Römer 8, 18-25: Schon jetzt und noch nicht

Paulus scheint in diesem Abschnitt klar geworden sein, dass er nicht nur triumphalistisch das „schon jetzt“ der Kinder Gottes betonen kann, sondern dass auch das „noch nicht“ zur Sprache kommen muss. Wer als Kind Gottes lebt, bei dem hat etwas grundsätzlich Neues angefangen. Aber zugleich stellen wir fest, dass wir noch nicht am Ziel angekommen sind. „Wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung“ (V.24). Wir leben noch immer in einem vergänglichen Leib und nicht in der Vollendung der Herrlichkeit. Wir seufzen und ängstigen uns noch mit der restlichen Schöpfung, weil wir noch nicht endgültig am Ziel sind.

Mir hilft dieser Abschnitt, weil er deutlich macht, dass auch ein Leben als Christ noch ein Leben in Spannungen ist und ein Leben in der Vorläufigkeit. Nicht weil ich mir dieses spannungsvolle Leben so wünsche, sondern weil es ganz einfach meiner erlebten Realität entspricht. Da ist auf der einen Seite die Freude über das was Jesus für mich getan hat und was sich durch den Glauben in meinem Leben schon verändert hat. Da ist aber auf der anderen Seite auch das Seufzen über Unvollkommenheit, Vergänglichkeit und Vorläufigkeit. Beides gehört zu meinem Christsein dazu.

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Johannes 1, 29-34 Lamm Gottes

Gleich zu Beginn des Evangeliums wird deutlich gemacht, wer dieser Jesus von Nazareth ist: er ist „Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“ (V.29) und er ist „Gottes Sohn“. Im Lauf des ersten Kapitels folgen noch andere Hoheitstitel: „Messias“ (V.41), „König von Israel“ (V.49) und „Menschensohn“ (V.51). Gottes Lamm ist sicher eine Anspielung auf den Gottesknecht aus Jesaja, der „um unserer Sünde willen zerschlagen“ (Jes.53,5) wird und der ist „wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird“ (Jes.53,7). Zugleich ist es eine Anspielung auf das Passalamm, das jedes Jahr zur Erinnerung an die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten geschlachtet wird. Jesus wird später genau am Passafest als das Lamm Gottes sterben.

Nach dem fulminanten Auftakt des Evangeliums (V.1-14), in welchem Jesus als Schöpfungsmittler, als Licht der ganzen Welt und als Sohn Gottes vorgestellt wird, in dem die Herrlichkeit Gottes aufstrahlt, ist der Titel „Lamm Gottes“ doch eher bescheiden. Was kann ein Lamm schon ausrichten? Ein Lamm ist ein kleines schutzloses Wesen, das auf die Schlachtbank geführt wird. Was ändert sich, wenn ein undschuldiges Lamm den ganzen Dreck, den ganzen Hass, die ganze Bosheit dieser Welt trägt? Mir kommt Jesus auch heute noch oft so vor wie ein kleines Lamm, das nichts anderes tun kann, als an der Bosheit dieser Welt zu leiden. So manches mal wünsche ich mir, dass ich Jesus nicht nur als Lamm, sondern auch als Löwe erlebe.

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Johannes 1, 1-14 Alles gesagt

Diesen Anfang des Johannesevangeliums habe ich schon oft gelesen. Schon im Studium haben wir uns ein ganzes Semester lang in einem Seminar mit diesem Prolog beschäftigt. Und trotzdem bin ich auch beim heutigen Lesen wieder ins Stauen gekommen über diesen gewagten und gewaltigen Anfang den Johannes hier an den Beginn seines Berichtes über Jesus setzt. Größer und umfassender kann man nicht beginnen. „Im Anfang war das Wort…“ – allein in dieser Aussage liegt ein ungeheurer Anspruch. Es ist Anklang an den Beginn der hebräischen Bibel, an die Schöpfungsgeschichte. In Jesus Christus wird nicht nur Geschichte geschrieben, sondern in ihm geschieht Neuschöpfung!

In diesen wenigen Versen wird eigentlich schon alles ausgesagt. In und durch Jesus Christus wurde alles erschaffen und in und durch ihn geschieht Erlösung. In ihm wohnt alle Fülle. In ihm und durch ihn können wir Gott begegnen und Gottes Kinder werden. Er wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut, um uns die Herrlichkeit Gottes zu zeigen. Und trotz allem nehmen ihn viele nicht auf, bleiben lieber in der Dunkelheit. Zentrale Schlüsselbegriffe des ganzen Evangeliums tauchen hier schon auf: Leben, Licht (und dazu der Gegensatz der Finsternis), Herrlichkeit, Wahrheit…

Für mich sind diese Verse immer wieder neu tröstlich. Vor allem anderen ist Jesus schon da. Auch wenn wir uns manchmal in der Schöpfung verloren vorkommen und so manches nicht verstehen – Jesus Christus ist viel größer und umfassender als unsere Fragen, Zweifel und Anfechtungen. Es geht nicht um ein menschliches Vorbild, dem ich mit aller Kraft und menschlichen Bemühungen nacheifern muss, um irgendwie vor Gott gut dazustehen oder ein gelingendes Leben zu haben. Nein, Jesus ist viel mehr. Er umfasst und trägt mich in all meinen Begrenzungen.

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Hesekiel 10 Gottes Thron ist nicht fest geschraubt

In seiner Vision vom Tempel in Jerusalem sieht Hesekiel wieder die göttliche Herrlichkeit. Er sieht den Thronwagen Gottes, der von vier Engelsgestalten getragen wird. Genauso wie zu Beginn des Buches, als er die Vision am Fluss Kebar in Babylonien hat. Schon das macht deutlich, dass Gottes Gegenwart nicht an einen bestimmten Ort (wie z.B. den Tempel in Jerusalem) gebunden ist. Er ist in Babylonien genauso gegenwärtig, wie in Jerusalem. Der Thronwagen macht auch deutlich, dass Gottes Herrlichkeit beweglich ist. Der Thron Gottes ist nicht im Tempel fest geschraubt.

Das tragische an dieser zweiten Vision ist, dass Gottes Herrlichkeit sich aufmacht, den Tempel zu verlassen. Trotz all dem Götzendienst im Tempel war er auch in Jerusalem gegenwärtig. Aber wenn sich die Menschen dauerhaft von ihm abwenden, dann wendet er sich auch von ihnen ab. Hier in der Vision wird auf andere Weise verdeutlicht, dass Gott sein Angesicht abwendet. Es geht nicht um willkürliche Strafe eines beleidigten Gottes, sondern um die Konsequenzen des menschlichen Unglaubens. Wenn der Mensch ohne Gott leben will, dann darf er das.

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Hesekiel 2 Von Gottes Geist aufgerichtet

Auffällig ist die Anrede „Menschenkind“. Sie kommt bei Hesekiel gehäuft vor (insgesamt 93 mal; sonst im AT nirgends so oft). Wörtlich übersetzt steht da: Sohn des Menschen. Auch Jesus hat sich ja als Menschensohn bezeichnet, doch bei ihm war es auf dem Hintergrund des Buches Daniel ein Hoheitstitel. Hier bei Hesekiel macht es eher die Zugehörigkeit des Propheten deutlich: er gehört auf die Seite der Menschen, er ist Geschöpf und steht in der Linie von „Adam“ (welches das hebr. Wort für Mensch ist). Im Buch Hesekiel wird in besonderer Weise Gottes Macht und Herrlichkeit betont. Hesekiel wird mit der Anrede immer wieder vor Augen geführt, dass Gott ganz anders ist, dass er der Heilige ist, dass es einen Abstand zwischen den vergänglichen Menschen und dem ewigen Gott gibt. Das Faszinierende ist, dass Gott dennoch sein Volk nicht aufgibt und dass er nicht aufhört, durch Propheten um sein Volk zu werben.

Was mich besonders angesprochen hat bei diesem Abschnitt ist V.2: „Und als er [Gott] so mit mir redete, kam Leben in mich und stellte mich auf meine Füße.“ Hesekiel hatte sich vor Ehrfurcht nieder geworfen (Hes.1,28). Was Luther hier mit „Leben“ übersetzt hat, kann man auch mit „Geist“ übersetzen. Hesekiel wirft sich also vor dem heiligen Gott nieder, aber Gott redet mit ihm und Gottes Geist richtet ihn wieder auf. Obwohl Hesekiel ein Sohn des Menschen ist, obwohl der Abstand zwischen Mensch und Gott so groß ist, will Gott mit ihm reden, will er ihn als Gegenüber! Gott will nicht, dass der Prophet vor ihm im Staub kriecht, sondern dass er mit erhobenem Haupt Gott zuhört.

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Hesekiel 1, 4-28 Unbeschreiblich schön

Ziemlich seltsam und nicht ganz leicht zu verstehen dieser Text. Hesekiel erzählt von einer Vision der göttlichen Herrlichkeit. Des öfteren taucht das Wort „wie“ auf: etwas aus seiner Vision sieht aus, „wie“ etwas, was wir aus unserer irdischer Welt kennen. Das zeigt schon, dass er etwas sieht, das man eigentlich nicht beschreiben kann, was er vielleicht auch selbst nicht ganz erfassen kann und das man nur durch Vergleiche andeuten kann.

Auffällig ist, dass er erst recht ausführlich eine Art Thronwagen beschreibt: vier Engelgestalten und vier Räder tragen eine Art durchsichtige Himmelsplatte. Dann wird seine Beschreibung knapper: „Darauf sah es aus wie ein Saphir, einem Thron gleich, und auf dem Thron saß einer, der aussah wie ein Mensch.“ (V.26) Dieser Mensch wird nicht weiter beschrieben, sondern in unterschiedlichen Formulierungen umschreibt Hesekiel den herrlichen Lichtglanz, den diese Gestalt umgibt. Der Prophet vermeidet sorgfältig zu sagen, dass er Gottes Angesicht direkt gesehen habe (vgl. Ex 33,20), er sagt nur, dass er die Herrlichkeit, die Gott umgibt gesehen habe.

Ich glaube nicht, dass diese Vision beschreiben soll, wie Gott aussieht, wie wir uns Gott vorstellen können. Hesekiel will sich kein Bild von Gott machen. Im Gegenteil: Er macht deutlich, wie unbeschreiblich schön und herrlich Gott ist. Er übersteigt unsere Wahrnehmung und unsere Vorstellungskraft. Aber schon allein die Ahnung von dieser Herrlichkeit kann ein Menschenleben verändern.

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Exodus 40 Befreit und doch nicht am Ziel

Das letzte Kapitel des Buches „Exodus“, zu deutsch: „Auszug“. Am Anfang stand die Gefangenschaft und am Ende? Immer noch die Wanderung durch die Wüste. Das Volk ist zwar frei, aber immer noch nicht angekommen. Was aber auch am Ende steht, ist die Einweihung der Stiftshütte, hier noch einmal betont „Wohnung“ (V.34) des heiligen Gottes genannt – Gott bezieht sozusagen seine Wohnung: „Die Herrlichkeit des Herrn erfüllte die Wohnung.“ (V.34) Das entscheidende bei der Befreiung ist nicht, dass man am Ziel angekommen ist, sondern dass man unterwegs ist in der Gegenwart Gottes.

Die Gegenwart Gottes ist nicht so gedacht, dass der herrliche Lichtglanz Gottes sich für immer in dieses Zelt zwängt. Die Stiftshütte ist eine Erinnerung an die unsichtbare Gegenwart Gottes. Bezeichnend ist, was das Heiligste der Stifthütte ist: die Lade mit den zehn Geboten (V.20). Gott ist in seinem Wort gegenwärtig. Anders als in anderen Religionen wird kein Gottesbild aufgestellt und angebetet, sondern die Worte Gottes sind das heiligste, das das Volk auf seiner Wanderung hat. Gott wird nicht durch ein Bild oder eine Statue repräsentiert, sondern durch sein Wort.

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Exodus 34, 29-35 Ein leuchtendes Angesicht

„Was für ein wunderbares Bild für DEINE lebensverändernde Kraft, für DEINE leuchtende Herrlichkeit, die sich in unser widerspiegelt! Mose hat mit DIR geredet, wie mit einem Freund, von Angesicht zu Angesicht. Er hat sich in DEIN Licht gestellt und danach hat die Haut seines Angesichts geleuchtet.

Das wünsch ich mir für uns heute, für mich: dass wir DIR begegnen, dass wir DEINER Herrlichkeit nahe kommen, dass wir mir DIR reden, wie mit einem Freund. Und dass unsere Angesichter anfangen zu leuchten. Nicht weil wir uns anstrengen, ein besonders guter Christ zu sein, nicht weil wir uns bemühen, ein freundliches und fröhliches Gesicht zu machen, nicht weil wir die Rechtgläubigen und Bibeltreuen sind, die sich an DEIN Wort halten. Nein, einfach weil wir in DEINER Gegenwart leben, weil wir von DEINEM Licht erleuchtet werden. Wir strengen uns nicht an, wir bemühen uns gar nicht einmal um dieses Leuchten, ja wir bemerken es nicht einmal. Wir sehnen uns nur nach einem: nach DEINER Gegenwart, nach DEINEM Reden, nach DEINEM Leuchten.“

Exodus 33, 7-23 Gottes Herrlichkeit sehen

Für mich einer der schönsten und geheimnisvollsten Abschnitte des Alten Testaments. Zunächst wird berichtet, dass Gott mit Mose von Angesicht zu Angesicht geredet hat, „wie ein Mann mit seinem Freunde redet“ (V.11). So direkt und vertraut, wie ich mit einem guten Freund reden kann, hat Gott mit Mose geredet.

Die Formulierung „von Angesicht zu Angesicht“ bedeutet nicht, dass Mose Gott sehen konnte, sie betont vor allem den vertrauten Umgang. Das wird auch in den folgenden Versen deutlich. Denn hier wird beschrieben, wie Mose ein großes Verlangen danach hat, Gottes Herrlichkeit zu sehen. Gott antwortet darauf ausdrücklich: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ (V.20) Nicht einmal Mose kann es ertragen, Gott in seiner Herrlichkeit zu sehen. Gottes Lichtglanz ist unendlich stärker und strahlender als die Sonne, die ja nur ein Geschöpf ist. Wenn wir nicht einmal die Sonne direkt anschauen können, dann kann man sich vorstellen wie es ist, wenn wir vor Gottes Herrlichkeit stehen!

Das Wunderbare an dieser Stelle ist, dass Gott die Bitte nicht einfach abtut, sondern dass er dem Mose das Äußerste gewährt, was ein Mensch gerade noch ertragen kann: Gott stellt Mose in eine schützende Felsspalte, hält seine Hand über ihn und dann darf Mose hinter Gott hersehen (V.23). Mose bekommt nur den Abglanz, die Rückseite von Gottes Herrlichkeit zu sehen – aber schon das ist eine außergewöhnliche Ehre und sehr gefährlich!

In welchem Licht leuchten da manche neutestamentliche Verheißungen auf! Wer zu Jesus gehört, dem wird einmal Gott persönlich alle Tränen abwischen (Offb. 21,4) und der wird im ewigen Lichtglanz Gottes sein Angesicht sehen (Offb. 22,3-5)! Genial!

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Exodus 28 Das predigende Gewand

Ausführlich wird in diesem Kapitel die Kleidung des Hohepriesters dargestellt. Ich finde das auf der einen Seite interessant, auf der anderen Seite bleibt es mir fremd. Einerseits ist es ein spannender Gedanke, dass hier die Bekleidung selbst zur Predigt wird. Der Hohepriester trägt die Namen der zwölf Stämme Israels auf seinen Schultern und auf seinem Herzen. Auf einem Stirnblatt steht „Heilig dem Herrn.“ Insgesamt macht das herrliche und kostbare Gewand deutlich, dass die Persönlichkeit des Priesters zurück tritt und der Auftrag des Priesters ihm selbst und anderen vor Augen geführt wird.

Als evangelischer Theologe bin ich dagegen doch sehr verkopft. Im evangelischen Bereich haben wir in den letzten Jahren gemerkt, dass auch Symbole, Riten und ganzheitlich gelebter Glaube wichtig sind – aber in der Praxis tun wir uns oft schwer damit. Unser Glaube ist oft sehr verkopft und abstrakt. Von da her bringt es mich zum Nachdenken, wie hier alleine mit der Kleidung gepredigt wird.

Andererseits stößt mich dieser Prunk und die besondere Kleidung für Würdenträger auch ab. Wenn ich das ganze Brimborium sehe, mit dem sich z.B. der Papst präsentiert, dann spricht mich das einfach nicht an. Für mich hat das dann wenig mit dem Geist Jesu Christi zu tun. Vielleicht liegt hier ein Unterschied zwischen diesem alttestamentlichen Text und einem Glauben, der sich zuerst an Jesus orientiert. Jesus ist für uns der eine Hohepriester – aber nicht weil er ein herrliches Gewand trug, sondern weil er sich selbst für uns geopfert hat. Jesus trug ganz normale Alltagskleidung, er war einer von uns. Er trug nur einen Lendenschurz am Kreuz und zeigte doch am Kreuz die Herrlichkeit Gottes. Wenn wir als Christen mit Symbolen und Kleidung predigen wollen, dann muss das anders aussehen als diese herrlichen Gewänder der alttestamentlichen Priester.

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