Sprüche 29, 1-18 Glaube und Politik

In diesen Sprüchen geht es vor allem um die politisch-soziale Dimension des Glaubens. Erstaunlich, wie ähnlich die Themen damals wie heute sind: Steuer, Armut, respektvolles Miteinander. Oder muss man sagen: das ist gar nicht erstaunlich, sondern die Probleme menschlichen Zusammenlebens sind heute die dieselben  wie damals? Trotz allen Fortschrittes, trotz aller neuen Erkenntnisse und Entdeckungen – der Mensch ist immer noch derselbe. Die Grundfragen menschlicher Gesellschaft sind heute noch dieselben: Wie kommt es zu einer gerechten Verteilung des Geldes und wie gehen wir in Respekt und Weisheit miteinander um?

Für die Sprüche ist klar, dass dazu ein offenes Ohr für die Weisungen Gottes gehört (V.18). Aber gerade in den Sprüchen wird auch deutlich, dass dazu nicht nur ein fester Glaube nötig ist, sondern auch nüchterner und sachlicher Menschenverstand. Gerade die Sprüche sind Sammlungen von Lebensweisheiten, die zwar mit Gott in Verbindung gebracht werden, die aber nicht als göttliche Offenbarung vom Himmel gefallen sind. Wichtig ist, dass sich menschliche Weisheit und Lebenserfahrung mit Gottesfurcht (oder anders übersetzt: Respekt vor Gott) verbindet. Glaube kann sich nicht nur auf innerliche und persönliche Erfahrungen zurück ziehen. Er hat Verantwortung auch für andere. Aber umgekehrt gilt auch: eine Politik ohne Respekt vor Gott, steht in der Gefahr, falsche Maßstäbe anzuwenden.

| Bibeltext |

Kohelet 7, 15-29 Die Weisheit mit Löffeln gefressen

Die traditionelle Weisheit sagt: Lebe gerecht und du wirst dafür gesegnet werden. In der Theologie wird das als Tun-Ergehen-Zusammenhang bezeichnet. Wer Gutes tut, dem wird auch Gutes widerfahren. Kohelet rät aber zur Vorsicht mit dieser simplen Aussage. Er macht die Augen auf und sieht: „Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit.“ (V.15) Seine Folgerung: „Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht sterbest vor deiner Zeit.“ (V. 16f)

Damit meint er nicht, dass wir nur noch einen halbherzigen Glauben haben sollten und nicht mit ganzer Seele Gott und seine Gerechtigkeit suchen sollen. Aber er rät zur Vorsicht gegenüber platten, theologischen Verallgemeinerungen. Er warnt davor, sich zu sehr auf seine Gerechtigkeit und Weisheit zu verlassen. Es gibt ja bis heute Leute, die meinen, die biblische Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und die anderen ganz genau sagen können, was sie glauben und tun sollen, um ein siegreiches und erfolgreiches Leben als Christ zu führen…

Kohelet sagt: Vorsicht! Bilde dir nicht zu viel auf deine Gerechtigkeit und Weisheit ein. Es ist immer noch Gott, der den Segen dem schenkt, dem er will. Du kannst ihn dir nicht erarbeiten. Und du kannst die Weisheit Gottes in ihrer Tiefe nie völlig ergründen. Darum bleibt das Wesentliche: „Wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“ (V.18) Zentral bleibt die Gottesfurcht. Fürchte Gott, mit Liebe und Respekt, dann brauchst du nicht auf deine Gerechtigkeit und Weisheit zu schauen.

| Bibeltext |

1. Petrus 2, 11-17 – Kadavergehorsam?

„Seid untertan aller menschlichen Ordnungen um des Herrn willen es sei dem König als dem Obersten oder den Statthaltern…“ (V.13f) Das klingt doch sehr nach christlichem Kadavergehorsam. Als Christ soll man den Mächtigen gehorsam sein und ja nicht die bestehenden Ordnungen durcheinander bringen. Aber V.17 rückt dieses Missverständnis dann wieder zurecht: „Ehrt jedermann, habt die Brüder lieb, fürchtet Gott, ehrt den König.“ Sehr schön wird hier differenziert: Der König ist zu ehren – aber Gott zu fürchten. Das erinnert an Jesu Ausspruch: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ (Mt.22,21)

Das heißt für mich: Im Zweifelsfall liegt meine Loyalität ganz klar bei Gott. Solange die menschlichen Ordnungen nichts fordern was dem Willen Gottes widerspricht, habe ich mich unterzuordnen. Wenn aber die Mächtigen sich gegen Gott stellen oder etwas verlangen, was ich mit meinem Glauben nicht vereinbaren kann, dann habe ich Gott mehr zu fürchten als alle menschlichen Ordnungen.Bibeltext

Psalm 56 – Menschenfurcht

„Wenn ich mich fürchte, so hoffe ich auf dich.“ (V.4) Ich muss mich zum Glück nicht fürchten, dass irgendwelche Feinde mich umbringen wollen. Ich kann ein relativ ruhiges und sicheres Leben führen. Und trotzdem gibt es auch bei mir die Menschenfurcht: „Was denken wohl die anderen über mich? Werde ich von anderen akzeptiert und geliebt, so wie ich bin?“ Jeder von uns sehnt sich doch nach Anerkennung, Lob, Akzeptanz und Liebe. Und wir fürchten uns davor, das alles nicht zu bekommen.

Auf Gott hoffen und sich nicht vor Menschen fürchten.

Ja, das ist gut!
Bibeltext

Matthäus 10, 26-33 – Die Alternative zur Menschenfurcht

In dem Abschnitt werden wir ermutigt und ermahnt, dass wir uns zu Gott bekennen sollen. Wir sollen uns nicht vor Menschen fürchten, sondern: „fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle“. Da hab ich natürlich gleich an den Satan gedacht, der uns in der Hölle verderben kann. Aber es ist erstaunlich, was man auch nach jahrzehntelangem Bibellesen noch für Entdeckungen machen kann. Gemeint ist nämlich nicht der Teufel, sondern Gott selbst. In neueren Bibelübersetzungen (Hoffnung für alle, Gute Nachricht) ist das auch gleich so übersetzt und in den Kommentaren, die ich gelesen habe wird das bestätigt: Es geht nicht um den Teufel, sondern um Gott.

Eigentlich ist da ja auch logisch: Die Alternative zur Menschenfurcht ist nicht Angst vor dem Teufel, sondern die Gottesfurcht. Wo ich die Ewigkeit verbringen werde entscheiden nicht die Menschen und auch nicht der Satan, sondern Gott entscheidet das. Deswegen sollen wir ihn mehr als alles andere fürchten und ehren.

Wobei ich mir echt schwer tue mit dieser Gottesfurcht. Wie kann ich beides auf einen Nenner bringen: Gott als der liebenden Vater (den wir mit „Abba, lieber Vater“ ansprechen dürfen) auf der einen Seite und Gott als der Richter, der uns in die ewige Qual der Hölle schicken kann? Selbst wenn ich das theologisch und verstandesmäßig einigermaßen auf die Reihe bekommen (es geht ja hier nicht um die verzweifelte Angst, sondern um die Ehrfurcht vor Gott, der größer, heiliger und herrlicher ist, als ich mir das vorstellen kann), fällt mir das auf der Gefühlsebene schwer. Ich neige da eher auf die Seite des liebenden Vaters…