1. Johannes 3, 13-17 Liebe konkret

Jetzt wird die Sache mit der Liebe zu Glaubensgeschwistern erschreckend konkret. Über die Liebe reden ist ja einfach, von der Liebe zu schwärmen ist schön… aber Liebe zu leben ist richtig schwierig. Da schließe ich mich ausdrücklich mit ein. Johannes schreibt: „Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger.“ (V.15) Ganz schön heftig: Hass sieht er auf derselben Stufe wie Totschlag. „Wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen.“ (V.16) So wie Jesus für uns gestorben ist, so sollen wir bereit sein unser Leben für andere zu geben. Und in V.17 fordert uns Johannes dazu auf, dem Bruder, der nicht genug hat, von unseren Gütern abzugeben.

Wichtig ist aber auch hier, dass bei Liebe nicht in erster Linie an ein Gefühl der Zuneigung gedacht ist, sondern an konkrete Hilfe. Positive Gefühle gegenüber anderen können natürlich nicht schaden, aber ich kann auch konkret einer Person helfen, die mir eigentlich nicht so besonders sympathisch ist. Trotzdem bleiben da für mich auch Fragen offen: Wo ist die Grenze zwischen fehlender Sympathie, Gleichgültigkeit und Hass? Was bedeutet es in unserer globalisierten Welt, dass ich als (im weltweiten Vergleich gesehen) reicher Deutscher meinen Glaubensgeschwistern helfen soll – wo sind da die Grenzen?

| Bibeltext |

1. Johannes 2, 7-11 Hass macht blind

„Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, und durch ihn kommt niemand zu Fall. Wer aber seinen Bruder hasst, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet.“ (V.10f)

Dazu gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Das ist eine tiefe Wahrheit, die nicht nur in der Gemeinde gilt, sondern darüber hinaus. Hass macht uns blind, er nimmt uns die Orientierung, er lässt uns den Weg verlieren, er verrückt die Maßstäbe, er führt in die Finsternis…

| Bibeltext |

Hesekiel 35 Bruderzwist durch Jahrhunderte hindurch

Überraschenderweise folgt hier noch einmal ein Gerichtswort über ein Nachbarvolk der Israeliten: und zwar über die Edomiter. Gerichtsworte über andere Völker wurden eigentlich schon in den Kap. 25.32 zusammengefasst. Das hat wohl zum einen kompositorische Gründe: dieses Kapitel dient als negative Folie für die folgenden Verheißungen an Israel (Kap. 36).

Es hat wohl auch damit zu tun, dass Israel Edom als Brudervolk sah und durch seinen Spott und Hass nach dem Untergang Jerusalems besonders betroffen war. Die Edomiter galten als Nachkommen Esaus, dem Bruder Jakobs. Jakob war der Stammvater der Israeliten. Durch die Jahrhunderte hindurch gab es immer eine besondere Konkurrenzsituation zwischen diesen beiden Völkern.

Nachdem Juda von Babylonien erobert wurde, hofften die Edomiter selbst daraus Kapital schlagen zu können und ihre Macht auszubauen. Daraus wurde allerdings nichts. Sie sind selbst abhängig von anderen Großmächten geblieben (zunächst von den Neubabyloniern und dann von den Persern) und schließlich im 4. Jh. v. Chr. von den Nabatäern verdrängt worden.

Wenn es wirklich so ist, dass die Edomiter Nachkommen von Esau waren, dann ist es erstaunlich und erschreckend, wie sich die Probleme zwischen den Brüdern Jakob und Esau durch die Jahrhunderte hindurch fortsetzen. Wer weiß, wie die Geschichte weiter gegangen wäre, wenn sich Jakob und Esau wirklich versöhnt hätten und nicht nur aus dem Weg gegangen wären…

| Bibeltext |

Jeremia 11, 15-23 Mut, Ausdauer, Treue

In den Versen 18-23 finden wir die erste von den sogenannten Konfessionen des Jeremia. Bei Jeremia wird deutlicher als bei anderen Propheten, welche persönlichen Auswirkungen seine Botschaft für ihn hatte. Er wurde immer wieder angefeindet und wurde wegen seiner Gerichtsbotschaft von vielen gehasst. Es ging sogar soweit, dass ihm der Tod angedroht wurde: „Weissage nicht im Namen des Herrn, wenn du nicht von unsern Händen sterben willst!“ (V.21) Es ist ja schon schlimm, wenn man von Ungläubigen angefeindet und bedroht wird. Und bei Jeremia ist es noch extremer: Sogar die eigenen Glaubensgeschwister wollen ihn um die Ecke bringen.

Und trotzdem… und trotzdem hält er nicht den Mund. Trotzdem predigt er immer wieder neu die Botschaft Gottes, die zur Umkehr auffordert. Was für ein Mut, was für eine Ausdauer, was für eine Treue!
Bibeltext

Psalm 137 – Hass, Wut, Aggression

Diesen Psalm würd ich am liebsten auslassen. Es tauchen ja in den Psalmen immer wieder Rachewünsche gegen die Feinde auf. Dieser Psalm schließt mit einer besonders heftigen Aussage: Die Beter wünschen, dass die jungen Kinder der Babylonier (welche Jerusalem zerstört haben und unzählige Gefangene nach Babylonien verschleppt haben) am Felsen zerschmettert werden. Grausig!

Man kann solche extremen Aussagen vom zeitgeschichtlichen Hintergrund vielleicht etwas relativieren: In der altorientalischen Kriegsführung war so etwas wohl nicht außergewöhnlich (vgl. z.B. 2. Kön. 8,12; Hos. 10,14). Und auch die psychologischen Hintergründe von solchen Rachewünschen sind durchaus verständlich. Ich lese zur Zeit ein Buch von einem ehemaligen Kindersoldaten in einem afrikanischen Bürgerkrieg. Ein Faktor der diese Kinder zu gnadenlosen Kampfmaschienen gemacht hat, war der Hass auf die Leute, die ihr Leben und ihre Familie zerstört haben. Bei all dem was sie erlebt haben ist es logisch, dass Hass, Wut und Aggression hoch kommt und dass das alles irgendwie raus muss. Zusätzlich muss man hinzufügen, dass die Beter sich nicht selbst rächen wollen, sondern dass es ein Gebet ist: Gott soll für Rache und für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen.

Trotzdem finde ich es schwierig, dass solche Aussagen und Rachewünsche in der Bibel stehen. Sie sind für mich dadurch nicht gerechtfertigt, sondern sie drücken eher unsere menschliche Unzulänglichkeit aus, mit unserer Wut und Aggression umzugehen. Vielleicht sind sie ja auch ein ähnliches Ventil um Aggression abzubauen, wie heute so mancher vor dem PC sitzt und virtuelle Feinde umlegt?
Bibeltext

Psalm 115 – Gegen den Augenschein

Spott über den Gott der Bibel gab es zu allen Zeiten. Auch vor tausenden von Jahren. Allerdings nicht von Atheisten, sondern von Andersgläubigen. Der Psalm wurde wahrscheinlich in der Zeit des babylonischen Exils geschrieben. Ganz offensichtlich hatte damals der Gott der Bibel seinem Volk nicht geholfen und die Götter der Babylonier haben sich als mächtiger erwiesen. Klar, dass dann über den Gott Israels gespottet wird.

Der Psalm sagt, dass es nicht um die Israeliten geht, dass der Spott nicht sie selbst trifft, sondern Gott. Deswegen soll Gott nicht uns die Ehre geben, sondern zeigen, dass er selbst mächtig ist, dass er selbst seinem Namen Ehre gibt (V.1). Auch wenn es nicht so aussieht, auch wenn es scheint als ob der Gott der Bibel nicht so mächtig ist, hält der Psalm an Gottes Macht fest: Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen was er will. (V.3)

Das ist Glaube: Vertrauen auf Gott – auch gegen den Augenschein. Die Israeliten hätten ja irgendwann auch sagen können: „Ne, das war’s jetzt! An solch einen Gott kann ich nicht mehr glauben!“ Und wenn man anschaut, was Israel im Lauf der Jahrhunderte alles durchmachen musste, dann wäre es durchaus verständlich gewesen. Und doch glauben die Juden bis heute an den Gott der Bibel. Und es ist dann auf der anderen Seite auch erstaunlich, dass es dieses Volk bis heute immer noch gibt, dass selbst ein hasserfüllter, skrupelloser und bösartiger Verrückter im 20. Jh. es nicht geschafft hat, dieses Volk auszurotten. Als ob da jemand seine Hand darüber hält…
Bibeltext

Psalm 83 – Durch die Jahrtausende

Schon verrückt: Schon vor tausenden von Jahren wollten manche die Juden auszurotten („Wohlan!“, sprechen sie, „Lasst uns sie ausrotten, dass sie kein Volk mehr seien und des Namens Israel nicht mehr gedacht werde!“ V.5) Bis heute gibt es Menschen, die so denken. Und bis heute hat es niemand geschafft!

So viel Hass und Verachtung durch die Jahrtausende. Und so viel Bewahrung und Zähigkeit durch die Jahrtausende. Selbst Nichtjuden und Ungläubigen müsste es doch so langsam dämmern, dass es mit diesem Volk etwas Besonderes auf sich hat…
Bibeltext

Psalm 18, 38-51 – Göttliches Doping

Mit diesen Hass-Tiraden gegen irgendwelche Feinde des Beters kann ich wieder mal wenig anfangen. Da schimmert eine fremde Welt durch, die sich doch deutlich von meiner Welt unterscheidet, ein fremdes Denken, das ich heute nicht mehr in dieser Tiefe nachvollziehen kann. Ich hab einfach keine Feinde, die mein Leben existentiell bedrohen, ich hab keine Feinde die mir nach dem Leben trachten.

Aber ich hab vielleicht andere Feinde, die mein Leben kaputt machen wollen. Ich spüre auch so manches mal Hass in mir, mit dem ich versuchen muss umzugehen. Ein Satz der mir in diesem Abschnitt des Psalms besonders aufgefallen ist, ist V.40: „Du rüstest mich mit Stärke zum Streit.“ Nicht immer ist es so, dass Gott einfach den Weg freimacht und er die Feinde aus dem Weg räumt. Nicht immer ist es so, dass wir auf wunderbare Weise durch’s Meer gehen können und die Feinde ertrinken darin. Manchmal lässt Gott den Kampf zu. Auch mit Gott werden wir mit Feinden des Lebens konfrontiert. Auch Christen haben zu kämpfen. Die Hilfe Gottes besteht dann nicht darin, dass er alle Probleme einfach aus dem Weg räumt, sondern darin, dass er uns die Stärke gibt, damit umzugehen.

Ich hät’s ja gern einfacher und bequemer. Ich mag keine Konflikte. Wann immer es möglich ist, weiche ich dem Streit aus. Vielleicht sollte ich nicht so oft darum beten, dass Gott Probleme aus dem Weg schafft, sondern darum, dass er mir Kraft zum Kampf gibt… ?
Bibeltext

Psalm 17 – Satt sehen an Dir

Dieser Psalm ist das Gebet eines unschuldig Verfolgten. Natürlich ist er von seiner eigenen Unschuld überzeugt und er bittet Gott, dass dieser gegen seine Feinde etwas tut. Sehr menschlich und sehr verständlich. Er bleibt dabei bei seiner Wortwahl nicht zimperlich und er wünscht seinen Feinden alle möglichen und unmöglichen Dinge. Ich finde es eigentlich okay, dass auch solche unausgewogenen Gebete in der Bibel stehen dürfen. Ich darf im Gebet meine Gefühle sprechen lassen. Und wenn es Hass ist, dann darf ich auch damit vor Gott kommen. Vielleicht kann ja gerade das Gebet helfen, mit diesem Hass umzugehen.

Was mich an diesem Psalm aber besonders angesprochen hat, war der letzte Satz: „Wenn ich wach werde, will ich mich satt sehen an dir!“ (Gute Nachricht) Ja! Satt sehen an Gott! Ich weiß nicht, wie der Beter sich das vorstellt: Vom sehen wird man ja eigentlich nicht satt (erinnert mich an die Bierwerbung mit Rudi Assauer und seiner ehemaligen Frau: „Nur gucken, nicht anfassen!“ 😉 ) Aber bei Gott reicht wohl schon das anschauen! Er ist so herrlich, so überfließend von Kraft und Leben, dass man allein vom angucken satt wird! Cool!