Römer 11, 17-24: Stolz und Vorurteil

Auch das ist eine Konsequenz aus der Rechtfertigung allein aus Gnade: Als Gläubige, die wir auf Gottes Gnade vertrauen, haben wir nichts, mit dem wir uns gegenüber anderen rühmen könnten. Wir können uns nichts darauf einbilden, dass wir Zweige am Baum des Glaubens sein dürfen. Denn wir sind es nicht aus eigenen Verdiensten, sondern aus reiner Gnade. Das gilt besonders im Blick auf Israel. Sobald wir als Christen überheblich auf Israel niederschauen sprechen wir selbst uns das Urteil. Auf etwas, das uns aus reiner Gnade geschenkt ist, können wir nicht stolz sein (V.20).

Zugleich rückt Paulus das Verhältnis von Juden und Christen ein für allemal unmissverständlich zurecht: Als Christen, die wir nicht aus dem Volk Israel stammen, sind wir nur aufgepfropfte Zweige. Der Stamm bleibt Israel. Wir als Zweige profitieren von ihm, wir sind auf ihn angewiesen – nicht anders herum.

So schnell stehen wir in der Gefahr, gegenüber anderen stolz zu werden. Das war zu den Zeiten des Paulus nicht anders als heute. So schnell kommen wir uns besser vor als andere. Als die anderen, die gar nicht glauben, oder die das Falsche glauben, oder die nicht ernsthaft genug glauben. Anstatt stolz zu sein, sollten wir dankbar und demütig sein. Gott schenkt uns seine Gnade. Paulus hat die Hoffnung, dass Gottes Gnade auch die ausgebrochenen Zweige des Baumes Israel noch erreichen kann. Auch wir sollten diese Hoffnung nicht aufgeben.

| Bibeltext |

Römer 9, 14-29: Ist Gott ungerecht?

Paulus formuliert hier berechtigte Einwände. Ist es nicht ungerecht, wenn Gott manche Menschen ohne ersichtlichen Grund vor anderen bevorzugt (so wie es im vorigen Abschnitt bei Jakob und Esau deutlich wurde)? Paulus verneint das scharf. Er kann diese Anfrage nicht wirklich beantworten, sondern er verweist auf die Souveränität Gottes und auf das Wesen der Gnade. Das ist eben das Wesen der Gnade: dass wir sie uns nicht verdienen können und Gott uns dann als gerechten Lohn Gnade gewährt, sondern dass er sie uns aus freien Stücken schenkt.

Die zweite Anfrage folgt nun genauso zwangsläufig aus der Argumentation des Paulus: Wenn es nur auf Gottes freie Gnadenwahl ankommt, wie kann er uns Menschen dann etwas vorwerfen? Auch diese Anfrage weist Paulus deutlich zurück, kann sie aber nicht wirklich beantworten. Er macht den kategorialen Unterschied zwischen Mensch und Gott deutlich. Aus unserer Sicht ist das nicht logisch. Aber Gott ist so viel größer, auch wenn wir ihn nicht immer verstehen können, wird er gute Gründe für sein Handeln haben. Wir sind als Menschen gar nicht in der Position, um mit ihm in einen Rechtsstreit treten zu können, oder gar über Gott urteilen zu können.

Trotzdem muss ich genau an dieser Stelle an viele Psalmen denken, in denen Menschen ihr Leid und ihr Unverständnis Gott klagen. In so manchen Psalmen wird deutlich, dass der Beter Gott nicht versteht, ja teilweise wird Gott sogar angeklagt. In Psalm 13,2 klagt der Beter: „Wie lange willst Du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Gesicht vor mir?“ In Psalm 89,50 fragt der Beter vorwurfsvoll: „Herr, wo ist deine Gnade von einst, die du David geschworen hast in deiner Treue?“

Paulus macht deutlich, dass wir uns nicht zum Richter über Gott aufschwingen können. Aber die Psalmen machen deutlich, dass wir unser Unverständnis Gott gegenüber klagend zum Ausdruck bringen dürfen. Wenn wir Gottes Wege nicht verstehen, dann müssen wir nicht nur duldend schweigen, sondern dürfen unsere Not klagend vor Gott laut werden lassen.

| Bibeltext |

Römer 8, 12-17: Abba, lieber Vater

Paulus traut der rechtfertigenden Gnade ganz schön viel zu. In diesem Abschnitt wird deutlich, dass es um mehr geht als nur einen Freispruch von der Schuld. Wenn ein Täter von seiner Schuld freigesprochen wird, dann ändert das nämlich noch lange nicht das Wesen des Täters. Bei der Rechtfertigung durch Gott geht Paulus aber von einer grundlegenden Änderung aus. Paulus rechnet mit der neuen Möglichkeit, dass wir „durch den Geist die Taten des Fleisches“ töten (V.13). Wir werden nicht nur von der Schuld der Taten des Fleisches freigesprochen, sondern wir werden fähig, die Taten des Fleisches zu töten.

Diese grundlegende Änderung spiegelt sich auch in unserem Verhältnis Gott gegenüber. Wir sind nicht mehr Knechte, sondern Kinder Gottes. Wir sind nicht mehr bestimmt von der Furcht, sondern von einem kindlichen Vertrauen zu Gott. Es geht um mehr, als nur um das Verzeihen einiger falscher Taten. Es geht um eine grundsätzliche Veränderung in der Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Das sind wunderbare Gedanken. Allerdings habe ich immer wieder neu die Schwierigkeit, diese Gedanken auch in meinem Glaubensalltag und auch bei anderen Christen auch konkret praktisch werden zu sehen. Dass ich durch den Geist die Taten des Fleisches töte, erlebe ich immer nur als gebrochene Wirklichkeit. Die Taten des Fleisches (also alles was die Beziehung der Liebe zu Gott, meinen Mitmenschen und mir selbst stört) sind bei mir nicht tot, sondern oft erstaunlich lebendig. Wenn etwas tot ist, dann ist es ja eigentlich unwiederbringlich Vergangenheit. Aber so erlebe ich Sünde nicht. Sünde ist nach wie vor eine Realität, mit der ich tagtäglich zu kämpfen habe.

Grundsätzlich neu bleibt aber die Tatsache, dass diese Kämpfe mich nicht mehr von Gott trennen können. Aus dieser Gewissheit darf ich trotz aller Unvollkommenheit leben: Ich bin Gottes Kind und nicht ein Knecht. Ich darf ihn Abba, lieber Vater nennen.

| Bibeltext |

Römer 6, 1-11: Christen und die Sünde

Paulus merkt, dass man aus seinen universalen Aussagen über die Gnade Gottes die falschen Schlüsse ziehen könnte. Und weil er nun ausführlich auf eventuelle Einwände eingeht, kann man davon ausgehen, dass er sich hier gegen tatsächlich Vorwürfe reagiert. Wenn Gottes Gnade so groß und universell ist, wo bleibt dann das menschliche Handeln? Spielt es dann überhaupt noch eine Rolle, wie wir Menschen leben? Ist es dann nicht sogar besser, wenn wir in der Sünde verharren, damit Gottes Gnade um so größer rauskommt?

Paulus weißt diesen Einwand scharf und deutlich zurück. Bei seiner Begründung merke ich, dass es mir schwer fällt, sie wirklich nachzuvollziehen. Soweit ich es verstanden habe, geht es Paulus darum, dass wir als Christen mit Christus für die Sünde gestorben sind. Das gilt nicht nur im Sinne der Rechtfertigung (so dass die Sünde uns nicht mehr vor Gott verklagen kann), als auch im Sinne einer Neuausrichtung des Lebens. Jemand der wirklich zu Christus gehört, kann gar nicht weiter in der Sünde leben wollen.

Das heißt nicht, dass Christen gar nicht mehr sündigen können. Das weiß auch Paulus. Aber es heißt, dass wir unser Leben nicht mehr an der Sünde ausrichten, sondern an Christus. Auch wenn uns das im Konkreten nicht immer gelingt, die grundsätzliche Ausrichtung eines Lebens mit Christus ist eine ganz andere, als ein Leben ohne Christus. Ein Christ kann gar nicht in der Sünde leben wollen, denn er richtet sich ja an Christus aus und nicht an der Sünde.

| Bibeltext |

Römer 5, 6-11: Der gottlose Paulus

Ich finde es beeindruckend, wie Paulus seine Theologie der Rechtfertigung allein aus Gnaden auch auf seine eigene Person anwendet. Er spricht hier in diesem Abschnitt betont von „wir“ und „uns“, d.h. er schließt sich selbst mit ein. Auch für ihn gilt: Ohne Christus war er „schwach“, ja sogar „gottlos“ (V.6). Wenn wir den Lebenslauf des Paulus anschauen, dann könnte man ja mit einigem Recht sagen, dass er als strenggläubiger und gesetzestreuer Pharisäer alles andere als gottlos war. Er wollte eigentlich mit aller Konsequenz dem Gott der Bibel dienen.

Aber im Rückblick, von der Erfahrung aus, in Christus angenommen und gerechtfertigt zu sein, bezeichnet Paulus diesen Zustand als gottlos. Ganz schön gewagt! Und ganz schön demütig! Das ist das besondere an der Theologie des Paulus: er hat sie selbst in seinem Leben durchbuchstabiert. Sie ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern er hat sie erlebt und erfahren. Christus nimmt denjenigen, der ihn und die Gemeinde fanatisch verfolgt, aus reiner Gnade an.

| Bibeltext |

Römer 4, 13-25: Abrahams Glaube

Und er wurde nicht schwach im Glauben“ (V.19). „Denn er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern wurde stark im Glauben und gab Gott die Ehre und wusste aufs allergewisseste: Was Gott verheißt, das kann er auch tun“ (V.20f). Ob Abraham wirklich in allen Situationen seines Lebens solch einen unerschütterlichen und festen Glauben hatte? Das klingt für mich doch ein wenig idealisiert. Wenn solch ein unerschütterlicher Glaube, der nie ins Zweifeln kommt, nötig ist, um gerettet zu werden, dann ist Rechtfertigung aus Glaube genauso schwierig, wenn nicht sogar schwieriger, als die Rechtfertigung aus Werken.

Das ist genau der Trick vieler Religionen: sie stellen ein paar Regeln auf und fordern auf, sie einzuhalten. Wenn einem das gelingt, dann ist man vor Gott in Ordnung. Insofern kann eine Gesetzesreligion einfacher und bequemer sein, als das Vertrauen auf Gott.

Solch einen Glauben wie Abraham habe ich sicher nicht. Aber gerade auch in meinem unvollkommenen Glaube möchte ich allein auf die Gnade Gottes in Jesus Christus vertrauen. Das ist die Herausforderung des biblischen Glaubens: Ich bleibe immer abhängig von Gott, ich kann mir vor ihm nichts verdienen – auch nicht mit einem vorbildlichen Glauben. Glaube heißt gerade nicht auf sich selbst (und auch nicht auf seine Glaubensstärke) zu vertrauen, sondern auf Gott.

| Bibeltext |

Römer 3, 1-8: Berechtigte Anfragen

Auch wenn der Römerbrief ein eher allgemeines Vorstellungsschreiben des Paulus ist, in welchem er seine Theologie darlegt, geht er doch in dialogischer Form auf Anfragen an seine Verkündigung ein. Wenn Paulus hier schon direkt auf mögliche Anfragen eingeht, dann kann man davon ausgehen, dass seine Botschaft regelmäßig auf Kritik und Ablehnung gestoßen ist. Die Theologie des Paulus ist pointiert und zugespitzt und reizt geradezu zur Auseinandersetzung.

Die Anfragen, auf die  er hier kurz eingeht betreffen die Vorzugsstellung des jüdischen Volkes (gilt das dann nicht mehr, wenn sie genauso wie die Heiden vor Gott schuldig sind?) und die Frage, ob die Betonung von Gottes Gnade nicht zu einem bequemen Verharren in der Sünde führt, weil Gott ja sowieso vergibt und durch diese Vergebung Gottes Gnade sogar noch mehr verherrlicht wird. Beides weist Paulus scharf zurück. Auf die Frage nach dem Volk Gottes geht er später in den Kapiteln 9-11 ausführlich ein. Auf die Frage nach dem neuen Leben in der Gnade geht er in Kapitel 6 ein.

Gerade den zweiten Einwand kann ich gut nachvollziehen. Wenn ich trotz aller religiösen und moralischen Anstrengungen vor Gott sowieso schuldig bin und Gott trotzdem treu und gnädig ist, warum sollte ich mich dann überhaupt noch um ein gutes Leben bemühen? Ja, rein logisch gesehen bringt mir das nichts. Aber wer diesem gnädigen Gott vertraut, der will trotzdem versuchen, seinem Willen zu gehorchen. Nicht aus Angst vor Strafe, sondern aus Liebe zu Gott und unseren Nächsten.

| Bibeltext |

Sacharja 1, 7-17 Erneute Erwählung

In diesem Abschnitt bin ich vor allem an V.17 hängen geblieben. Gott spricht durch den Propheten davon, dass er Jerusalem wieder erwählen wird. Vom Zusammenhang her geht es darum, dass nach dem Babylonischen Exil, sich Gott wieder der Stadt Jerusalem und seinen Einwohnern zuwendet. Spannend ist, dass hier das Stichwort „Erwählung“ auftaucht. Offensichtlich bedeutet Erwählung im biblischen Sinn nicht eine ein für allemal vorherbestimmte Festlegung. Jerusalem wurde von Gott erwählt, hat dann diesen Status durch seine Abkehr von Gott verloren und nun wird es von Gott neu erwählt.

In der Theologiegeschichte wurde viel über Erwählung diskutiert und auch gestritten. Erwählung betont das Gnadenhandeln Gottes. Es ist nicht ein Verdienst oder eine Leistung des Menschen, dass er von Gott erwählt wird – es ist reine Gnade. Wenn man diesen Gedanken aber strikt durchzieht, bekommt man Probleme mit der menschlichen Freiheit und mit der Gerechtigkeit Gottes. Warum erwählt Gott manche Menschen und mache nicht? Was kann ein Mensch dafür, ob er erwählt ist oder nicht? Und wie kann ein Mensch, der nicht erwählt ist, dann von Gott für seinen fehlenden Glauben bestraft werden?

Die Bibel zeigt sich hier weniger dogmatisch. Erwählung ist auf jeden Fall Gnadenhandeln Gottes. Aber sie hängt auch mit menschlichem Handeln zusammen. Die Erwählung Jerusalems lässt Freiräume für menschliche Abkehr von Gott und erneute Zuwendung zu Gott. Erwählung ist somit keine festgelegte Vorherbestimmung zum Heil oder Unheil.

| Bibeltext |

Hebräer 10, 19-31 Konsequenzen der Gnade

Nachdem der Hebräerbrief die Gnade ganz groß gemacht hat und deutlich wurde, dass Jesus Christus uns ein für alle mal durch sein Opfer geheiligt hat (10,10), folgen nun die Konsequenzen dieser großen Gnade. Eine Konsequenz wäre die Bequemlichkeit: Wenn Jesus schon alles getan hat, dann ist es ja egal wie ich lebe – es ist ja schon alles erledigt. Eine andere Konsequenz, die wohl auch bei den Adressaten auftrat, ist die Müdigkeit und der Zweifel: Wenn Christus alles getan hat, warum sehen wir dann so wenig davon? Einige haben wohl in ihrem Vertrauen auf Christus nachgelassen, haben die Versammlungen der Gemeinde nicht mehr besucht, sind lau geworden und standen in der Gefahr, den Glauben ganz zu verlieren.

Die Konsequenz der Gnade ist für den Hebräerbrief eine andere: Jesus hat den Weg ins Allerheiligste frei gemacht, darum „lasst uns hinzutreten“ (V.22), lasst uns diesen Weg gehen, lasst uns an der Hoffnung festhalten, lass uns treu bleiben. Wenn Gottes Gnade so groß ist, dann ist unsere Verantwortung nicht kleiner, sondern um so größer. Wer diese große Gnade wegschmeißt, der macht einen großen Fehler. Darum folgt auch hier die eindringliche Warnung davor, mutwillig zu sündigen (V.26). Damit sind keine einzelne Verfehlungen gemeint, sondern die bewusste und bleibende Abkehr von Gott und seiner großen Gnade.

Der Hebräerbrief vertritt hier die Position, dass jemand der einmal bewusst vom Glauben abgefallen ist, keine Chance mehr zur Umkehr hat. Allerdings ist das wohl angesichts dieser großen Gnade Gottes für den Brief selbst eine „unmögliche Möglichkeit“ (vgl. hier >>>). Zum anderen hat schon die Alte Kirche aufgrund des Gesamtzeugnisses der Heiligen Schrift den in der Verfolgung vom Glauben Abegefallenen die Möglichkeit einer zweiten Buße eingeräumt. Trotzdem bleibt die ernsthafte Warnung des Hebräerbriefes davor, mit Gottes großer Gnade leichtfertig umzugehen.

| Bibeltext |

Hebräer 4, 14 – 5, 10 Thron der Gnade

Der Hebräerbrief hat ein ganz eigenes Bild vom Wirken Jesu Christi: er bezeichnet ihn als den wahren Hohepriester. Kein anderes Buch des Neuen Testament sagt dies über Jesus aus. In diesem Abschnitt sieht der Hebräerbrief zwei Gemeinsamkeiten zwischen einem Hohepriester im Tempel in Jerusalem und Jesus Christus. Beide können mit den Menschen, die mit ihren Sünden vor Gott kommen, mitfühlen. Der Hohepriester im Tempel, weil er selbst ein Mensch mit Sünden ist. Jesus Christus ist dagegen ohne Sünde, aber er hat in seinem irdischen Leben gelitten (V.7) und kann deshalb unsere Schwachheit verstehen (V.15). Außerdem sind beide von Gott berufen – sie ernennen sich nicht selbst, sondern werden von Gott auserwählt.

Mich hat an dem Abschnitt vor allem angesprochen, dass wir nicht voller Furcht zum Thron Jesu Christi kommen müssen, sondern dass wir Zuversicht haben dürfen (V.16). Es ist kein Thron des Gerichts und der Verdammnis, sondern der Gnade und Barmherzigkeit. Derjenige der auf dem Thron sitzt kennt unsere Leiden und unsere Schwachheit. Er hat selbst gelitten und kann uns nur zu gut verstehen. Das heißt allerdings auch, dass ich vor mir selbst und vor Jesus meine Schwäche auch zugeben muss. Wenn ich meine Schwäche gar nicht wahrhaben will, dann brauche ich nicht zum Thron der Gnade kommen.