Richter 3 Allzu menschlich

Wenn man das so im Rückblick und als komprimierte Zusammenfassung liest, dann erscheint das Verhalten der Israeliten geradezu grotesk. In der Zeit der Richter wenden sie sich immer wieder neu von Gott ab und beten andere Götter an. Und immer wieder machen sie dieselbe Erfahrung: wenn sie dann in Not geraten und zu Gott schreien, dann sendet er ihnen eine Retter, der ihnen aus der Not hilft und das Land hat für einige Jahre Ruhe. Bis dasselbe Spiel von vorne beginnt.

Irgendwie traurig, aber auch menschlich. Mir geht es ja selbst auch immer wieder ähnlich: Wie oft schon hab ich Gottes Wirken erlebt und tolle Glaubenserfahrungen gemacht. Und dann kommen Zeiten, in denen nichts besonderes geschieht oder, noch viel eher, in denen man sich an Gottes Segen gewöhnt und alles als selbstverständlich hinnimmt. Zeiten in denen andere Dinge so groß und wichtig erscheinen. Aber unweigerlich kommt irgendwann wieder die Not und wir schreien zu Gott um Hilfe. Was für ein Wunder, dass dieser Gott sich nicht schon längst die Ohren zugestopft hat, sondern dass er immer wieder hört und hilft! Gott sei Dank reagiert Gott göttlich und nicht menschlich!

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Hesekiel 22 Und mich vergisst du!

Eine Aufzählung der Schuld und der Verfehlungen: quer durch alle Gebote (V.1-16) und quer durch alle gesellschaftliche Schichten (V.23-31). Ein kurzer Zwischenruf ist mir besonders aufgefallen: „…und mich vergisst du!, spricht Gott der Herr.“ (V.12) Was schwingt mit in diesem kurzen Satz? Enttäuschung, Verzweiflung, Zorn, Vorwurf…?

Wie kann das überhaupt passieren: Gott vergessen? Natürlich geht es nicht um ein vergessen im buchstäblichen Sinn, so wie man etwa eine Telefonnummer vergisst. Es geht um ein vergessen im praktischen Leben: nicht mehr an Gott denken, nicht mehr mit ihm rechnen, ihn nicht mehr ernst nehmen. Bis heute geschieht das. Das Gefährliche ist, dass es oft schleichend passiert, dass die Menschen selbst es gar nicht registrieren. Ganz langsam und unmerklich weicht die anfängliche Begeisterung einer Gewöhnung. Dann kommen Stress, Zeitmangel, Alltagssorgen dazu. Man distanziert sich äußerlich und innerlich von der Gemeinschaft. So viel andere Dinge sind wichtig, man muss auch mal an sich selbst denken, Gott hat uns doch auch die Freiheit zum Leben geschenkt und will dass wir unseren Spaß haben, man muss ja nicht alles so verbissen und ernst sehen… Man hält sich im Grundsatz immer noch für einen guten Christen… aber eigentlich hat man Gott schon vergessen – ohne dass man es gemerkt hat.

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Jeremia 13, 12-27 Die Droge des Bösen

In diesem Abschnitt taucht ein ähnlicher Gedanke auf, wie schon in Jer. 9,1-10: „Kann etwa ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Panther seine Flecken? So wenig könnt auch ihr Gutes tun, die ihr ans Böse gewöhnt seid.“ (V.23) Wer Böses tut, der gewöhnt sich irgendwann so sehr daran, dass er gar nicht mehr anders handeln kann. Der Unterschied zu einem „Mohren“ oder einem Panther ist der: Sie werden so geboren und haben gar keine Wahl – der Mensch dagegen kann sich für Gut oder Böse entscheiden. Wenn er sich jedoch ständig für das Böse entscheidet, ist er irgendwann so verstrickt ins Böse, dass er selbst wenn er es will, nicht mehr heraus kommt.

Das ist ähnlich wie bei einer Sucht. Am Anfang kann man sich noch für oder gegen eine bestimmte Droge entscheiden. Wenn man Drogen nimmt, dann kommt irgendwann der Punkt, wo man nicht mehr davon weg kommt. Selbst wenn man aufhören will, ist man doch ein Gefangener seiner Sucht. Das Böse ist wie eine Droge, von der man sich irgendwann nicht mehr alleine befreien kann.

Ich kenn mich nicht besonders aus beim Drogenentzug. Aber so viel ich weiß ist der erste wichtige Schritt um „clean“ zu werden, dass man seine eigene Lage erkennt, dass man erkennt dass man Hilfe braucht. Solange jemand meint, er komme schon irgendwie klar damit und er habe seinen Umgang mit Drogen selbst im Griff, solange hat er keine Chance frei zu werden. Vom Bösen frei werden wir nicht durch gute Vorsätze, sondern nur wenn wir erkennen, dass wir Hilfe brauchen…
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Jeremia 9, 1-10 Gewöhnung

Sie haben sich daran gewöhnt, dass einer den anderen betrügt.“ (V.4) Sünde betrifft uns alle. Auch diejenigen, die schon lange Christen sind. Wir fallen immer wieder – aber wir dürfen auch immer wieder aufstehen. Tragisch ist es jedoch, wenn man sich an die Sünde gewöhnt, wenn man sie gar nicht mehr realisiert, wenn man gar nicht mehr anders kann und vor allem: nicht mehr anders handeln will. Die Gute Nachricht übersetzt an dieser Stelle: „Sie sind Meister im Lügen und so ins Böse verstrickt, dass sie sich nicht mehr daraus lösen können.“

Tragisch ist es, wenn die Lüge normal wird, wenn ein Leben nicht mehr auf der Wahrheit (auch sich selbst gegenüber) basiert, sondern auf der Lüge und der Täuschung. Tragisch ist es, wenn sich ein Leben immer tiefer in der Lüge verstrickt und man irgendwann auch mit allergrößter Kraftanstrengung nicht mehr heraus kommt.

Ich möchte es gern anders herum versuchen: Ich will mich nicht an die Sünde, die Lüge und die Täuschung gewöhnen, sondern an die Wahrheit, das Leben und die Liebe. Ich möchte mich immer mehr an das Leben mit Gott gewöhnen, so dass es mir irgendwann gar nicht mehr auffällt und ganz von selbst geschieht…
Bibeltext