Römer 16, 17-27: Gehorsam des Glaubens

Bei dem Text bin ich vor allem an dem Ausdruck „Gehorsam des Glaubens“ (V.26) hängen geblieben. Das ist in unsren Ohren eine eher ungewöhnliche Verbindung. Gehorsam klingt für uns eher einschränkend und entmündigend. Gehorsam weckt nicht unbedingt nur positive Assoziationen. Gehorsam klingt eher nach einer menschlichen Willensanstrengung oder nach etwas erzwungenem. Glaube dagegen verbinden wir eher mit etwas Befreiendem. Glaube verbinden wir mit Gefühlen oder mit einem innerlichen Überzeugtsein. Glaube kann man nicht von außen oder auch bei sich selbst erzwingen – Gehorsam schon.

Und doch wird hier beides verbunden: Glaube und Gehorsam. Damit wird nicht gesagt, dass beides das Gleiche ist. Es ergänzt sich eher gegenseitig. Der Schwerpunkt in diesem Ausdruck liegt für mich im Begriff Glauben. Aber die Ergänzung Gehorsam verdeutlicht, dass zum innerlichen Überzeugtsein des Glaubens auch der konkrete Gehorsam gegenüber Gott kommen muss. Glaube umfasst den ganzen Menschen und ist mehr als ein schönes Gefühl der Geborgenheit.

| Bibeltext |

Römer 11, 11-16: Hoffnungsperspektive

Dass ein Großteil von Israel Jesus als den Messias nicht anerkennt ist für Paulus ein Straucheln, aber kein endgültiges Fallen (V.11). In vorsichtigen Worten deutet Paulus an, dass Israel zwar jetzt verworfen ist, dass sie aber einmal angenommen werden (V.15). Wenn die Wurzel heilig ist, also die Väter Israels von Gott erwählt und angenommen, so gilt dies auch für die Zweige, also ganz Israel (V.16). Paulus sucht hier nicht nach einer Entschuldigung für Israel, aber er will eine Hoffnungsperspektive aufzeichnen. Er gibt sein Volk noch nicht verloren, sondern rechnet damit, dass Gott zu seinen Zusagen der Erwählung steht.

Auch ich bin im Glauben oft am Straucheln. Auch ich lebe so manches mal im Alltag so, als ob es Gott nicht gibt. Auch ich erkenne Gottes Wege und seinen Willen nicht immer klar und deutlich. Und so darf auch ich aus der Hoffnungsperspektive leben: Derjenige, der mich in Liebe angenommen hat, wird auch seinen Weg mit mir vollenden. Das soll fehlenden Glauben und fehlendes Vertrauen nicht entschuldigen, aber es zeigt eine Perspektive der Hoffnung auf, die vor Verzweiflung bewahrt.

| Bibeltext |

Römer 11, 1-10: Glaube – Geschenk der Gnade

Paulus versucht den gegenwärtigen Unglaubens Israel von der Schrift her zu deuten und zu verstehen. Schon im Alten Testament gab es Situationen, in denen sich Israel von Gott abgewandt hat und nur ein kleiner Rest sich treu zu Gott bekannt hat. So sieht es Paulus auch in seiner Zeit. Die Abkehr der Mehrheit hat aber damals, wie auch zur Zeit des Paulus nicht bedeutet, dass Gott seine Verheißung an Israel zurück genommen hat.

Spannend ist die Frage, warum manche treu bleiben und viele andere nicht. Oder für heute gefragt: warum manche in Jesus Christus ihren Retter erkennen und manche nicht. Paulus sagt, dass dies eine Wahl der Gnade ist. Nicht die besonders Frommen verdienen oder erarbeiten sich irgendwie den Glauben, sondern es ist reine Gnade (V.6). Wir können uns darauf nichts einbilden. Nach menschlicher Logik ist das eine gefährliche Schlussfolgerung, denn wenn man dann den logischen Umkehrschluss zieht, ist Gott selbst am Unglauben der vielen Schuld – er könnte ja allen die Gnade des Glaubens schenken. Paulus nimmt diese Gefahr in Kauf, weil er die Gnade Gottes so sehr betonen möchte.

In den Versen 7-10 zieht er die logische Konsequenz: Gott selbst verstockt Menschen, so dass sie Gott nicht erkennen können. Das ist für uns nicht wirklich nachvollziehbar, denn Gott möchte doch, dass alle Menschen errettet werden und dass alle Menschen zum Glauben finden. Und in der Bibel werden Menschen ja zu allen Zeiten immer wieder zur Umkehr und zum Glauben an Gott aufgerufen. Man darf diese zugespitzte Aussage des Paulus an dieser Stelle nicht für sich nehmen, sondern muss sie im gesamtbiblischen Zeugnis sehen. Der Ruf zum Glauben und die Antwort des Menschen ist wichtig. Und jeder ist für seine Antwort verantwortlich. Aber zugleich macht Paulus deutlich, dass wir Glauben nicht selbst machen und hervorrufen können, sondern dass es letztendlich immer ein Geschenk der Gnade ist.

| Bibeltext |

Römer 10, 14-21: Ringen mit dem Unglauben

Mit vielen Schriftzitaten ringt hier Paulus darum zu verstehen, warum die meisten seiner Landsleute Jesus ablehnen. Er findet keine Erklärung. Das Wort Christi wurde ihnen ja gepredigt, sie haben es gehört. Sein Fazit folgt in V.21 (auch ein Schriftzitat): „Zu Israel aber spricht er: ‚Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach dem Volk, das sich nichts sagen läßt und widerspricht.'“ Gott müht sich um sein Volk, aber es lässt sich nichts sagen.

Das gilt eigentlich nicht nur für Israel, das gilt für alle Menschen. Wenn wir uns ein Land wie Deutschland anschauen, dann ist das Evangelium für alle frei zugänglich. Es ist kein Problem Sonntags in die Kirche zu gehen, es ist kein Problem eine Bibel oder christliche Bücher zu kaufen, viele Gemeinden bemühen sich auf kreative Weise die Botschaft Christi weiterzugeben. Aber die meisten lassen sich nichts sagen, die meisten halten Abstand. Warum nur?

Das gilt eigentlich nicht nur für Andere, sondern auch für mich. Ich nenne mich Christ, aber so oft lasse ich Jesu Worte gar nicht an mein Herz heran. So oft nehmen mich andere Dinge gefangen, so oft beschäftige ich mich mehr mit meinen Ängsten und Sorgen als mit Jesus Christus. Oft ist mein Unglaube größer als mein Glaube. Warum nur?

Es gilt uns allen: Gott streckt seine Hände aus nach uns. Gott müht sich um uns. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als dass wir ihm antworten und uns ganz auf ihn einlassen.

| Bibeltext |

Römer 10, 5-13: Zusammen, was zusammen gehört

Paulus bindet hier sehr schön zusammen, was zusammen gehört: mit dem Herzen glauben und mit dem Mund bekennen. Innerliche Herzensfrömmigkeit und äußerliches Bezeugen des Glaubens gehören zusammen. Wie so oft stehen wir Menschen in der Gefahr, die eine oder andere Seite zu sehr zu betonen. So manchem genügt sein kleiner privater Glaube, die innige Beziehung zwischen Gott und ihm. Einem anderen genügt es offiziell Christ zu sein, ab und zu im Gottesdienst zu sein und ein anständiges Leben zu führen. Aber beides für sich genommen ist zu wenig. Beides muss zusammenkommen: der Glaube des Herzens und das sichtbare Leben als Christ. Da dürfen wir auch nicht eines gegen das andere ausspielen oder herabsetzen.

Verdeutlichten kann man sich das z.B. an den Sakramenten. Taufe und Abendmahl sind äußerlich sichtbare Zeichen. Aber zugleich sind sie eben äußerliche Zeichen, die auf einen tieferen Vorgang verweisen. Beides ist wichtig. Das äußerliche Zeichen, das konkret, sichtbar und erlebbar ist. Aber genauso das, was dabei im Herzen eines Menschen geschieht. Das eine widerspricht dem anderen nicht, sondern es unterstützt sich gegenseitig.

| Bibeltext |

Römer 8, 1-11: Wer versteht das heute denn noch?

Beim Lesen habe ich mich heute gefragt, ob ein moderner Mensch aus dem 21. Jh. der in einer westlichen Kultur aufgewachsen ist, überhaupt richtig nachvollziehen kann, wovon Paulus hier im Römerbrief schreibt? Wenn es um Gott, Glaube und Religion geht, dann haben wir heute doch ganz andere Fragen, als Paulus damals. Wir stellen heute ganz grundsätzlich alles in Frage. Gibt es Gott überhaupt? Und wenn ja, können wir überhaupt etwas von ihm wissen? Was für eine Art von Gott oder Macht ist das? Für Paulus und auch noch Luther war das überhaupt keine Frage. Sie beschäftigte v.a. wie ich vor Gott gerecht und angenommen sein kann.

Selbst wenn wir heute an Gott glauben, dann stellen wir eher die Frage, was Gott für mich persönlich bedeutet und was Gott mir bringt. Wir stellen heute nicht die Frage nach der Rechtfertigung, sondern nach einem sinnvollen und erfüllten Leben. Wir stellen die Frage, wie Gott das Leid zulassen kann. Wir stellen die Frage, wie die Menschen in Frieden und Freiheit leben können und wie wir die Schöpfung bewahren können. Hat uns der Römerbrief überhaupt noch etwas zu sagen? Es ist eine fremde Welt, die uns hier begegnet.

Was würde Paulus wohl uns heutigen Menschen schreiben? Wie würde er sich ausdrücken? Was wären die Fragen, mit denen er sich beschäftigen würde? Seine Briefe würden heute sicher anders aussehen. Vielleicht würde er über youtube predigen. Ganz sicher würde er nicht so viel vom jüdischen Gesetz reden und vom Gegensatz zwischen Fleisch und Geist. Aber er würde ganz sicher von Jesus reden, von seinem Tod am Kreuz, von seiner Auferstehung. Er würde von Gottes Liebe reden, von Befreiung und Frieden. Die grundlegende Botschaft der Bibel ist heute noch genauso aktuell wie damals.

| Bibeltext |

Römer 4, 13-25: Abrahams Glaube

Und er wurde nicht schwach im Glauben“ (V.19). „Denn er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern wurde stark im Glauben und gab Gott die Ehre und wusste aufs allergewisseste: Was Gott verheißt, das kann er auch tun“ (V.20f). Ob Abraham wirklich in allen Situationen seines Lebens solch einen unerschütterlichen und festen Glauben hatte? Das klingt für mich doch ein wenig idealisiert. Wenn solch ein unerschütterlicher Glaube, der nie ins Zweifeln kommt, nötig ist, um gerettet zu werden, dann ist Rechtfertigung aus Glaube genauso schwierig, wenn nicht sogar schwieriger, als die Rechtfertigung aus Werken.

Das ist genau der Trick vieler Religionen: sie stellen ein paar Regeln auf und fordern auf, sie einzuhalten. Wenn einem das gelingt, dann ist man vor Gott in Ordnung. Insofern kann eine Gesetzesreligion einfacher und bequemer sein, als das Vertrauen auf Gott.

Solch einen Glauben wie Abraham habe ich sicher nicht. Aber gerade auch in meinem unvollkommenen Glaube möchte ich allein auf die Gnade Gottes in Jesus Christus vertrauen. Das ist die Herausforderung des biblischen Glaubens: Ich bleibe immer abhängig von Gott, ich kann mir vor ihm nichts verdienen – auch nicht mit einem vorbildlichen Glauben. Glaube heißt gerade nicht auf sich selbst (und auch nicht auf seine Glaubensstärke) zu vertrauen, sondern auf Gott.

| Bibeltext |

Römer 1, 16-17: Kraftvoll glauben

Diese zwei Verse sind so etwas wie die thematischer Überschrift über den Römerbrief. Hier sagt Paulus in Kurzform, was ihm wichtig ist. Ein Schlüsselbegriff ist die „Gerechtigkeit Gottes“. Für uns Westeuropäer, die wir immer noch stark von der griechisch-römischen Kultur und Denkweise geprägt sind, ist dieser Begriff gar nicht so einfach zu verstehen. Paulus versteht ihn von seinem jüdischen Hintergrund her anders, als wir das tun.

Für uns ist Gerechtigkeit Gottes eher eine Eigenschaft Gottes und wir verstehen unter Gerechtigkeit eher eine neutrale und ausgleichende Gerechtigkeit. Vom Alten Testament her ist damit aber mehr gemeint. Gottes Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass er quasi wie justitia mit verbundenen Augen alleine die Taten eines Menschen beurteilt und dann straft oder belohnt. Gerechtigkeit im alttestamentlichen Sinn ist eher ein Beziehungsbegriff. Gerecht verhält sich jemand, der den Ansprüchen einer Beziehung gegenüber gerecht wird. Manche Ausleger übersetzen den Begriff darum auch mit Gemeinschaftstreue. Wenn Gott gerecht ist, dann heisst das, dass er uns Menschen gegenüber treu bleibt. Insofern hat Luther recht, wenn er sagt, dass Gerechtigkeit Gottes nicht zuerst eine Forderung an uns ist, diese Gerechtigkeit zu erfüllen, sondern eine Zusage Gottes, dass er uns gerecht macht.

Diese Gemeinschaftstreue Gottes erlangen wir nicht durch unser gerechtes Handeln, sondern durch Glauben, oder anders übersetzt durch Vertrauen. Wenn wir auf Gott vertrauen, dann bleiben wir in seiner Gemeinschaftstreue. Dabei ist Glaube nicht als Voraussetzung zu verstehen, sondern einfach nur die Art und Weise, wie wir in Gemeinschaft mit Gott leben.

Ein anderer Begriff, der mich in diesem Abschnitt besonders anspricht ist das Stichwort „Kraft“. Im Griechischen steht hier das Wort „dynamis“ – da kommt unser deutsches Wort Dynamit her. Das Evangelium ist für Paulus nicht nur eine theologisch-philosophische Denkübung, sondern eine lebensverändernde Kraft. Und zwar eine gewaltige Kraft – Dynamit bewirkt mehr als einen leisen Knall, es hat die Kraft, einiges weg zu sprengen.  Ich frage mich so manches mal, wo diese Kraft Gottes in unserem heutigen Christentum bleibt. Da scheint vieles so sanft, bequem und lustlos geworden zu sein. Da schliesse ich mich ausdrücklich an erster Stelle mit ein. Ein bisschen mehr „Dynamit“ würde mir ganz gut tun.

| Bibeltext |

Johannes 20, 24-31 Selig sind, die nicht sehen

„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ (V.29) Damit sind wir gemeint. Wir können den auferstandenen Christus nicht in der gleichen Weise sehen, wie die Jünger und dann auch Thomas damals. Wir müssen glauben und vertrauen ohne zu „sehen“. Ich würde so manches mal gerne mehr sehen von Jesus. Mir geht es da oft ähnlich wie dem Thomas. Ich würde gerne sehen, wie Jesus sichtbarer und deutlicher in unsere Welt eingreift. Ich erlebe in vielen Gemeinden und bei vielen Christen eine Sehnsucht nach mehr Eindeutigkeit, nach mehr greifbaren Glaubenserlebnissen.

Manche versuchen solche Eindeutigkeit durch strikte und engführende Lehre herbei zu führen, andere versuchen sich im Glaubensleben zu besonderen emotionalen Höhepunkten zu puschen, manche arbeiten bis zur Erschöpfung, um erfolgreich Gemeinde zu bauen, und wieder andere resignieren still und leben den Glauben nur noch als äußerliche Hülle. Wo ist der auferstandene Christus in all dem? Müssen wir mehr, fester, tiefer und inniger glauben, um etwas von ihm zu sehen?

Nein, Jesus sagt ja gerade: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Das Ziel ist nicht, über das Sehen zum Glauben zu kommen, sondern zu glauben ohne zu sehen. Auf den Auferstandenen vertrauen, gerade dann wenn man nichts sieht! Das ist schwer!

| Bibeltext |

Johannes 20, 1-10 Zwei Jünger

Auch dieser Bericht steckt, wie im Johannesevangelium typisch, voller Symbolik. Vor allem die Beziehung zwischen den beiden Jüngern, die zum Grab laufen ist interessant. Der eine ist Petrus, der andere wird nicht mit Namen genannt. Petrus war schon zu Lebzeiten Jesu so etwas wie der Anführer und Sprecher der zwölf Jünger. An verschiedenen Stellen in den Evangelien wird das deutlich. Aufgrund dieser Stellung wurde er auch in der Urchristenheit als maßgebliche Autorität anerkannt. Der andere Jünger scheint für die Adressaten des Evangeliums eine besondere Rolle zu spielen. Auf sein Zeugnis beruft sich das Evangelium, er wird aber nicht eindeutig identifiziert.

In dieser kurzen Begebenheit wird nun eine Verhältnisbestimmung zwischen den beiden Jüngern ausgedrückt. Beide laufen zu offenen Grab, aber der unbekannte Jünger ist schneller, er ist vor Petrus am Grab und schaut hinein. Aber er lässt Petrus den Vortritt. Er erkennt die Autorität des Petrus an. Besonders auffällig ist dann, das von dem unbekannten Jünger gesagt wird: er „sah und glaubte“ (V.8). Schon bevor er den Auferstandenen gesehen hatte, findet er den Glauben. Damit wird seine besonders enge Beziehung und sein starkes Vertrauen auf Jesus ausgedrückt. Im Johannesevangelium wird dieser Jünger zu einem besonderen Glaubensvorbild – ohne dass damit die Autorität des Petrus in Frage gestellt wird.

Interessant dass schon in dieser frühen Zeit die Frage nach Amt und Autorität aufkam. Die Stellung des Petrus war in der Urchristenheit eine besondere. Jesu hat ihn quasi offiziell an Leiter der Zwölf eingesetzt. Trotzdem gab es andere Nachfolger, die „schneller“ im Glauben waren. Das hat wohl schon früh zu Spannungen geführt. Aber das Johannesevangelium macht deutlich: Das muss kein Widerspruch sein. Wer einen großen Glauben hat, kann auch gelassen einer Amtsperson den Vortritt lassen.

| Bibeltext |