Römer 5, 6-11: Der gottlose Paulus

Ich finde es beeindruckend, wie Paulus seine Theologie der Rechtfertigung allein aus Gnaden auch auf seine eigene Person anwendet. Er spricht hier in diesem Abschnitt betont von „wir“ und „uns“, d.h. er schließt sich selbst mit ein. Auch für ihn gilt: Ohne Christus war er „schwach“, ja sogar „gottlos“ (V.6). Wenn wir den Lebenslauf des Paulus anschauen, dann könnte man ja mit einigem Recht sagen, dass er als strenggläubiger und gesetzestreuer Pharisäer alles andere als gottlos war. Er wollte eigentlich mit aller Konsequenz dem Gott der Bibel dienen.

Aber im Rückblick, von der Erfahrung aus, in Christus angenommen und gerechtfertigt zu sein, bezeichnet Paulus diesen Zustand als gottlos. Ganz schön gewagt! Und ganz schön demütig! Das ist das besondere an der Theologie des Paulus: er hat sie selbst in seinem Leben durchbuchstabiert. Sie ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern er hat sie erlebt und erfahren. Christus nimmt denjenigen, der ihn und die Gemeinde fanatisch verfolgt, aus reiner Gnade an.

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Johannes 15, 1-8 Wenn…, dann…

Kann man aus diesen Versen einen einfachen Tun-Ergehen-Zusammenhang ableiten? Wenn du in Jesus bleibst, dann bringst du Frucht – und wenn du keine Frucht bringst, dann heißt das im Rückschluss, dass du nicht in Jesus bist? Du musst nur genug Glauben haben, dann wird Gott dich segnen und dir alles schenken, was du willst – und wenn du nicht alles bekommst, dann ist ein Zeichen für fehlenden Glauben? In vielen Ländern dieser Welt wächst das Christentum, es kommen Menschen zum Glauben, die Gemeinden wachsen. In Deutschland werden wir weniger, es gibt nur wenige geistliches Aufbrüche, es scheint wenig Frucht zu geben. Liegt das einfach daran, dass wir zu wenig glauben? Sind wir selbst Schuld daran, dass unsere Gemeinden schrumpfen? Ist das Gottes gerechte Strafe dafür, dass wir nicht eng genug an Jesus bleiben?

So einfach ist es nicht. Immer wieder in der Bibel taucht dieser Tun-Ergehen-Zusammenhang auf. Vertraue auf Gott und er wird dich segnen (wobei die Bibel den Menschen nicht in dieser individualistischen Zuspitzung sieht, wie wir uns heute verstehen). Das geschieht in vielen Fällen auch so. Aber schon im Alten Testament haben die Gläubigen festgestellt, dass das nicht immer so einfach funktioniert. Schon so manche Psalmisten haben sich gefragt: Warum geht es dem Gottlosen so gut? Das Hiobbuch z.B. ist eine ausführliche Auseinandersetzung damit, dass diese Gleichung nicht immer so einfach aufgeht.

Trotz dieser Anfragen und dem Wissen, dass Glaube nicht immer automatisch zu Lebensglück und Segen führt, gibt Jesus uns diese Verheißung. Es bleibt die grundsätzliche Wahrheit der Bibel: Bleibe in Gott, dann bleibt er auch in dir. Jesus verheißt an dieser Stelle ja auch nicht jedem Gläubigen die Erfüllung aller seiner Wünsche und das Erreichen des ganz persönlichen Lebensglücks. Er verheißt Frucht. Die sieht vielleicht manchmal anders aus als wir uns das vorstellen. Und er sagt auch nicht, dass wir aus der vermeintlich fehlenden Frucht, den Glauben eines Menschen ablesen können. Diese Verse sind nicht dazu gedacht, um unseren Glauben messen zu können, sondern sie sind eine Ermutigung an jeden, in Jesus zu bleiben. Wenn wir das tun, dann wird Gott schon auf die richtige Weise für Frucht sorgen.

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Richter 10 Schizophrene Gebete

Kommt mir irgendwie bekannt vor: Ein Großteil der deutschen Bevölkerung hat mit dem Gott der Bibel wenig am Hut. Man glaubt zwar schon irgendwie an etwas göttliches, es ist bei vielen eine gewisse religiöse Offenheit da – aber sich konkret auf den biblischen Gott oder eine verbindliche christliche Gemeinschaft einzulassen, das kommt für viele nicht in Frage.

Aber dann, wenn etwas Schreckliches passiert, schreien alle: „Gott, wo bist du? Wie konntest du nur so etwas zulassen?“ Das Richterbuch schreibt dazu passend: „Geht hin und schreit zu den Göttern, die ihr euch erwählt habt; lasst diese euch helfen zu der Zeit eurer Bedrängnis!“ (V.14) Wem im Alltag tausend andere Dinge wichtiger sind als Gott, der müsste konsequenterweise auch in der Not die Hilfe von tausend anderen Dingen erwarten und nicht von Gott…

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Jeremia 12, 1-6 Getragen in den Fragen

Das finde ich tröstlich am Jeremiabuch: Jeremia ist nicht der abgehobene Glaubensheld, der all das Schwere geduldig und gelassen erträgt, sondern er ist ein ganz normaler angefochtener Mensch, der zweifelt, fragt und kämpft. In diesen Versen wird das deutlich. Jeremia ist es selbst klar, dass es keinen Sinn macht, mit Gott rechten zu wollen; er weiß, dass Gott Recht behält (V.1). Und trotzdem kann er nicht anders, als seine Fragen zu stellen. Er versteht Gott und sein Handeln einfach nicht: „Warum geht’s doch den Gottlosen so gut, und die Abtrünnigen haben alles in Fülle?“ (V.1)

Das ist ja aber auch schwer zu verstehen. Jeremia setzt sein Leben auf’s Spiel, um Gott zu dienen und es geht ihm dreckig dabei. Die Gottlosen dagegen, die er seit Jahrzehnten zur Umkehr ruft, haben scheinbar keine Sorgen und es geht ihnen gut. Was soll das? Wo bleibt da die Gerechtigkeit Gottes? Die Antwort Gottes darauf ist auch nicht unbedingt tröstlich: „Wenn es dich müde macht, mit Fußgängern zu gehen, wie wird es dir gehen, wenn du mit Rossen laufen sollst?“ (V.5) Soll wohl heißen: Wenn dich die Situation jetzt schon fertig macht, wie soll das dann erst später werden – denn es kommt noch viel extremer!“ Armer Jeremia! Und doch hat Gott ihm immer wieder Kraft geschenkt, um das alles zu ertragen.

Diese Frage, warum es den Gottlosen so gut geht (und die implizite Frage, warum es manchen Gläubigen nicht so gut geht) ist ja bis heute aktuell. In meiner Situation könnte man auch fragen: Warum bekomme ich als Pastor, der Gott dienen möchte, einen Hirntumor und viele andere Leute, die nicht an Gott glauben, leben glücklich, zufrieden und gesund? Ich für mich selbst kann nur sagen, dass mich diese Warum-Frage im Moment gar nicht groß interessiert. Ich zerbrech‘ mir darüber nicht den Kopf. Es ist einfach so und ich werde auf die Frage nach dem Warum keine Antwort bekommen (auch Jeremia hat darauf keine wirkliche Antwort bekommen). Was ich aber erlebe und was wichtig ist: Gott ist da und er hält mich. Ich wüsste nicht, wie ich ohne Gott und ohne die vielen lieben Menschen, die für mich beten, mit dieser Situation klar kommen sollte.
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Psalm 75 – Gerichtsdrohungen

Ob das damals funktioniert hat? Der Beter richtet sich an „Gottlose“ und fordert sie auf: „Pocht nicht auch Gewalt!“ (V.5) Er versucht sie mit dem Argument zu überzeugen, dass Gott Richter ist (V.8) und dass er, wenn die Zeit gekommen ist (V.3) einmal alle richten wird – die einen werden bestraft und die anderen belohnt. Ob die Gewalttäter von damals das beeindruckt hat und sie ihr Leben geändert haben?

Wenn man das heute irgendwelchen Brutalo-Schläger oder hinterhältigen Abzockern sagen würde, dann hätte man auf jeden Fall keinen großen Erfolg. Den Leuten mit dem Gericht Gottes zu drohen, zieht heute einfach nicht mehr. Während man den Menschen z.B. im Mittelalter damit richtig Angst machen konnte, juckt dieser Gedanke heute kaum noch jemand.

Für mich ist der Gedanke vom Gericht Gottes auch weniger etwas, mit dem wir Angst und Schrecken verbreiten sollten, sondern es ist eher die Gewissheit, dass Gott einmal Gerechtigkeit herstellen wird. Was das genau heißt und wie das geschieht, das kann ich getrost ihm überlassen. Ich denke auch für den Beter damals war der Gedanke ans Gericht nicht angst machend, sondern hoffnungsvoll: Die Bosheit mancher Menschen wird nicht das letzte Wort sein. Gott wird den Unterdrückten und Leidenden einmal zum Recht verhelfen.
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Psalm 73 – Lohnt sich das?

Der Beter von Psalm 73 ringt mit einer bis heute aktuellen Frage: Warum geht es den Gottlosen oft besser als denjenigen, die an Gott glauben? „Ich aber wäre fast gestrauchelt… als ich sah, dess es den Gottlosen so gut ging… Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich.“ (V.2f.12)

Wir Christen versuchen manchmal für den Glauben zu werben, indem wir sagen: „Nur mit Gott kannst du wirklich glücklich sein. Nur mit Gott kann dein Leben gelingen.“ Der Beter gibt dagegen ganz offen und nüchtern zu: Das stimmt nicht. Auch als Gottloser kann man ein glückliches und tolles Leben haben. Lohnt sich dann der Glaube überhaupt? „Soll es denn umsonst sein, dass ich mein Herz rein hielt und meine Hände in Unschuld wasche?“ (V.13) Ich muss doch auch was dafür zurück bekommen!

Die Antwort, die der Beter für sich findet ist, dass er auf das Ende schaut: „Sie [die Gottlosen] gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken.“ (V.19) Er dagegen wird am Ende mit Ehren von Gott angenommen. (V.24) Diese Stelle wird üblicherweise als eine der wenigen gesehen, in der im AT die Hoffnung auf ein Leben bei Gott über den Tod hinaus aufleuchtet. Die Hoffnung des Beters ist also: Irgendwann wird sich der Glaube und das Vertrauen schon noch auszahlen.

Das ist mir zu wenig! Und so geht es wahrscheinlich den meisten Menschen. Sie denken sich: „Lieber jetzt glücklich sein, als vielleicht irgendwann später.“ Der Spatz in der Hand ist ihnen lieber als die Taube auf dem Dach. Und so argumentieren ja auch die modernen Gottlosen. Sie sagen: „Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott.“ Und sie ziehen daraus den Schluss:  „Also mach dir keine Sorgen und genieße das Leben.“ „Ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben.“

Aber für mich ist die Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott nicht das einzige Argument des Beters. Und überhaupt will er mit seinem Psalm auch nicht die Gottlosen überzeugen, sondern für sich selbst Frieden finden. Er sagt: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“ (V.25f) Das gilt jetzt schon, nicht erst in der Ewigkeit. Die Gewissheit, dass Gott bei ihm ist, ist wichtiger als alles andere. Da kann es den Gottlosen noch so gut gehen: Solange Gott da ist, wird alles andere zweitrangig. Das ist wie bei der Liebe: Wenn sie echt ist, dann fragen wir auch nicht, ob sich das lohnt, sondern die Liebe ist einfach da und wir können gar nicht anders, als an ihr festzuhalten.
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Psalm 64 – Blauäugige Hoffnung?

Wie in vielen Psalmen drückt sich auch in diesem Psalm die Überzeugung aus, dass Gott Gerechtigkeit schafft. Er wird die Bösen bestrafen und den Gerechten (das heißt denjenigen, die auf Gott vertrauen und ein Leben nach seinen Maßstäben leben wollen) segnen. Und zwar nicht erst in der Ewigkeit, sondern jetzt schon in diesem Leben. In der Theologie spricht man vom „Tun-Ergehen-Zusammenhang“: Wer Gutes tut, dem wird es auch gut gehen. Nur an wenigen Stellen (wie z.B. Psalm 73) wird darüber nachgedacht, warum das nicht immer so ist und warum es den „Gottlosen“ oft besser geht als den Gläubigen.

Wenn ich so ein Psalm lese, merke ich bei mir, wie ich diese Aussagen und diese Zuversicht sofort kritisch hinterfrage: „Ja, schön wär’s ja, wenn das immer so wäre, dass es den Gerechten gut geht und die Bösewichte von Gott in die Schranken gewiesen werden. Aber ich muss doch nur in der Zeitung lesen oder Nachrichten schauen, um zu sehen, dass das offensichtlich nicht zutrifft. Die Bösen treiben ihr Unwesen und es scheint kein Gott da zu sein, der sie aufhält. Wo bleibt da Gottes Gerechtigkeit?“

Sind solche Psalmen wie Ps. 64 ein Hoffen gegen den Augenschein? Ein Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit, auch wenn es ganz anders aussieht? Oder sind solche Aussagen einfach nur blauäugig und unrealistisch?
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Psalm 58 – Wie gehen wir mit Racheaussagen um?

Kein einfacher Psalm! Das fängt schon mit der Übersetzung an. Das zweite Wort in V.2 bedeutet nach dem hebräischen Text eigentlich „verstummen“. Wenn man das sprachlich ein bisschen hin biegt, müsste man eigentlich übersetzen: „Sprecht ihr wirklich Verstummen des Rechts?“ Hört sich irgendwie komisch an, kann man aber durchaus so verstehen (Schlachter übersetzt z.B.: „Seid ihr den wirklich stumm, wo ihr Recht sprechen … sollt?“).

Die meisten anderen Ausleger und Übersetzungen entscheiden sich für eine andere Möglichkeit: Ursprünglich wurde der hebräische Bibeltext ohne Vokale geschrieben, die wurden erst viele Jahrhunderte später zur besseren Lesbarkeit von jüdischen Gelehrten hinzugefügt. Mit einer anderen Vokalisierung steht hier nicht „Verstummen“, sondern Götter. Ähnlich wie in Ps. 82,1 könnte man dabei an himmlische Mächte denken, die Gott untergeordnet sind und die Recht auf Erden sprechen sollen (die Elberfelder lässt ganz wörtlich „Götter“ stehen). Man kann aber auch an irdische Machthaber denken, die als Götter angesprochen werden. Die meisten deutschen Übersetzungen übersetzen deswegen mit „Mächtige“ (Einheitsübersetzung, Gute Nachricht, Hoffnung für alle, Neues Leben). Bei dieser Übersetzung bleibt es dann theoretisch offen, ob man an irdische Mächtige denkt oder an himmlische Mächtige (wobei man beim ganz normalen Lesen des Textes wohl nicht so schnell auf die Idee kommt hier an irgendwelche Himmelsmächt zu denken).

Klar ist auf jeden Fall, dass es spätestens ab V.4 um irdische Menschen geht: Hier wird davon gesprochen, dass die Gottlosen vom „Mutterschoß“ an abtrünnig sind. Seltsame Vorstellung, dass die Gottlosen schon als neugeborenes Baby böse sein sollen und Feinde Gottes!? Ist das eine rhetorische Übertreibung der Bosheit der Feinde Gottes, oder ist das wirklich wörtlich so gemeint?

Auch der restliche Psalm bleibt mir ziemlich fremd, v.a. V.11: „Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Vergeltung sieht, und wird seine Füße baden in des Gotteslosen Blut.“ Freudig durch das Blut der Gottlosen stapfen?!? Heftig!

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten mit solchen Psalmen und ihren blutrünstigen Wünschen nach dem Ende der Gottlosen umzugehen. wir können dem Ganzen einfach Jesus Christus entgegensetzen und sagen: „Liebet eure Feinde!“ Selbst für diejenigen, die Gottes Sohn ans Kreuz bringen, bittet Jesus: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ Wir können argumentieren: Auf dem Hintergrund des Neuen Testaments können wir solche Psalmen nicht mehr beten. Jesus Christus hat uns hier einen anderen Umgang mit Feinden aufgezeigt. Rein praktisch geschieht das auch so in den meisten Kirchen: Solche Psalmen tauchen nicht in den Gesangbüchern auf und werden auch freien Gemeinden nicht im Gottesdienst gelesen oder gebetet.

Wir können solche Aussagen auch als rhetorische Übertreibungen sehen, die halt damals in diesem Kulturkreis so üblich waren, die aber eigentlich nicht so hart gemeint waren und in unsere heutige Zeit nicht mehr hinein passen. So können wir die Aussagen einerseits stehen lassen, vermeiden aber andererseits ihren Gebrauch in unserer heutigen Zeit.

Man könnte solche Psalmen auch als ein psychologisch gutes und notwendiges Mittel sehen, um mit Aggressionen und der eigenen Ohnmacht umzugehen. Anstatt sich selbst zu rächen und den Feinden Gewalt anzutun, wird Gott gebeten Gerechtigkeit herzustellen und die Rache auszuüben (vgl. dazu Ps.11).

Eine weitere Möglichkeit ist, dass wir versuchen, tiefer gehende Intentionen und Absichten in solchen Psalmen zu entdecken. Prof. Dr. Schwendemann sagt zu diesem Psalm z.B.: „Eigentlich ist das Ziel der metaphorischen Redeweise in Psalm 58 die Umkehr des Frevlers, indem seine mögliche Vernichtung vor Augen gemalt wird.“ Und: „Der Psalm 58 lässt sich durchaus als Schrei eines Menschen nach Gerechtigkeit sehen, der gerecht leben will und deshalb in einer ungerechten Welt an Leib und Seele verletzt wird. Es geht also gerade nicht um verzweifelte Omnipotenzgefühle eines Zukurzgekommenen, sondern vor allem um die Wiederherstellung von Gerechtigkeit.“

Ich finde keine dieser Möglichkeiten so richtig befriedigend. Da sind sicher manch gute Gedanken dabei, aber bei mir bleibt bei solchen „Racheaussagen“ in den Psalmen ein ungutes Gefühl. Vor allem deswegen, weil in diesem Psalm nicht unterschieden wird, zwischen dem Bösen an sich und der Person, die böses tut. Über die die Vernichtung des Bösen kann ich mich freuen und darüber jubeln. Aber über die Vernichtung von bösen Personen kann ich mich nicht uneingeschränkt freuen.
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Psalm 38 – Festklammern

Wär das nicht ein Grund, sich von Gott loszusagen? Ein schwerkranker Mensch mit stinkenden und eiternden Wunden begegnet uns in diesem Psalm. Er sieht sich von Gott gestraft und sieht seine Situation als Folge seiner Sünde. Wär es nicht einfacher, sich von diesem zornigen Gott abzuwenden? Vor allem wenn man sieht, dass es den Gottlosen oft besser geht, als den Gläubigen (vgl. Ps. 37)! „Aber ich harre, Herr, auf dich.“ (V.16) „Eile, mir beizustehen, Herr, du meine Hilfe!“ (V.23) Trotz allem klammert er sich an Gott fest. Trotz allem weiß er: Wenn jemand helfen kann, dann Gott.

Ich sollte auch mehr festklammern, mehr von IHM erwarten. Auch dann, wenn ich scheinbar nichts von Gott sehe.
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Psalm 37 – Glücklich ohne Gott

Tja, das war schon damals ärgerlich und unverständlich: Warum geht es manchen Gottlosen so gut? Warum sind sie so glücklich, auch ohne Gott? Geht das überhaupt? Müsste Gott nicht diejenigen, die ihm vertrauen, die an ihn glauben auch entsprechend belohnen? Müsste es nicht normalerweise dem Glaubenden besser gehen als dem Gottlosen? Offensichtlich erlebten die Menschen schon damals was anderes. Viele Gottlosen ging es schon damals gut und sie waren glücklich. Und bis heute hört man ja dieses Argument: Ich kann auch (und viele sagen: gerade) ohne Gott sehr gut leben und bin glücklich dabei!

Was soll man dazu sagen? Nüchtern betrachtet, können wir dazu überhaupt nicht viel sagen. Wir können niemand sein Glück absprechen, es bringt nichts, wenn wir uns als große Spielverderber aufspielen und den Gottlosen ihr Glück ausreden wollen. Und letztendlich hat auch der Psalmbeter nur ein schwaches Argument. Er sagt: Abwarten! Irgendwann wird jeder das bekommen, was er verdient. Irgendwann wird es von Gott her ausgleichende Gerechtigkeit geben. Irgendwann wird sich das Vertrauen auf Gott richtig lohnen.

Ich fürchte, dass das wenig überzeugend ist. Wenn ich selbst nicht an Gott glauben würde und dabei auch noch glücklich wäre, könnte mich dieses Argument auf jeden Fall nicht überzeugen. Aber es geht in diesem Psalm auch gar nicht darum, Ungläubige zu überzeugen, sondern darum, als Gläubiger selbst Trost zu finden. Und da bin auch ich überzeugt: Auch wenn ich manches heute noch nicht sehen und erkennen kann – Gott wird’s gut machen.
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