Johannes 17, 17-26 Damit sie eins seien

Um was geht es in diesem Text? Für mich wird das ganz gut zusammengefasst in V.21: Jesus bittet den Vater für seine Jünger und Jüngerinnen, „damit sie eins seien, wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ Sie sollen in die Einheit des Vaters mit dem Sohn hinein genommen werden. Dadurch werden sie „geheiligt“ (V.17-19), d.h. sie gehören in den Bereich des heiligen Gottes. Die Einheit der Jünger und Jüngerinnen Jesu untereinander soll dann auf die Einheit mit Gott verweißen und Jesu Sendung bestätigen.

Wieder mal ein ganz schön hoher Anspruch. So sollte es im Idealfall sein. Aber wenn ich mir uns Christen so anschaue, dann stelle ich sehr viel mehr Zersplitterung, Meinungsverschiedenheiten und Streit fest. Wie soll dieses in Konfessionen zersplitterte, von verschiedenen theologischen Meinungen geprägte und von ganz unterschiedlichen Frömmigkeitsstilen geprägte Christentum als eine Einheit auf Jesus Christus verweisen? Tun wir zu wenig für unsere Einheit? Wurde Jesu Gebet nicht erhört? Ist unsere vollkommene Einheit in Christus etwas, das wir durch vorbildlichen Glauben erst erarbeiten müssen? Kann diese Einheit nur bestehen, wenn wir in allem gleicher Meinung sind?

In Johannes 17 ist es klar, dass dies ein Gebet Jesu für seine Jünger und Jüngerinnen ist. Jesus bittet für sie. Er fordert sie nicht zur Einheit auf, sondern bittet Gott den Vater um Einheit. Diese Einheit wird also von Gott geschenkt und gewirkt. Wir können sie nicht aus uns heraus produzieren. Sie zeigt sich v.a. darin, dass wir Jesu Wort und damit letztendlich Jesus selbst vertrauen. Wer mit seinem ganzen Leben auf Jesus vertraut, der ist schon Teil dieser Einheit mit dem Vater (auch wenn er im einzelnen eine andere Meinung hat wie andere Christen). Zugleich bleibt dieser Zuspruch auch ein Anspruch: Diese innere Einheit soll sich auch nach außen zeigen, so dass es andere Menschen erkennen können.

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Rainer Buck: Aljoscha

Eine vermessene wie zugleich auch faszinierende Idee steckt hinter Rainer Bucks erstem Roman: Wie würde sich die Figur Aljoscha aus Dostojewskis letztem Roman „Die Brüder Karamasow“ weiterentwickeln? Natürlich ist Buck schlau genug, diesen Versuch nicht direkt zu unternehmen, sondern er schreibt über einen naiven Sonderling, der genau das zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat: den großen Roman von Dostojewski und insbesondere die Figur des Aljoschas fortzuschreiben. Und natürlich tauchen bei Bucks Hauptperson, Karel Puto, gewisse Ähnlichkeiten zur Person des Aljoschas auf. Auch er besitzt eine Art heilige Einfalt und will sich ganz auf die Liebe Gottes ausrichten.

Das Buch beschreibt die Suche von Karel Puto nach realen Vorbildern für seine Romanfigur. Dabei öffnet der eigenbrötlerische Einzelgänger sich immer mehr der Welt und den Menschen um ihn herum. Er wird dabei in verschiedene Milieus verwickelt – unter anderem in die von Sarkasmus geprägte Welt eines Literaturkritikers, in das Rotlichtmilieu und in die Welt der Obdachlosen. Und natürlich taucht auch in Form von Nadja eine Frau in seinem Leben auf, von der er selbst aber in seiner Naivität erst spät erkennt, dass er sie liebt. Durch diese Öffnung für die Welt wird Puto selbst verändert, aber er verändert auch die Menschen um ihn herum. Er verändert die Welt nicht durch beredete Überzeugungskunst oder durch Heldentaten, sondern durch seine schlichte Liebe, Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft. Dabei wird nicht nur er selbst innerlich und äußerlich im Durcheinander unserer Welt verletzt, sondern er merkt auch, wie er selbst gerade in seiner kindlichen Naivität durch unüberlegtes Handeln andere verletzt.

Am Ende seiner Suche nach Aljoscha stellt er fest, dass es den idealen Heiligen in der wirklichen Welt nicht gibt. Aber er stellt auch fest, dass ein wenig von Aljoscha in vielen verschiedenen Personen aufleuchtet – auch in ihm selbst. Den perfekten Heiligen gibt es nicht, und doch taucht in vielen Menschen die bewusst oder auch unbewusst mit Gott unterwegs sind, auch etwas von Gottes Liebe auf. Gerade in seinem einfältigen Vertrauen auf Gott ist Karel Puto so etwas wie die indirekte Fortführung der Romanfigur Aljoscha.

Das Buch ist offensichtlich eine Hommage an den großen russischen Schriftsteller Dostojewski. Zugleich wird in der Romanfigur des Privatgelehrten Hiller auch Karl May geehrt. May wird ja oft leichtfertig in die Kinderbuchabteilung abgeschoben, aber Buck macht in seinem Roman deutlich, dass Karl May auf einer anderen Ebene als der unmittelbaren Handlung durchaus etwas zu sagen hat. Beide, Dostojewski und May, wollen etwas von ihrem christlichen Glauben weitergeben. Aber nicht auf plumpe und direkte Art, sondern eingebettet und vermittelt durch ihre Geschichten. Darum geht es auch Rainer Buck. Er möchte etwas von seien christlichen Überzeugungen weitergeben, ohne den Leser als „Evangelisationsobjekt“ zu behandeln.

Mir hat der Roman sehr gut gefallen, ich hab ihn gerne gelesen. Vor allem die differenzierte Art vom christlichen Glauben zu reden, hat mir zugesagt. Es wird deutlich, dass mit Jesus nicht einfach alles ohne Probleme läuft. Auch im Leben der Glaubenden tun sich so manche Abgründe auf, auch sie sind nicht perfekt. Es wird aber auch deutlich, dass das Fragen nach Gott und die Suche nach Liebe (welche mehr ist als ein Produkt des menschlichen Hormonhaushaltes) zu einem sinnvollen Leben dazu gehört. Aljoscha hat mir auch besser gefallen als Bucks zweiter Roman „44 Tage mit Paul“. Auch dort geht es um einen naiven und einfältigen Heiligen, der ganz selbstverständlich Gottes Liebe in die Welt trägt. Allerdings orientiert sich Buck dort mehr an einem anderen Lieblingsschriftsteller von ihm: Nick Hornby. Und zugleich geht er dort das Wagnis ein, aus der Perspektive einer weiblichen Hauptperson zu erzählen. Ich finde, die neutrale Erzählerperspektive aus Aljoscha und die Orientierung an Dostojewski liegt ihm mehr…

Stilistisch ist das Buch gut geschrieben. Spannungsbögen werden aufgebaut und das Interesse des Lesers an den Verwicklungen, in welche Karel Puto hinein gerät, wird wachgehalten. An manchen Stellen gerät der Autor aber zu sehr ins Dozieren und Erklären, eine Schwäche die er im Roman auch (mit einem Augenzwinkern?) seinen Figuren Puto und Hiller mitgegeben hat. Etwas verwirrend für mich als Leser war auch von der Handlung her der Bruch zwischen dem ersten und dem zweiten Teil. Das fand ich zu hart und unvorbereitet. Im ersten Teil ging es um die Beschreibung der aufkeimenden Liebe zwischen Karel und Nadja, welche dann im zweiten Teil durch Karels „Ausstieg“ aus der bürgerlichen Welt jäh unterbrochen wird und erst gegen Ende wieder aufgenommen wird.

Auf jeden Fall ein Buch, das zum Nachdenken anregen will und das auch tut. Ein Buch, das mehr bieten möchte als seichte Unterhaltung und das trotzdem unterhaltend zu lesen ist. Ein Buch, das zur eigenen Suche nach Gott anregen möchte, ohne fertige und platte Antworten auf dem Silbertablett zu servieren. Sehr schön!

(Amazon-Link: Rainer Buck: Aljoscha)

Hesekiel 46 Das Privileg Gott nahe zu sein

Auch in diesem Kapitel wird wieder einmal die für Hesekiel typische Trennung zwischen heilig und profan deutlich. In seiner Vision des ideale Tempels und des idealen Opfergottesdienstes darf der Fürst und das normale Volk den inneren Vorhof nicht betreten. Allein am Sabbat und am Neumond soll das östliche Tor zum inneren Vorhof geöffnet werden und der Fürst und das Volk sollen Gott von diesem Tor aus anbeten. Nur die geweihten Priester dürfen den inneren Vorhof betreten.

Diese Trennung ist aus neutestamentlicher Sicht ungewohnt und kommt uns seltsam vor. Aber mir wurde heute beim Lesen wieder deutlich, welch ein Privileg es eigentlich für uns ist, dass wir so unkompliziert Zutritt zum heiligen Gott haben. Durch Jesus Christus darf jeder vor Gottes Thron treten, jeder darf ein Gott geweihter Priester sein und mit Gott reden, wie ein Kind mit seinem Vater redet. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein teuer erkauftes Privileg!

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Hesekiel 2 Von Gottes Geist aufgerichtet

Auffällig ist die Anrede „Menschenkind“. Sie kommt bei Hesekiel gehäuft vor (insgesamt 93 mal; sonst im AT nirgends so oft). Wörtlich übersetzt steht da: Sohn des Menschen. Auch Jesus hat sich ja als Menschensohn bezeichnet, doch bei ihm war es auf dem Hintergrund des Buches Daniel ein Hoheitstitel. Hier bei Hesekiel macht es eher die Zugehörigkeit des Propheten deutlich: er gehört auf die Seite der Menschen, er ist Geschöpf und steht in der Linie von „Adam“ (welches das hebr. Wort für Mensch ist). Im Buch Hesekiel wird in besonderer Weise Gottes Macht und Herrlichkeit betont. Hesekiel wird mit der Anrede immer wieder vor Augen geführt, dass Gott ganz anders ist, dass er der Heilige ist, dass es einen Abstand zwischen den vergänglichen Menschen und dem ewigen Gott gibt. Das Faszinierende ist, dass Gott dennoch sein Volk nicht aufgibt und dass er nicht aufhört, durch Propheten um sein Volk zu werben.

Was mich besonders angesprochen hat bei diesem Abschnitt ist V.2: „Und als er [Gott] so mit mir redete, kam Leben in mich und stellte mich auf meine Füße.“ Hesekiel hatte sich vor Ehrfurcht nieder geworfen (Hes.1,28). Was Luther hier mit „Leben“ übersetzt hat, kann man auch mit „Geist“ übersetzen. Hesekiel wirft sich also vor dem heiligen Gott nieder, aber Gott redet mit ihm und Gottes Geist richtet ihn wieder auf. Obwohl Hesekiel ein Sohn des Menschen ist, obwohl der Abstand zwischen Mensch und Gott so groß ist, will Gott mit ihm reden, will er ihn als Gegenüber! Gott will nicht, dass der Prophet vor ihm im Staub kriecht, sondern dass er mit erhobenem Haupt Gott zuhört.

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Epheser 2, 19-22 Gelungene Integration

Zur Zeit wird in Deutschland viel über Integration gesprochen und vor allem die fehlende Integration bemängelt. Der Bibeltext beschreibt gelungene Integration (auf einer ganz anderen Ebene): „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ (V.19) Wer auf Jesus vertraut, der gehört zum Volk Gottes, ganz egal woher er kommt und welche Sprache er spricht. In Gottes Haus gibt es keine Gäste und Fremdlinge, sondern nur vollwertige und voll akzeptierte Mitbürger.

Das geniale an der Stelle ist, dass wir als Christen nicht nur in das Volk Gottes integriert sind, sondern dass wir sogar „Gottes Hausgenossen“ sind. Das ist nicht nur Integration auf menschlicher Ebene, sondern Integration auf göttlicher Ebene. Das ganze wird sogar noch gesteigert: Nicht nur wir wohnen in Gottes Haus, sondern Gott wohnt in uns! „Durch ihn [Christus] werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“ Mehr und bessere Integration geht nicht: Wir untereinander und Gott mit uns! Klasse!

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Philpper 1, 1-2 Hallo, ihr Heilige!

Nach der langen Beschäftigung mit Jeremia jetzt mal wieder etwas kürzeres aus dem Neuen Testament: Der Brief des Paulus an die Philipper. Philippi liegt in Mazedonien und war damals eine römische Kolonie. Aus geschichtlichen Gründen war die Stadt vor allem von römischen Veteranen besiedelt (also so etwas wie eine Militärkolonie). Auf seiner zweiten Missionsreise gründete Paulus hier die erste Gemeinde auf europäischen Boden (ca. 49/40 n.Chr.). Den Philipperbrief verfasst Paulus aus dem Gefängnis. Bis heute ist nicht sicher aus welchem Gefängnis. Möglich wären Rom, Cäserea oder Ephesus .

Die ersten Sätze einer Schriftrolle standen damals als Absender und Empfängerangabe. So wie bei uns heute Absender und Empfänger auf dem Briefumschlag stehen. Auffällig beim Philipperbrief ist, dass neben Paulus auch Timotheus als Absender genannt wird. Das liegt wohl daran, dass Timotheus vorhatte, die Gemeinde bald zu besuchen (Phil.2.19). Vielleicht war er sogar der Überbringer des Briefes. Da sehen wir mal wieder, dass selbst der große Missionar Paulus auf Teamarbeit setzte – er war nicht der alleinige große Macher, sondern er war mit anderen zusammen unterwegs.

Interessant auch die Empfängerangabe: „Die Heiligen in Christus Jesus in Philippi.“ In Christus sind wir Heilige! Nicht weil wir ein heiligeres Leben führen als andere, oder weil uns irgendein Papst heilig gesprochen hat. Nein, wir sind heilig, weil wir in Christus Sündenvergebung und Erneuerung haben: wir stehen rein und heilig vor Gott!

Neben allen Heiligen werden besonders auch die Bischöfe und Diakone angesprochen. Es gab offensichtlich schon früh in den Gemeinden bestimmte „Ämter“. Schon von Anfang an musste Gemeinde organisiert werden und es waren bestimmte Personen für bestimmte Aufgaben zuständig. Bei Bischof darf man nicht an einen Bischof im heutigen Sinn denken. Von der Wortbedeutung her besagt Bischof: „Vorsteher, Aufseher“. Das Wort steht hier im Plural: Es geht also um die Gemeindevorsteher, um die Gemeindeleitung. „Diakon“ bedeutet einfach „Diener, Knecht“. Das waren also Leute die, auf welche Weise auch immer, der Gemeinde dienten.

Ich (und viele andere Christen) träumen so manches mal von einer Gemeinde, die ohne Verwaltung und ohne Ämter auskommt. Kaum jemand hat noch keine negativen Erfahrungen mit „kirchlicher Verwaltung“ oder mit kirchlichen „Amtsträgern“ gemacht. Wir wünschen uns eine Gemeinschaft, die sich einfach trifft und sich ohne große Organisation von Gott selbst leiten lässt. Aber das ist eine Illusion. Von Anfang an hat Gemeinde Strukturen und auch Ämter gebraucht. Wie diese Strukturen am besten aussehen sollten, darüber kann man sich streiten (und tut es ja auch zu Genüge). Aber dass wir solche Strukturen brauchen, steht für mich außer Frage. Das NT gibt uns da auch leider keine einheitlich Struktur vor, sondern wir können an verschiedenen Stellen nur erahnen, wie es verschiedene Gemeinden damals gemacht haben.
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