Apostelgeschichte 15, 13-35 Konfliktlösung

Interessanterweise hat Jakobus das letzte Wort in diesem Konflikt. Er scheint schon früh für die Jerusalemer Urgemeinde wichtiger gewesen zu sein, als Petrus. Jakobus stellt sich auf die Seite von Paulus und Petrus. Er begründet dies mit dem Handeln Gottes, von welchem Simon Petrus berichtet hat (V.14): Gott handelt auch an den Heiden. Und als wichtige Bestätigung für diese Erfahrung stellt er fest, dass diese Sicht mit der Bibel übereinstimmt. In dem Zitat aus Amos wird deutlich, dass Gott nicht nur Israel ruft, sondern auch die Heiden. Das sind auch für uns heute noch wichtige Kriterien für Konfliktfragen: Wie erleben wir Gottes Handeln und was sagt die Schrift dazu?

Allerdings ist es Jakobus wichtig, einen Kompromiss zu finden für das Zusammenleben von Heidenchristen und Judenchristen. Damit sich die Judenchristen  im Umgang mit Heidenchristen nicht rituell verunreinigen, müssen die Heidenchristen vier mosaische Gebote zu rituellen Reinheit befolgen: 1. Sie sollen nicht an heidnischen Kulten teilnehmen oder Fleisch aus rituellen Schlachtungen für heidnische Götter essen („Götzen“). 2. Verzicht auf Eheschließungen innerhalb der von Mose vorgeschriebenen Verwandtschaftsgrade („Unzucht“). 3. Kein Fleisch von „Ersticktem“, d.h. von Tieren, die nicht nach den Vorschriften der Tora geschlachtet wurden. 4. Verzicht auf alle Speisen, in denen „Blut“ mitverarbeitet wurde.

Die Heidenchristen müssen also nicht erst Juden werden, um gerettet zu werden. Aber aus Rücksicht auf Mitchristen aus dem Judentum, sollen sie im Zusammenleben grundlegende Reinheitsvorschriften erfüllen. Damit ist der Konflikt nicht aus der Welt geschaffen. Es gab weiterhin Probleme zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen. Und auch Paulus berichtet anders von diesem Apostelkonzil: nach Gal. 2,6 hatte er gar keine Bedingungen für seine Mission unter Heiden (vielleicht wurde die Kompromissformel erst festgelegt, als Paulus schon wieder abgereist war?). Aber Lukas macht deutlich, dass die Christen trotz unterschiedlicher Meinung aufeinander Rücksicht nehmen und gemeinsam Lösungen suchen.

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Galater 2, 11-18 Ein Herz und eine Seele

Dieses Stelle zeigt, dass es trotz der grundsätzlichen Einigung zwischen Judenchristen und Heidenchristen im praktischen Miteinander noch genügend Konfliktpotential gab. Paulus hat sich mit den Ältesten von Jerusalem geeinigt, dass Petrus für die Judenchristen zuständig ist und Paulus für die Heidenchristen. Die Judenchristen befolgen weiterhin die jüdischen Speisegebote, die Heidenchristen müssen das nicht tun. Wie sieht aber nun das konkrete Miteinander von Juden- und Heidenchristen in einer Gemeinde aus?

In Antiochien war es offensichtlich so, dass Juden- und Heidenchristen trotz unterschiedlicher Auffassungen über Speisegebote Tischgemeinschaft hatten (wobei die Judenchristen sich wohl an die jüdischen Speisevorschriften hielten). Als Petrus aus Jerusalem zu Besuch kam, schien er das auch zu akzeptieren und nahm an der Tischgemeinschaft teil. Nun kam aber weiterer Besuch aus Jerusalem und die hatten eine andere Meinung: sie wollten nicht zusammen mit den Heidenchristen essen, weil das nach ihrem Verständnis ein Bruch mit dem Judentum zur Folge hätte. Petrus will diesen Judenchristen keinen Anstoß bieten und verzichtet dann ebenfalls auf die Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen.

Paulus platzt daraufhin der Kragen. Öffentlich stellt er Petrus zur Rede. Durch sein Handeln hatte dieser die Heidenchristen zu Christen zweiter Klasse gemacht. Durch sein Handeln hatte er deutlich gemacht: Um ein vollwertiger Christ zu sein, muss man auch die jüdischen Speisegebote einhalten. Damit sagt er aber implizit, dass man als Christ nicht nur auf die Gnade angewiesen ist, sondern daneben auch bestimmte Vorschriften des Gesetzes einhalten muss. Leider berichtet Paulus nicht, wie Petrus darauf reagiert hat…

Da ging es ganz schön ab, unter den Urchristen! Es war offensichtlich nicht immer so idyllisch, wie Lukas das in seiner Apostelgeschichte dargestellt hat: „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele.“ (Apg. 4,32)

Galater 2, 3-10 Theologische Spannungen

An dieser Stelle wird deutlich, wie groß die theologischen Spannungen schon in der Urkirche waren. Da gab es auf der einen Seite Leute wie Paulus, die vor allem die Nichtjuden im Blick hatten und für Christus gewinnen wollten. Auf der anderen Seite gab es jüdische Christen, die davon ausgingen, dass man zuerst Jude werden müsste, bevor man ein vollwertiger Nachfolger Jesu werden konnte (Jesus und seine Jünger waren ja schließlich auch alle Juden). Paulus berichtet in diesem Abschnitt, dass man sich friedlich geeinigt hatte: Paulus soll das Evangelium den Heiden bringen und Petrus soll für die Juden zuständig sein (V.7). Mit Nachdruck betont Paulus, dass man ihm für die Heidenmission keine Auflagen gemacht habe (d.h. weder die Beschneidung noch die Befolgung anderer jüdischen Gesetze sei für nichtjüdische Christen notwendig).

Vergleicht man allerdings diese Stelle mit der Apostelgeschichte, dann wird deutlich, dass die Einigung doch nicht so klar und eindeutig war. Da wird auch von einem Treffen des Paulus und Barnabas ein Treffen mit den Aposteln und Ältesten in Jerusalem hatten. Dort werden dann allerdings einige Einschränkungen aufgezählt. Für die Heidenchristen werden keine weitere Lasten auferlegt, außer diesen: sie sollen kein Fleisch von Götzenopfern, kein Blut und kein nicht ausgeblutetes Fleisch essen und sich von Unzucht fernhalten (Apg. 15,28f). Entweder hat Paulus diese Zusatzbestimmungen in seinem Brief verschwiegen oder es gab danach noch mal ein Treffen, auf dem diese Ergänzungen gemacht wurden. Auch in 1. Kor. 8 wird deutlich, dass Paulus die Bestimmung zum Essen von Götzenopferfleisch theologisch anders beurteilt hat und nur aus Rücksicht auf die Schwachen im Glauben empfiehlt kein Götzenopferfleisch zu essen.

Wir sehen: schon früh gab es gewaltige theologische Unterschiede. Von Paulus wissen wir, dass er sich bei seiner Argumentation auf Jesus selbst, auf den Heiligen Geist und auf die Heilige Schrift bezogen hat. Bei seinen Gegnern wird das nicht anders gewesen sein… Erinnert mich fatal an so manche theologische Diskussion heute. Entscheidend damals war, dass man sich getroffen hat, diskutiert hat und dann einen groben Kompromiss gefunden hat, mit dem alle leben konnten (außer den Extremisten, die nach wie vor eine Beschneidung der Nichtjuden als Voraussetzung für echtes Christsein forderten). In Detailfragen gab es dann zwar weiterhin Unstimmigkeiten, aber von der Richtung her war klar: Paulus missioniert unter den Heiden und Petrus ist für die Judenchristen zuständig. Im Klartext heißt das doch: Die Einheit der Kirche wird festgehalten, aber jeder hat seinen eigenen Bereich für den er zuständig ist.

Galater 1, 6-10 Der liberale Paulus

Irgendwie traurig: schon damals haben sich Christen auf theologischer Ebene die Köpfe eingeschlagen. Paulus legt in seinem Brief gleich richtig los: statt der an dieser Stelle üblichen Danksagung, greift er sofort diejenigen an, die ein anderes Evangelium als er lehren. Ist das jetzt eingebildet oder konsequent? Fehlt da die Demut oder ist das ein notwendiger Kampf für das Evangelium?

Aus heutigem Abstand können wir das natürlich leichter beurteilen. Die Briefe des Paulus sind Teil des Neuen Testaments, Paulus hat sich mit seiner Ansicht durchgesetzt. Gott sei Dank und meiner Meinung nach zurecht. Theologisch gesehen stand er damals für eine Öffnung des Christentums gegenüber der heidnischen Welt. Um Christen zu werden, sollten die Heiden nicht erst Juden werden müssen (mit Beschneidung und Befolgung des alttestamentlichen Gesetzes). Andere legten die Botschaft Jesu konservativer aus: Für sie war klar, dass Jesus Jude war und das jeder echte Nachfolger zuerst auch einmal Jude werden musste.

Paulus wurde dementsprechend vorgeworfen, dass er seine Botschaft zu sehr den Menschen anpasse. Er verwässere das Evangelium. Dieser Vorwurf spiegelt sich in V.10 wieder, wo Paulus seine Gegner fragt: „Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott zuliebe? Oder suche ich Menschen gefällig zu sein?“ Das war genau der Vorwurf: dass sein Evangelium von der Gnade zu billig ist und nur den Menschen gefällig ist. Seltsam, wenn man sich das so überlegt: in dieser Frage wurde Paulus damals als zu liberal beschimpft und verurteilt (wobei er in anderen Fragen, z.B. gegenüber der Gnosis, alles andere als liberal war).

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