Hebräer 13, 15-25 Betet füreinander

Neben aller Ermahnung und allen theologischen Ausführungen zum Hohepriestertum Jesu ist das wohl das Wichtigste: das Gebet. Der Schreiber bittet die Gemeinde: „Betet für uns“ (V.18) und er betet selbst für die Empfänger, dass Gott selbst sie befähigt „in allem Guten, zu tun seinen Willen“ (V.21). Alle gut gemeinte Ermahnung und all unsere menschlichen Bemühungen nützen doch nichts, wenn nicht Gott selbst in uns wirkt.

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Hebräer 13, 9-14 Außenseiter

Als Christen sind wir von vornherein Außenseiter. Jesus Christus wurde nicht von der Masse angehimmelt und verehrt, sondern er hat „gelitten draußen vor dem Tor“ (V.12). So sollen auch wir hinausgehen aus dem „Lager“, wo sich die vielen im Schutz ihrer gemeinsamen Interessen und Ansichten zusammen finden, und wir sollen mit Jesus „sein Schmach tragen“ (V.13). Die anderen sind drinnen, wir sind draußen, weil auch Jesus draußen war.

Draußen sind wir auch, weil wir hier keine bleibende Stadt haben, sondern die zukünftige suchen. Wir wohnen hier nur vorübergehend. Es ist nicht unser eigentliches zu Hause. Das heißt nicht, dass wir das Leben hier nicht genießen dürften, aber wir wissen, dass es etwas gibt, das wichtiger ist als all die irdischen Dinge. Auch in einer Ferienwohnung kann man es sich ja gemütlich einrichten und die Zeit genießen, aber man weiß, dass es irgendwann wieder nach Hause geht. Wir gehen auch irgendwann nach Hause – allerdings nicht in einen grauen und stressigen Arbeitsalltag, sondern in eine himmlische Ruhe (vgl. Hebr. 4,9f).

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Hebräer 13, 1-8 Wissen heißt noch lange nicht tun

Nachdem der Hebräerbrief seine Hauptgedanken abgeschlossen hat, folgen noch einige konkrete Ermahnungen. Das scheint immer wieder nötig zu sein, denn in vielen anderen Briefen finden sich ähnliche Zusammenstellungen von konkreten Hinweisen. Dabei weiß doch jeder Leser schon, dass es z.B. wichtig ist, in der „brüderlichen Liebe“ (V.1) zu bleiben. Aber es ist bei uns wohl ähnlich, wie in der Kindererziehung. Vieles wissen die Kinder ganz genau. Und trotzdem muss man es ihnen immer wieder neu sagen und sie daran erinnern, sich auch daran zu halten.

Mich hat bei diesen Ermahnungen vor allem V.5 angesprochen: „Seid nicht geldgierig, und lasst euch genügen an dem, was da ist.“ Vor kurzem habe ich eine Predigt darüber gehalten, dass uns Geld nicht glücklich macht. Wir wissen das eigentlich alle, aber viel zu handeln wir anders. Wir lassen uns im praktischen Leben und Denken dann doch vom Geld bestimmen. Wir träumen dann doch immer wieder davon, was wir alles tun könnten, wenn wir mehr Geld hätten. Dabei ist es fast egal, wie viel Geld wir tatsächlich haben. Man hat immer das Gefühl, ein bisschen mehr könnte es doch noch sein. Interessant fand ich dazu einen Satz aus der Stuttgarter Erklärungsbibel zu diesem Text: „Geldgier ist ein Zeichen von Misstrauen gegenüber Gott.“ Das zu wissen heißt noch lange nicht, dass wir auch danach leben. Von daher sind solche Erinnerungen immer wieder gut.

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Hebräer 12, 25-29 Kein Kuschelgott

Auch hier wieder: Zuckerbrot und Peitsche. Auf der einen Seite lockt der Hebräerbrief die müden Christen damit, dass sie ein unerschütterliches Reich empfangen werden (V.29) wenn sie im Glauben treu bleiben. Andererseits droht er mit der Heiligkeit Gottes: „Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.“ (V.29)

Wie schon vorher, stellt der Hebräerbrief Gott nicht als harmlosen Kuschelgott dar. Er ist ein verzehrendes Feuer. In Hebr. 10,31 wird gesagt: „Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ Ich beschäftige mich gerade mit biblischen Aussagen zum Thema Hölle. Auch die Hölle wird häufig mit dem Bildwort vom Feuer verbunden. Feuer ist gefährlich, es kann schmerzhaft und qualvoll sein. Der Hebräerbrief warnt uns eindringlich davor, Gott und seine Heiligkeit zu verharmlosen.

Allerdings kann berechtigte Ehrfurcht vor diesem Gott der so anders, so viel größer und heiliger ist, als wir uns das vorstellen können, auch schnell umschlagen in Angst. Ich denke nicht, dass echter Glaube und tiefes Vertrauen in Gott, auf Angst basieren kann. Mir selbst ist als sinnvolle biblische Ergänzung und Korrektur dieser Aussagen des Hebräerbriefes das Gleichnis vom verlorenen Sohn eingefallen. Auch Jesus stellt Gott nicht als Kuschelgott dar. Auch er spricht von Gottes Heiligkeit und seinem Zorn gegenüber der Sünde. Aber er zeigt ihn auch als den liebenden Vater, der den Sünder nicht in heiligem Feuer vernichten will, sondern der sehnsüchtig, mit offenen Armen und mit einem offenen Vaterherz auf die Umkehr des Verlorenen wartet. Dieses Bild ermutigt mich sehr viel mehr, Gott treu zu bleiben, als das Bild vom verzehrenden Feuer.

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Hebräer 12, 12-24 Anspruch und Zuspruch

Auch in diesem Abschnitt begegnet uns wieder ein In- und Miteinander von Anspruch und Zuspruch. Auf der einen Seite werden die Leser eindringlich vor einem laschen Glauben gewarnt. Sie sollen sich zusammenreißen und anstrengen, sonst werden sie Gott nicht begegnen: „Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird.“ (V.14) Wer das nicht tut, dem wird es wie Esau gehen, der sein Erstgeburtsrecht verkaufte und damit den Segen verspielt hatte – obwohl er später unter Tränen Buße suchte (V.17). Das heißt: Wer nicht ernsthaft nach einem heiligen Leben strebt, der kann seinen Platz bei Gott verspielen. Das klingt für mich nicht sehr ermutigend, sondern macht mir einfach nur Angst. Aber ist Angst ein gutes Motiv, um am Glauben zu bleiben?

Auf der anderen Seite wird den Lesern zugesprochen (V.22), dass sie schon zum himmlischen Jerusalem gekommen sind (Vergangenheitsform!) und dass sie gekommen sind zu der „Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind“ (V.23). Das heißt: Es ist alles schon passiert, es ist alles schon klar. Wer Jesus vertraut, der gehört schon zum himmlischen Jerusalem, sein Name ist schon im Himmel aufgeschrieben. Das klingt für mich sehr tröstlich und weckt bei mir eher Vertrauen in Gott als die angstmachende Ermahnung.

Aber offensichtlich ist der Hebräerbrief der Meinung, dass wir beides brauchen: Den Anspruch, nicht im Glauben nachzulassen und den Zuspruch, dass Jesus schon alles für uns getan hat. Auch wenn sich rein logisch beide Pole schwer miteinander verbinden lassen, haben wir wohl rein praktisch beide Pole nötig.

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Hebräer 12, 1-11 Glaube als bleibende Herausforderung

Ich kann verstehen, dass Luther so seine Probleme mit dem Hebräerbrief hatte. In diesem Abschnitt scheint manches unbekümmert nebeneinander zu stehen, was Luther in seiner Rechtfertigungstheologie fein säuberlich getrennt hat. Jesus Christus erscheint hier zum einen als Vorbild des Glaubens, er steht sozusagen als krönender Abschluss dieser langen Reihe der Glaubensvorbilder in Kap. 11. Zugleich ist deutlich, dass Jesus sehr viel mehr ist als ein Beispiel für Glaubensstärke – er ist der Anfänger und Vollender des Glaubens, auch unseres Glaubens.

Luther hat hier sehr genau unterschieden zwischen Jesus Christus als exemplum (Beispiel) und sacramentum (Sakrament). Als Beispiel ist er uns ein Vorbild. Aber viel wichtiger ist, dass er für uns zum Sakrament, zum Heilsmittel wurde. Er gibt nicht nur ein Beispiel des Glaubens, sondern ermöglicht unseren Glauben überhaupt erst und schenkt uns das Heil.

Ähnlich unbekümmert spricht der Hebräerbrief davon, dass wir unsere Sünden ablegen sollen (V.1). Dabei ist doch auch dem Hebräerbrief klar, dass wir das nicht so einfach tun können, sondern das der Hohepriester Christus selbst für uns Versöhnung erwirken musste, damit unsere Sünden gesühnt werden. Für Luther war das gerade der große, existentielle Kampf, dass er selbst versucht hatte, seine Sünde abzulegen, um vor Gott gerecht zu werden. Seine befreiende Erkenntnis war, dass uns die Gerechtigkeit von Gott geschenkt wird. Nicht weil wir unsere Sünden ablegen, sondern weil Jesus Christus für unsere Sünde gestorben ist.

Trotzdem steht auch der Hebräerbrief im neutestamentlichen Kanon. Auch darin spricht Gott zu uns. Für mich bildet der Hebräerbrief ein Gegengewicht zu einer zu starken Trennung von Rechtfertigung und Heiligung. Diese Unterscheidungen Luthers sind wichtig und richtig. Aber die Rechtfertigung darf nicht völlig von der Heiligung abgekoppelt werden. Gerade weil Christus für mein Heil gestorben ist, möchte ich ein Leben führen, das diesem Heil entspricht. Der Hebräerbrief betont zurecht, dass mit der Rechtfertigung nicht alles schon vorbei ist. Der Glaube bleibt ein Kampf, eine Herausforderung. Christus ist nicht nur eine Lebensversicherung für meine Seele, sondern auch ein Vorbild und Begleiter in meinem geistlichen Leben.

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Hebräer 11, 32-40 Besser als Glaube allein

Die Reihe der alttestamentlichen Glaubensvorbilder wird abgeschlossen. Sie alle haben ihren Glauben so gelebt, wie der Hebräerbrief es in 11,1 beschrieben hat: Glaube „ist ein Rechnen mit der Erfüllung dessen, worauf man hofft, ein Überzeugtsein von der Wirklichkeit unsichtbarer Dinge.“ (Neue Genfer Übersetzung). Sie haben vorbildlichen Glauben gehabt und Gott weiß das zu schätzen. Und trotzdem haben sie „doch nicht erlangt, was verheißen war“ (V.39).

Der Hebräerbrief macht hier deutlich, dass menschlicher Glaube allein nicht genügt. Damit der Glaube einen Grund und eine Basis hat, war Jesu Tod am Kreuz nötig. Ohne den Hohenpriester Jesus, der uns mit Gott versöhnt, bleibt menschlicher Glaube unzureichend. Dieser Tod Jesu für uns ist das „Bessere“ (V.40), das Gott für uns vorgesehen hat. Besser als Glaube allein ist Glaube an Jesus Christus. Wenn schon das Vertrauen auf Gott vor Jesu Erscheinen so viel bewirken konnte, wie viel mehr dann erst das Vertrauen auf den Hohepriester Jesu…

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Hebräer 11, 23-31 Seltsames Glaubensvorbild

Neben der ausführlichen Darstellung von Abraham und Sara als Glaubensvorbilder, behandelt der Hebräerbrief auch Mose ähnlich ausführlich. Abraham und Mose sind also die beiden großen Figuren des Alten Testaments, die auch uns heute noch ein Vorbild sein können. Spannender finde ich allerdings, dass in dieser großen Reihe auch die Hure Rahab auftaucht. Von ihr wissen wir nicht so viel wie von Abraham und Mose. Sie gehörte nicht zum Volk Gottes. Wir wissen nur von einer Tat, in der sich ihr Vertrauen auf den Gott Israels gezeigt hat. Sie hat die israelitischen Kundschafter in Jericho vor den Feinden verborgen (Jos. 2).

Bei Rahab wird deutlich, dass der Hebräerbrief seine Leser nicht mit übermenschlichen Glaubensvorbildern erdrücken will, sondern ermutigen im konkreten Leben auf den, den wir nicht sehen so zu vertrauen, als ob wir ihn sehen (vgl. V.27). Rahab hatte sicher nicht an den Gott Israels geglaubt, sie hatte als Hure auch keinen vorbildlichen Lebenswandel, aber in dieser einen Situation hat sie auf diesen Gott vertraut. Welche Auswirkungen das auf ihr späteres Leben hatte, wissen wir nicht. Glaube heißt nicht, immer alles richtig zu machen. Aber es heißt in entscheidenden Situationen auf Gott zu vertrauen.

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Hebräer 11, 8-22 Sehnen nach dem himmlischen Vaterland

Ist das jetzt ermutigend, oder nicht doch eher deprimierend? Wenn die großen Glaubensvorbilder des Alten Testament der Maßstab und das Vorbild für meinen eigenen Glauben sein sollen, dann kann ich gleich einpacken. Abraham verlässt auf Gottes Wort hin alles, was er hat und weiß nicht einmal, wo es hingehen soll. Er ist bereit seinen Sohn zu opfern, weil er an die Auferstehung der Toten glaubte (so sieht es zumindest der Hebräerbrief). Solch einen starken, ja schon übermenschlichen Glauben werde ich nie haben. Und dabei haben diese Glaubensvorbilder „das Verheißene nicht erlangt, sondern es nur von ferne gesehen“ (V.13). Wenn wir solchen Glauben brauchen, um vor Gott gerecht zu werden, dann sind wir alle verloren. Dann wird aus der tröstlichen Zusage des sola fide (Glaube allein) ein Schreckensgespenst.

Ist es so gemeint? Wohl nicht, denn der Brief will ja die müden Christen gerade zum Glauben ermutigen und sie nicht davon abschrecken. Trotzdem weiß ich nicht, ob gerade diese lange Liste von Glaubensgrößen dazu der richtige Weg ist. Mir hat aus dem Abschnitt V.16 besonders gefallen. Das ist eine Beschreibung von Glaube und Vertrauen, die ich sehr schön finde: „Nun aber sehnen sie sich nach einem besseren Vaterland, nämlich dem himmlischen.“ Ja, das ist für mich Glaube: kein Wissen und Nichtzweifeln, sondern eine Sehnen nach dem himmlischen Vaterland.

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Hebräer 11, 1-7 Was ist Glaube?

Ich tue mich schwer mit dieser Beschreibung von Glauben. Glauben erscheint hier fast wie eine verdienstliche Leistung des Menschen, für die er dann von Gott belohnt wird. Wenn der Mensch fest genug an das Unsichtbare glaubt und nicht daran zweifelt, dann gibt Gott „denen, die ihn suchen, ihren Lohn“ (V.6).

Das steht in einer gewissen Spannung zum Verständnis von Glauben bei Paulus. Für Paulus ist es gerade entscheidend, dass wir nicht durch eigene Leistung vor Gott bestehen können. Der Glaube ist keine neue menschliche Leistung, die an die Stelle von verdienstlichen Gesetzeswerke tritt, sondern Glaube ist gerade das Vertrauen, dass Gott alles schenkt und wir uns nichts verdienen müssen.

Glaube ist für mich weniger die menschliche Voraussetzung für einen gemeinsamen Weg mit Gott, sondern eher der Weg selbst. Glaube ist nicht die Voraussetzung für eine gute Beziehung zu Gott, sondern er ist das vertrauensvolle Leben dieser Beziehung.

Aber dem Hebräerbrief geht es wohl weniger um eine Definition von Glaube und Werke, sondern um eine Ermutigung an den müde gewordenen Glauben der Leser. Sie sollen sich in ihrem Vertrauen auf Gott an den biblischen Vorbildern orientieren, die an Gott und seinen Zusagen festgehalten haben, obwohl sie nichts gesehen haben und keine Sicherheiten hatten. Der Glaube hat keine Sicherheiten, sondern lebt vom festen Vertrauen.

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