Römer 3, 1-8: Berechtigte Anfragen

Auch wenn der Römerbrief ein eher allgemeines Vorstellungsschreiben des Paulus ist, in welchem er seine Theologie darlegt, geht er doch in dialogischer Form auf Anfragen an seine Verkündigung ein. Wenn Paulus hier schon direkt auf mögliche Anfragen eingeht, dann kann man davon ausgehen, dass seine Botschaft regelmäßig auf Kritik und Ablehnung gestoßen ist. Die Theologie des Paulus ist pointiert und zugespitzt und reizt geradezu zur Auseinandersetzung.

Die Anfragen, auf die  er hier kurz eingeht betreffen die Vorzugsstellung des jüdischen Volkes (gilt das dann nicht mehr, wenn sie genauso wie die Heiden vor Gott schuldig sind?) und die Frage, ob die Betonung von Gottes Gnade nicht zu einem bequemen Verharren in der Sünde führt, weil Gott ja sowieso vergibt und durch diese Vergebung Gottes Gnade sogar noch mehr verherrlicht wird. Beides weist Paulus scharf zurück. Auf die Frage nach dem Volk Gottes geht er später in den Kapiteln 9-11 ausführlich ein. Auf die Frage nach dem neuen Leben in der Gnade geht er in Kapitel 6 ein.

Gerade den zweiten Einwand kann ich gut nachvollziehen. Wenn ich trotz aller religiösen und moralischen Anstrengungen vor Gott sowieso schuldig bin und Gott trotzdem treu und gnädig ist, warum sollte ich mich dann überhaupt noch um ein gutes Leben bemühen? Ja, rein logisch gesehen bringt mir das nichts. Aber wer diesem gnädigen Gott vertraut, der will trotzdem versuchen, seinem Willen zu gehorchen. Nicht aus Angst vor Strafe, sondern aus Liebe zu Gott und unseren Nächsten.

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Richter 5 Feinde, Liebe und die Sonne

Fremdartig wirkt auf mich dieses Siegeslied der Debora. Gott wird gelobt für den militärischen Sieg und für den Tod der Feinde. Und ganz selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass die politischen Feinde Israels auch die Feinde Gottes sind. Für uns modernen Menschen gibt es diese selbstverständliche Einheit von Politik und Religion nicht mehr. Wir haben zurecht ein ungutes Gefühl, wenn Gottes Macht mit Waffengewalt in Verbindung gebracht wird.

Am Ende des Liedes heißt es: „So sollen umkommen, Herr, alle deine Feinde! Die ihn aber lieb haben sollen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Pracht!“ (V.31) Mir ist dazu ein Abschnitt aus der Bergpredigt eingefallen: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Mt. 5,44f). Auffällig ist, dass sowohl in Richter 5,31 als auch in Mt. 5,44f dieselben Stichworte auftauchen: Feinde, Liebe und Sonne. Aber in völlig anderem Sinn und anderer Zuordnung. Ob das eine bewusste Anspielung von Jesus war?

Das Kennzeichen der Sonne Gottes, des Lichtes Gottes ist für Jesus nicht, dass man seine Feinde hasst und Gott liebt, sondern dass man über die Liebe zu Gott hinaus auch die Feinde liebt!

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Hesekiel 45 Gottesdienst und Menschendienst

Erstaunlich, dass beim Priester Hesekiel, dem soviel am Tempel, dem rechten Opferdienst, der korrekten Ausführung aller religiösen Pflichten liegt, zwischendurch auch die soziale Dimension des Glaubens auftaucht. In dieser Vision des idealen Tempels taucht auch der Fürst auf (der betont nicht König genannt wird, weil Hesekiel das Königtum in Israel als gescheitert ansieht), der nicht nur für den rechten Opferdienst zu sorgen hat (V.13-25), sondern auch zur sozialen Gerechtigkeit gegenüber seinem Volk aufgefordert wird (V.9-12).

Selbst bei Hesekiel wird deutlich, dass Gottesdienst nicht nur auf Gott ausgerichtet ist, sondern dass der richtige Gottesdienst auch das Wohl des Nächsten im Blick hat. Gottesliebe ohne Nächstenliebe geht auch bei Hesekiel nicht. Das sollten auch wir nicht vergessen: wer sich wirklich Gott ganz hingeben will, muss sich auch um die Nöte seiner Mitmenschen kümmern.

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Bonhoeffer: Nachfolge (16) – Die Einfalt des sorglosen Lebens

Für Bonhoeffer hat das Wort „Einfalt“ noch einen sehr positiven Klang (vgl. auch das Kapitel: „Der einfältige Gehorsam“). Für uns heute ist ein einfältiger Mensch entweder etwas naiv und gutmütig oder sogar „geistig beschränkt“ und „nicht sehr schlau“ (de.wiktionary.org). Das Einfältige des christlichen Lebens liegt für Bonhoeffer in einer geradlinigen und bewusst schlichten Ausrichtung auf Jesus Christus: „Das Leben des Nachfolgenden bewährt sich darin, dass nichts zwischen Christus und ihn tritt.“ (S.167) Wer einfältig auf Jesus vertraut, ist nicht geistig beschränkt, sondern hat das Wesentliche, den Kern seines Lebens begriffen und lässt sich durch nichts davon abbringen.

Die Einfalt des sorglosen Lebens besteht darin, sein Herz nicht von den Gütern der Welt von Christus ablenken zu lassen (S. 167). Dabei ist für die Nachfolger zu beachten: „Nicht den Gebrauch der Güter versagt ihnen Jesus. […] Dazu sind Güter gegeben, dass sie gebraucht werden; aber nicht dazu, dass sie gesammelt werden.“ (S.168).

Wo verläuft aber die Grenze zwischen einem legitimen Gebrauch von Gütern und einem Gebrauch der sich zwischen Jesus und Nachfolger stellt? Bonhoeffer sagt: „Woran dein Herz hängt, das ist dein Schatz, dann ist die Antwort schon gegeben. […] Alles, was dich hindert, Gott über alle Dinge zu lieben, alles was zwischen dich und deinen Gehorsam gegen Jesus tritt, ist der Schatz, an dem dein Herz hängt.“ (S. 169) Gegenüber Gott gibt es nicht ein bisschen Glaube und daneben noch ein bisschen Welt. Es gibt nur das Entweder-Oder. Es gibt nur die Einfalt des Herzens: entweder ganz auf Gott ausgerichtet sein, oder gar nicht. „Entweder du liebst Gott oder du liebst die Güter der Welt.“ (S.170) Das Herz kann nicht zwei Herren dienen!

Diese einfältige Ausrichtung auf Gott ist richtig verstanden eine Befreiung. Sie befreit uns von falscher Sorge. Dazu ein genialer Satz von Bonhoeffer: „Sorget nicht! Die Güter spiegeln dem menschlichen Herzen vor, ihm Sicherheit und Sorglosigkeit zu geben; aber in Wahrheit verursachen sie gerade erst die Sorge. […] Wir wollen durch Sorge sorglos werden; aber in Wahrheit erweist sich das Gegenteil.“ (S. 171) Echte Sorglosigkeit verschaffen nicht die Güter dieser Welt, sondern der Glaube an Jesus Christus.

Wieder einmal bringt Bonhoeffer die Provokation der Bergpredigt auf den Punkt. Gegen Ende des Kapitels charakterisiert er die Einfalt des sorglosen Lebens folgendermaßen: Sie „ist entweder eine unerträgliche Last, ein unmögliche Vernichtung der menschlichen Existenz […] – oder aber es ist das Evangelium selbst, das ganz froh und ganz frei macht.“ (S. 174)

Diese Gegenüberstellung kann ich sehr gut nachvollziehen. Sowohl bei der Bergpredigt, als auch bei den Worten Bonhoeffers regt sich bei mir innerlicher Widerspruch: So kann man doch nicht leben, das ist doch utopisch, kein Mensch schafft es, sich ganz allein auf Christus auszurichten und sich um nichts anderes mehr Sorgen zu machen. Wenn ich diese Einfalt des sorglosen Lebens als Forderung empfinde, dann muss ich wahrlich daran verzweifeln, dann muss ich mir unendlich viele Sorgen darüber machen, wie ich diese Einfalt je erreichen soll. Wenn ich es aber als Evangelium, als Zuspruch höre, dann ist es wahrlich befreiend, dann ist es erlösend und freudig. „Nicht von dem, was der Mensch soll und nicht kann, spricht Jesus, sondern von dem, was Gott uns geschenkt hat und noch verheißt.“ (S. 174)

Jeremia 21, 11 – 22, 9 Die soziale Dimension des Glaubens

An dieser Stelle wird mal wieder deutlich, dass Glaube nicht nur eine innerliche und spirituelle Ausrichtung auf Gott ist, sondern dass Glaube auch eine äußerliche und sozial Dimension hat. Glaube bedeutet nicht nur, Gott zu vertrauen, sondern es bedeutet genauso seinen Nächsten gerecht zu behandeln. Oder wie Jesus es sagt: Gott lieben und seinen Nächsten wie sich selbst.

Jeremia klagt hier die Könige von Juda an: Sie haben den Bund mit Gott verlassen. Nicht nur weil sie andere Götter angebetet haben, sondern auch weil sie nicht für Recht und Gerechtigkeit gesorgt haben. Für Jeremia gehört das untrennbar zusammen: Gottesliebe und Nächstenliebe. Bei beidem haben die Könige versagt.

„Hilf mir mein Gott, Dich zu lieben. Immer mehr. Immer tiefer. Immer umfassender. Und schenke mir Liebe für meinen Nächsten. Immer mehr. Immer tiefer. Immer umfassender.“
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Jeremia 5, 20-31 Dieselbe Medaille

Was mir wieder mal bei Jeremia auffällt (und das gilt wohl für alle atl. Propheten): Es wird nicht nur der Unglaube angeklagt, sondern auch falsches moralisches Handeln. Jeremia klagt hier vor allem die Reichen an, die sich nicht um die Schwachen kümmern und die andere ausbeuten. Auch die religiösen Führe kriegen ihr Fett weg. Aber auch dem Volk insgesamt wird der Spiegel vorgehalten: „… und mein Volk hat’s gern so.“ (V.31)

Glaube und Ethik gehören immer zusammen. Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten sind zwei Seiten derselben Medaille. Wo das eine nicht mehr stimmt, da gerät auch das andere aus dem Gleichgewicht. Es geht Gott nicht nur um den reinen Glauben, die richtige Theologie und die Ausrichtung auf ihn selbst – es geht ihm genauso um ein respektvolles und liebevolles Miteinander seiner Geschöpfe. Wenn sozialdiakonisches Handeln und die Vertiefung meiner persönlichen Beziehung zu Gott gegeneinander ausgespielt werden, dann ist das absolut unbiblisch.
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Jeremia 3, 11-18 Bedingungslose Liebe

Ist Gottes Liebe bedingungslos? Ja! Er liebt jeden Menschen – egal, wie gut oder schlecht er ist, egal wie gläubig oder ungläubig, egal wie viel Fehler er schon gemacht hat. Aber das heißt nicht, dass dann alles egal ist, dass es egal ist, ob ich gut oder schlecht lebe, ob ich an Gott glaube oder nicht. Gottes Liebe will bei uns zu einem Ziel kommen, sie will erwidert werden.

So war es auch zur Zeit Jeremias bei Israel und Juda. Gott liebte beide Volksstämme ganz ohne Vorbedingung. Aber er wollte, dass diese Liebe erwidert wird. Und dafür stellt er nur eine Vorbedingung: „Allein erkenne deine Schuld, dass du wieder den Herrn, deinen Gott, gesündigt hast.“ (V.13) Auch wenn die Leute damals noch so viel Mist gebaut haben: Gott will ihnen gerne vergeben, er „will nicht ewig zürnen“ (V.12). Nur müssen wir um Vergebung zu bekommen unsere Schuld auch einsehen. Wer meint, dass er Gott und seine Vergebung nicht braucht, der bekommt sie auch nicht.
Bibeltext

Jeremia 2, 1-3 Die Zeit der ersten Liebe

Komisch: An dieser Stelle wird die Zeit der Wanderung Israels durch die Wüste sehr positiv und vorbildhaft dargestellt. Gott spricht hier von der Treue von Israels Jugend und von der Liebe seiner Brautzeit. Ich hab das irgendwie anders im Kopf: Wenn man das 4. Buch Mose liest, dann wird da immer wieder von neuer Unzufriedenheit und Klage des Volkes berichtet. Immer wieder meckert es vor Mose und Gott und wünscht sich die Fleischtöpfe Ägyptens zurück (vgl. z.B. 4. Mo. 11,1-15). Auch Hesekiel bewertet die Wüstenzeit eher negativ: Hes. 20,13.

Ist das hier eine Übertreibung und Idealisierung der Vergangenheit? Aber die Worte kommen ja von Gott selbst – der müsste es doch eigentlich besser wissen! Für mich wird aus dem Vergleich der Texte deutlich, dass auch in der Zeit der ersten Liebe nicht alles perfekt war. Das Volk hat auch damals versagt und viel zu oft das Vertrauen in Gott verloren. Aber es war in der Wüstenzeit zumindest immer wieder so, dass das Volk zu Gott umgekehrt ist und sich Gott wieder neu zugewandt hat. Es war auch in seiner „Liebe der Brautzeit“ alles andere als fehlerlos. Aber letztendlich folgte Israel in der Wüste seinem Gott. Das war wohl zur Zeit des Jeremia anders.

Mir wird dabei mal wieder deutlich, dass das Scheitern und Versagen zur Liebe mit dazu gehört. Die Liebe zu Gott zeichnet gerade aus, dass ich trotz Scheitern und Versagen immer wieder in die Arme Gottes zurück laufe. Die Zeit der ersten Liebe zu Gott ist etwas besonderes. Aber nicht deswegen weil diese Liebe reiner, heiliger und fehlerloser ist als das spätere. Sondern deswegen, weil die Bindung an Gott stärker ist, als alles Versagen.

Ich sehne mich auch so manches mal zurück nach dieser ersten Liebe zu Gott. Damals schien ich mit sehr viel mehr Herzblut und Hingabe dabei zu sein. Aber realistisch betrachtet, war auch diese Zeit voll von Fehlern und Versagen. Wichtig ist, dass ich auch heute, auch ohne die Hochgefühle der ersten Liebe, mich immer wieder Gott in die Arme werfe.
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Psalm 63 – Besser als Leben

„Denn deine Güte ist besser als Leben.“ (V.4) Oder nach der Guten Nachricht: „Deine Liebe bedeutet mir mehr als das Leben.“ Wow! Was für eine Aussage. Lieber sterben, als Gottes Liebe zu verlieren! Natürlich kann ich dieser Aussage mit dem Kopf und rein logisch betrachtet sehr schnell zustimmen, aber diese Gewichtung auch vom Herzen her zu leben ist ganz schön herausfordernd.

Im Grunde geht es dabei ja um nichts anderes als um das erste Gebot: Wir sollen keine anderen Götter haben. D.h. dass uns nichts wichtiger sein soll, als Gott – auch unser eigenes Leben nicht. Der Beter bekennt sich dazu: Du bist mir wichtiger als alles andere. Deine Liebe zählt mehr als alles andere, sogar mehr als mein eigenes Leben.

Etwas beruhigt hat mich, dass in diesem Psalm der Beter trotz dieser herausfordernden Aussage auch darum bittet und darauf hofft, dass diejenigen, die ihm konkret das Leben nehmen wollen, selbst sterben (V.10). Er macht damit deutlich, dass er trotzdem am Leben hängt und dass er damit rechnet, dass Gott sein Leben erhält. Gott mehr lieben als das eigene Leben heißt nicht, dass man den eigenen Lebenserhaltungstrieb ignoriert und die Lust am Leben verliert.Bibeltext

[update:] Hier>>> gibt’s noch ein selbst komponiertes Lied zu diesem Psalm!

Matthäus 25, 31-46 – Erschrecken

Immer wieder verstörend, dieses Gleichnis: Ein Bild für das endzeitliche Gericht. Der König wird die Menschen einteilen in solche, die den „geringsten Brüdern“ und damit Jesus selbst geholfen haben und solche, die es nicht taten. Hier wird jeder fromme Egoismus in den Grundfesten erschüttert. Hier wird von Jesus überdeutlich gezeigt, dass zum Glauben auch das Handeln gehört. Unmissverständlich wird deutlich, dass zur Gottesliebe auch die Nächstenliebe gehört. Wer seinem bedürftigen Nächsten nicht hilft, der hat in Wahrheit auch mit Gott nichts am Hut. Ich erschrecke immer wieder über dieses Gleichnis, oder besser gesagt: über mich selbst.

Wie ist das mit uns Mittelstandchristen hier in Deutschland? Was beschäftigt uns in der Gemeinde? Geht es uns vor allem darum, wie wir mehr Gottesdienstbesucher bekommen? Wie können wir mehr Leute gewinnen? Wie können wir unseren Kirchenraum und unseren Pastor finanzieren? Wie können wir Mitarbeiter für unser umfangreiches Wochenprogramm gewinnen? Mit welcher Großveranstaltung können wir in der Stadt auf uns aufmerksam machen? Wie können wir die Randsiedler der Gemeinde zu mehr Engagement ermutigen? Wie können wir als Gemeinde und Kirche überleben? Wie finden wir Funktionäre, um unsere Struktur am Laufen zu halten? Wie können wir unsere gute Gemeinschaft intensivieren? Wie können wir unterschwellige Streitigkeiten über Nebensächlichkeiten verhindern? …

Vielleicht sollen wir ab und zu ander Fragen stellen…