Josua 20 Rache macht blind

In diesem Kapitel geht es um die Bestimmung von Freistätten. In diese Städte konnte jemand fliehen, der ohne Vorsatz jemand getötet hatte. Bevor die damals für Mord übliche Todesstrafe übereilt vollzogen wurde, konnte so in Ruhe überprüft werden, ob es vorsätzlicher Mord war oder ein Unfall. So wie ich das verstehe, verhinderte dies vor allem die vorschnelle Blutrache der Angehörigen des Getöteten. Die hoch emotionale Spirale von Gewalt und Gegengewalt wurde unterbrochen, um nüchtern zu prüfen, welche Schuld tatsächlich vorliegt.

Ein wenig erinnert mich das an die besonnene Reaktion des norwegischen Ministerpräsidenten Stoltenberg auf die brutalen Anschläge und Tötungen des Attentäters Breivik. Natürlich ist der Zusammenhang ein anderer. Breiviks Schuld ist klar und offensichtlich. Aber auch Stoltenberg hat erkannt, dass blinde Rache keine Lösung ist. Beeindruckend, wie Stoltenberg Gewalt nicht mit Gegengewalt bekämpfen will, sondern mit mehr Demokratie und mehr Offenheit.

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Josua 11 Heiliger Krieg

Für unsere Ohren ist es immer wieder verstörend, wie eng im Josuabuch Krieg und die Ausrottung ganzer Städte (inklusive der Frauen und Kinder) mit dem Glauben an Gott verbunden werden. Aber nach damaligen Vorstellungen war das ganz normal und selbstverständlich. Nicht nur für Israel, sondern auch für andere Völker. Es gab keine Trennung der Welt in einen säkular-politischen und in einen religiösen Bereich. Beides gehörte damals untrennbar zusammen. Wenn ein Volk gegen ein anderes gekämpft hat, dann war das mehr als eine Auseinandersetzung zwischen Menschen. Es war eine Auseinandersetzung zwischen den Göttern dieser Völker oder Volksstämme. Im Krieg hat sich gezeigt, welcher Gott mächtiger ist.

Wir schauen ja heute als Christen etwas mitleidig und völlig verständnislos islamischen Fundamentalisten gegenüber, die meinen mit Bomben und Waffen für ihren Glauben kämpfen zu können. Aber auch Juden und Christen haben erst lernen müssen (und müssen es immer wieder neu lernen), dass der eigentliche und entscheidende Kampf nicht mit Waffengewalt zu gewinnen ist. Jesus Christus hat das ganz deutlich gezeigt: Er kämpfte nicht mit Schwertern gegen die römischen Unterdrücker, sondern er kämpfte am Kreuz gegen die Gottlosigkeit der Welt. Das Herz der Menschen kann nur von innen her gewonnen werden und nicht durch äußerliche Gewalt. Am Kreuz führt Gott selbst den entscheidenden und einzigen heiligen Krieg um das Herz von uns Menschen.

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J. M. Coetzee: Schande

Großartig geschrieben. Eine Geschichte, die alles andere als schön und leicht ist, die den Leser aber fesselt und mit hinein zieht in die Welt dieses Romans. Die Geschichte spielt in Südafrika, nach der offiziellen Aufhebung der Apartheid. Die tragische Hauptfigur des Romanes ist der Literaturprofessor David Lurie. Er ist zweimal geschieden und verliert nach einer Affäre mit einer Studentin seinen Job. Er taumelt danach ziellos durch sein Leben.

Lurie zieht für eine Zeit zu seiner Tochter aufs Land. Sie hat eine kleine Farm und eine Hundepension. Sie lebt dort aber ganz alleine. Lurie muss miterleben, wie das Haus von drei Schwarzen überfallen wird, er selbst wird verletzt und seine Tochter vergewaltigt. Trotz der schrecklichen Ereignisse will seine Tochter die Farm nicht verlassen. Sie will sich mit der Situation abfinden und die ungeschriebenen Regeln der schwarzen Nachbarschaft akzeptieren.

Die Hauptperson bleibt bis zum Schluss nicht besonders sympathisch. Er kann sich nicht in andere Personen hinein versetzen. Er ist stur und selbstzentriert. Das einzige, was sich bei ihm verändert, ist seine Einstellung zu Tieren. Er hilft auf dem Land in einem Tierheim. Für die Leiterin des Tierheimes ist es eine Hauptaufgabe, kranken und ungewollten Tieren ein leichtes Sterben zu ermöglichen. Lurie lernt so etwas wie Ehrfurcht vor dem Leben dieser Tiere und auch vor dem Sterben.

Beeindruckt an dem Buch hat mich der einfache und doch fesselnde Erzählstil. Man merkt, das der Autor mit Sprache umgehen kann. Bedrückend ist, wie mit der Aufhebung der Apartheid in Südafrika nicht einfach alles wieder in Ordnung ist. Es sind neue Probleme im Miteinander von Schwarz und Weiß die nun auftauchen. Es bleibt schwierig und kompliziert.

Ein weiterer Aspekt des Buches ist auch das Altern. Gibt es in einem Menschenleben einmal einen Zeitpunkt, ab dem man sich nicht mehr großartig verändern kann? Ist irgendwann einmal der Charakter festgelegt und man kann nicht mehr anders werden, selbst wenn man es will? So sieht es zumindest die Hauptperson Lurie. Er sagt immer wieder, dass er sich in seinem Alter (52 Jahre) nicht mehr verändern kann. Er kann kein anderer Mensch mehr werden und muss mit sich selbst zurecht kommen, so wie er ist. Stimmt das, oder kann man sich auch noch im Alter verändern?

Bonhoeffer: Nachfolge (11) – Die Wahrhaftigkeit – Die Vergeltung

In dem Kapitel zur Wahrhaftigkeit geht um das Schwören eines Eides. Ein Eid ist „die öffentliche Anrufung Gottes als Zeugen für eine Aussage.“ (S.130) Die Grundabsicht der Anweisung Jesu für seine Nachfolger ist klar: „Jedes seiner Worte soll nichts als Wahrheit sein, so dass keines der Bestätigung durch den Schwur bedürfe.“ (S.131) Es geht um ein Leben in der Wahrhaftigkeit – ganz unabhängig von Schwurformeln.

Nachdem Bonhoeffer bis jetzt vor allem in geradezu provozierender Weise den einfältigen Gehorsam betont hat, taucht hier zum ersten mal so etwas wie eine Differenzierung je nach Einzelfall auf: „Wo gerade um der Wahrhaftigkeit willen der Eid zu leisten ist, ist nicht generell zu entscheiden, sondern wird vom Einzelnen entschieden werden müssen.“ (S.132) Es geht hier um die Frage, wie sich der Christ konkret verhalten soll, wenn er von anderen zu einem Eid aufgefordert wird. Hier will Bonhoeffer keine rein wörtliche Befolgung des Gebotes, sondern ein an der Wahrhaftigkeit orientiertes Entscheiden für den Einzelfall.

Wobei er sich dann gleich mit dem Treueid auseinandersetzt, den zur Zeit des dritten Reiches Geistliche und Beamten gegenüber Hitler leisten mussten. Hier bezieht er klar Stellung: „Es gibt für den Christen keine absolut irdische Bindung.“ (S.132) Solch einen Treueid kann ein Christ nur unter dem Vorbehalt des Willen Gottes leisten, wird dieser Vorbehalt nicht anerkannt, „so kann der Eid nicht geleistet werden.“ (S.133)

Mir ist etwas schleierhaft warum Bonhoeffer ausgerechnet an dieser Stelle recht vorsichtig formuliert und davon spricht, dass man beim Eid keine generelle Entscheidung treffen kann. Bis dahin hat er ja keineswegs mit vorsichtiger und überdifferenzierter Auslegung geglänzt. Die Differenzierung in der reformatorischen Theologie zu diesem Thema kann nicht der Grund sein, denn an anderen Stelle bezieht Bonhoeffer auch ganz klar Stellung gegen manche Aussagen aus reformatorischer Tradition. Denkt er an den konkreten Fall, wenn man vor Gericht einen Eid schwören muss? Ist es in dem Fall erlaubt, weil man damit der Wahrhaftigkeit dient?

Im nächsten Kapitel von der Vergeltung wird es dann schon wieder fast unerträglich radikal. Das Böse kann nur überwunden werden, indem man ihm keinen, aber auch nicht den geringsten Widerstand entgegensetzt. Bonhoeffer versteigt sich zu Aussagen wie: „Vergewaltigung wird darin gerichtet, dass ihr keine Gewalt entgegentritt.“ (S.136) Das heißt für ihn nicht, dass das Böse nicht als Böse benannt werden darf – das schon – aber überwunden wird es nur im erleiden und erdulden.

Die reformatorische Unterscheidung zwischen dem, was einem persönlich geschieht und dem, was mir in meiner von Gott übertragenen Verantwortung für andere geschieht, wischt Bonhoeffer beiseite: Jesus kannte solch eine Unterscheidung nicht (S.137)

Nun gibt Bonhoeffer selbst zu, dass diese Sätze nicht als „ein allgemeines ethisches Programm“ (S.138) verstanden werden könnten. Aber wie dann? Immer wieder stoße ich bei Bonhoeffers Nachfolge an diesen Punkt: Seine Aussagen sind keine dogmatischen Aussagen, ich kann daraus kein theologisch schlüssiges Lehrgebäude machen, ich kann daraus keine praktisch lebbare Ethik entwickeln. Auch für die Seelsorge sind sie in ihrer Radikalität nur bedingt zu gebrauchen. Für Dogmatik, Ethik und Seelsorge sind seine Sätze ganz einfach zu steil.

Ich denke es geht Bonhoeffer darum, ganz grundlegende existentielle Aussagen zu machen. Er will den Anspruch Jesu, den Anspruch an die Nachfolger, auf die existentielle Spitze treiben. Mit dieser Zuspitzung kann ich keine Dogmatik betreiben, damit kann ich nur in herunter gebrochener Form Seelsorge betreiben. Er sagt es selbst: „Hier redet ja nicht ein Programmatiker, sondern hier redet“ (S.139) Jesus Christus, der am Kreuz durch die Niederlage hindurch, durch das Erleiden hindurch das Böse überwunden hat. „Im Kreuz allein ist es wahr und wirklich, dass die Vergeltung und Überwindung des Bösen die leidende Liebe ist.“ (S.139)

Aber was ist, wenn ich diese grundlegenden existentiellen Aussagen auf konkrete ethische Entscheidungen im Alltag herunter brechen muss? Dann ist nicht mehr alles so einfach und eindeutig, wie es sich bei Bonhoeffer anhört. Wie ist es z.B. mit dem Polizisten, der Verantwortung für andere übernommen hat und nun wählen muss: Tue ich dem Gewalttäter Gewalt an, um die Schwachen zu schützen oder leide ich mit dem Schwachen, um das Böse durch leidende Liebe zu überwinden? Wie ist das z.B. mit der Mutter, die mitansehen muss, dass ihr Kind in der Schule gemobbt wird? Sagt sie ihrem Sohn, dass er sich wehren soll, schickt sie ihm auf eine andere Schule oder sagt sie ihm, dass er das Böse nur durch Leiden wirklich besiegen kann? Hier finde ich die reformatorische Unterscheidung zwischen dem, was einem persönlich geschieht und dem, was mir in meiner von Gott übertragenen Verantwortung für andere geschieht durchaus hilfreich.

Julien Green: Leviathan

Warum heißt dieser Roman Leviatan? Gute Frage! Der Leviathan kommt ursprünglich aus der Bibel und ist dort ein Ungeheuer des Meeres. Für den Hebräer war schon das Meer an sich eine bedrohliche und unheimliche Macht, sehr viel mehr dann dieses schattenhafte Ungeheuer aus der Tiefe. In der jüdisch-christlichen Tradition wird der Leviathan manchmal mit dem Teufel selbst in Verbindung gebracht, kann aber auch einfach für Chaos und Unordnung stehen.

In dem Roman von Julien Green geht es um wilde, chaotische und letztendlich unbeherrschbare Triebe und Gefühle, die Menschen unter der Oberfläche bestimmen und antreiben. Alle Hauptpersonen, die in dem Buch vorkommen werden nicht von Vernunft oder einer höheren ethischen Gesinnung gelenkt, sondern sind bestimmt von Gefühlen, die wie ein Seeungeheuer unter der Wasseroberfläche lauern und die bei einem Sturm auf dramatische Weise zum Vorschein kommen.

Zur Handlung: Es geht um einen Hauslehrer, der von seinem Leben und seiner Ehe enttäuscht ist. Er verliebt sich in ein wunderschönes achtzehn-jähriges Mädchen. Als er jedoch erfährt, dass sie schon mir mehreren Männern ein Verhältnis gehabt hat, brennen bei ihm die Sicherungen durch. In seinen Strudel aus triebgesteuerter Gewalt und blinder Liebe zieht er noch andere Personen mit in den Abgrund.

Vom Stil her merkt man dem Buch natürlich seine Entstehungszeit an – es wurde 1929 erstveröffentlicht. Den heutigen Lesegewohnheiten entspricht diese Sprache und auch die Dramaturgie nicht mehr. Aber ich mag diese Sprache, den linearen Verlauf der Geschichte und den genauen Realismus, den man bei Green findet. Er beobachtet und beschreibt die Gefühle seiner Figuren sehr genau und steuert die Geschichte zielbewusst auf das Ende hin.
Als Leser muss man sich nach der Lektüre fragen: Stimmt dieses Menschenbild? Sind wir wirklich so? Steckt unter der dünnen Oberfläche der Zivilisation in jedem von uns ein Monster? Was ist der Leviathan in mir? Wie sehr bestimmen mich Triebe und Gefühle unter der Oberfläche?

Zitate:

„Sie sank … in die tödliche Langeweile zurück, die die Verdammnis der Reichen ist.“ (S. 218)

„… nichts quält, nichts versklavt so sehr wie die Hoffnung auf irdisches Glück.“ (S. 231)

Psalm 101 – Seltsam, seltsam

Nachdem ich den Psalm gestern einfach nur richtig schön fand, trifft mich heute ein Psalm, den ich eher seltsam finde. Die Stuttgarter Erklärungsbibel vermutet, dass dieser Psalm ein Gelöbnis des Königs bei seiner Krönung gewesen sein könnte. Der Beter hebt seine eigene Vorbildlichkeit hervor und verspricht, allen Bösen eins auf den Deckel zu geben (wörtlich: „alle Übeltäter ausrotten“, V.8 – wie auch immer man sich das vorzustellen hat).

Ist irgendwie nicht so meine Welt – aber ich bin ja auch kein König… Und ich find auch etwas seltsam, dass der Beter sich selbst so gut darstellt und dann aber betont, wie sehr ihn die Leute nerven, die stolz und hochmütig sind (V.5b). Warum steht dieser Psalm in der Bibel? Zum Nachbeten ist er ja irgendwie nicht so richtig geeignet – außer wenn man zufällig König ist…

Vielleicht soll der Psalm uns ja deutlich machen, dass es wichtig ist, dass nicht nur Gott für Recht und Ordnung sorgt, sondern dass auch wir uns für Gottes Maßstäbe einsetzen sollen. Auch wenn wir keine Könige und Regenten sind, so können wir doch versuchen, ein „vorbildliches Leben zu führen“ (V.2, Hoffnung für alle) und nicht einfach nur weg schauen, wenn andere Mist bauen und die Bosheit Feste feiert. Das kann dann ganz schön heftig, gewagt und gefährlich sein – mir fällt dazu der Typ ein, der gegen die Bosheit einiger U-Bahn-Prügler Stellung bezogen hat und am Ende selbst zu Tode geprügelt wurde. Er hat sich auch gesagt: „Den Bösen kann ich nicht leiden“ (V.4b) und hat das dann auch gezeigt.
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Psalm 75 – Gerichtsdrohungen

Ob das damals funktioniert hat? Der Beter richtet sich an „Gottlose“ und fordert sie auf: „Pocht nicht auch Gewalt!“ (V.5) Er versucht sie mit dem Argument zu überzeugen, dass Gott Richter ist (V.8) und dass er, wenn die Zeit gekommen ist (V.3) einmal alle richten wird – die einen werden bestraft und die anderen belohnt. Ob die Gewalttäter von damals das beeindruckt hat und sie ihr Leben geändert haben?

Wenn man das heute irgendwelchen Brutalo-Schläger oder hinterhältigen Abzockern sagen würde, dann hätte man auf jeden Fall keinen großen Erfolg. Den Leuten mit dem Gericht Gottes zu drohen, zieht heute einfach nicht mehr. Während man den Menschen z.B. im Mittelalter damit richtig Angst machen konnte, juckt dieser Gedanke heute kaum noch jemand.

Für mich ist der Gedanke vom Gericht Gottes auch weniger etwas, mit dem wir Angst und Schrecken verbreiten sollten, sondern es ist eher die Gewissheit, dass Gott einmal Gerechtigkeit herstellen wird. Was das genau heißt und wie das geschieht, das kann ich getrost ihm überlassen. Ich denke auch für den Beter damals war der Gedanke ans Gericht nicht angst machend, sondern hoffnungsvoll: Die Bosheit mancher Menschen wird nicht das letzte Wort sein. Gott wird den Unterdrückten und Leidenden einmal zum Recht verhelfen.
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Psalm 58 – Wie gehen wir mit Racheaussagen um?

Kein einfacher Psalm! Das fängt schon mit der Übersetzung an. Das zweite Wort in V.2 bedeutet nach dem hebräischen Text eigentlich „verstummen“. Wenn man das sprachlich ein bisschen hin biegt, müsste man eigentlich übersetzen: „Sprecht ihr wirklich Verstummen des Rechts?“ Hört sich irgendwie komisch an, kann man aber durchaus so verstehen (Schlachter übersetzt z.B.: „Seid ihr den wirklich stumm, wo ihr Recht sprechen … sollt?“).

Die meisten anderen Ausleger und Übersetzungen entscheiden sich für eine andere Möglichkeit: Ursprünglich wurde der hebräische Bibeltext ohne Vokale geschrieben, die wurden erst viele Jahrhunderte später zur besseren Lesbarkeit von jüdischen Gelehrten hinzugefügt. Mit einer anderen Vokalisierung steht hier nicht „Verstummen“, sondern Götter. Ähnlich wie in Ps. 82,1 könnte man dabei an himmlische Mächte denken, die Gott untergeordnet sind und die Recht auf Erden sprechen sollen (die Elberfelder lässt ganz wörtlich „Götter“ stehen). Man kann aber auch an irdische Machthaber denken, die als Götter angesprochen werden. Die meisten deutschen Übersetzungen übersetzen deswegen mit „Mächtige“ (Einheitsübersetzung, Gute Nachricht, Hoffnung für alle, Neues Leben). Bei dieser Übersetzung bleibt es dann theoretisch offen, ob man an irdische Mächtige denkt oder an himmlische Mächtige (wobei man beim ganz normalen Lesen des Textes wohl nicht so schnell auf die Idee kommt hier an irgendwelche Himmelsmächt zu denken).

Klar ist auf jeden Fall, dass es spätestens ab V.4 um irdische Menschen geht: Hier wird davon gesprochen, dass die Gottlosen vom „Mutterschoß“ an abtrünnig sind. Seltsame Vorstellung, dass die Gottlosen schon als neugeborenes Baby böse sein sollen und Feinde Gottes!? Ist das eine rhetorische Übertreibung der Bosheit der Feinde Gottes, oder ist das wirklich wörtlich so gemeint?

Auch der restliche Psalm bleibt mir ziemlich fremd, v.a. V.11: „Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Vergeltung sieht, und wird seine Füße baden in des Gotteslosen Blut.“ Freudig durch das Blut der Gottlosen stapfen?!? Heftig!

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten mit solchen Psalmen und ihren blutrünstigen Wünschen nach dem Ende der Gottlosen umzugehen. wir können dem Ganzen einfach Jesus Christus entgegensetzen und sagen: „Liebet eure Feinde!“ Selbst für diejenigen, die Gottes Sohn ans Kreuz bringen, bittet Jesus: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ Wir können argumentieren: Auf dem Hintergrund des Neuen Testaments können wir solche Psalmen nicht mehr beten. Jesus Christus hat uns hier einen anderen Umgang mit Feinden aufgezeigt. Rein praktisch geschieht das auch so in den meisten Kirchen: Solche Psalmen tauchen nicht in den Gesangbüchern auf und werden auch freien Gemeinden nicht im Gottesdienst gelesen oder gebetet.

Wir können solche Aussagen auch als rhetorische Übertreibungen sehen, die halt damals in diesem Kulturkreis so üblich waren, die aber eigentlich nicht so hart gemeint waren und in unsere heutige Zeit nicht mehr hinein passen. So können wir die Aussagen einerseits stehen lassen, vermeiden aber andererseits ihren Gebrauch in unserer heutigen Zeit.

Man könnte solche Psalmen auch als ein psychologisch gutes und notwendiges Mittel sehen, um mit Aggressionen und der eigenen Ohnmacht umzugehen. Anstatt sich selbst zu rächen und den Feinden Gewalt anzutun, wird Gott gebeten Gerechtigkeit herzustellen und die Rache auszuüben (vgl. dazu Ps.11).

Eine weitere Möglichkeit ist, dass wir versuchen, tiefer gehende Intentionen und Absichten in solchen Psalmen zu entdecken. Prof. Dr. Schwendemann sagt zu diesem Psalm z.B.: „Eigentlich ist das Ziel der metaphorischen Redeweise in Psalm 58 die Umkehr des Frevlers, indem seine mögliche Vernichtung vor Augen gemalt wird.“ Und: „Der Psalm 58 lässt sich durchaus als Schrei eines Menschen nach Gerechtigkeit sehen, der gerecht leben will und deshalb in einer ungerechten Welt an Leib und Seele verletzt wird. Es geht also gerade nicht um verzweifelte Omnipotenzgefühle eines Zukurzgekommenen, sondern vor allem um die Wiederherstellung von Gerechtigkeit.“

Ich finde keine dieser Möglichkeiten so richtig befriedigend. Da sind sicher manch gute Gedanken dabei, aber bei mir bleibt bei solchen „Racheaussagen“ in den Psalmen ein ungutes Gefühl. Vor allem deswegen, weil in diesem Psalm nicht unterschieden wird, zwischen dem Bösen an sich und der Person, die böses tut. Über die die Vernichtung des Bösen kann ich mich freuen und darüber jubeln. Aber über die Vernichtung von bösen Personen kann ich mich nicht uneingeschränkt freuen.
Bibeltext

Psalm 52 – Worte als Waffe

Für manches Mundwerk bräuchte man einen Waffenschein! In Psalm 52 geht es um einen Tyrannen und Gewalttäter. Interessant ist, wie er diese Gewalt ausübt: Er tyrannisiert nicht mit offensichtlicher, körperlicher Gewalt, sondern durch Worte: „Deine Zunge trachtet nach Schaden wie ein scharfes Schermesser… Du redest gerne alles, was zum Verderben dient, mit falscher Zunge.“ (V.4-6)

Als aufgeklärte Westeuropäer sind wir zurecht entsetzt, wenn wir mal wieder in der Zeitung von körperlicher Gewalt lesen, wenn wir mal wieder hören, wie manche Chaoten sinnlos und gehirnlos andere Leute zusammen prügeln. Und wir schütteln angewidert den Kopf. Wir fordern zurecht Waffenverbote – aber wie sieht es mit einer der schärfsten und vernichtendsten Waffe der Welt aus? Der Zunge?

Damit können wir – auch wir Christen, in unseren ach so freundlichen und netten Gemeinden – so manche Wunde in eine Seele schlagen, die nicht so schnell verheilen, wie eine körperliche Wunde. So manche Seelennarbe schlagen wir mit unseren Worten und sind es uns manchmal gar nicht mal bewusst. Wie schnell rutscht ein unbedachtes Wort über die Lippen und wir können es dann nicht mehr zurück nehmen.

Aber wenn Worte töten und verletzen können, dann können sie auch das Gegenteil: Leben schenken und heilen. „Herr, hilf mir für meine Nächsten solche Worte des Lebens zu finden.“
Bibeltext