babylon, weit entfernt von Jerusalem. Der Tempel in Jerusalem ist seit 14 Jahren zerstört. Diese Vision muss ihn tief im Innersten berührt haben. Die genaue Ordnung des Tempelaufbaus mit den Maßangaben war Balsam für seine Seele. Ein Gegenstück zu dem Chaos, das er seit 25 Jahren erlebt.

Für Hesekiel damals also eine durchaus angebrachte Vision von einer geordneten und heilen Zukunft mit Gott. Für uns heute müssten die Visionen wohl anders aussehen…

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Hesekiel 39 Apokalyptische Zukunftsbilder

Wieder mal ein Kapitel, mit dem ich wenig anfangen kann. In apokalyptischen Bildern wird der Feind wie Opfertiere abgeschlachtet und Vögel und Tiere werden aufgefordert, das Blut zu saufen, bis sie trunken sind. Auf der anderen Seite wird für Israel Friede, Freude, Eierkuchen herrschen – Gott wird nicht einen einzigen Juden in der Fremde zurücklassen und Gott wird sein Angesicht nicht mehr von seinem Volk abwenden. Die Begriffe aus dem Opferkult haben herzlich wenig mit meiner heutigen Lebenswelt und Kultur zu tun. Und die Friedensvisionen klingen wie ein weit entferntes Paradies (das auch mit der Realität der Israeliten nach der Rückkehr aus dem Exil wenig zu tun hat).

Ich denke mal das waren schon für die Hörer damals utopische Bilder und Visionen, die ihnen geholfen haben mit ihrer Verzweiflung und ihren Rachegefühlen umzugehen. Zukunftsvisionen, die ihre Hoffnung gestärkt haben und ihr Vertrauen darauf, dass Gott alles zum Guten wenden wird. Für uns heute müssten solche Bilder und Visionen anders aussehen, damit sie uns etwas zu sagen haben. Ich denke da z.B. an die berühmte Rede von Martin Luther King: „I have a dream…“ Da hat er Bilder und Visionen gefunden, welche seine Zuhörer ganz tief getroffen haben und ihnen eine neue Zukunft eröffnet haben.

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